So prüfen Sie Aktien auf Herz und Nieren. 3 schnelle TÜV-Punkte


New York, 7. März 2011

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Hand aufs Herz. Haben Sie schon einmal etwas aufgeschnappt und dann kurzerhand eine Aktie gekauft, ohne sich im Vorfeld zu informieren? Ohne die Zahlen unter die Lupe zu nehmen? Ich rate Ihnen, sich Zeit zu lassen. Es eilt im Grunde nie an der Börse. Wenn Ihnen jemand erzählt, irgendein Papier müsse ganz schnell gekauft werden, dann rate ich Ihnen zur Vorsicht. Nichts müssen Sie sofort tun. Die Kurse schwanken bekanntlich. Und selbst wenn ein Kurs abheben sollte, macht das nichts. Irgendwann kommt sicherlich wieder der Kurs zurück. Es gibt ohnehin so viele Papiere. Das Angebot ist enorm. Ich stelle Ihnen heute drei Tipps zusammen, wie Sie recht zügig einen Überblick über die Finanzen eines Unternehmens erhalten können. Die Liste ist gewiss nicht vollständig. Ich möchte Ihnen nur einen kleinen Überblick geben. Zugegeben, es ist ein etwas trockenes Thema, aber dennoch sollten Sie sich mit diesen drei Prüfpunkten durchaus befassen. Es ist eine Art „Aktien-TÜV“. Es ist wie beim Autofahren: Sie wollen sicher sein, dass die Bremsen, das Licht und der Airbag funktionieren, bevor Sie sich hinter das Steuer setzen. Ich gehe folgendermaßen vor:
1. Der Überschuss! Gerne greifen Analysten auf so ominöse Zahlen wie das EBITDA zurück. Es handelt sich dabei um den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Abschreibungen auf Sachanlagen sowie auf immaterielle Vermögensgegenstände). Warum ziehen Analysten diese EBITDA-Gewinngröße vor? Weil sie meinen, damit besser Firmen vergleichen zu können. Je nach Land unterscheidet sich natürlich der Steuersatz und die Regelungen hinsichtlich der Abschreibung variieren ebenfalls. Ich halte aber von der EBITDA-Kennziffer nicht allzu viel. Letztlich kommt es nur auf den Netto-Gewinn an. „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, resümierte schon unser Ex-Kanzler Helmut Kohl. Sie können Firmen mit einem extrem hohen EBITDA finden, doch unterm Strich wird nur Geld verbrannt. Ich sah mir schon Präsentationen zum Jahresabschluss an und konnte nur das EBITDA und EBIT-Resultat entdecken. Nichts als heiße Luft, dachte ich mir. Vom Überschuss waren weit und breit keine Informationen zu finden. Warum wohl? Der Vorstand wollte von den blutroten Zahlen ablenken.
Der ausschließliche Blick auf den Überschuss ist selbstverständlich nicht ausreichend. Es gibt bei der Ermittlung des Überschusses etliche Spielräume bei zahlreichen Positionen. Wie schreibt die Firma ihre Maschinen ab? Wie bewertet der Finanzvorstand das Lager? Sind die Forderungen real oder besteht die Gefahr, dass sie nicht im vollen Umfang fließen? Trotz dieser kritischen Punkte hat der Überschuss meiner Meinung nach mehr Aussagekraft als das EBITDA. Nachdem ich mir bei einer Firma die Umsatz- und Gewinnentwicklung angeschaut habe, nehme ich in der Regel den Cash Flow unter die Lupe.
2. Cash Flow! Es gibt das Sprichwort „Profits are an opinion, only Cash is a fact“. Bei den „Flocken“ gibt es keine Wahlrechte wie bei der Erfolgsrechnung mit ihren interpretierbaren Aufwänden und Erträgen. Das ist das Gute am Cash Flow: Das einzige, was zählt, ist wie viel Asche reinkommt. Nur Bares ist Wahres! Der operative Cash Flow zeigt Ihnen, wie viel Geld das Geschäft abwirft. An diesem Beispiel können Sie beispielsweise sehen, dass dem Ketchup-Hersteller Heinz 1,2 Milliarden Dollar im vergangenen Geschäftsjahr zugeflossen sind. Der offizielle Überschuss war indes mit 864 Millionen Dollar geringer. Die Kapitalflussrechnung zeigt Ihnen zudem, was der Vorstand mit den 1,2 Milliarden Dollar gemacht hat. Eine halbe Milliarde Dollar flossen etwa als Dividende an die Aktionäre zurück. Welche Möglichkeiten der Mittelverwendung bestehen eigentlich, fragen Sie sich sicherlich? Nun, es sind Investitionen, Akquisitionen, Ausschüttungen (Dividenden) oder Aktienrückkäufe möglich. Bei Warren Buffetts Lieblingsfirmen finden Sie in der Regel eine hohe Dividendenausschüttung. Wie ermittelt der Buchhalter den Cash Flow? Ganz einfach: Startpunkt ist der Jahresüberschuss. Abschreibungen und Rückstellungen zählt der Buchhalter jeweils zum Gewinn dazu, weil beide Positionen ja nicht zahlungswirksam sind. Bei dem mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Explorer Molycorp Minerals sehen Sie anhand der Kapitalflussrechnung, dass nach neun Monaten 21 Millionen Dollar verbrannten. Seit dem Sommer 2008 sind sogar kumuliert 51 Millionen Dollar über den Jordan gegangen. Ob die Gesellschaft, die Seltene Erden abbauen will, jemals auf einen grünen Zweig kommt, bezweifle ich. Molycorp ist gar nicht alt. Erst 2008 in Colorado gegründet, es sind derzeit nur 138 Mitarbeiter an Bord. Aber die Börsenbewertung kommt auf stolze vier Milliarden Dollar. Wohlgemerkt wurde noch kein Cent verdient. Sie kaufen bei dieser Firma nichts als Phantasie ein. Ist es das Risiko wert? Das müssen Sie entscheiden. Ein Value-Anleger macht jedenfalls darum einen Bogen.
