Stimmt die Zauberformel: Viel Risiko bringt viel Rendite?


New York, 6. Oktober 2011

In Gesprächen mit Börsenfans stelle ich fest, dass sie ohne Scheu extrem hohe Risiken eingehen. Rein theoretisch haben sie ja durchaus Recht. Auf den ersten Blick zumindest. In der Finanzmathematik spricht man von „Risikoprämie“. Was übersetzt in die Alltagssprache heißt: Als Anleger erwarte ich eine Prämie für mein Risiko, das ich mit dem Kauf einer speziellen Aktie eingehe. Unsere Erwartung ist: Je höher das Risiko, desto höher sollte die Performance am Ende des Tages ausfallen. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn ich die Prämie nicht erhalten würde, könnte ich ja gleich mein Geld auf das risikolose Sparbuch legen.
So weit die Theorie. Nun zur Praxis: Extreme Risiken würde ich nicht unbegrenzt in mein Portfolio laden. Der Löwenanteil meines Depots besteht aus stinknormalen Standardwerten aus dem DAX und Dow Jones. Kleine solide, profitable Dividendenzahler befinden sich ebenfalls in meinem Depot. Hochdefizitäre Biotechs, kleine Rohstoff-Sucher und andere Forschungsbuden sind nicht nach meinem Geschmack. Freilich kann man als Anleger durchaus die eine oder andere hochriskante Position ins Depot packen, aber ich würde nicht das gesamte Depot mit solchen Risikopapieren bestücken. Denn vieles kann schief gehen mit solchen Papieren.
Wenn Sie sich die Strategie der reichsten Menschen der Welt anschauen, dann kaufen die in der Regel Substanzwerte der Old Economy, alte erprobte Geschäfte. Warren Buffett ist natürlich ein Star in diesem Feld. Andere smarte Profi-Anleger wie der saudische Prinz Alwaleed Bin Talal Bin Abdulaziz Alsaud, der zu den reichten Menschen der Welt zählt, hat ebenfalls haufenweise Bodenständiges im Portfolio: Hewlett-Packard, ebay, Apple, Pepsi, News Corp, Disney etc. Kurzum: Es handelt sich um große amerikanische Marken-Konzerne. Klar geriet hier und da eines seiner Investments wie die Citigroup unter die Räder, aber die Citi war ja jahrzehntelang ein tonangebendes Institut. Und der Prinz denkt gar nicht ans Verkaufen, wenn einer seiner Lieblinge abstürzt. Im Gegenteil: Der Milliardär kauft dann mehr Anteile zu, wie bei der Citi geschehen. Der Prinz bleibt zudem jahrzehntelang investiert.
Privatanleger machen das Gegenteil: Sie traden wie verrückt und kaufen Small Caps, deren Geschäft nicht erprobt beziehungsweise gerade gegründet worden ist. Sie meinen, ein führender Chemiekonzern wie die BASF oder ein Baustoffhersteller wie HeidelbergCement sind für zu langweilig. Kleinanleger wollen Wachstumsphantasie, sie lieben Innovationen. Sie kaufen daher junge Techfirmen, Biotechs und kleine Rohstoff-Sucher. Firmen, die in der Regel ständig den Kapitalmarkt anzapfen müssen, weil ihr Brot- und Buttergeschäft kein Cash abwirft, sondern nur Kohle verbrennt. Wir vergessen gerne, dass gerade die führenden Konzerne wie eine BASF, GE oder Siemens gigantische Summen jeden Tag in die Forschung stecken.
Die Masse glaubt, mit jungen Hoffnungsträgern die nächste Google oder Apple frühzeitig entdecken zu können. Ja klar, solche Mega-Adressen haben mal als Mini begonnen. Aber einen solchen Aktienstar kurz nach der Gründung zu entdecken, das gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Ein weiteres Problem ist: Anleger lecken sich nach ihren Aktien-Fehlgriffen ihre Wunde. Sie wollen dann die Lücke so schnell wie möglich wieder schließen, die sie mit einem Verlustgeschäft erlitten haben. Daher steigern sie das Risiko ins Extreme. Sie hoffen auf eine schnelle wundersame Geldvermehrung. Das führt natürlich in den meisten Fällen zu noch größeren Verlusten und mehr Enttäuschung. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Das Kernproblem sind wir mit unserer Erwartungshaltung. Wir sollten uns vernünftige Ziele setzen. Eine jährliche Rendite von sagen wir einmal zehn Prozent ist ein wirklich tolles Ziel. Wir sollten uns klar machen, dass eine Rendite von 50 oder 100 Prozent ein Traum ist – und bleibt. Weniger ist manchmal mehr!
Mein Rat: Setzen Sie auf erprobte Dividendentitel. Haben Sie Geduld. Eine jährliche Rendite von neun Prozent ist mehr wert, als eine „eventuelle“ Rendite von 100 Prozent. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach! Leider leben zu viele Anleger in einer Traumwelt. Sie träumen vom großen Geld, das binnen weniger Monate auf sie herabregnet. Wir träumen davon, an einem Traumstand unter Palmen sitzen zu können. Aufgrund dieser Träume blenden Privatanleger die Risiken völlig aus. Bleiben Sie mit den Füßen auf dem Boden. Die großen Investoren kaufen Qualität. Sie meiden extreme Risiken und haben Sitzfleisch. Das Geld wird schon sprudeln – mit der Zeit. Orientieren Sie sich an den Stars.
Jetzt kann man mir den Vorwurf machen, dass ich ja kürzlich die Strategie von John Templeton in den Himmel gelobt habe. Templeton hatte während des Zweiten Weltkriegs ein Bündel Pennystocks erworben und damit eine kernige Rendite von 400 Prozent innerhalb weniger Jahre erzielt. Aber denken Sie daran, dass die Firmen, die Templeton kaufte, erprobte Geschäftsmodelle hatten. Es waren große Konzerne, die nur aufgrund des Börsencrashs während der Großen Depression auf Penny-Niveau abgestürzt waren. Templetons Strategie war weitgehend frei von großen Risiken, weil er über 100 verschiedene Pennystocks kaufte und aufgrund der Masse eine signifikante Streuung hatte. Es interessierte ihn daher nicht die Bohne, dass 34 Firmen unter den insgesamt rund 100 Titeln pleite gingen. Die anderen ca. 70 Titel machten die Performance.
Fazit: Wenig Risiko bringt auf Dauer die höchste Rendite.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Stimmt die Zauberformel: Viel Risiko bringt viel Rendite?

