Trotz Finanzkrise knallen die Champagnerkorken


New York, 19. November 2008

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Auf meinem Foto sehen Sie den Schauspieler Sean Penn. Ich traf den Prominenten gestern auf einer Party. Aber dazu mehr am unteren Ende des Blogs. Zunächst einmal zur Krise: Derzeit betteln die Vorstände der drei großen Autohersteller in Washington um Milliarden von Dollar. Sie wollen Steuergelder der Amerikaner, um vor der Pleite bewahrt zu werden. Dieses Land steckt in der Krise. Nicht nur Chrysler, General Motors und Ford stehen am Abgrund, die gesamte Finanzbranche hat Feuer unterm Dach.

Der Dow Jones hat binnen Jahresfrist mehr als 40 Prozent seines Wertes eingebüßt. Der Immobilienmarkt liegt am Boden, die Arbeitslosigkeit grassiert, immer mehr Menschen melden Privatinsolvenz an. Den Vogel schoss diese Woche Citigroup ab. Die Megabank feuert 52.000 Beschäftigte. 23.000 Stellen wurden bereits in diesem Jahr eliminiert. In der US-Geschichte ist das ein trauriger Rekord. Nur IBM richtete ein größeres Blutbad an, als der IT-Riese 1993 rund 60.000 Beschäftigte vor die Tür setzte. Die Citigroup-Aktie verlor allein dieses Jahr 60 Prozent an Wert. Ein Desaster. Der Kurs rutschte unter die Acht-Dollar-Marke auf ein 13-Jahres-Tief. Der Abwärtstrend verstärkte sich noch. Zum Handelsschluss stand das Papier über 20 Prozent im Minus. Silvester stand der Kurs noch bei über 56 Dollar. Wenn Sie mich fragen, sollte die gesamte Führungsmannschaft zurücktreten. Im vierten Quartal 2007 türmte sich der Verlust auf zehn Milliarden, im ersten Quartal 2008 gingen 5,1 Milliarden Dollar über die Wupper. Im zweiten und dritten Quartal folgten Verluste von 2,2 beziehungsweise 2,8 Milliarden. Ein Ende der Schreckensmeldungen ist nicht in Sicht.
Citigroup hatte noch im Jahr 2005 27.000 Menschen in New York City an Bord. Hervorgegangen ist die Megabank 1998 aus der Fusion zwischen dem Versicherer Travelers Group und der Citicorp. Die Fusion hatte Sandy Weill eingefädelt. Weill hatte den weltweit größten Geldriesen geformt. Von Kreditkarten über Girokonten bis hin zu Hedgefonds und Immobilien – das alles gab es aus einer Hand. Das Imperium umfasste 200 Millionen Kunden in 100 Ländern. Ein renommiertes Wall-Street-Haus nach dem nächsten schluckte Weill. Er griff nach Smith Barney, Drexel Burnham Lambert, Hayden, Stone, Loeb und anderen. Gegründet wurde das Unternehmen 1812 als City Bank of New York. Es war die erste amerikanische Bank, die über dem Atlantik Niederlassungen eröffnete. 1990 firmierte der Konzern in Citibank um, dann in Citicorp. Der Hauptsitz befindet an der 53. Straße, Ecke Third Avenue. Das 59-stöckige Gebäude ist eines der höchsten Wolkenkratzer Manhattans.
Auf Schritt und Tritt können Sie in New York City nun die Rezession sehen. Geschäfte und Wohnungen stehen leer. Monatelang müssen Makler nun ihre Appartements anpreisen, bevor sie einen Nachmieter oder Käufer finden. Das war noch vor einem Jahr anders. Da überboten sich die Interessenten. Kam eine Wohnung für 1,2 Millionen Dollar auf den Markt, ging sie am gleichen Tag noch für 1,5 Millionen weg. Wer was haben wollte, musste gleich zuschlagen und sogar mehr bieten. In den Fenstern der Immobilienmakler hängen nun die Wohnungen wie Ladenhüter. Auf den Aushängen steht oftmals der knallrote Vermerk: „Jetzt noch günstiger!“
In den Weinläden, Supermärkten oder Bekleidungshäusern prangt hin und wieder „Geschäftsaufgabe“ im Schaufenster. In meinem asiatischen Lieblingsrestaurant „Republic“ am Union Square kriege ich nun sofort einen Platz, sonst musste ich oft zehn bis 15 Minuten warten, bis ein Tisch frei war. Das riesige Barnes&Noble-Buchgeschäft, das einst auf der 6. Avenue in Chelsea war, wo ich so gerne in der Börsenliteratur schmöckerte, fand immer noch keinen Nachmieter.
Doch das alles ist nur eine Seite New Yorks. Die Metropole hat noch ein anderes Gesicht. Es strömt Champagner in Strömen, es gehen tonnenweise Austern und gegrillter Lobster über den Tresen, kurzum: Partys ohne Ende. So veranstaltete die kleine Investmentbank Rodman & Renshaw kürzlich ihre größte Investorenkonferenz. Das Zusammentreffen im Palace Hotel dürfte schätzungsweise zwei Millionen Dollar oder mehr gekostet haben. Das Rahmenprogramm umfasste Gastredner Bill Clinton, eine berühmte Liveband spielte am Abend, tolle Delikatessen wurden gereicht.
Die Partys gehen unvermindert weiter. Ich gehe oft auf Feiern. Wer in New York mit einem Prominenten befreundet ist, dem öffnen sich viele Türen – auch abseits der Banken. Jeden Tag finden hunderte Partys statt, die tausende von Dollar kosten. Wenn Prominente einladen, sind 100.000 Dollar für eine Nacht gar nix. Manch eine Veranstaltung kostet bis zu drei Millionen Dollar. Oft mieten sie ganze Restaurants oder Hotels an – nur für ihre Gäste. Ich traf hier schon viele Promis.
Zurück zu Sean Penn. Gestern sprach ich kurz mit ihm und Schauspieler Jeff Goldblum anlässlich der Premiere des Kinofilms „Milk“. Penn ist auf die Presse überhaupt nicht gut zu sprechen, er meidet die Reporter, wo er nur kann. Auf dem Foto, das ich gestern knipste, sehen Sie Penn. Rechts hinter ihm steht Cleve Jones, der seinerzeit Assistent von Harvey Milk war. Ich traf gestern im Landmark’s Sunshine Cinema auf der 143 East Houston Street zudem den italienischen Designer Valentino, den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Edward Koch. Die Filmstars John Voight, Joseph Cross, Lance Black, Josh Brolin und viele weitere waren unter den Gästen. Nach der „Milk“-Vorführung ging die Gesellschaft in das Bowery Hotel auf der Lower East Side. Bei Leckereien, Musik und Plausch endete mal wieder ein interessanter Tag. Ich erlebte eine bewegende Nacht in der Stadt geprägt von zwei Gesichtern: Die Reichen und die Krise.


tim schaefer (Author)

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