3. Eigenkapitalquote! Sie setzen bei dieser Kennziffer das Eigenkapital ins Verhältnis zur Bilanzsumme. Die Zahl drückt in Prozent aus, wie groß der Anteil der Bilanz mit eigenen Werten unterfüttert ist. Der Rest entfällt auf Fremdkapital. Je höher also die Prozentzahl, desto solider ist das Unternehmen aufgestellt. Ich gebe zu: Dies ist eine recht simple Betrachtung. Sie können diese Analyse weiter differenzieren und einzelne Bilanzpositionen analysieren auf deren Werthaltigkeit – etwa die Goodwill-Ansätze und immateriellen Vermögensgegenstände. Ich verzichte aber hier darauf. Mir geht es grundsätzlich darum, dass die Bilanzarchitektur verdammt wichtig ist. Ich ziehe Firmen mit einer gesunden, stabilen Struktur vor. Wenig Schulden sind natürlich gut. Besonders stark sind beispielsweise Apple und Google mit Netto-Cashpositionen von jeweils rund 27 Milliarden Dollar. Beide IT-Häuser sitzen auf dieser Kriegskasse wohlgemerkt nach Abzug aller Finanzschulden. Microsoft hortet mit 30 Milliarden Dollar noch mehr. Auf der Finanz-Website von Yahoo (siehe Google- und Apple-Links oben) können Sie auf die Schnelle den Netto-Kassenbestand ermitteln, indem Sie vom Börsenwert (Market Cap) den Enterprise Value abziehen.
Und noch ein Tipp: An langfristigen Übersichten können Sie sehr gut erkennen, wie stark ein Unternehmen aufgestellt ist. Schauen Sie sich hier etwa die Entwicklung von Procter & Gamble (Pampers, Gillette, Braun) an. Trotz Wirtschaftskrise blieb der Gewinn weitgehend auf dem hohen Niveau. Und das Management nahm sogar die Dividende rauf. Wer auf solche Marken-Riesen setzt, hat sein Erspartes werthaltig und renditeorientiert untergebracht. Freilich kann man mit hochsoliden Megakonzernen keine Kursverdopplung auf die Schnelle erzielen. Dessen müssen Sie sich bewusst sein. Seien Sie immer auf der Suche nach Tabellen und Grafiken, die die langfristige Entwicklung aufzeigen. Hier habe ich eine schöne Zehn-Jahres-Übersicht des Chemieriesen BASF gefunden. Es ist herrlich. Die Tabelle sagt mehr als Tausend Worte. Daran können Sie sehen, was hinter der Value-Strategie steckt. Es handelt sich um eine werterhaltende und langsam aufbauende Strategie. Wer, sagen wir einmal 85 Prozent seines Vermögens, in hochsoliden Wertpapieren und Anleihen gebunkert hat, der kann durchaus den Rest in riskantere Alternativen stecken. Vielleicht ein paar Pennystocks, warum auch nicht? Gleichwohl ist Warren Buffetts bekannter Spruch immer im Hinterkopf zu behalten: Die Regel Nummer eins des Investierens ist, verliere niemals Geld. Die Regel Nummer zwei ist, vergesse die erste Regel nicht. „Rule No. 1. Never lose money. Rule No. 2. Never forget Rule No. 1.“
Übrigens endet der Wettbewerb zum „Finance Blog of the Year 2011“ an diesem Montag um 18 Uhr. Wer noch nicht seine Stimme abgegeben hat, der kann dies gerne für TimSchaeferMedia.com hier auf der smava-Website (!!!) nachholen. Natürlich nur, wenn Ihnen mein Blog gefällt. Ich wünsche Ihnen gute Geschäfte an der Börse!


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „So prüfen Sie Aktien auf Herz und Nieren. 3 schnelle TÜV-Punkte

  1. Max B

    Hallo Tim,

    auch von mir die besten Glückwünsche. Sehr gutes Ergebnis! Weiter so! Freue mich, dass es dieses Jahr wieder ein Spitzenplatz geworden ist.

    Grüße
    Max B

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Bob, danke für den Link. Solche Betrachtungen auf Sicht von 25 Jahren sind natürlich herrlich. Solche Tabellen sagen mehr als Tausend Worte. Daran kann man als Börsianer gut erkennen, wie Firmen gemanagt werden. An den Zahlen sieht man, wie gut die Produkte und wie zufrieden die Kunden sind. Denn sind die Kunden nicht happy, kann der Umsatz und Ertrag auch nicht wachsen. Darum geht es ja eigentlich im Kern. Was die meisten Börsianer immer wieder gerne vergessen.

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