Qualität ist nie billig: Buffett kauft oft nahe am Allzeithoch


New York, 20. Dezember 2011

Auf dem Börsenparkett fliegen mal wieder die Fetzen. Im Sinkflug befinden sich DAX, Dow Jones und Konsorten. Das deutsche Barometer liegt nun bei 5.670 Zählern, der Dow Jones bei 11.810. Besonders heftig hat es die Finanzdienstleister erwischt. Bank of America ist unter die psychologisch wichtige Marke von fünf Dollar gefallen. Die Commerzbank nähert sich in Siebenmeilenstiefeln der 1,00-Euro-Zone, aktuell kostet das gelbe Papierchen 1,26 Euro. Was tun? Grundsätzlich ist die Zeit natürlich ideal für Schnäppchenjäger – mit Geduld. Bei den Banken habe ich mich völlig verschätzt. Dass es derart in den Keller geht, hätte ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen können. Das zeigt mir mal wieder, wie wichtig es ist zu streuen und nicht alles auf ein Pferd zu setzen.
Ich gebe zu: Value Investing ist verdammt schwer. Diese Anlagephilosophie erfolgreich umzusetzen, gleicht einem Kunststück. Es klingt alles so einfach, ist es aber nicht. Problem sind unsere Gefühle. Eine Bekannte sagte mir gestern, sie werde nie mehr eine Aktie kaufen. Sie hat die Nase voll. Dabei war sie immer Feuer und Flamme für das Aktiensparen. Jetzt die Flinte ins Korn zu werfen, ist wohl ein falscher Zeitpunkt. Wenigstens verkauft sie keine Positionen, das finde ich super.
Ein weiterer Knackpunkt: Wir handeln grundsätzlich mit dem Trend. Wir folgen unseren Freunden, den Familienmitgliedern, den Nachbarn. Wir tun am liebsten, was alle machen. Wenn alle die Deutsche Telekom zeichnen, dann muss ich natürlich auch mit dabei sein, denken wir uns.
Ein anderes Problem ist, was uns vom Value Investing abhält: Es gehört verdammt viel Mut dazu, wenn alle die Nerven verloren haben, wenn blanke Panik herrscht, einzusteigen. Übrigens von einer Panik am Markt derzeit zu sprechen, wäre verfrüht. Wir sind weit davon entfernt.
Wie weit? Eine Panik hatten wir Anfang 2009, als der Dow Jones und DAX auf 6.547 beziehungsweise 3.666 abgestürzt waren. Verglichen mit den aktuellen Wasserständen würde dies bedeuten, die Indizes müssten mindestens ein weiteres Drittel einstürzen. Ich rechne nicht damit. Aber an der Börse ist grundsätzlich alles möglich, und zwar in beide Richtungen.
Es gibt erstaunlicherweise Aktien, die unter der Krise kaum gelitten haben. Darunter sind vor allem die Konsumwerte. Procter & Gamble ist beispielsweise ein Fels in der Brandung. Der Langfrist-Chart ist der helle Wahnsinn im Vergleich zum Dow Jones.
Komischerweise laufen Kosmetikfirmen und Luxusmarken wie verrückt. Von Krise keine Spur. Ich hatte dazu im Oktober für die „Euro am Sonntag“ einen Artikel verfasst. Spannend finde ich, dass gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten die Frauen immer mehr Lippenstifte kaufen. Vermutlich, weil sie sich besser fühlen wollen, als die Lage es eigentlich zulässt. Und so ein guter Lippenstift kostet wohl um die 30 Dollar. Daher hat die Familie Lauder, der gleichnamigen New Yorker Kosmetikfirma Estee Lauder den Lippenstift-Index entwickelt. Ganz nach dem Motto: Je schlimmer die Lage, desto besser läuft das Geschäft.
Irgendwo las ich, dass Chanel alle 30 Sekunden eine Parfümflasche „Chanel No. 5“ verkauft. Das ist wohlgemerkt nur ein Artikel von vielen im Produktportfolio. Ich weiß nicht, ob diese Zahl stimmt. Jedenfalls, wenn man sich überlegt, welche Margen sich hinter solchen Luxus-Artikeln verbergen, wird klar, warum es den Kosmetikfirmen so gut geht.
Was läuft noch? Lebensmittelmärkte wie Costco oder Wal-Mart, Billigketten wie 99 Cents Only Stores. Ebenfalls ist beeindruckend wie sich Wal-Mart gegenüber dem Dow entwickelt hat seit den 70er Jahren. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Kurzum: Luxus und Ramschware laufen immer.
Wenn Sie sich mal die Deals von Warren Buffett anschauen, so fällt auf, dass er oftmals nahe des Allzeithochs einsteigt. Er scheut vor hohen Kursen nicht zurück. Ganz im Gegenteil. So übernahm er den Spezialchemiekonzern Lubrizol im März 2011 sogar mit einer fetten Prämie. Ähnlich lief das bei seinem Einstieg bei IBM. Trotzdem kauft der Altmeister immer dann, wenn die Masse gerade aus den Aktien stürmt. Qualität hat eben immer ihren Preis, selbst in Abwärtsphasen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Qualität ist nie billig: Buffett kauft oft nahe am Allzeithoch

