Privatanleger an der Börse: Ein Kampf gegen Windmühlen


New York, 21. Januar 2014

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Privatanleger verdienen an der Börse lausige Renditen. Sie wären eigentlich in der Lage verdammt gut abschneiden zu können. Gegenüber Profis haben Hobbyanleger nämlich etliche Vorteile: Die Konsumenten brauchen auf niemanden Rücksicht nehmen. Sie können eine Engelsgeduld entwickeln, sie brauchen nicht traden. Sie können eine Flaute aussitzen. Sie sind nicht auf das Geld anderer Menschen angewiesen, sondern können frei über ihre eigenen Geldflüsse verfügen.
Aber Hobbybörsianer nutzen häufig nicht ihre Vorzüge. Ein typischer Fehler ist, dass sie mit der Strömung schwimmen. Ist die Stimmung bei einem Unternehmen super, kaufen sie die Aktie. Dabei wäre es ratsam gegen den Strom zu schwimmen. In der Krise, während eines Skandals, nach einer Gewinnwarnung können Anleger günstig einsteigen. Solche Phasen sind Kaufchancen und eher keine Verkaufssignale.
Das Traden ist ein anderes Problem. Der Privatanleger glaubt, schlauer als die Profis zu sein. Dabei sitzen Vollblutprofis am anderen Ende des Spieltisches. Die Insider freuen sich über jeden Privatanleger, der unerfahren und unwissend auf das Börsenparkett kommt. Diese Selbstüberschätzung der Kleinanleger ist deren größter Feind.
Im Endeffekt ist es ja so, als ob ein Hobbygolfspieler gegen Tiger Woods antritt und sich dabei noch Chancen ausrechnet. Stellen Sie sich vor, Sie spielen gegen den ehemaligen Schachweltmeister Garry Kasparov eine Partie. Sie werden blitzschnell einpacken müssen. Ein Sieg gegen so jemand ist ein Traum, der wohl nie in Erfüllung geht.
Genauso müssen Sie sich das Börsenparkett vorstellen. Wer hier tradet, tritt gegen Menschen und Maschinen an, die mehr wissen. Die Wahrscheinlichkeiten spielen gegen einen. Das ist im Kasino genauso. Dort hat man einfach schlechte Karten. Das ist einfach so.
Privatanleger achten zu sehr auf brandaktuelle Ereignisse. Auf die Quartalszahlen, Monatsberichte, Führungswechsel, Gewinnwarnungen, Tagesmeldungen. Dabei sind mittel- und langfristige Trends viel aussagekräftiger. Ein schlechtes Quartal hat mit einem historisch guten Geschäft wenig zu tun. Selbst die besten Erfolgsfirmen haben mal ein schwaches Jahr zu verkraften. Das kommt einfach vor.
Eine Kurshalbierung eines Unternehmens kann ein Geschenk für Langfristanleger sein. Es muss nicht eine Katastrophe sein. Fast jedes Unternehmen erlebt dramatische Kursabstürze.
Die Medien stürzen sich gerne auf kurzfristige negative Entwicklungen, langfristig solide Entwicklungen werden übersehen und selten geschildert.
Optimismus zahlt sich an der Börse aus, die Weltbörsen klettern seit Jahrhunderten. Allerdings bleiben wir von Rücksetzern und Krisen nie verschont.
Warren Buffett ist deshalb so erfolgreich, weil er mit den kritischen Phasen brillant umgehen kann. Er hat die Gabe, langfristig nach vorne zu blicken. Er kann das kurzfristige Desaster ausblenden. Buffett ist verdammt gut darin, die Unternehmen billig abzustauben. Später verzehnfachen und verhundertfachen sich seine Investments. Ein Deal nach dem nächsten kristallisiert sich bei ihm Jahrzehnte später als Volltreffer heraus.
Schauen Sie sich nur den Langfrist-Chart von Wells Fargo im Vergleich zur Citigroup, Bank of America und JP Morgan Chase an. Das sagt mehr als 1000 Worte.
BAC Total Return Price Chart

