Teure Windel, billige Computer


New York, 30. März 2013

In meinem Bekanntenkreis schaue ich mich gerne um, was für Aktien dort gekauft werden. Etliche fragen mich, bevor sie eine Aktie kaufen nach meiner Meinung. Sie wissen, dass ich mich mit der Wall Street schon lange beschäftige. Ratschläge gebe ich eigentlich nur ungern. Denn die Erwartungshaltungen sind meist unterschiedlich.
Da gibt es einen, der ist von Tech-Aktien begeistert. Der ordert gerne heiße Sachen. Amazon, Facebook, Netflix, First Solar. Ich glaube große PC-Hersteller und Softwareanbieter sind ebenfalls in seinem Depot. Das Problem bei dem Anlagestil ist, dass diese Firmen sehr volatil sind. Die Trends ändern sich einfach in dem Sektor blitzschnell. Unternehmen, die es nicht schaffen, ständig das Rad neu zu erfinden, fallen einfach vom Tellerrand. Denken Sie an die abgestürzte Nokia-, Blackberry- (RIM), Apple-Aktie usw.
Es ist verdammt schwierig, den Konsumenten immer tolle Neuheiten anbieten zu können. Apple hat damit gerade so seine Probleme.
Dann habe ich jemanden im Bekanntenkreis, der ist in meinen Augen ein verdammt guter Anleger. Der kauft nur Hausmannskost. Grundsolide, uralte Konzerne. Alle zahlen schöne Dividenden – bis auf die Banken, die in seinem Depot schlummern. Jedenfalls ist das Portfolio stark, solide, verlässlich zusammengesetzt. Ich kann mich dafür schon begeistern. Das langweilige Zeug hat etwas Besonderes. Es sind Anbieter von Putzmittel, Zahnpasta, Öl, Finanzdienstleistungen, Lebensmittel, Konglomerate darunter. Der Vorteil an diesen Traditionshäusern ist: Die Umsatz- und Gewinnentwicklung ist stabil. Die Dividenden sprudeln seit mehr als 25 Jahren. Es wird kaum Veränderungen in den kommenden 20 bis 50 Jahren geben. Eine Hautcreme wird sich nicht sonderlich in den kommenden zehn Jahren ändern. Was soll sich an Farbe, Brot, Putzmittel, Zahnpasta, Cola, Ketchup, Kaugummis, Motorrädern verändern?
Schließlich kenne ich Personen, die handeln gerne. Ständig kommt ein neuer Wert ins Depot und ein anderer muss dafür weichen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich rate grundsätzlich zu einer hohen Disziplin. Ich rate zur Geduld.
Tendenziell empfehle ich, die staublangweiligen Haushaltsnamen mit schönen Dividenden und Aktienrückkäufen zu kaufen. Wer Technologie- oder Pharmaaktien mag, hier gibt es natürlich viele spannende Namen. Als Beimischung können Sie das machen. Logisch, sollte jeder mal eine „heiße Aktie“ einsammeln. Warum nicht? Sonst wäre die Börse wohl zu öde. Nur würde ich nicht das ganze Depot damit bestücken.
Was mir aufgefallen ist: Die langweiligen Aktien mit Tradition (Henkel, Beiersdorf, Colgate-Palmolive, P&G, Johnson & Johnson, 3M, Visa…) sind ziemlich teuer geworden im Vergleich zu den abgestürzten High-techs (HP, Dell, Apple…). Das KGV von Apple rangiert zwischen neun und zehn. Vergleichen Sie: Der Windelhersteller Procter & Gamble kommt auf ein teures Gewinnvielfaches von 17. Schon komisch. So schnell dreht sich der Wind.
Vermutlich schätzen die Anleger die hohe Verlässlichkeit und Stetigkeit mehr, als alles andere.
Qualität hat eben ihren Preis. P&G wurde 1837 gegründet, Apple dagegen erst 1977. Die eine Aktie verhält sich wie ein Erwachsener (P&G), die andere wie ein Kleinkind (Apple).
P&G zahlt seit 1890 Dividende. Seit 56 Jahren in Folge steigt sie schon. Apple begann im August 2012, Dividenden auszukehren. Davor gab es eine lange Durststrecke. Lediglich zwischen 1987 und 1990 schüttete Apple das Füllhorn aus. Auf Apple ist einfach kein Verlass. Auf die Windeln schon.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Teure Windel, billige Computer

  1. Jan

    Genau so gehe ich auch vor, zu 80% halte ich langweilige Aktien die hohe CashFlows aufweisen. Diese CashFlows sind nachhaltig weil nur wenige Investitionen getätigt werden müssen.
    Auch wenn das Wachstum der Gewinne, Umsätze oder CashFlows nur noch sehr gering ist kann durch Aktienrückkäufe und Ausschüttungen eine Dividende/Aktie weiter gesteigert werden und das höher als die Wachstumsrate der Gewinne.

  2. Markus

    Dies „langweiligen“ Aktien bevorzugt ja auch J. Siegel. Er bezeichnet diese als El Dorado Aktien, welche auch ein KGV von 16, 17 aufweisen dürfen…

    Die Frage ist, ob sich da inzwischen der Wind dreht, und gefallene Branchen besser entwickeln bzw. ob die Krisenlieblinge vielleicht doch schon etwas teuer sind…

    Ob man eine Nestlè, Unilever, Procter usw. auch mal zu einem KGV von 12 oder drunter erwischt???

  3. David Absalon

    „Warum Langweiler-Aktien trotzdem Favoriten sind“ genauso sehe ich das auch und der Fidelity-Deutschland-Chef.

    http://www.finanzen100.de/finanznachrichten/wirtschaft/fidelity-deutschland-chef-warum-langweiler-aktien-trotzdem-favoriten-sind_H649535281_61404/

    „Mehr Risiko, mehr Rendite – eine Faustregel, die sich in allen Marktphasen und Anlageklassen bewährt hat. Innerhalb einer Anlageklasse muss das aber nicht gelten: Weniger stark schwankende Werte – die Langweiler also – bringen Studien zufolge über längere Zeiträume höhere Rendite, sowohl risikoadjustiert als auch absolut. Das macht sie zu Favoriten für jedes Depot, erklärt Fidelity-Deutschland-Chef Andreas Feiden in seinem Gastbeitrag.“

    Gruß David

  4. Tobias

    Tim, du hast in deinem Post Aktien von wirklich tollen Unternehmen aufgeführt.

    Die Börse ist in den letzten Monaten richtig schön nach oben geklettert. Ich werde mit dem Nachkaufen jetzt abwarten, bis die Titel wieder etwas günstiger zu haben sind.

    Viele Grüße,
    Tobias

  5. Finanzielle Freiheit mit Dividenden Blog

    Danke für den tollen Artikel Tim. Genauso gehe ich bei meinem Dividenden Depot auch vor. Hausmanskost wie z.B. McDonalds, Coca Cola, Pfizer usw. und ein paar Aktienwerte die eine höhere Dividende quartalsweise zahlen, damit man mit dem höheren Dividenden Cash-Flow und der persönlichen Sparrate mehr US & Kanada Dividenden Aristokraten kaufen kann.

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