Tulpen, Eisenbahnen, Social Media: Wenn der Wahn um sich greift


New York, 30. Januar 2012

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Außer Rand und Band sind Menschen immer, wenn es um neue Technologien geht. Dieses Phänomen ist seit Jahrhunderten zu beobachten. Das Publikum kann sich eben für alles „Neue“ begeistern. In dieser Situation setzt der Verstand aus.
Als sich die Eisbahnlinien in den 1840er Jahren in Großbritannien ausbreiteten, entstand eine solche wahnwitzige Begeisterung. Weil der Kapitalbedarf für Dampfmaschinen, Eisen, Schienen, Brücken und die Tunnel so groß war, wurden einfach reihenweise Aktiengesellschaften gegründet, um den Rausch finanzieren zu können. Für die Aktien wurden absurde Preise bezahlt. In Rekordzeit kamen ständig neue Aktiengesellschaften auf den Markt. Dieser britische Eisenbahn-Irrsinn wird unter dem Stichwort „Railway Mania“ zusammengefasst.
Viele Familien steckten all ihre Ersparnisse in Eisenbahn-Aktien und verloren nach dem Platzen der Blase ein paar Jahre später alles. Hier können Sie eine Liste mit den neu gegründeten Firmen in England abrufen. Ähnlich absurd verlief die Tulpen-Manie in Holland 200 Jahre früher.
Auch als das Internet massentauglich wurde, waren solche euphorischen Reaktionen der Meute zu verzeichnen. Es war im Jahr 1990, als Tim Berners-Lee den Hypertext (http) für das Internet vorstellte. Er nannte seine Idee das „world wide web“. Wenig später entstand aus seiner durchaus bahnbrechenden Idee ein Blütenzauber: Firmen wie Yahoo, AOL, Brokat, Web.de oder letsbuyit.com gingen an die Börse. Manch eine Bude war über eine Milliarde Mark im Handumdrehen wert, obwohl die Senkrechtstarter nur ein paar Jahre zuvor gegründet worden waren und noch nie einen Cent verdient hatten. Das Geschäftsmodell funktionierte in den wenigsten Fällen. Es musste in die Technologie und das Wachstum zu viel Geld investiert werden. Der Konkurrenzdruck war enorm. Die meisten Highflyer stürzten schnell ab, verschwanden von der Bildfläche.
Ich kann mich noch gut an die Jahre 1998 und 1999 erinnern. Bekannte eröffneten bei zig Banken Depots, um bessere Zuteilungschancen für die IPO-Kandidaten zu haben. War man Kunde bei einer Bank, die einen Novizen an die Börse brachte (Konsortium), waren die Chancen größer ein paar junge Aktien zum Ausgabepreis ins Depot gebucht zu bekommen. Angesichts des Ansturms auf all die Börsenaspiranten machte manch ein Glückspilz, der eine Zuteilung erhielt, 50 oder 100 Prozent am Tag der Erstnotiz. Um möglichst viele Stücke zu erhalten, machten meine Bekannten “Mondzeichnungen“. Sprich, sie orderten zig Mal mehr Anteilsscheine, als sie eigentlich haben wollten.
Diese Internet-Euphorie scheint sich jetzt zu wiederholen mit den Social-Media-Diensten. Facebook will am kommenden Mittwoch die Unterlagen für den Börsengang bei der SEC einreichen. Dann dürfte es recht zügig gehen mit dem Gang an die Wall Street. Ich rechne mit einer mehrfachen Überzeichnung der Emission.
Millionen von Menschen sind entzückt, gespannt auf die Aktie. Nur die wenigsten fragen sich: Wie nachhaltig ist eigentlich das Unternehmenskonzept? Gerade wenn es um Trends dreht, kann der Wind schnell drehen. Denken Sie nur an Nokia oder Research In Motion (Blackberry-Hersteller). Auf einmal waren die beiden Weltmarktführer für Handys beziehungsweise Smartphones nicht mehr gefragt. Apple hat ihnen die Butter vom Brot genommen. Daher ist grundsätzlich vor allem „Neuen“ Vorsicht angebracht.
800 Millionen Nutzer sind bei Facebook registriert. Jede Sekunde kommen neue hinzu. 250 Millionen Fotos werden täglich hochgeladen – aber was ist all das wert? Facebook-Gründer Mark Zuckerberg strebt eine Bewertung zwischen 75 und 100 Milliarden Dollar an. Vergleichen Sie: Bank of America ist 76 Milliarden Dollar wert, McDonalds 100 Milliarden. Sprich beide Giganten erreichen an der Börse ähnliche Größenordnungen.
Der Unterschied ist jedoch, dass diese Traditionshäuser Millionen ZAHLENDER Kunden an Bord haben. McDonalds ist 71 Jahre, Bank of America 137 Jahre alt. Facebook ist dagegen eine Neugründung, keiner der Nutzer zahlt eine Mitgliedsgebühr. Das Geschäftsmodell der Website (ohne Filialen) basiert lediglich auf Werbeeinnahmen. Wie nachhaltig die Einnahmemöglichkeiten bei Facebook sind, wird sich erst noch zeigen.
Um AOL, Myspace und Yahoo war zur Jahrtausendwende auch eine Anfangseuphorie entbrannt, die schnell verflog. Vielleicht funktioniert ja das Geschäftsmodell bei Facebook langfristig. Genaues weiß man nicht. Es handelt sich um eine Spekulation. Value-Anleger scheuen in der Regel solch ungewisse Situationen. Sie machen um alles Neue einen Bogen, weil es schwierig ist die Zahlungsströme zu prognostizieren. Auch ist der Kundenstamm nicht ausreichend herangereift, das Produkt nicht erprobt genug. Darüber hinaus gibt es Fragezeichen rund um den Datenschutz, zu Landesgesetzen, zur Privatsphäre etc. Kurz: Es existieren zu viele Unsicherheiten.
Zugegeben, bei Google waren auch etliche Experten skeptisch, als die Suchmaschine im Jahr 2004 das Börsenparkett betrat. Der Ausgabepreis betrug damals 84 Dollar. Heute notiert Google bei 580 Dollar. Sie hätten also kernig verdienen können. Aber wer weiß das schon im Vorfeld?
Wenn viele Marktteilnehmer aus einem Segment an die Börse drängen, ist das normalerweise ein Indikator dafür, dass der Markt in jener Nische heiß gelaufen ist. Nun dreht sich alles um die Social-Media-Firmen. Über den Zusammenhang zwischen der Anzahl der IPOs und der Börsenstimmung gibt es viele wissenschaftliche Arbeiten. Der ehemalige Yale-Finanzprofessor und Hedgefonds-Manager Owen A. Lamont hatte beispielsweise dazu 2002 eine interessante These aufgestellt. Als sich die Internetblase 1999/2000 auf ihr Hoch zubewegte, befand sich auch die Zahl der Börsengänge auf Rekordniveau.
Meiner Meinung nach ist beim Facebook-IPO jede Menge Euphorie im Spiel. Es spricht viel dafür, dass es zu einer vielfachen Überzeichnung kommt. Daher kann die Aktie in den ersten Tagen nach der Erstnotiz durchaus verrückt spielen, weil Millionen von Anlegern das Papier unbedingt kaufen möchten. Ich persönlich ziehe grundsätzlich langweilige Hausmannskost vor. Ganz nach dem Motto: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.
Übrigens hatte ich bereits über Facebook in meinem Blog geschrieben. Sorry, mich lässt dieser Börsengang einfach nicht los.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Tulpen, Eisenbahnen, Social Media: Wenn der Wahn um sich greift