BAC Total Return Price data by YCharts

Buffett ist Großaktionär bei Wells Fargo, die kalifornischen Großbank gewährt mittlerweile jede dritte Hypothek in den USA. Seit 1988 legte die Aktie um mehr als 5.200 Prozent zu.
Buffetts Präzision im Ausleseprozess und Timing gleicht einem Wunder, wobei er selbstverständlich Flops erlitt. Die Geldkönige Peter Lynch, George Soros, Bill Miller, Carl Icahn und Buffett machen Fehler. Logo. Aus ihren Fehlern lernen sie. Buffett spricht offen darüber. Im Gegensatz dazu lernen Privatanleger kaum aus ihren Fehlern. Sie machen am liebsten den gleichen Käsekram: Sie kaufen zu teuer und verkaufen zu billig. Privatanleger laufen der Herde hinterher. Dieses Verhalten zahlt sich nicht aus.
Carl Icahn sagt über sein Erfolgsrezept: „Ich kaufe genau die Aktie, wovor mich jeder warnt.“ Wenn jeder verkauft, steigt Icahn ein.
Was zeigt uns der Erfolg von Icahn und Buffett? Es handelt es um Value Investing. Es handelt sich um die beste Investmentmethode. Es geht im Kern darum, konträr zu investieren. Wenn die Masse eine Branche hasst, greifen sie zu. Der Investmentstil wendet sich von der Herde ab. Interessiert sich die Herde für Soziale Medien, Regenerative Energien und Elektroautos, kauft Buffett etwas Uraltes: Den Ölgiganten Exxon Mobil.
Während Fondsmanager mit Vorständen zusammentreffen, verzichtet Buffett weitgehend darauf. Er liest lieber. Er liest Geschäftsberichte, Zeitungen, Bücher. Massenweise. Er saugt das Wissen wie ein Schwamm auf.
Buffett und Icahn wissen, die Vorstände sind nicht immer ehrlich. Sie stehen unter Druck, Aktionäre zu umgarnen. Gibt es intern Probleme, geben das die Vorstände ungern zu. Sie tendieren dazu, die Aussichten zu positiv zu skizzieren. Weil beim Unternehmen Interessenkonflikte vorliegen, meiden die beiden Genies eben solche Gespräche. Es würde sie vom Erfolgskurs abbringen. Reine Zeitverschwendung wäre das für sie.
Exakt diesen Vorteil haben die Privatanleger. Sie brauchen nicht Unternehmenslenker treffen. Erstaunlich ist doch, dass jeder Anleger die Strategie von Icahn und Buffett kopieren kann. Es geht ja nur um die generelle Vorgehensweise, niemand muss das Depot der Stars exakt nachbilden.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Privatanleger an der Börse: Ein Kampf gegen Windmühlen

  1. Tino

    Schöner Artikel Tim. Ich finde auch, dass der Privatanleger eigentlich der König im Aktiengeschäft gegenüber den institutionellen Anlegern ist. Das hat aus meiner Sicht viele Gründe.

    a) sein Universum von Aktien erstreckt sich vom MicroCap bis zum LargeCap. Er ist nicht an größere Marktkapitalisierungen gebunden, wie bspw. Buffett, der offen zugibt, dass er nicht mehr die historischen Renditen erzielen kann und hat auch gesagt, dass wenn man ihm eine Million in die Hand geben würden und er könnte frei im Markt agieren, er Renditen von bis zu 50% erzielen würde!

    b) wie Du schon geschrieben hast, er nicht an bestimmte Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkte gebunden ist (ausser Geld fehlt für Invest, oder er hat’s nötig) und kann in aller Seelenruhe Aktien beobachten, wo die Profis häufig z. B. von Kunden oder dem Vorgesetzten unter Druck gesetzt werden zu handeln. Buffett hat sich auch nicht von Investoren fehlleiten lassen, sondern steht ganz klar zu seinen Prinzipien und wenn er eine Dividende für den Aktionär nicht für sinnvoll erachtet, dann wird auch keine gezahlt.

