Social Media, Gold, Seltene Erden: Überall nur Blasen


New York, 20. Mai 2011

Die Internetplattform LinkedIN.com betrat das Börsenparkett. Ich habe übrigens mein Profil auf der amerikanischen Networkingseite. Wenn Sie lieber Leser sich mit mir dort „verlinken“ wollen, gerne! Am Tag der Erstnotiz verteuert sich das LinkedIN-Papier gegenüber dem Ausgabepreis um 100 Prozent. Absurd! Das ist wie zu den wildesten Zeiten des Neuen Marktes. Zu 45 Dollar wurde der Novize emittiert. Bei über 94 Dollar stand der Titel zu Börsenschluss. Ich kann nur sagen: Das ist Irrsinn. Der Börsenwert beträgt nun neun Milliarden Dollar. Das entspricht dem 18-fachen des diesjährigen Umsatzes. Die reifere Firma Google kommt auf eine fünffache Umsatzbewertung, ist also viel günstiger zu haben. Das KGV von LinkedIN beträgt groteske 550. Das heisst, wenn der Gewinn konstant bleibt, müssen Sie 550 Jahre warten, bis Sie den Aktienpreis via Gewinne zurückverdient haben. Im S&P-500-Index haben Firmen ein KGV von durchschnittlich 15. Wie kann es also sein, dass diese Klitsche auf 550 kommt? Es hängt mit dem Wahn um Social Media zusammen. Alle sind verrückt darauf. Es scheint der Verstand auszusetzen. Was die Sache natürlich zusätzlich anfeuert ist folgender Umstand: Jedes Kind kennt Websites wie facebook oder LinkedIN. All die Nutzer sind potentielle Aktienkäufer. Und das nutzen die Emittenten und Banken gnadenlos aus. Daher soll auch der Börsengang von facebook noch in diesem Jahr durchgepeitscht werden. Bessere Preise kann man wohl kaum erzielen. Es ist wie zu Zeiten der Tulpen-Manie in Holland. Twitter, Groupon, Zynga – all die Buden stehen in den Startlöchern für Ihr IPO. Die Gründer wissen, so schnell können Sie in ihrem Leben nie mehr reich werden. Goldman Sachs hat facebook im Januar mit 50 Milliarden Dollar bewertet. Die Gewinne von facebook sind alledings nicht bekannt. Vielleicht steckt der Laden tief in den roten Zahlen?
LinkedIN hat lausige 3,4 Millionen Dollar netto im vergangenen Jahr verdient. Und soll jetzt neun Milliarden Dollar wert sein? Ok, der Umsatz kam immerhin auf 243 Millionen Dollar. Zugegeben, der Umsatz steigt rasant. Gut möglich, dass er sich dieses Jahr auf 500 Millionen Dollar verdoppelt. Aber selbst dann, erscheinen die neun Milliarden Dollar Börsenwert absurd hoch zu sein. Einige der LinkedIN-Mitarbeiter sind jetzt Millionäre geworden. Mitgründer Reid Hoffman wurde über Nacht gar zum 1,8-fachen Dollar-Milliardär. Wow! Er hält 20 Prozent des Grundkapitals. An der Börse gelten zwei Grundregeln: Wer hoch steigt, kann tief fallen! Wer tief fällt, kann hoch steigen!
Abenteuerlich ist auch der Run auf die Seltenen-Erden-Aktien. Der Preis für diesen Rohstoff geht durch die Decke, seitdem die Chinesen den Weltmarkt zu über 90 Prozent dominieren. Peking schottet das Ausland geschickt von den Seltenen Erden ab. Das begehrte Zeug bleibt im Reich der Mitte. So herrscht überall eine gigantische Nachfrage, die auf ein mickriges Angebot trifft. Kein Wunder, dass der Preis dann durch die Decke gehen muss. Die Seltenen-Erden-Aktien heben alle reihenweise ab. Es gibt nun rund um den Globus viele Explorer, die vor dem Hintergrund des sauteueren Metalls eine Mine in Betrieb nehmen wollen. In ein paar Jahren schießen die neuen Minen wie Pilze aus dem Boden. Spätestens dann muss der Preis kollabieren.
Immer wieder gab es in der Geschichte Übertreibungen. Diese Höhenflüge werden aber eines Tages gestoppt. 1884 stellten die Amerikaner ihr Washingtoner Monument fertig. Nahe des Parlaments ragt dieser Obelisk in den Himmel – nach ägyptischen Vorbild. Die Amerikaner waren stolz auf sich. Aluminium war seinerzeit das teuerste Metall auf Erden. Es war teurer als pures Gold. Daher entschlossen sich die Errichter des Monuments, auf die Spitze eine Aluminium-Kappe zu setzen. Sie wollten der Welt ihren Reichtum zeigen. Heute kochen wir unsere Spagetti im Aluminiumtopf. Hätten das die Architekten des Obelisken gewusst, wären sie wohl durchgedreht.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Social Media, Gold, Seltene Erden: Überall nur Blasen