  1. StefanStefan

    Hallo Tim!

    Ich sehe das alles genau so wie Sie.
    Allerdings geht es halt wirklich
    erschreckend langsam voran. Unsereiner muss sich jede 10.000 € mühsam zusammen sparen. Wenn man investiert ist und nichts verkauft dauert es entsprechend bis wieder genug Cash nachkommt. Ich finde z.B.
    dass es sich kaum lohnt eine Position
    von weniger als 5.000 € einzugehen.

    Ein Warren Buffett hat eben den riesen Vorteil, dass ständig Cash durch die Versicherungs-Prämien seiner Kunden hereinkommt. Das Geld kann er anlegen und muss erst viel später-oft nur weniger wieder an seine Kunden auszahlen.

    Ich wäre lieber jetzt reich als mit
    70!

    Gruss Stefan

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Stefan, ja stimmt. Das ist die Crux. Man braucht im Idealfall neben dem Arbeitseinkommen einen passiven Cashflow. Vielleicht aus Immobilien, einem Geschäft oder so.
    Aber auch mit kleinen Schritten kommt man zum Ziel. Das dauert halt länger.

  3. Hubsen

    Hallo Tim,

    wie Sie selbst schon richtig bemerkt, aber dann doch nicht konsequent weiter ausgeführt haben, dürfte Templeton – nur soweit ich aus Ihren Angaben entnehmen kann (die Story bzw. die genauen Umstände am Ende der 30er Jahre kenne ich nicht -> bin noch zu jung dafür 🙂 bzw. habe ich nicht verifiziert) eine ziemliche ZOCKER-Strategie gewesen sein –
    nämlich auf 104 Pennystocks (sozusagen auf Turnaround Kandidaten kurz vorm Aus – worth a penny) zu setzen.
    Allein schon die hohe negative (->100% negative, weil ja Totalverlust eingetreten ist) Trefferquote von fast genau einem Drittel lässt mich stark vermuten, dass damals eben nicht nur grundsoliden Geschäftsmodelle unschuldig gefallener Blue Chips, Dividenden/Wachstumsstars dahintergestanden sind (das wäre ja auf heute umgelegt die hier immer wieder mal erwähnten Pepsico, IBM, Cola, Münchner Rück, Exxons, Fielmanns, Gerry Weber etc. nahe der 1 Euro Grenze,… sondern dürfte vielmehr auch sehr viele Q-Cells, Intercells, Nanostarts, Solarworlds etc. enthalten haben)