    c) sie können ihre Ideen frei entfalten, keiner sagt ihnen Du kaufst nix aus der IT-Branche oder keine langweiligen Utilities, jeder kann seine ganz persönliche Strategie entwickeln, faszinierend wie ich finde. Die versteckten Perlen liegen häufig in den von Analysten nicht beachteten Werten. Ein Privatanleger merkt evtl. dass in seinem Umfeld gerade eine unbekannte Firma über die Jahre eine Halle nach der anderen anbaut und recherchiert ob die gelistet sind, vielleicht eine große Chance. Buffett hat auch in einem Interview mit Munger für die alten Zeiten geschwärmt als er etliche Tageszeitungen jeden Tag verschlungen hat um Ausschau nach neuen Chancen zu halten. Bei den wenigen Elefanten die jetzt an seinem Horizont vorbeiziehen, geht das nicht mehr so gut oder ist nicht mehr so interessant und er hat natürlich auch eine Art Totum des Börsenwissens über Jahrzehnte aufgebaut.

    d) das Internet, als kostenlose Informationswaffe. Geschäftsberichte innerhalb von Sekunden abrufen, nüchtern, emotionsfrei, nacktes Zahlenwerk welches die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens offenlegt, ohne Marketing-Brimborium und hot news. Kostenlose Screener, Dashboards, aus denen man sich ein Gesamtbild erstellen kann. Graham hatte ja auch schon eher immer von einer Kunst, als von Wissenschaft geschrieben. Die Aggregation, das Filtern relevanter Informationen, die Unterscheidung was wichtig und was unwichtig ist, was falsch und richtig ist. Das massenhafte Lesen und Auswerten von Informationen hat Buffett nach eigener Aussage zu den tieferen Erkenntnissen geführt. Lynch beklagte sich sogar darüber die Geburtsdaten seiner Kinder zugunsten von tausenden Aktienticker-Symbolen vergessen zu haben  Die Investition ist hauptsächlich Zeit, viel Zeit, was sich dann aber langfristig auszahlt. Das sollte man bedenken, die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen braucht Zeit, egal ob man nur eine GuV analysiert oder einen kompletten Geschäftsbericht liest. Die richtig erfolgreichen Leute haben sich das zur Lebensaufgabe gemacht. Als Privatanleger muss man m. E. nur selektieren können, dann hat man auch schon einen großen Wissensvorsprung vor dem der Aktien nach der Popularität auswählt.

    e) Lynch geht sogar noch weiter und behauptet, dass der Privatanleger eigentlich die besseren Chancen hat, weil er (seine Frau, Kinder) das implizite Wissen über viele verschiedene Produkte hat, die er täglich nutzt und so auch Entwicklungen wahrnehmen kann, die ein Analyst möglicherweise überhaupt nicht mitbekommt. Diese Bodenständigkeit beim Konsumenten, dem Endabnehmer der produzierten Güter, sieht er als entscheidenden Wissensvorteil (Bauchgefühl) den es zu nutzen gilt. Auf der anderen Seite sagt er aber auch das man sich nicht in Produkte verlieben soll, wenn es um die Bewertung von Aktien geht.

  2. StefanStefan

    Naja, ich finde so leicht ist das gerade nicht. Bei einer Krise eines Unternehmens zu erkennen ob diese nur von kurzer Dauer ist oder ein generelles Problem, ist eben die ganz große Kunst.

    Wie hat Buffett es geschafft den Gewinner Wells Fargo auszusuchen? Ich denke, dass 99 % aller Privatanleger mehr oder weniger im Nebel stochern. Ich orientiere mich daher an Buffetts Käufen. Eine weitere Absicherung um die langfristigen Verlierer zu meiden ist meiner Meinung nach die stetig steigende Dividende. Die Aristokraten haben ein eingebautes Sicherheitsnetz. Im Prinzip müsste man sofort verkaufen wenn die Dividende ausgesetzt oder gekürzt wird. Das würde einem viele dauerhafte Kursverluste ersparen.

