Scheißkerl, atomarer Holocaust, Auftragsmörder


New York, 26. Januar 2013

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Ich bin für einen fairen, ehrlichen, transparenten Kapitalmarkt. Unsere Banken sind sehr wichtig für das Wohlergehen der Wirtschaft und der Menschen.
Ich frage mich, wenn es zu Betrugsfällen in den Banken kommt, warum niemand von den Bankkollegen sagt: „Stop! Bis hierhin und nicht weiter.“ Ich frage mich, warum niemand zum Chef geht und sagt: „Moment mal, hier läuft eine ganz große Sauerei ab.“
Eine Sauerei geschah bei Morgan Stanley. Kurz bevor die Immobilienblase im Frühjahr 2007 platzte, verkaufte die New Yorker Investmentbank an eine chinesische Bank strukturierte Hypothekenpapiere, sogenannte CDOs. Es handelte sich um Giftpapiere. Die Verpackung war toll, aber dahinter verbarg sich Dreck.
Wie aus Gerichtsdokumenten hervorgeht, machten sich die Bankmitarbeiter intern in eMails über das Giftpaket lustig. Sie witzelten, nannten das Produkt „Nuclear Holocaust“ (atomarer Holocaust), „Mike Tysons Punchout“, „Hitman“ (Auftragsmörder), „Meltdown“ (Kernschmelze), „Shitbag“ (Scheißkerl) usw.
Der New Yorker Finanzjournalist Jesse Eisinger hat den unappetitlichen Fall zusammengefasst, der jetzt vor Gericht gelandet ist.
Aus den E-Mails geht hervor: Die CDO-Trader wussten sehr wohl, dass es sich um kein Qualitätsprodukt handelte. Das Produkt verlor fast 100 Prozent seines Werts nach dem Verkauf, obwohl es als erstklassig bewertet worden war. Gleichzeitig wettete Morgan Stanley gegen die eigenen Hypothekenpapiere.
Morgan Stanley kassierte also nicht nur Gebühren für das Zusammenstellen solcher Giftpapiere, sondern profitierte auch vom anschließenden Kursverfall.
Wir können nur hoffen, dass unsere Banken aus dieser Zeit eine Lehre gezogen haben.
Morgan Stanley ist nicht die einzige Bank, die sich schäbig verhalten hat. Es waren viele Player an diesem schmutzigen Geschäft beteiligt. Innerhalb der Teams bewunderten sich die Banker. Sie nannten sich „Dream Team“ oder „der fabulöse Fabrice“.
Die Deutsche Bank hat jetzt den Verkauf der umstrittenen CDOs fortgesetzt.
Was ich erstaunlich fand, war die Aussage von JP-Morgan-Chef Jamie Dimon auf einer Podiumsdiskussion in Deutschland: „Im Grunde sei er auch dafür, künftig keine Produkte ohne direkten Kundennutzen mehr zu entwickeln, sagt er.“ Warum Dimon erst jetzt darauf kommt. Schon merkwürdig.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Scheißkerl, atomarer Holocaust, Auftragsmörder

  1. willihope

    solange nicht die ganze hirachie bei betrug bezahlen muss wird sich auch nichts ändern! die können immer sagen „wir wussten von nichts“ und putzen sich damit ab.

    mitarbeiter die davon wussten – 3 jahre und berufsverbot
    abteilungsleiter – 3 jahre
    hauptabteilungsleiter – 5 jahre
    chef – 5 jahre

    denn wenn die leiter davon wussten dann müssen sie auch dafür den kopf hinhalten und wenn sie es nicht wussten dann ist es ihre schuld nicht für entsprechende aufsicht gesorgt zu haben.

    wetten sind ja ok solange es ihr eigenes risiko ist aber betrug ist einfach eine sauerei.
    der goldenen handschlag für die führungskräfte ist da keine abschreckung!

  2. Martin

    Sie haben ja anscheinend an eine andere Bank und nicht an Privatkunden verkauft. Wenn ein anderer Profi kauft, müsste es doch sein eigenes Problem sein. Oder hat Morgan Stanley das CDO Paket falsch dargestellt? Noch mehr können sich deutsche Steuerzahler aber über „Profis“ in Landesbanken ärgern.

    Ich glaube der Wert ist bei diesen synthetischen Produkten nicht mark to market sondern mark to model und der Käufer muss dann eben selbst wissen, was es wert sein könnte. In 2012 sind CDOs z.B. im Wert gestiegen.