  1. Michael C. Kissig

    Ich teile Ihre Skepsis, was den Facebook-Börsengang angeht, Herr Schäfer. Die bisher genannten Marktkapitalisierungen von 75 oder gar 100 Mio. USD lassen schnell die Frage aufkommen, wohin denn die Kurse bei dieser Bewertung eigentlich steigen sollen, damit man an Kursgewinnen auch noch Geld verdient.

    Die historischen Vergleiche hingegen ziehen meines Erachtens nicht, denn Facebook verdient bereits ordentlich Geld und zwar in Milliardenhöhe. So war es jedenfalls der informierten Presse zu entnehmen. Und AOL war eine tolle Story beim Börsengang, man hatte viele Kunden und dem entsprechend Erträge – aber man hat den Trend verschlafen und die Konkurrenz hat AOL mit kundenfreundlicheren Geschäftsmodellen deklassiert. Das kann auch „Old-Economy-Unternehmen“ passieren, wie man bei Schlecker sieht oder bei Petroplus.

    Bei Facebook wird es sehr darauf ankommen, zu welchem Kurs es an den Markt kommt und wie dieser im Verhältnis steht zum bisherigen Gewinn. Ich gehe stark davon aus, dass sich bei FB noch erhebliche Potenziale bzgl. der Ertragserzielung heben lassen und dies kann bei einer rasant wachsenden Firma eben auch eine ambitioniertere Bewertung zulassen. Andererseits glaube ich nicht, dass Zuckerberg & Co. auf mögliche eigene Gewinne beim IPO verzichten werden, so dass der Kurs meilenweit überambitioniert sein dürfte für jeden Fundamentalinvestor.