  1. Hubsen

    Hallo Tim,

    obwohl thematisch zwar nicht 100% passend, aber vielleicht trotzdem interessiert was gestern Jim Rogers bei seinem Wien-Besuch im Austria Center so von sich gegeben hat (natürlich nur auszugsweise, subjektiv):

    Bei seinem lockeren Vortrag mit Publikumsfragen berichtete er über seine 3 jährige Weltreise, referierte über Rohstoffchancen und bekundete dass er (stolzer) Vater zweier Töchter ist (3 und ? – … obwohl er Kindersegen einst für total überflüssig, unökonomisch hielt), mit der Familie in Singapur lebt und die Töchter bereits chinesisch lernen, weil:
    das 19. Jhdt von England, das 20. Jhdt. von USA geprägt war und das 21. Jhdt. wirtschaftlich von Asien (insb. China) geprägt sein wird.

    In Commodities investiert er auch für das spätere finanzielle Wohl seiner Töchter.

    Er rät zum Kauf von Commodities (Enhanced = rolloptimiert RICI = hauseigene Produkte), insb. wenn bzw. wo gerade die Kurse etwas zurückgekommen sind (also nicht unbedingt alle immer am Höchststand kaufen).
    Favorisiert Landwirtschaftliches insb. (Acker-)Land weltweit. Sieht z.B. im hohen Durchschnittsalter (von 58J) der US-Farmer und im Mangel an Bauern in Japan (holen hierfür Chinesen ins Land) einen weiteren Verknappungsfaktor (parallel zum Weltbevölkerungswachstum) für Nahrungsmittel.
    Auch Zucker, Reis etc. wird positiv gesehen (Zucker- wird ja auch zur Ethanolherstellung verstärkt herangezogen).

    Aber auch Teile des Vermögens in Silber und Gold anzulegen war er nicht abgeneigt – insb. bei der herrschenden Staatsschuldenpolitik und holte demonstrativ einen kürzlichst erworbenen Wr. Philharmiker aus der Hosentasche hervor.

    Commodities sieht er in Investment-Fondspapieren „underinvestet“ im Vergleich zu den vielen Anleihen- und Aktienfonds.

    Short ist er hingegen auf US-Technologie und Emerging Markets und insbesondere Anleihen (insb. lfr.(Staats-)Anleihen).

    ….

    Weitere interessante Seminarinfos zu ihren guten Beitrag über „Seltene Erden“ (= sind eigentlich allesamt Metalle):

    Dzt. kommen 97% der seltenen Erden aus China -> nun Exportbeschränkung von -30% – > daher Preisexplosion

    Nichtchinesische Gewinnung derzeit haupsächlich von den Firmen Molycorp und Lynas.

    Zwar liegen nur 30% der Reserven in China und die restlichen 70% anderswo – aber das Problem sind die langen Vorlaufzeiten (neue Minen brauchen bis zu 8 Jahre um mit der Förderung zu beginnen) und dabei auch die notwendige komplizierte schnelle Förderung/Extraktion (bevor das Sulfit oxidiert und damit gleichsam wertlos wird).

    Das seltenste Seltene Erden Metall ist demnach Thulium, welches immer noch häufiger vorkommt als Silber oder Platin.
    Ob und wie lange noch kfr./mfr. noch Gewinne möglich sind muss jeder selbst beurteilen – langfristig stimme ich ihre Analyse vom späteren Preisverfall voll und ganz zu.

    Beste Grüße nach N.Y.
    Hubsen

  2. tim schaefertim schaefer

    Hallo Hubsen, sehr schön erklärt. Danke für die ausführlichen Infos. Sie kennen sich exzellent aus. Auch bei den Seltenen Erden. Für unsere Leser muss ich noch hinzufügen: Seltene Erden sind Metalle, die nur in geringen Konzentrationen vorkommen und vor allem in High-tech-Geräten wie Handys, in Magneten, Autos, Solaranlagen etc. stecken. Hubsen, ihre Ausführungen sind sehr, sehr gut. Zum Thema Rohstoffe: Es mag stimmen, dass Reis, Baumwolle, Silber, Gold etc. unterrepräsentiert ist bei den Profi-Anlegern. Die Frage bei der physischen Anlage ist doch: Was passiert, wenn der Preis fällt und zehn Jahre lang unter meinem Kaufniveau notiert? Das kann durchaus vorkommen. Bei Lebensmitteln ist das wohl kaum der Fall, aber möglich ist alles. Wenn ich dann den Klumpen Gold unter meinem Bett habe, ist das bei einem Kursverfall wirklich schlecht. Denn in der Zwischenzeit bringt mir das Investment rein gar nichts. Ich warte als braver, geduldiger Anleger ab, bis der Preis über meinen Einkaufskurs wieder steigt und verkaufe dann vielleicht mit 20 Prozent plus nach 12 Jahren. Klar, das ist alles rein hypothetisch angedacht, aber es kann durchaus vorkommen. Das ist der Grund, warum Warren Buffett einen großen Bogen um Rohstoffe macht. Denn sie werfen keine regelmässigen Dividenden ab. Wer Coca-Cola oder Nestle besitzt, erhält jedes Jahr eine Dividende – selbst wenn der Kurs nicht in Fahrt kommt, sprudeln wenigstens ein paar Prozente.

