Nach dem Desaster: Zwei Versicherungen auf meiner Kaufliste


New York, 21. Dezember 2008

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Finanzaktien sind ein zweischneidiges Schwert. Zum einen sind sie brutal abgestürzt, die Bilanzen sind aber undurchsichtig. Zum anderen muss sich der Sektor erholen. Problem ist allerdings: Kein Mensch weiß, wer die nächsten Milliardenabschreibungen melden muss. Besonders die Investmentbanken Morgan Stanley, Merrill Lynch und Goldman Sachs erwischte es böse. Die Aktien sind ein Bruchteil dessen wert, was sie noch vor einem Jahr waren. Grund: Die Bilanzen sind brutal mit Fremdkapital gehebelt. In guten Zeiten bescherte das den Geldzauberern gigantische Gewinne. In schlechten Zeiten wie diesen kann eine hohe Verschuldung ins Verderben führen. Die Regierung stellte dem Sektor Milliardensummen zur Verfügung, um Zusammenbrüche zu vermeiden. In diesem Zusammenhang hätte ein „Run on the Banks“ ausgelöst werden können. Sprich die Bürger wären zu ihren Banken geeilt und hätten all ihre Ersparnisse abgezogen. Das wäre der Todesstoß gewesen. Genau dieses Schreckensszenario geschah in der großen Depression: Seinerzeit hatte die Regierung geglaubt, die Branche würde sich schon wieder fangen. Doch das war ein Irrtum. Das Finanzsystem trocknete aus. Es dauerte Jahre, bis die Liquidität zurückkehrte und sich die Konjunktur wieder erholte. Aufgrund dieser negativen Erfahrung griff die Bush-Regierung so entschieden ein. Welche Aktien können Sie nun kaufen? Ich sah mir in den vergangenen Wochen etliche Präsentationen an. Zwei Finanzaktien überzeugten mich dabei am meisten: die beiden Versicherungskonzerne MetLife und The Hartford Financial Services Group.
Zunächst zum größten amerikanische Lebensversicherer MetLife. Auf dem Foto sehen Sie links das MetLife-Gebäude in New York, es war vormals der PanAm-Wolkenkratzer. „Wir sind groß, stark und vertrauenswürdig“, betonte Konzernchef Robert Henrikson in New York. Rechtzeitig hatte die Assekuranz die Blase bei den US-Immobilien erkannt und sich schon 2005 von einem Großteil ihres Wohnungsbestands in New York getrennt. Investmentvorstand Steven Kandarian fuhr zudem Engagements im Bereich der sogenannten Subprime-Hypotheken rechtzeitig zurück. Trotz konservativer Anlagepolitik hinterließ die Finanzkrise ihre Spuren in der Bilanz. Noch stehen in den Büchern unrealisierte Verluste von zwölf Milliarden Dollar. Sobald sich die Börse erholt, reduziert sich das Minus. Höchstkurse markierte der Titel im Frühjahr bei über 60 Dollar. Seither fiel die Notiz bis auf 16 Dollar. Zuletzt erholte sich der Titel auf 37,41 Dollar. Nur 29,7 Milliarden Dollar zeigt die Börsenwaage an. Wenn Sie den Kassenbestand mit den Schulden verrechnen, beträgt der bereinigte Börsenwert 25 Milliarden Dollar. Das ist lausig. Allein die jährlichen Umsätze türmen sich auf 53 Milliarden Dollar. Insofern gewährt die Wall Street nur die Hälfte der Einnahmen dem Riesen zu, was ein Witz ist. Der Buchwert je Aktie beträgt derzeit 28 Dollar. Demzufolge wird MetLife in etwa zum Substanzwert gehandelt. Operativ läuft das Geschäft recht ordentlich. So kletterten die Prämieneinnahmen der Firmenkunden von 14 auf mehr als 16 Milliarden Dollar. Die Erlöse der Privatkunden hielten sich auf dem Niveau des Vorjahres bei rund 8,5 Milliarden Dollar. Das Auslandsgeschäft verbesserte sich von vier auf 4,5 Milliarden Dollar. „Wir hatten versprochen, bis zum Jahr 2010 Kosten von mindestens 400 Millionen Dollar einzusparen. Bis zum vierten Quartal 2008 konnten wir davon schon 150 Millionen realisieren. Wir sind also auf gutem Weg“, deutete Henrikson ein Übertreffen des Plans an. Bis Silvester soll nach den Plänen des Vorstands ein Gewinn je Aktie von bis zu 3,75 Dollar in der Kasse klingeln. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis beträgt insofern zehn.
Im New Yorker Palace Hotel sprach ich mit Führungskräften des Versicherers The Hartford Financial Services Group. Es handelt sich um einen führenden Lebens-, Eigentums- und Unfallversicherer in den USA. Gegründet wurde das Unternehmen 1810 in Hartford, Connecticut. Nach der Schieflage des weltgrößten Assekuranz AIG und zahlreicher Bankenpleiten verloren die Börsianer bei Hartford die Nerven. Die Aktie stürzte binnen Jahresfrist von mehr als 90 auf vier Dollar ab. Das Management konnte jedoch die Sorgen der Investoren ausräumen, frische Mittel einwerben – selbst die Münchner Allianz beteiligte sich mit einem großen Anteil an dem Konkurrenten. „Wir sind zuversichtlich bezüglich des langfristigen Wertes unseres Investmentportfolios“, sagte Hartford-Lenker Ramani Ayer. „Unser Geschäft ist breit aufgestellt. Etwa 60 Prozent unserer Hauptgewinne in den ersten neun Monaten stammt von unserer Protektions-Sparte, 40 Prozent von unserem Pensionierungs- und Investmentgeschäft. Wir haben ausreichend Liquidität von mehr als elf Milliarden Dollar“, betonte Ayer. Rund 90 Milliarden Dollar Anlagekapital verwaltet der Riese für seine Kunden. Freilich lasten auf der Bilanz „unrealisierte Verluste von 6,8 Milliarden Dollar“. Doch sollte sich der Kapitalmarkt erholen, dürfte dieses Minus stark schrumpfen. Bis Silvester peilt Finanzchefin Lizabeth Zlatkus ein Ergebnis je Anteilsschein zwischen 4,30 und 4,50 Dollar an. Seit Mitte November erholte sich die Aktie von ihrem Tief bei vier auf aktuell 17,07 Dollar. Allein am 5. Dezember verdoppelte sich die Notiz. Der Kursaufschwung dürfte sich fortsetzen. Bringt Hartford in der Tat den angekündigten Gewinn in die Scheune, beträgt das KGV nur vier. Ein Witz! Ferner beträgt die Marktkapitalisierung lausige 5,1 Milliarden Dollar. Dem stehen jährliche Prämieneinnahmen von 26 Milliarden Dollar gegenüber, sprich das Fünffache des Börsenwertes. Allein das Eigenkapital macht 16,8 Milliarden Dollar aus. Selbst wenn Sie den Buchwert vorsichtshalber großzügig auf zehn Milliarden korrigieren, notiert Sie das Papier 50 Prozent unterhalb seines Substanzwertes.


tim schaefer (Author)

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