PR-Katastrophe für Goldman Sachs


New York, 22. Oktober 2012

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Nachdem nun die ehemalige Goldman-Führungskraft, Greg Smith, sein Enthüllungsbuch Why I Left Goldman Sachs: A Wall Street Story über seinen ehemaligen Arbeitgeber veröffentlich hat, ist der Ärger groß. Goldman Sachs und Smith bewerfen sich gegenseitig mit Schmutz. Es ist eine unglaubliche Schlammschlacht in New York ausgebrochen.
Goldman rannte aufgeschreckt wie ein Huhn zu den Medien, um über Smith das Image zu verbreiten: Er sei ein gieriger Banker gewesen. Er habe um eine Gehaltsverdopplung auf eine Million Dollar in einer schwierigen Zeit gebeten, dies sei ihm aber von seinen Vorgesetzten verwehrt worden. Deshalb habe er enttäuscht gekündigt und habe dieses Buch veröffentlicht, so die Argumentation von Goldman. Die Bank veröffentlichte sogar einen Schriftsatz zu dem Vorgang.
In einem Fernsehinterview mit dem Sender CBS sagte Smith, er habe deshalb bei Goldman gekündigt, weil er es aus moralischen Gründen nicht mehr verkraftet habe, wie Kunden bei dem Geldinstitut hinter das Licht geführt würden. In komplexe Finanzprodukte seien überhöhte Gebühren still und heimlich hineingearbeitet. Bankintern mache man sich über die Kunden als Deppen (Muppets – aus der TV-Serie) lustig, behauptet Smith.
Was lernen wir daraus?
Vorsicht bei künstlichen Finanzprodukten. Stellen Sie sich immer die Frage: Wessen Interessen stehen an erster Stelle: Die Interessen der Bank oder die des Kunden? Stellen Sie sich die Frage: Was kostet das Finanzprodukt? Wer verdient was, wann und wie viel damit?
Wenn überhöhte oder versteckte Gebühren verlangt werden, ist das vermutlich kein Betrug. Es sei denn, es wird mit Hinterlist jemand betrogen. Selbst dann stellt sich die Frage, inwieweit den Kunden eine Schuld trifft (Informationspflicht etc.).
Dreht ein Manager ein krummes Ding, sollte er dafür zur Verantwortung gezogen werden – ganz gleich in welcher Branche. Ob nun bei BP, bei Goldman oder wo auch immer. Ich bin persönlich für eine strafrechtliche Verfolgung von Wirtschaftskriminellen.
Wenn der Libor-Zinssatz zum eigenen Vorteil manipuliert wird und das ohne Folgen bleibt, verstehe ich das nicht.
Glauben Sie nicht, dass die Behörden wie die Bafin zum Schutz des „kleinen Manns“ da sind. Ich glaube, eher das Gegenteil ist der Fall. Die Bafin ist zum Schutz der Finanzwirtschaft da, das ist jedenfalls meine Meinung (Schauen Sie hier, wie die Bafin ein mögliches Problem herunterspielt. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Talanx ist trotz dieser Ungereimtheit ein interessanter Novize.)
Die Finanzkrise blieb strafrechtlich ohne Folgen für die Verantwortlichen. Einige Top-Manager gingen mit irren Millionenabfindung in den vorzeitigen Ruhestand. Das war aber auch alles.
Greg Smith hat 500.000 Dollar jährlich verdient. Das Buch soll ihm knapp 1,5 Millionen Dollar von seinem Verlag eingebracht haben.
Goldman Sachs ist ungeachtet der Vorwürfe ein großartiges Unternehmen. Das Haus wurde 1869 gegründet. Und ist ein führender Player in vielen Bereichen. Es kann durchaus sein, dass bei dem Unternehmen in Teilbereichen durch zu hohe Gehälter und Boni die falschen Anreize gesetzt worden sind. Dies sollte korrigiert werden. Nur wer mit alter Kaufmanns-Ethik seine Kunden behandelt, wird langfristig erfolgreich sein. Das weiß der Vorstand. Ein derart schlechtes Image wie derzeit schadet der Bank.
Wir müssen akzeptieren, dass die Bank nicht die Kirche oder „Der gute Mensch von Sezuan“ (Berthold Brecht) ist. Die Bank möchte Geld verdienen, das ist ihr gutes Recht. Dieses Ziel sollte sie im Interesse der Aktionäre verfolgen.
Ich denke, Goldman wird Prozesse reformieren, auf mehr Transparenz setzen, aus diesem PR-GAU lernen. CEO Lloyd Blankfein wird versuchen, den Ruf wieder herzustellen. Wir wissen ohnehin alle, dass ein Konzern nicht jedermanns Freund sein kann.
Ich schätze Blankfein sehr, er macht sich seit Jahren für Hilfsbedürftige, Stiftungen und Minderheiten stark. Ich denke nicht, dass er oder andere in der Führungsetage von einer beispiellosen Gier getrieben werden. Ganz im Gegenteil. Wenn ich Reden von Blankfein höre, klingt immer eine äußerst soziale Sichtweise durch.
Smith behauptet, der Bonus werde auf Basis der erzielten Gebühreneinnahmen des Mitarbeiters ermittelt. Fünf bis sieben Prozent der Gebühren landen seinen Angaben zufolge in der Tasche des Mitarbeiters. Ein rein umsatzbasierter Bonus ist nicht der richtige Ansatz.
Was wäre passiert, wenn Smith einen hohen Bonus oder die Gehaltsverdopplung auf eine Million Dollar erhalten hätte? Ich weiß es nicht. Vermutlich wäre er bei Goldman geblieben und hätte kein Buch veröffentlicht.
Hier ist nun Greg Smith im TV-Interview:


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „PR-Katastrophe für Goldman Sachs

  1. Frank

    Blankfein ist der Meinung, daß er Gottes Werk verrichte.
    Mehr muß man über ihn und sein Selbstverständnis nicht wissen.
    Frank

  2. tim schaefertim schaefer

    @ Frank

    An der Wall Street finde ich viele Menschen, auch sehr erfolgreiche, mit Psychosen, Wahnvorstellungen, bipolaren Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Narzisten (Selbstverliebte), Menschen mit dem Asperger-Syndrom, mit dem Aufmerksamkeitsdefizit etc. Ich habe schon einige getroffen, die unter psychischen Krankheiten leiden. Zum Teil sind die richtig prominent.