    Ein riesiger Erfolg wird der Börsengang denoch werden, denn er zieht die Interessen der Medien auf sich, im Markt ist viel billige Liquidität (dank der niedrigen Zinsen) und schon zu lange hat der Markt darauf gewartet, endlich an diesem Phänomen Facebook mitverdienen zu können. Das wird für rasante Kurssprünge sorgen und für viel heiße Luft im Kurs. Wie lange das gut geht, bleibt abzuwarten. Für Value-Investoren drängt sich absehbar kein Engagement auf – vielleicht später einmal, wenn Geschäftsmodell, Umsätze und Erträge eine gewisse Historie aufweisen und man hieraus seriöse Bewertungen ableiten kann. Denn auch Googles aufgeblähtes IPO wurde ja später zu einer absoluten Erfolgsgeschichte und man konnte Google auch schon mal zu halbwegs angemessenen Kursen einkaufen – jedenfalls dann, wenn man die Wachstumsraten bei der Bewertung mit einbezogen hat. Auf jeden Fall ist Facebokk interessanter als Groupon, denn FB verdient gutes Geld, während Groupon deutlich an die heißen Versprechungen während der Tech-Blase erinnert, als Umsatzwachstum noch der heilige Gral zu sein schien. Auch damals gab es viel billiges Geld, das nach Anlagemöglichkeiten – und Storys – suchte. Und auch echte Internetperlen, wie Ebay und Amazon, waren damals utopisch hoch bewertet und die Kurse schmierten entsprechend ab.

    Für mich gilt: man muss nicht jeden Bullen reiten. Und so werde ich mir das Spektakel wohl von der Seitenlinie aus ansehen. Es sei denn, die Bewertung und damit der Emissionskurs zum IPO würden mich sehr positiv überraschen.

  2. tim schaefertim schaefer

    @ Michael C. Kissig, danke für die fundierten Ausführungen. Das ist exzellent!

    Wie Sie ja schon sagen, möchte ein Value-Anleger eine gute Historie mitsamt absehbarer Zukunft haben. Aber wie soll ich denn heute das Geschäft von Facebook in 5 Jahren einschätzen können? Ziemlich schwierig. Erstens wandelt sich das Geschäft extrem schnell. Zweitens ist das Internet wettbewerbsintensiv wie kaum ein anderer Sektor. Und drittens stoßen die in einigen Ländern schon an Wachstumsgrenzen.

    Endlos geht das rasante Wachstum ohnehin nicht weiter. Es wird sich abflachen. Auch die Margen werden sinken, weil immer mehr Konkurrenten in das Segment vordringen. Ich bin etwas skeptisch. Aber warten wir es ab….

    Beste Grüße

  3. Michael C. Kissig

    Moin Herr Schäfer,

    natürlich kann eine junge Firma wie Facebook keine langjährige Unternehmsngeschichte aufweisen. Der von Ihnen angesprochene Mangel, dass man das Geschäftsmodell von Fecabook vielleicht heute noch vertshen, aber keinesfalls für die nöchsten Jahre einschätzen könne, liegt klar auf der Hand. Andererseits ist gerade diese Innovationskraft und die Fähigkeit, sich umgehend auf Konkurrenzangebote einstellen zu können und diese damit gleich vom Start weg wieder obsolet zu machen, die wohl größte Stärke von Facebook. Ich meine, wenn man Facebook-Aktien kaufen sollte, dann genau aus diesem Grund heraus, der Flexibilität und hohen Anpassungsfähigkeit wegen. Denn ansonsten würde Facebook schnell zu einem schlafenden Riesen, dessen Marktanteile sich andere, junge, innovativere und agressivere Konkurrenten sukzessive einverleiben würden. Und dann wird mächtig viel und mächtig schnell heiße Luft aus dem Börsenkurs gelassen, während das Unternehmen mit seiner Bewertung vom „innovativen Wachstumswert“ zum „seriösen Langweiler“ angepasst würde.

    Das IPO von Facebook wird sicherlich interessant, vielleicht sogar ein tolles geschäft (für die Altaktionäre auf jeden Fall!), aber unter Value-Gesichtspunkten dürfte hier keine Kennzahl passen…

  4. tim schaefertim schaefer

    Hallo Herr Kissig,

    im Kern sind wir uns einig.

    Irgendwann kommen alle „Wachstumsfirmen“ auf einem normalen Niveau an. Auch bei facebook schwächst sich ja jetzt schon das Umsatzwachstum ab. Warum? 1. Die Konkurrenz schläft nicht. 2. Irgendwann ist der Markt auch abgegrast.

    Extrem hohe Margen sind nicht endlos erzielbar, weil das die Konkurrenten ebenfalls wie verrückt anlockt. Amazon verdient ja auch keine glorreiche Margen. Die sind so wie beim normalen Einzelhandel am Eck.
    Beste Grüße

  5. tim schaefertim schaefer

    Hier habe ich noch was gefunden: Eine gute Zusammenfassung zu Warren Buffetts Strategie:

    Er kauft nur ein Geschäft, das er versteht, das eine gute Langfrist-Perspektive hat, einen niedrigen Preis und das seit Ewigkeiten besteht.

    Es sind nur große, traditionsreiche Firmen in seinem Portfolio: Etwa American Express, Wells Fargo, Procter & Gamble und Coca-Cola.

    Alle vier wurden 1850, 1852, 1837 bzw. 1886 gegründet. Start-ups sind nicht sein Ding. Spekulation ist nicht sein Ding.

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