    Ich halte daher auch nichts davon Small Caps zu kaufen. Sicher könnten Profis da enorm hohe Renditen erzielen. Aber eben nur Profis die den ganzen Tag nichts anderes machen. Ich traue mir nicht zu einzuschätzen ob eine ProSieben kaputt geht oder den Rebound schafft. Oder eine WMF. Das geht für mich dann eher Richtung Glücksspiel. Genau wie hier einige irgendwelche Goldminen kaufen. Würde ich nie tun…

  3. Tino

    @Stefan, hinter Goldminen stecken doch auch riesige Konzerne, die genauso wirtschaften wie jedes andere Unternehmen. Hier geht es halt um Goldproduktion und diese Gold muss Abnehmer finden, wie jedes andere Produkt auch. Eine Wette mit bestimmten Risiko ist es doch immer.

    Bei Micro- und SmallCaps kann man m.E. auch viel aus Geschäftszahlen als Zeitreihe ablesen, wie stabil sind Gewinne, wie hoch sind die Gewinnmargen im Wettbewerb, Cashflow usw. und da gibt es auch massive Unterschiede. Eine Sicherheitsspanne erhöht sich dann noch durch den sehr niedrigen Kaufpreis bspw. und solche Investitionen müssen dann auch nicht für die Ewigkeit sein.

    Aber m. E. gibt es hier gerade für den Kleinanleger auch Chancen, die nicht zwingend einen rein spekulativen Charakter haben müssen. Das sind dann auch mal nur 10 aus tausenden Unternehmen die in Frage kommen, weil sie eben den „moat“ haben. Sicher ist nichts, aber man kann schon stark einschränken mit den verfügbaren Informationen, wie ich finde.

  4. Tobias

    Wo wir gerade bei Windmühlen sind: Prokon ist endlich insolvent. Deren Finanzierung grenzte ja an ein Schneeball-System.

  5. Tino

    @Stephan, ich kann mich selbst auch nicht zu den erfahrenen bzw. praxiserprobten Börsianern zählen, aber es gibt wunderbare Literatur zum Thema mit der ich mich ein ganzes Jahr vor dem ersten Unternehmenskauf (Aktie) konditioniert habe.

    Im Nachhinein war das eine absolut wertvolle Investition, die mich vor schlimmen Fehlern bewahrt hat. Das hat mich sehr viel Freizeit gekostet, aber war auch eine spannende Reise. Vieles in den Ausführungen von Graham, Lynch, Pat Dorsey, Bogle, Buffett, Munger usw. war logisch nachvollziehbar, viele Dinge aber aus der Perspektive der Superinvestoren auch neu für mich und auf gewisse Art und Weise erleuchtend.

    Wenn ich jetzt unter Arbeitskollegen, Bekannten die Einstellung zu Anlagen höre, dann schaue ich ganz anders drauf und erlebe für mich haarsträubende Dinge, ist für mich manchmal unfassbar wie leichtfertig manche mit ihrem hart verdienten Geld in einem ihnen unbekannten Umfeld umgehen.

    Da wird von Spekulieren, Hebeln mit wenigen Euros gesprochen, weil man's irgendwo gehört oder gesehen hat.

    Dann wird das Geld blind in einen Geldmarktfond mit Renditen eines Tagesgeldes gelegt ohne die jährlichen Gebühren genau zu kennen und mit der Traumvorstellung von monatlichen Auszahlungen um davon konsumieren zu können.

    Aktien werden nach Popularität, Bekanntheitsgrad ausgewählt, Portfolio-Strategie Fehlanzeige, Aktien werden vertickt zur schnellen Gewinnmitnahme, einfachste Kennzahlen ignoriert, Aktien bis auf 95% Verlust gefahren. Andere starren auf techn. Chartanalysen und reden in einer seltsamen Sprache ähnlich einer Taktikbesprechung vor einem Footballspiel. Ein Wechselbad zwischen Aaahh! und Orrrhhh! folgt, die Stimmung dieser Leute wirkt sich direkt auf ihr Arbeitsumfeld aus 🙂

    Das sind für mich dann auch Gründe warum viele gegen Windmühlen kämpfen, weil sich deren Wunschvorstellungen nicht mit der Realität der Börse decken. Sie zahlen alle fleißig an die vielen Helfer, die sich in Ihren Büros die Hände reiben, wieder eine Seele gefangen zu haben. Leider ist sowas kein Einzelfall, sondern eher die Regel.

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