Krisenpropheten sind Gift für Ihr Vermögen


New York, 24. November 2013

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Gold verliert an Glanz. Die Krisenwährung befindet sich auf einem Jahrestief. Seit Januar büßte die Unze mehr als 25 Prozent ein. Warum? Weil die Finanzkrise langsam überstanden ist. Die westlichen Industriestaaten wachsen wieder, zumindest langsam. Massenarbeitslosigkeit ist auf dem Rückzug. Die Banken sanieren sich.
Die Inflationswelle, vor der „Experten“ gewarnt hatten, kam nicht. Zumindest sehe ich keine galoppierende Geldentwertung. Die Mahner hatten sogar vor dem Kollaps des Währungssystems gewarnt.
Finanzexperte Dirk Müller kündigte 2012 in einem Interview an: „Dass der Euro gerettet werden kann, kann ich mir nicht vorstellen (…) Das kann so nicht funktionieren.“
Glauben Sie den Schwarzmalern nicht alles. Es wird viel Quatsch erzählt. Denken Sie selbst nach. Herr Müller hat ja durchaus gute Kritikpunkte angeführt. Nur trafen seine Schlussfolgerungen nicht zu. Zum Glück. Die pessimistischen Medien beteiligten sich wie in einem Chor an der Untergangsstimmung. Die Medien können wie ein Verstärker wirken, sie können uns ganz schön Angst einjagen.
Aber es kommt anders. Irgendwann wirken eben die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft.
Athens Aktienmarkt befindet sich auf einem Ein-Jahres-Hoch. Der gebeutelte spanische Aktienmarkt springt nach oben.
Den Euro brauchen wir nicht beerdigen. Im Gegenteil. Die europäische Einheitswährung ist erstaunlich stark gegenüber dem Dollar. Das zeigt uns mal wieder: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.
Ich warte auf das Finanzchaos, vor dem Herr Müller warnte. Ich warte auf das Euro-Aus. Ich warte bis heute. Ich warte auf die Inflation. Seit fünf Jahren kann ich keine Hyperinflation erkennen. Ich warte und warte. Es lohnt sich nicht, auf Pessimisten zu hören. Währungsreform? Vermögensverlust? Versorgungsengpass? Panik? Hunger?… Nix dergleichen.
Merkwürdig ist ja, dass FED-Chef Ben Bernanke unzufrieden ist mit der niedrigen Inflation. Bernanke wünscht sich am liebsten 2,00 Prozent Geldentwertung. Das wäre ein Signal für eine Belebung, das wäre ein Signal für Wachstum. Ziehen die Preise an, brummt die Ökonomie.
Klar, haben wir eine horrende Staatsverschuldung rund um den Globus bekommen. Das muss nicht ins Elend führen. Wir können aus den Schulden herauswachsen. Lieber sehe ich Länder wachsen. Wenn Regierungen gnadenlos ihre Budgets kürzen würden, kann das schmerzhaft werden. Es ist angenehmer für eine Volkswirtschaft, wenn sie brummt. Wer knallhart kürzt, schadet sich.
Massive Investitionen in Infrastruktur wären sinnvoll. Wir brauchen solide Brücken, Straßen, Häfen, Flughäfen, Häuser, Schulen, Unis, schnelle Internetverbindungen… Das ist etwas Gutes.
Amerika ist ziemlich clever, wenn es darum geht, die Basis für Wachstum zu schaffen. Die Unis sind top. Alle fragen sich, warum die führenden Tech-Firmen aus Silicon Valley kommen. Google, eBay, Apple, HP, Intel, Twitter, Facebook. Die Hochschulen sind dort eben stark. Die Amis dominieren das Internet.
Kürzlich erlebte ich den Gründer des Reisebewertungsportals TripAdvisor, Stephen Kaufer. Der baut seine junge Firma blitzartig aus. Kaufer ist ein extremer Optimist (wenn er ein Pessimist wäre, wäre nicht weit gekommen). Die Beschäftigten sind zwischen Anfang 20 und Mitte 30. Es herrscht das typische Flair der New Economy. Das Großraumbüro mit Stellwänden platzt aus allen Nähten. Die Mitarbeiter brauchen mehr Platz. Sie scheinen sich auf das neue Büro zu freuen. Der neue Hauptsitz ist doppelt so groß und ist angesichts des Mitarbeiterwachstums von 30 Prozent jährlich dringend nötig.
Der Fortschritt ist das eine, die Bevölkerung das andere. Amerika wächst durch die Einwanderung. Jedes Jahr kommen mehr als eine Million Immigranten ins Land.
Wächst die Wirtschaft, schrumpft die Verschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung. Und das ist die entscheidende Kennziffer. Schulden machen als Kenngröße nur in Relation zum Vermögen (oder Umsatz) Sinn. Das ist bei Unternehmen, Personen oder Staaten das gleiche. Es kommt auf die Relation an. Nicht auf die absolute Summe.
Was lernen wir aus dem Krisengerede? Wenn massenweise „Experten“ vor Gefahren warnen, ist es höchste Zeit optimistisch zu werden. Angst in Krisenphasen zu bekommen ist schädlich für Ihr Vermögen. Krisen bieten unglaubliche Chancen. Gegen den Strom zu schwimmen, zahlt sich aus.
Grundsätzlich ist es ratsam, sein Vermögen breit gefächert zu streuen. Inländische, ausländische Aktien. Immobilien. Wer mag, mischt ein paar Rohstoffaktien bei. Das ganze Gemisch sollten Sie langfristig ruhen lassen.
Irgendwann werden die Goldaktien spannend. Die goldigen Dinger sind dramatisch abgestürzt. Die Anleger rennen von einem Extrem ins andere. Erst Himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt. Die führenden Goldminen sind auf Vorkrisenniveau angekommen. Manch uralter Bergbaubetrieb notiert 50 Prozent unter Buchwert.
Lernen Sie einfach, das Auf und Ab zu ertragen. Angenommen, Sie hätten goldrichtig gelegen: Vor sechs Jahren auf dem Börsentop hätten Sie geahnt, dass dieses Finanzbeben kommen wird. Sie wären also folgerichtig auf dem Rekordhoch raus und hätten mit Ihrem Cash abgewartet, bis die Krise ausgestanden gewesen wäre. Nun, nachdem sich der Staub gelegt hat, würden Sie zurück an die Börse kommen mit Ihrem Cash. Was hätte es gebracht? Nichts! Außer Spesen (und Steuern) rein gar nichts. Es bringt nichts, zu springen.
Langfristig geht es aufwärts. Folgen Sie nicht Ihrer Angst in Krisenzeiten.
Ich muss lachen. Lachen, wenn ich mir das Gerede auf dem Höhepunkt der Krise im Internet anschaue. Was diese „Experten“ von sich geben, ist erschreckend. Es ist gleichzeitig amüsant. Fast so wie dieses Schild im Schaufenster eines Ladens.
Fazit: Der einzige Mist, auf dem nichts wächst, ist der Pessimist.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Krisenpropheten sind Gift für Ihr Vermögen