  1. willihope

    also bei walmart hätte man seit 2000 nix verdient und bei procter & gamble auch seit 5 jahren nix, gut zumindest kein geld verlohren und etwas dividende.
    also zu ibm fehlt mir jedes verständnis, kbv von 7 und kgv von über 13 macht laut grahams formel (kbv * kgv < 22) überhaupt keinen rechten sinn? und schnelle rechner könne alle bauen, ibm macht vermutlich im service die kohle. ob das so eine zukunft hat? keine ahnung, mir wäre das eben nicht nachhaltig genug und viel zu teuer. kenne allerdings buffets gedanken nicht und die ändern sich ja wie wir sehen. als junger hatte er keine so freude mit hohen steuern und jetzt kann es garnicht genug sein! vermutlich ist ihm die endlichkeit des lebens bewusst geworden.

  2. Reinhard

    Hallo Tim,

    die Langfristcharts, die Sie zeigen, sind wirklich beeindruckend. Den großen Anstieg haben diese Aktien alle in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts erlebt. Seither laufen sie, wie der vorherige Kommentar schon bemerkt, lediglich seitwärts. Das freilich ist weit besser als all die „Fahnenstangen“-Charts, die sonst so zu sehen sind.
    Aber auch mit Value-Aktien war in den letzten 10 jahren nicht viel Rendite zu machen. Mit einem Wert hatte ich dennoch eine Verdreifachung und zwar mit McDonalds. Dafür bin ich mit anderen richtig abgestürzt; Beispiel gefällig: citigroup -80%.
    Unter Strich bleibt deshalb nicht allzu viel. Wahrscheinlich wäre ich mit einem Sparkassenbrief auch ungefähr dort, wo ich jetzt mit meinem Aktiendepot bin.
    Das hätte mir sicherlich viel Nerven erspart, aber auch viele Lerngelehenheiten genommen.

    Wenn man nicht Interesse, Spaß beim Investieren und gute Nerven und überschüssiges Geld hat, sollte man es eher lassen, denke ich.

  3. tim schaefertim schaefer

    @ willihope
    Buffett wendet die strikten Wertpapier-Analysen nach der Graham-Theorie gar nicht mehr an. Buffett misst den Firmen höhere innere Werte zu, als die Börse ihnen zutraut. Und so erkennt Buffett eine Sicherheitsmarge (Margin of Safety).

    Das strikte Auswählen von Aktien nach dem KBV zum Beispiel macht Buffett ja im Grunde gar nicht. Das KBV von IBM beträgt 9,7. Sprich der IT-Konzern ist das 10-fache des Eigenkapitals an der Börse wert. Graham würde das Papier wohl nicht anfassen.