    Warum Lloyd Blankfein meint, Gottes Werk zu vollrichten, keine Ahnung. Ich mache hier besser keine Fern-Diagnose.

    Mark Zuckerberg ist zum Beispiel schon oft analysiert worden:
    Hier.

  3. Matthäus Piksa

    @Frank+Tim

    Vielleicht hat Blankfein auch einfach nur ne Macke. Vielleicht bereut er diese, hier aus dem Kontext gerissene und zitierte, Aussage mittlerweile.
    Nicht das ich ihn verteidigen will, aber Chef von Goldman wird man mit Sicherheit nicht als everybody's Darling.

    Zum CDO-Handel, den man der Bank bis heute vorwirft, habe ich auch eine Meinung: An den Privatinvestor wurden diese kompliziert strukturierten Produkte nicht verkauft, sondern lediglich an institutionelle Investoren.
    Zumindest im deutschen Strafrecht gilt zum Betrugsstraftatbestand aber, dass auch der Dumme geschützt ist.

    Gruß Matthäus

  4. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus

    Ich finde es übrigens gut, wenn Manager nicht dem üblichen Bild entsprechen. Leute, die einfach anders denken, agieren, neue Wege gehen (außerhalb der Schublade), sind meist die besseren. Siehe Steve Jobs, Warren Buffett etc.

    Die Erfolgreichen haben oft erstaunliche Schwächen:

    Richard Branson (Lernschwäche).
    John Chambers, CEO Cisco (Leseschwäche)
    Charles Schwab (Lernschwäche)
    Ingvar Kamprad, Ikea-Gründer (Lese-Rechtschreibstörung)
    Tommy Hilfiger (dito)
    Steve Jobs (dito)
    Bill Hewlett, Gründer von HP (dito)
    Henry Ford (dito)
    Ted Turner (dito) …

  5. Matthäus Piksa

    @Tim

    Warum werden in Deutschland eigentlich keine Banken verklagt? Ich lese immer wieder, dass in den USA die Regierung plant irgendeine Bank zu verklagen, um sich das Geld der Steuerzahler zurückzuholen, jetzt ist die Bank of America dran.

    In Deutschland hingegen passiert gar nichts. Das stärkt nicht gerade das Vertrauen in's staatliche Justizsystem, wie ich finde. Zumal man ja auch bedenken muss, dass es die staatlichen Landesbanken waren, die halbstaatliche IKB und die mittlerweile verstaatlichte HRE darüber hinaus, die ua als CDO-Abnehmer, die Staatsverschuldung in Deutschland um 300 Milliarden € (durch die sog. Bankenrettung (Soffin)) explodieren ließen.

    Gruß

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus

    ach so, also oben in die Liste der genialen Gründer und Erfinder passt Lloyd Blankfein nicht rein: Blankfein ist „nur“ CEO.

    Die Anklagen in den USA sind immer zivilrechtlicher Natur, strafrechtlich passiert nix. Obwohl ja beides rein theoretisch zusammen passt. Wer zivilrechtlich was „dreht“, der muss womöglich auch mit der Strafverfolgung durch den Staat rechnen, was aber bei den Banken nicht der Fall ist.

    Woran liegt es? Ich denke, es gibt ein enges Band der Sympathie zwischen der Politik und der Finanzbranche. Es ist der Lobbyismus, es sind die Parteispenden, es helfen die Gastreden der Politiker gegen Geld…

    Ohnehin ist die Politik nachgiebig bei Großkonzernen nahezu aller Art. Auch andere Branchen.

    Die Gewaltenteilung funktioniert nur theoretisch. Wer ist der Chef der Staatsanwälte? Das Justizministerium. Und wer sitzt im Parlament? Richtig, die Minister. Also da gibt es im Endeffekt keine Teilung der Gewalten.

  7. Matthäus Piksa

    @Tim

    Danke für die Antwort. Du hast recht.

    Letzten Endes arbeiten alle Staatsanwälte, aber nicht nur die, auch die Richter bis hin zum Bundesgerichtshof und Bundesverfassungsgericht für das Justizministerium.

    Die Trennung bzw. Unabhängigkeit der Justiz funktioniert daher nur solange wie die allgemeine Stabilität der Finanzarchitektur gewährleistet ist.

  8. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus
    Auch wird die Regierung von sehr einflussreichen Ex-Bankern mitgesteuert. In Washington kann man das sehr gut sehen. Wer war der Ex-Finanzminister z.B.? Wo arbeitete der vorher?…

    Der Austausch zwischen der Wirtschaft und der Politik ist grundsätzlich gut. Nur muss man sich im Klaren sein: Es kann Interessenkonflikte geben.

    Trotz aller Kritik: Ich halte Goldman Sachs gerade wegen der öffentlichen Schelte als Investmentchance für spannend. Es ist ein herausragendes traditionsreiches Unternehmen. Nicht alles kann schlecht sein.

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