  1. Matthäus Piksa

    Ich sehe das genauso.

    Es gibt natürlich gute Gründe für den Erfolg Amerikas, als da wären:

    1. junge, dynamische und mentalitätsbedingt motivierte Bevölkerung
    2. das überlegene akademische System
    3. die Innovationskraft des SilliconValley und der WallStreet
    4. die militärisch einmalige Dominanz
    5. die billige, reichlich vorhandene Energie, die das Land mittelfristig energieunabhängig machen wird (dank im eigenen Land entwickelten Technologien)
    6. vergleichsweise niedrige Steuer+Sozialabgabenlast
    7. eine gesunde Skepsis ggü dem Staat (Weniger ist mehr.)
    etc.

    Die Liste bedeutet nicht, dass ich Deutschland und Europa pessimistisch betrachte. Wir haben beispielsweise eine vorbildliche Bundeskanzlerin, die offensichtlich das Ganze im Blick hat.

  2. Anja

    Hallo Tim,
    bitte nicht vergessen das Crash-Wahrsager mit ihren Untergangsszenarien sehr viel Geld verdienen.
    Mr. Dax z.B. betreibt einen Gold-Börsenbrief, indem er Währungsreformen und einen Systemreset ankündigt und gleichzeitig gibt er auch einen Börsenbrief für langfristige Aktienanlagen heraus. Jede Klientel will ja auch bestens bedient werden.

  3. Felix

    @ Matthäus Piksa

    Die Liste mit Amerikas Pluspunkten sehe ich genauso und sie zeigt zugleich Europas Schwächen:

    1. Überalterung
    2. Zuwanderung sozial schwacher und bildungsferner Schichten
    3. Technikfeindlichkeit (Gentechnik, Energie, Internet, …)
    4. Überbordender Staat als gigantische Umverteilungsmaschine und Staatsgläubigkeit
    5. Teure und unsichere Energieversorgung

    Die CDU-Werbung nach der Wahl war überflüssig 🙂

  4. Matthäus Piksa

    @Felix

    Naja, wieso überflüssig?

