Schlüpfrige Dollars


New York, 17. Juli 2008

bild

Ich möchte Ihnen diesmal eine Gelddruckmaschine vorstellen. Das Unternehmenskonzept hat mich so begeistert, dass ich Ihnen die Aktie ans Herz legen möchte: Die Oben-Ohne-Bar Rick`s Cabaret betreibt in den USA 18 schlüpfrige Lokalitäten, davon fünf Filialen am Stammsitz im texanischen Houston. Das Geschäft boomt wie verrückt. Sex sells! In Rezessionen läuft in den USA erfahrungsgemäß der Absatz von Alkohol, Zigaretten und der Unterhaltungsindustrie wie geschmiert. Amerikaner sprechen von den Sündenaktien. Die schwache Inlandsnachfrage bereitet dem Management von Rick’s keine Sorgen. Im Gegenteil: Im gerade abgelaufenen dritten Quartal (endete zum 30. Juni) wuchs der Umsatz, ohne die vielen Zukäufe eingerechnet, um acht Prozent. Inklusive der Akquisitionen schoss der Umsatz gar um 92 Prozent auf 15,89 Millionen Dollar. Vor dem Hintergrund der Konjunkturkrise ist das beachtlich!
Ich sprach kürzlich mit Vorstandschef Eric Langan. Er hatte auf einer Investorenkonferenz im New Yorker Princeton Club seine Strategie erläutert. Der Manager will seine kurvenreiche Kette zu einer bekannten Marke ausbauen. So wie Nike für Sportschuhe oder Budweiser für Bier steht, so soll Rick’s Club für das Amüsement von Gentlemen stehen. Langan sagte mir: „Es ist ein seltenes Geschäftsmodell. Die Hälfte unseres Umsatzes erzielen wir mit Servicegebühren etwa mit der privaten Raumrente oder dem Eintrittspreis. 37 Prozent bringen die Getränke, zehn Prozent das Essen.“ In den vergangenen fünf Jahren schraubte sich der Umsatz im Schnitt um 48,4 Prozent jährlich nach oben. In der gleichen Zeit zog der Gewinn je Aktie um 45,8 Prozent per annum an. Im Geschäftsjahr 2006/07, das am 30. September endete, gingen 32 Millionen Dollar Umsatz durch die Bücher. Netto blieben 3,055 Millionen hängen. Mit 9,5 Prozent fällt die Nettoumsatzrendite knackig aus. „Wir verkaufen das Bier für elf Dollar und kaufen es für 68 Cent ein“, freut sich Langan über die hübschen Margen. Das Geschäft mit jungen schönen Tänzerinnen kommt immer stärker in Schwung: Im ersten Quartal stieg der Umsatz auf 10,95 Millionen Dollar. Unterm Strich klingelten 1,78 Millionen in der Kasse, plus 405 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreswert. Die Rekorde setzen sich fort: Im zweiten Quartal überschreitet der Umsatz erstmals die 15-Millionen-Dollar-Marke. Die starken Zuwächse sind vor allem auf die Einkaufstour der Texaner zurückzuführen. Überall im Land, wo Langan einen Konkurrenten zu einem vernünftigen Preis schlucken kann, schnappt er zu. Er möchte in allen Metropolen der USA vertreten sein.
Am 18. April meldete er die Übernahme des Konkurrenten Scores-Las Vegas für 21 Millionen Dollar. „Scores-Las Vegas ist ganz klar einer der besten Gentlemenklubs in den USA. Mit dieser Transaktion bleiben wir unserem Ziel treu, nicht mehr als drei bis fünf Mal den operativen Profit vor Zinsen und Steuern zu zahlen (Ebitda)“, verkündete der Lenker nach dem Deal. Mindestens 18,5 Millionen Umsatz und vier Millionen Dollar operativer Gewinn soll das neue Objekt abwerfen. Vier Tage zuvor hatte Rick’s in Dallas zugeschlagen und den Deal mit dem „The Executive Club“ für 9,5 Millionen Dollar in trockene Tücher gebracht. Im September nahmen sie Tootsie’s in Florida unter ihre Fittiche. Tootsie’s setzt auf 4366 Quadratmetern 18,8 Millionen Dollar um, der operative Gewinn ist mit 8,8 Millionen beziehungsweise einer Marge von 46,8 Prozent gigantisch. Tootsie’s war die bislang größte Transaktion.
Die 3800 Nachtklubs sind auf dem amerikanischen Markt in den Händen von vielen Eigentümern, meistens handelt es sich um traditionsreiche Familienbetriebe. Die neun größten Ketten beherrschen gerade einmal vier Prozent des Marktes. Für Stadtverwaltungen ist Rick’s indes ein bevorzugter Partner. Denn dann können die Stadtoberen sicher sein, dass der neue Eigentümer brav seine Steuern zahlt und auf seine Reputation als Nasdaq-Konzern achtet. Um Striptease-Lokalitäten betreiben zu können, sind in den USA spezielle Lizenzen nötig. Neue Zulassungen zu bekommen, ist äußerst schwierig, nahezu ausgeschlossen. Daher ist die Konkurrenz begrenzt.
Seit 2003 lief die Aktie steil nach oben: Von etwa einem Dollar auf über 25 Dollar. Jedoch kam die Aktie in den vergangenen Monaten im Zuge der Börsenkorrektur unter Druck. So verkaufte gerade ein großer Hedgefonds seinen restlichen Anteil von einer Million Stück in einen schwachen Markt hinein. Das sagte mir ein Sprecher. Kein Wunder, dass die Notiz einbrach auf aktuell 15,82 Dollar. Für mich ist dieses Kursniveau attraktiv. Warum? Nun der Börsenwert beträgt lediglich 129 Millionen Dollar. Im Jahr 2009, wenn alle Übernahmen erstmals voll durch die Bücher laufen, erwartet Langan mindestens 100 Millionen Dollar Umsatz und 2,00 Dollar Gewinn je Aktie. Hält der Vorstand Wort, beträgt das Kurs-/Gewinnverhältnis nur acht. Und bedenken Sie, dass das Unternehmen eine phantastische Marge verdient. Das Management kann den Preis für die Getränke durchaus um einen Dollar anheben. Und die Gäste würden trotzdem kommen. Der eine Dollar mehr würde in dner Erfolgsrechnung direkt in das Ergebnis vor Steuern fließen. Nur wenige Firmen sind in der Lage, die Preise ohne Konkurrenzdruck erhöhen zu können.
Etliche der jungen Animateure sind „Penthouse Pets“ oder „Playboy Playmates“ geworden. Das berühmte US-Model Anna Nicole Smith war einst Tänzerin in Houston und traf dort ihren späteren Gatten, den Öl-Milliardär J. Howard Marshall. Die Vergnügungstempel sind edel ausgestattet, sie richten sich in erster Linie an vermögende Kunden. Auf der Speisekarte in der New Yorker Filiale stehen beispielsweise „Prime Porterhouse Steaks“ für 58 Dollar oder südafrikanischer Hummer für 78 Dollar. Ein Prämium-Teller mit Hummer und Steak kostet 82 Dollar.


tim schaefer (Author)

drucken


Gedanken zu „Schlüpfrige Dollars

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

bitte lösen Sie diese einfache Aufgabe (Spamschutz) *