  3. Hubsen

    Hallo Tim,

    ein anderer Vortrag an diesem Tag hat die enormen Geldmengenvermehrung der letzen Jahre aufgezeigt.
    Also solange es keine Zinsen für nahezu risikolose Anlagen gibt (und es gibt ja heute kaum noch risikolose) die größer sind als die aktuelle Inflationsrate, wird Gold als eine Art Ersatzwährung wohl kaum in Bedrängnis kommen (also solange die niedrig verzinsten Bargeldbestände durch die höhere Inflation immer weniger wert werden). Da reicht es wenn Gold bloß den Realwert hält.

    Obwohl für Silber ähnliches gilt und hier sogar ein höherer Verbrauch des Rohstoffs gegeben ist, ist der Silbermarkt doch wesentlich kleiner und daher traditionell den spekulativen Schwankungen viel stärker ausgeliefert. Persönlich glaube ich trotzdem an steigende Silberpreise und kaufe das zu 35 erworbene Silber unter 30 sicher nochmals nach (natürlich nur in Zeiten wie diesen).
    Zu einer gewissen Depotbeimischung von Edelmetallen wurde immer schon geraten (ob nun 10% – wie auch aktuell von Jim Rogers empfohlen – oder bis zu 20-25% ist Geschmacksache und jeweilige Markteinschätzungssache).

    Coca Cola finde ich prinzipiell (bei aktuellen Problemen im Euro- aber auch im Dollarproblemen) schon allein wegen des enorm breiten Währungsstreuung sehr interessant und wenn ich nicht irre, setzen die mittels Patente auch auf die Zukunft des kalorienlosen Süßstoff „Stevia“ als Zucker- bzw. auch Cyclamat/Apartam Ersatz. Verwende ich selbst und schmeckt prima – Am besten in reinster Form (1 Tropfen für 1 Tasse Kaffee reicht mir völlig). Bin aber bislang nicht Coca Cola investiert.

    Nestle investiere ich NICHT wegen der Schokolade – Kakaobohnen – Kinderarbeit -> wer mal googeln will… oder hier:
    http://www.spotting.at/schmutzige-schokolade-kinderarbeit-durch-nestle-co

    Da ist mir der österr. Schokoladehersteller Zotter mit seiner ethischen Haltung und den Fair-Trade Kakaobohnen wesentlich unterstützenswerter!! (obwohl ich – bislang noch nicht – Zotter Schokoladen-fan bin).

    und niemals investiere ich in Agro-Firmen wie Monsanto – die mit ihren Patenten auf genverändete Pflanzen für mich das Horrorszenario an fehlgeleiteter, rein geldgetriebener, aggressiv mitbewerbsklageorientierter, Lebensmittelproduktion darstellen.

    z.B. Unkrautvernichtung und damit Ertragssteigerung findet z.B. so statt, dass das hauseigene Spritzmittel wirklich ALLES vernichtet, außer den speziell gentechnisch veränderten Mais – der natürlich nicht eigenständig weitervermehrt werden kann (führt zur totale Saatgutabhängigkeit) – Für mich persönlich ein nahzu perfektes, aber perfides perverses System – für den der sich mal näher über die Praktiken informieren mag -> Youtube oder googlen

    Beste Grüße nach N.Y.
    Hubsen

  4. Hubseb

    Nachtrag zu Dividenden:

    steigende bzw. regelmäßige (natürlich nur von den Gewinnen und nicht von der Substanz) sind für mich auch ein Ausdruck eines soliden gesunden Unternehmens.
    Aber steuerlich werden mir hier 25% KESt abgezogen, da wäre mir als Langzeitinvestor eine KESt-freie Thesaurierung (wertsteigernde Einbehaltung) aber wesentlich lieber!
    Habe letztens sogar 2 Tage vor Dividendenanspruch verkauft, weil mittelfristig einen noch tieferen Kurs als am Dividenden-Ex-Tag (= Kurs mit Abschlag der Dividendenzahlung) erwarte.

    nur so ein Abschlussgedanke…

  5. tim schaefertim schaefer

    Hubsen, nun die ethische Frage stellt sich in der Tat. Das muss jeder selbst entscheiden. Ich habe für Ihre Einwände Verständnis. Man sollte sich als Aktionär bei seinem Unternehmen rundum „wohlfühlen“.

  6. tim schaefertim schaefer

    Die Blase im Internet wird immer größer. Um Social Media ist ein Riesen-Hype entbrannt. Die Bewertungen sind absurd. Jetzt kommt das Internetradio Pandora an die Börse. 1,4 Milliarden Dollar soll offenbar der Börsenwert umfassen. Dafür kriegen die Aktionäre nur lausige Zahlen geboten. Der Radiosender setzte mickrige 138 Millionen Dollar um und verbuchte einen fetten Millionenverlust. Hier der Artikel der New York Times. Das IPO ist nix für mich. Die Bewertung erscheint absurd.

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