    Ich glaube, dass Buffett nur reinste Qualität will. Sprich starke Produkte, starke Perspektiven. Buffetts Partner Charlie Munger brachte ihn in einer frühen Phase davon ab, nur nach billigen Aktien Ausschau zu halten. Schief ging ja das erste Investment in die Textilfirma Berkshire Hathaway. Die Textilfirma war zwar billig (KBV), machte aber nur Verluste, das Geschäft schrumpfte, die Konkurrenz war übermächtig. Insofern bringt die reine Billig-Strategie nichts. Wenn eine Aktie extrem günstig ist, hat das immer seinen Grund.

  4. tim schaefertim schaefer

    Hi Reinhard,

    ja klar. Die letzten zehn Jahre waren nicht der Renner. Sie haben vollkommen Recht. Enttäuscht sind sicherlich viele Anleger. Wie Sie sagen, wer an der Börse sein Geld anlegen möchte, dem sollte es Spass machen. Zur Not müssen wir damit leben, wenn es schief geht.
    Wer mehrere Jahrzehnte Zeit hat, dann sollte es doch durchaus laufen. Der DAX läuft ja langfristig gar nicht so schlecht. Mitte der 1980er Jahre lag der DAX bei 1.000 Punkten. Heute steht der Index bei knapp 6.000. So übel ist das nicht. Jedenfalls besser als das Sparbuch.

  5. willihope

    darum schrieb ich kbv & kgv! also ob er „reinste“ qualität ausgerechnet in der edv-branche findet? ich sehe bei einem kbv von über 9 keine wirkliche sicherheitsmarge bei ibm, sollten dann noch probleme (verlusste) auftreten gehts schnell bergab.
    ich werde auf alle fälle ein auge darauf haben, selber fasse ich so eine glühende aktie nicht an. (und auch keine microsoft, dell, oracle, hp und wie sie alle heissen.)
    🙂

  6. tim schaefertim schaefer

    Hi willihope, ich verstehe Ihre kritische Distanz bei IBM. Das KBV ist in der Tat teuer. Aber ich finde ein KGV ist mit 14 bei IBM akzeptabel. Auf den Buchwert sollten wir durchaus blicken, aber es ist nicht die einzige Kennziffer.

  7. willihope

    die ertragsstärke zählt auch, das ist klar. wie würde graham aber sagen, wenn man das kbv mit 9 bewertet würde es sein als wäre gar keines vorhanden!

    ich muss aber zugeben ich habe mir die gedanken von buffet zu ibm noch nicht durchgelesen, falls sie im geschäftsbericht stehen werde ich das auch irgendwann tun. auch den deal mit byd habe ich noch nicht nachgelesen, ein autobauer? ein chinese noch dazu? die bauen doch nur billig nach und können selber nichts entwickeln? sowas sieht er heute als nachhaltig an? bmw, vw, mercedes, renault, nissan, gm und und und, weltmarktführer die die zukunft gestalten, und jetzt ausgerechnet ein chinese!?
    auf die begründung bin ich echt schon neugierig! 🙂
    wo ist da der burggraben, wo ist der marktführer?

    naja man wird sehen was er sich dabei dachte.

  8. tim schaefertim schaefer

    Hi willihope
    BYD macht wirklich keinen Sinn. Ein komischer Deal, da gebe ich ihnen Recht. Ja die machen Autos und Autobatterien.
    Es war ein Deal von Charly Munger. Warren Buffett stimmte freilich zu. Wie kam Munger auf die Idee mit BYD? Ein enger Vertrauter gab Munger den Tip. Munger war begeistertert und überzeugte Buffett. Bei BYD gab es auch schon seltsame Nachrichten von Raubkopien etc.

  9. Michael C. Kissig

    Der IBM-Deal ist ein typischer Buffet-Deal. Er setzt auf verschiedene Aspekte, die IBM durchaus erfüllt.