  3. tim schaefertim schaefer

    @ willihope
    Ich bin für harte Strafen. Es sind Strukturen wie bei der Mafia herangereift. Goldman Sachs und Deutsche Bank haben mit ihren Giftpapieren Kunden wie die Deutsche Industriebank IKB in den Ruin getrieben. Der Steuerzahler musste für das Finanzchaos und die Weltwirtschaftskrise aufkommen. Banker haben den Liborzinssatz zum eigenen Vorteil jahrelang manipuliert. Es ist ziemlich heftig, was ablief. Erstaunlich: Kein Banker ist wegen dieser Betrügereien im Gefängnis gelandet.

    @ Martin
    Die Käufer in China und Europa wussten wenig über die CDO-Pakete. Die einzelnen Hypotheken, die zugrunde lagen, kannte nur der Verkäufer im Detail. Also in diesem Beispiel wusste nicht mal die Ratingagentur Bescheid. Morgan Stanley „schulte“ die Agentur, wie sie am besten das Rating erstellt. Schon ein Witz. Das wäre so, als wenn Du dem TÜV-Prüfer sagst, wie er Dein Auto zu untersuchen hat.
    Ich empfehle Michael Lewis Buch „The Big Short“ zu lesen.
    Darin geht es richtig zur Sache. Auf Seite 214 z.B. bezeichnet der CDO-Trader der Deutschen Bank die Kollegen von Morgan Stanley nach einem Streit alle als „Schwanzlutscher“. Vielen in den Giftküchen strichen Millionensummen (Boni plus Gehalt) ein. In den Gerichtsverfahren dient das Buch als Beweismittel.

  4. Martin

    Danke, das Buch werde ich mir mal anschauen.
    Wenn es keine Vergleichspreise gibt und also kein mark to market möglich ist und folglich auf mark to model zur Bewertung zurückgegriffen werden muss, kann man als Käufer einfach nicht dem Verkäufer sein Modell abnehmen. Das wäre ja wie an die Preisziele von an einem IPO beteiligten Banken für das jeweilige Wertpapier zu glauben 🙂

    Wenn Morgan Stanley nicht die Rohdaten zu den Krediten des CDO rausgibt, kann man nicht selbst bewerten und folglich nicht kaufen. Das kann man den Käufern schon vorwerfen. Moralisch war das von der Bank natürlich sehr unfein.

    Ich würde von einer Bank auch niemals 100% von einem Kreditpaket abkaufen, sondern fordern dass noch etwas vom Risiko in den Büchern der Bank bleibt. Allerdings bin ich kein Profi und die Banker wissen ja alles besser. Im Normalfall sind Bankkredite ähnlich wie Anleihen verzinst, aber mit viel besseren Covenants und Vorrangigkeit ausgestattet. An sich kann ich es deshalb als Kleinanleher nachvollziehen, dass man solche Papiere kaufen möchte.

  5. ZaVodou

    Die Käufer haben auf das Rating vertraut. Mich wundert es nur, dass es die ganzen Ratingagenturen überhaupt noch gibt. Die haben ja wohl vollkommen versagt, dürfen aber nach wie vor ihre „“Siegel“ vergeben und Geld dafür kassieren.

  6. Markus

    Tja, ich würde es auch unter den Nachteilen der Virtualisierung der Gesellschaft einreihen.

    Die Hemmschwelle und die Konzentriertheit sinkt bei den Menschen. Es ist zwar wesentlich leichter geworden Wertpapiere zu handeln, aber das Denken darüber hat abgenommen. Spätestens wenn dann noch Versprechen von hohen Renditen dazu kommen setzt bei vielen die Vernunft aus. Es ist keine Seltenheit, dass Urlaube besser geplant werden als die Vermögensbildung.

    Sicherlich ist die Bankbranche mit Ihren Bankverkäufern (Berater kann man sie ja beim besten Willen nicht nennen) auch kein Unschuldslamm.

    Die Politik selber hat aber auch sehr großartig versagt indem man jahrzehntelang die goldene Regel mit „weniger Ausgeben als man Einnimmt“ verstoßen hat.

    Ob die defizitäre Krise wirklich schon gelöst ist? Mit welchen Konzepten denn? Buffett hat ja auch ein nicht geringes Eigeninteresse daran, die Krise für beendet zu erklären.

  7. willihope

    nein man kann als käufer ja nicht (bei tausenden von krediten in einem cdo) bei den kreditnehmern auftauchen und bei jedem die finanzen überprüfen!

    natürlich wurden die produkte nachgefragt sonst wären sie ja garnicht entstanden aber bei betrug funktioniert kein markt! desswegen müsste man da ja auch durchgreifen!

    aber ohne die banken könnten unsere lieben, nicht haftenden volksvertreter und beamten nicht mehr zocken wie die irren!

    http://de.wikipedia.org/wiki/Salzburger_Spekulationsskandal

    das sind steuergelder! wasser predigen aber selber wein trinken, so siehts aus auf der ganzen welt.

    es bleibt alles wie es ist – nur schlimmer.

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