    Nach der voraussehbaren Öffnung zur Links-Partei sind Neuwahlen aktuell nicht komplett auszuschließen, gleichwohl ich davon ausgehe, dass die GroKo kommen wird. (Ich persönlich hätte kein Problem mit Schwarz-Grün, weil ich nämlich sowohl die Alternative R2G als auch Neuwahlen mit der dann eventuell im BT vertretenen AfD schlimmer fände.)

    Ich hätte mir gewünscht, dass sich die FDP als liberale Partei gegen Zwangs-EEG, Zwangs-GEZ-Gebühr, Zwangs-IHK-Gebühr usw. stark macht? Stattdessen gab es jahrelange innerparteiliche Macht-, Graben-, und Richtungskämpfe, die auch nach der Wahl-Schlappe nicht zu Ende sind. Hier und Hier. Wahnsinn.

    Es stellt sich die Frage, ob Lindner der richtige Mann ist, um der FDP zu einem Comeback zu verhelfen. Zu Zeiten der NewEconomy gelang es ihm, mindestens ein Unternehmen gegen die Wand zu fahren. Und damit auch eine Millionen-Förderung der KfW zu verbrennen. Und beim Rausflug der FDP aus dem Bundestag spielte er auch keine unerhebliche Rolle…

    Ich finde den Rausflug der FDP aber auch nicht weiter tragisch. In meinem Blog, habe ich bereits vor etlichen Wochen beschrieben,warum wir nach amerikanischem Vorbild auch ohne Links-Partei, Liberale und Grüne im Bundestag klar kommen würden.

  5. tim schaefertim schaefer

    @ Anja,

    Ich mache Dirk Müller keinen Vorwurf, dass er Börsenbriefe herausgibt. Ich kann mir vorstellen, dass seine Briefe gut gemacht sind. Was ich nicht gut finde, ist diese Angstmache inmitten der Krise.

  6. Markus

    Interessant dass das gelobte Land so deutlich besser (dran) ist und wir am besten dran sind, wenn wir alles ohne Kritik übernehmen… Eigentlich waren wir mal ein Land der Dichter und Denker… 😉

    Wenn keine Kritik mehr erlaubt ist…
    Wenn keine Hinterfragungen und Diskussionen mehr erwünscht oder zu anstrengend sind…
    Wenn wir einfach nur noch smart sein wollen…
    Wenn nur noch schnell Meldungen publiziert werden, und wissenschaftliches Arbeiten und Quellenüberprüfung zu teuer und zu Zeitintensiv wird…

    dann knallt es womöglich irgendwann richtig, da wir nur noch Augen für den Schein und nicht das Sein haben.

    Amerika hat noch nicht ganz die Verschuldung im Verhältnis zum BIP wie nach dem 2. Weltkrieg…
    Nach dem 2. Weltkrieg gab es allerdings starkes Wachstum…
    Wen die wirtschaftlichen Verwerfungen schon ähnlich gewaltige Auswirkungen wie ein Weltkrieg hinterlassen…

    dann malen wir uns am besten und vor allem die USA rosarot! 😉

    Da niemand korrekt die Zukunft kennt, würde ich weder zu positiv noch zu negativ sein!
    Berufsoptimisten und Schwarzsseher haben immer wieder mal Recht, wenn denn gerade mal wieder was zufälligerweise zutrifft.

  7. Christoph

    Massive Investitionen in Infrastruktur wären sinnvoll. Wir brauchen solide Brücken, Straßen, Häfen, Flughäfen, Häuser, Schulen, Unis, schnelle Internetverbindungen… Das ist etwas Gutes.

    Genau dieses verkündet Dirk Müller seit neuestem (?). Ich habe auf der World of Trading letzte Woche einen Vortrag von ihm gehört, in dem er genau dieses als das Allheilmittel für die Euro-Krise darstellt. Er sagt, es sei besser, die Sparguthaben, welche im Moment für eine lausige Verzinsung auf irgendwelchen Konten gammeln, mittels Fondskonstruktionen in Infrastrukturprojekte zu investieren. Diese Infrastrukturprojekte sollen unabhängig auf ihren Sinn und wirtschaftlichen Nutzen geprüft werden, wobei der Staat nur die Garantie gibt, das Kraftwerk, die Autobahn o.ä. zum Baupreis zu kaufen, sofern es schiefgeht.

  8. Marc

    Was ist mit den knapp 50Millionen Amerikaner die Lebensmittelmarken bekommen? Sieht so ein Land aus wo Milch und Honig fließen?

    Aktienkurse sagen überhaupt nix aus!

