Sanierungsfälle: Hölle oder Paradies?


New York, 13. Oktober 2012

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Lieber Leser,
heute habe ich für Sie einen wirklichen Aufreger aufbereitet. Also steigen wir gleich in die Materie ein. Ins Visier nehmen Value-Jäger gerne Sanierungsfälle. Warren Buffett hat einige von ihnen in seiner Karriere aufgelesen. Angeschlagene Firmen, die um den Fortbestand kämpften. Die Textilfirma Berkshire Hathaway war so ein Krisenfall oder der Wäschehersteller „Fruit of the Loom“. All die angeschlagenen Zeitungsfirmen, die Buffett derzeit einsammelt, gehören in diese Kategorie. Diese Zigarettenstummel sind weit abgebrannt. Sie kriegen diese gefallenen Engel oft weit unter Buchwert.
Das Gute an den Sanierungsfällen ist: Die Herde interessiert sich für die abgebrannten Papierchen nicht die Bohne. Die Herde denkt so: „Oh, die Aktie läuft und läuft, jetzt für 100 Dollar ist das ja toll, nachdem der Kurs sich verfünffacht hat.“ Wenn aber das gleiche Papier bei 2 Dollar notiert, juckt das keinen innerhalb der Meute.
Dann schlägt die Stunde der Müllsammler. Hier kann schon mal ein Diamant im Dreck liegen. Aber es ist verdammt riskant. Nicht jeder abgestürzte Titel schafft es, zu überleben.
Die beiden Hedgefonds-Star George Soros und John Paulson mögen abgestürzte Aktien. Paulson hat sich bei Hewlett-Packard im großen Stil eingedeckt. Ebenfalls riss sich Seth Klarman bei dem strauchelnden HP-Giganten ein großes Aktienpaket unter den Nagel. Klarman macht im Schnitt mit seinem Hedgefonds 20 Prozent Rendite im Jahr – und das seit Jahrzehnten. Der Mann versteht was vom Geschäft. Ob er bei Hewlett-Packard richtig liegt? Ich weiß es nicht. Es wird sich zeigen. Diese Stars machen auch Fehler. Das ist Teil des Geschäfts.
George Soros sammelte zum Beispiel die Investmentbank Lehman Brothers ein – kurz bevor sie pleite ging und das gesamte Finanzsystem zu beben begann. Soros verlor unglaublich viel Geld mit Lehman.
Auf dem deutschen Kurszettel gibt es derzeit jede Menge abgestürzte Titel. Ich nenne Ihnen ein paar Beispiele: Der Küchenhersteller Alno (horrende Schulden, rote Zahlen), die Baumarktkette Praktiker (Schulden, aggressive Preisstrategie führte ins Desaster), der Solarzellenhersteller Solarworld (hohe Schulden, Preiskampf), die Commerzbank (zu wenig Eigenkapital)… Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Die Kunst besteht darin, die richtigen Katastrophenpapiere zu finden, die später den Turnaround schaffen. Das IT-Erfolgswunder Apple rang mehrfach ums Überleben, der Sportartikelkonzern Puma landete schon mal selbst an der Börse auf dem Ramschtisch.
Fast alle erfolgreichen Minenbetriebe gehörten einstmals dem Reich der Pennystocks an. Der australische Eisenerzproduzent Fortescue Metals (der viertgrößte der Welt) kostete mal 2 oder 3 Cent. Jetzt ist das Unternehmen zwölf Milliarden Dollar wert. Die beiden Fortescue-Gründer Nathan Tinkler und Andrew Forrest wurden dank ihrer Aktienpakete superreich. Trinkler (36) arbeitete noch vor ein paar Jahren in einfachsten Verhältnissen als Elektriker, nun ist er Milliardär. Ein Durchschnittsanleger, der bei Fortescue Mut hatte, hätte locker ein paar Millionen verdienen können.
Es gibt viele Pennystocks, die es geschafft haben. Ich nennen Ihnen hier ein paar weitere Beispiele:
CTS Eventim, der deusche Ticketvermarkter und Konzertveranstalter, kam wie Phönix aus der Asche.
Mit dem Generika-Hersteller Mylan hätten Sie kräftig abräumen können.
Der Softwarehersteller Concur Technologies aus Redmond hat einen schönen Lauf gehabt. Im Endeffekt symbolisiert so ein Chart einen Sechser im Lotto.
Der Energydrink-Hersteller Monster dümpelte jahrelang im Pfennig-Reich. Jetzt ist das Ding zehn Milliarden Dollar wert.
Die „Huffington Post“ hat mal eine beeindruckende Liste mit den besten Aktien-Raketen zusammengestellt.
Was lernen wir daraus? Es ist möglich, mit diesen Billigaktien unglaublich viel zu verdienen. Aber freilich wird es für die meisten Anleger immer ein Traum bleiben. Mehr als 99 Prozent werden mit solchen Zocks scheitern. Sie scheitern am Sanierungskonzept, an den Gläubigern, an schlechten Managern usw. Manchmal scheitern die Aktionäre an sich selbst, wenn sie die Geduld verlieren. Wer kein gutes Nervenkostüm hat, lässt besser die Finger weg. Sie müssen akzeptieren, dass es zu einem Totalverlust kommen kann. Dieses Risiko dürfen Sie nie ausblenden. Man muss auch den Mut haben, dass Rauf und Runter eines solchen Titels mitzumachen.
Es ist wie beim Pokerspiel. Alles oder nichts.
Zwei Aspekte können Ihnen helfen:
Erstens ist es ein gutes Signal, wenn die Insider beginnen, wie verrückt bei einem Sanierungsfall Aktien zuzukaufen. Wenn vom Management große Pakete aufgekauft werden, sollten Sie das positiv zur Kenntnis nehmen.
Zweitens sind gute Führungskräfte von großer Bedeutung. Wenn sich Manager mit einem großen Erfahrungsschatz engagieren, kann das erfolgsversprechend sein. Eine Garantie für eine erfolgreiche Sanierung gibt es jedoch nie.
Besonders müssen Sie vor Pump-and-Dump-Geschichten aufpassen. Diese gibt es massenhaft. Wie gehen die Betrüger vor? Unseriöse Zeitgenossen treiben wertlose Aktien mit falschen Meldungen in die Höhe, nur um sie anschließend an ahnungslose Börsianer teuer verkaufen zu können. Nach dem Motto: Erst aufblasen, dann fallen lassen.
Fazit: Konzentrieren Sich sich am besten auf große erfolgreiche Konzerne aus dem DAX, Dow Jones oder S&P 500. Wer Spass an Turnarounds und Pennystocks hat, muss verdammt aufpassen. Auch hier ist übrigens Geduld gefragt. Eine Sanierung nimmt in der Regel Jahre in Anspruch.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Sanierungsfälle: Hölle oder Paradies?