    Aber nachdem dieser Hasard für Templeton damals gut ausgegangen ist (Totalverlust von 33% musste ja erstmal mit mehr als 51% Gesamtgewinn kompensiert werden +Inflation +entgangener Zins) dürfte er dann sehr Vieles absolut richtig gemacht haben, was auch zur damaligen Zeit absolut passend gewesen sein dürfte, sonst hätte sich sein Vermögen nicht so extrem gut weiterentwickelt.

    Auch der Ungar George Soros ist z.B. damals Milliardär geworden mit seiner großen Spekulation gegen die englische Währung.

    Was ich damit sagen will…
    der Weg zur schnellen Vermögensvermehrung führt über sehr riskante Strategien.
    Für sehr langfristigen Vermögenserhalt spricht eher die hier erwähnte solide Dividenden- Blue Chips Value-Strategie, aber auch nur dann, wenn mann nicht gerade zu den alten Höchsständen eingestiegen ist, weil auch unter den Soliden nicht alle eine Dauerrecht auf Erfolg gepachtet haben und sich auch nur teilweise einer übergeordneten Gesamtmarktentwicklung entziehen können.

    Die Shooting Stars (Kursgewinner) von morgen werden immer neu gelost. Selten ist auch mal ein alter Wert dabei, wie damals bei Apple, der einen Turnaround der galaktischen Variante hingelegt hat.

    Beste Grüße!

    Hubsen

    PS:
    Mich würde jedenfalls interessieren wie Templeton nach den 4 Jahren weitermachte und ob die damalige folgende, scheinbar beste, Strategie auch heute noch so einfach funktionieren würde (mit viel mehr Marktteilnehmer, sehr viel transparentere Märkte, Zahlenwerke; computergestütztes Trading, Gerüchtestreuen, Bilanzvorschriften mit hohem Kreativitätsspielraum, etc. etc.

    Da ich zur faul zur Eigenrecherche bin, bin ich gespannt auf Ihre weiteren Infos zur Erfolgsstrategie Templetons, dessen Nachfolger das „glückliche Händchen“ des Altmeisters schon Jahrzehnte vermissen lassen… -> Michael Hasenstab im Fremdwährungsanleihesektor mal ausgenommen 🙂

  4. Hubsen

    … um nicht mißverstanden zu werden.

    Ich plädiere in der heutiger Zeit auch eher auf ein konservatives „fades“ Aktien-Portfolio, aber die Hoffnung damit reich zu werden teile ich nicht!
    …ebensowenig wie die Hoffnung Kursverluste schnell aussitzen zu können… that takes a lot of time…

    Werterhalt ist heutzutage ja schon einiges Wert!- und nicht umsonst steigt unproduktives Gold/Silber immer noch weiter, solange keine Fundamentalprobleme der (Finanz-)Wirtschaft gelöst sind.

    Dies Blue Chips eines Warren Buffets sind eher so was wie wichtigen Cash Cows in einem Portfolio (Dividendeneinahmen) -> über die Zukunft der Fortentwicklung entscheiden jedoch auch die Questions-Marks, die späteren Stars die dann noch später im optimalen Fall auch zu Cash Cows reifen können…

    LG
    Hubsen

  5. tim schaefertim schaefer

    Hi Hubsen, Sie haben vollkommen Recht: Wer die Strategie des Value Investings umsetzen möchte, braucht in der Tat viel Zeit. Schnelle Gewinne erwartet ohnehin kein Value-Investor. Lange Durststrecken muss man ebenso durchstehen können. Wer die BP zum Beispiel im Portfolio hatte, der erlebte nach der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko sein blaues Wunder. Klar, das stimmt alles, was Sie sagen.
    Ich las vor einigen Jahren das Buch „Die Templeton Strategie“: 21 Schritte in ein besseres Leben. Ich müsste noch mal nachlesen. Ich kann mich nur daran erinnern, dass Templeton ein sehr christlicher Mensch war. Er liebte seine Familie über alles, ging mit seiner Frau, den Kindern und deren Freunde sogar auf den Campingplatz…. Mehr fällt mir momentan nicht mehr ein. Sorry. Ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen und all den anderen hier.

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