    1. Der Wert ist große genug, dass Berkshire Hathaway überhaupt signifikante Anteile erwerben kann. Dies sollte man nicht übersehen, denn Buffett kann gar nicht mehr in kleine und mittlere Werte investieren, da eine seine Grundmaximen ist, sich auf die besten Werte zu konzentrieren und nicht zu sehr zu diversifizieren.

    2. Buffett achtet darauf, ob das Unternehmen eine Art Festungswall hat. Also ein Geschäftsmodell, dass andere nicht so leicht kopieren und preislich unterbieten können. IBM hat viele feste Kundenbeziehungen und aufgrund der Produkte können sich die Kunden nicht mal eben so lösen. Dies sind dauerhafte und langlebige Kundenbeziehungen, die für dauerhafte Einnahmen bei Wartung und Support führen.

    3. Erträge. Buffet liebt hohe, vor allem aber stetige Erträge. Und IBM liefert diese seit Jahren konsequent bei seinen Investoren ab.

    Buffet selbst führte zum Verhältnis Buchwert/Erträge 1995 aus: “Der Buchwert ist nicht bedeutend. Für uns (bei Berkshire Hathaway) ist es viel wichtiger, hohe Erträge auf das eingesetzte Kapital zu erwirtschaften”.

    Genau dies bezweckt er mit seinem Engagement bei IBM und das dürfte ihm auch gelingen.

  10. Folkert

    Ich kann den IBM-Deal auch gut nachvollziehen. IBM erwirtschaftet seit Jahren hohe Kapitalrenditen und ist die Coca Cola der Technologie-Konzerne. Außerdem sind hohe KBVs bei Softwarekonzernen völlig normal. Die Assets stecken in den Köpfen der Mitarbeiter.

  11. tim schaefertim schaefer

    Hallo Herr Kissig,

    sehr guter Kommentar. Ich finde Ihre 3 Punkte zutreffend. Ihr kleiner Beitrag ist eine Bereicherung für meinen Blog. Danke dafür!

    Einen Zusatz habe ich noch, was wohl die wenigsten wissen. IBM ist ein unglaubliches Dividenden-Papier. Der Konzern zahlt seit 1913 (!) unentwegt Dividenden. Da waren 2 Weltwirtschaftskrisen und 2 Weltkriege dazwischen, und trotzdem sprudelt das Cash zurück an die Aktionäre. Das ist der helle Wahnsinn. Mehr finden Sie hier auf der Website von IBM zur Dividende (PDF):

    http://www.ibm.com/investor/pdf/ibm_ir_dividends_2010.pdf

  12. tim schaefertim schaefer

    @ Folkert, ich finde Ihren CocaCola-IBM-Vergleich witzig und gut.

    Ja, klar. Beide Konzerne sind stark, die Kunden lieben die Produkte bzw. Dienstleistungen. Beide Giganten sind Marktführer und praktisch kaum angreifbar.

    Und wie Sie zu Recht sagen: Der wahre Wert steckt in den Köpfen der Mitarbeiter.

    PS: Sie sollten mal wieder Ihren Blog aktualisieren. Ich finde Ihr Aktien-Tagebuch.dek ist spannend geschrieben. Sie haben Ihre Value-Strategie exzellent erklärt.

  13. willihope

    Weil ich heute mal darüber gestolpert bin, Buffet kaufte IBM für 10,7 Milliarden und hielt 64 Millionen Shares, macht runde 167.- USD pro Stück.

    Wenn man dem Link glauben darf:

     

    http://money.cnn.com/2011/11/14/news/companies/buffett_ibm/index.htm

     

    Heute steht IBM auf 160.- USD, also mehr oder weniger nix in 4 Jahren, ob sich das Oracle das so vorgestellt hat?

     

    Zeigt aber eines, niemand ist unfehlbar und desshalb muss man seine Entscheidungen mehrmals überdenken! Ausser man ist Milliardär, dann spielt es keine Rolle denn man kanns sowieso nie wieder ausgeben. 🙂

     

     

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