  1. Michael C. Kissig

    „Nur, weil eine Aktie fällt, heißt das nicht, dass sie nicht noch weiter fallen kann“, mahnt Peter Lynch. Und Recht hat er, denn Risiken gibt es bei Penny-Stocks zuhauf: die Volatitlität ist enorm, die Spreads ebenso. Wenn eine IBM ein paar Cents schwankt, bedeutet das für die Atie wenig, wenn sich aber ein Penny-Stock von 8 auf 10 oder 5 Cents bewegt, sind das prozentual enorme Veränderungen. Daher eignen sie sich ja auch so gut für Manipulatoren, die sie massenhaft einsammeln, um sie danach zu pushen und in die steigenden Kurse wieder zu verkaufen.

    Die meisten Penny-Stocks sind Unternehmen, die zuvor mal „nomal“ waren und einfach ihren Geschäften nachgingen. Meistens sogar erfolgreich. Doch dann erfolgte der Absturz und das Interesse der Marktteilnehmer erlahmte – Tim hat das sehr gut beschrieben. Und der abgestürtze Aktienkurs verleitet viele, diese Aktien zu kaufen, getreu dem Motto, dass man nun das für 50 Cents kaufen kann, was vor einiger Zeit noch 1 Dollar Wert war. Aber diese Ansicht ist trügerisch, denn sie impliziert, dass sich der Wert des Unternehmens nicht verändert hätte, sondern nur sein Kurs. Das ist aber selten der Fall, meistens haben sich graviernde Änderungen ergeben, die den Aktienkurs dann haben bstützen lassen. Und die muss man berücksichtigen, wenn man in „gefallene Engel“ einsteigen will. Eine HP, eine RIM, eine Facebook sind nicht dann billig, wenn ihr Aktienkurs um 50% oder 80% gefallen ist, sondern nur dann, wenn der Aktienkurs deutlich unter dem inneren (fairen) Wert der Aktie notiert. Und das kann bei 1.000 Dollar oder bei 10 Cents der Fall sein.

    Das Risiko bei abgestürzten Titeln ist enorm und wenn man sie kauft, muss man von Anfang an einen sehr langen Atem mitbringen. Und man sollte nur kleine Positionen eingehen, als Depotbeimischung. Ob eine Turnaround-Spekuation als Value-Investment taugt, habe ich kürzlich hier ausführlicher beleuchtet.

  2. Frank

    Hallo,
    meine persönliche Turnaroundstory ist aktuell Wacker Chemie. Bin bei 60 Euro eingestiegen, steht jetzt bei 47 Euro.
    Niedergeprügelt wegen Solarstory, aber (hoffentlich) zu Unrecht in Sippenhaft genommen.Erfahrenes Management und in Familienbesitz.
    Schau mer mal.
    Frank

  3. tim schaefertim schaefer

    @ Michael C. Kissig

    Sehr guter Kommentar. Danke.

    Klar, es kommt immer auf die Marktkapitalisierung und den inneren Wert an.

    Den inneren Wert „richtig“ zu ermitteln, das ist eben die schwierige Frage.

    Noch was zu dem Thema:
    In Australien gibt es viele Unternehmen, die notieren im Cent-Bereich. Sie sind jedoch große, erfolgreiche Konzerne. Das ist in Australien Usus. Insofern muss man in der Tat aufpassen und die ausstehende Aktienstückzahl mit dem Kurs multiplizieren, um zum Börsenwert zu gelangen. Rein vom Aktienkurs sollte man nie ausgehen.

    VG

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