  9. Turing

    Dass Müller eine zwielichtige Gestalt ist, wird jetzt immer mehr Menschen klar. Kürzlich gab es bei handelsblatt.de ein Video-Interview mit Müller. Die Kommentare überwiegend gegen Dirk Müller gerichtet. Vor einem Jahr war das noch anders.

  10. Frank

    marc,
    wenn die Kommentare jetzt überwiegend negativ sind dann dauert es nicht mehr lange bis Müllers Szenario Wirklichkeit wird!

  11. tim schaefertim schaefer

    @ Marc

    Ja, Amerika hat Schwächen. Es ist kein Paradies auf Erden.

    Amerika hat sehr freie Märkte. Es handelt sich um einen harten Kapitalismus. Der Markt belohnt die Erfolgreichen in einem extremen Ausmaß. Das erhöht natürlich die Motivation.

    Was ich beeindruckend finde: Es ist hier nicht so wichtig, ob Du die Uni oder Schule abgeschlossen hast, wo Du geboren wurdest, welche Zeugnisse Du hast oder ob Du schon einmal pleite warst. Was zählt, ist Deine aktuelle Leistung. Der Umgang der Menschen untereinander z.B. bei der Arbeit ist viel lockerer. Es gibt weniger Barrieren. Ich glaube, das kann ein Vorteil in der Geschäftswelt sein.

    Viele glauben, nur in den USA geht die Schere zwischen Arm und Reich auseinander. In Dtld ist das ähnlich. In Deutschland gibt es viele Hartz-4-Empfänger und wenige Milliardäre.

    Aufgabe einer Regierung ist es, das Geld der Menschen fair einzusammeln und neu zu verteilen. Manche Länder machen das besser als andere.

  12. willihope

    „Aufgabe einer Regierung ist es, das Geld der Menschen fair einzusammeln und neu zu verteilen. Manche Länder machen das besser als andere.“

    ich glaub ich spinne! das nennt sich sozialismus und ist bisher noch immer gescheitert! wieso bekommt ihr deutschen diese krankheit einfach nicht aus dem kopf?

    es gibt kein fair sobald eine regierung anfängt menschen zu enteignen und darauf läuft jede umverteilung hinaus.

    was ist fair an der gema, du bezahlst zwangsgebühren darfst aber trotzdem nicht kopieren, rundfunkgebühren obwohl du keinen fernseher hast, total überhöhte strompreise, teures wasser – alles im namen der gerechtigkeit, alles lug und trug.

  13. Matthäus Piksa

    Wer unbedingt etwas US-kritisches sehen+hören möchte, dem empfehle ich Oliver Stone's „The Untold History of the United States“. Ich habe mir alle 10 Folgen angesehen, während dem Radtraining zuhause (mach ich im Winterhalbjahr immer auf der Rolle, daher funktioniert es wunderbar, nebenbei Filme zu schauen).

    Oliver Stone, der mit Gewaltfilmen wie Scarface (Drehbuch), Antikriegsfilmen wie Platoon, aber auch WallStreet1+2 als Regisseur berühmt wurde, beleuchtet in der Doku die Geschichte Amerikas kritisch. Stone, studierter Historiker, geht mit der Geschichte seines Landes schonungslos um. (Es geht in der Doku nur um die letzten 70-80 Jahre.)

    Er kritisiert die Rolle Amerikas vor der Entstehung des Kalten Krieges, der seiner Meinung nach hätte verhindert werden können. Er kritisiert die Atombomben-Abwürfe auf Japan. Er kritisiert manche militärische Auslandseinsätze, vornehmlich den Vietnam-Krieg. Er kritisiert auch die steigenden Militärausgaben. Er kritisiert des Weiteren die aktuelle Handhabung im Kampf gegen den Terror. Auch Obama kritisiert er. – Amerika-Kritiker werden also auf ihre Kosten kommen. Ich hatte den Eindruck, dass Stone genau diese Klientel ansprechen wollte.

    Wenn man wie ich kein Historiker ist, erfährt man einige spannende Details. Mehr aber auch nicht.

  14. Markus

    So ziemlich jedes Land hat Vor- und auch Nachteile.

    Mit der Gedankenfreiheit nimmt es das liberale Amerika ja nicht wirklich so tolerant, wie es gerne wäre.

    Glorifizierung von Amerika und Einprügelung auf Deutschland sind da zwei Extreme.

    Wenn man die Jahrzehnte vor dem 2. Weltkrieg nimmt, gibt es einen 1. Weltkrieg und eine der härtesten Weltwirtschaftskrisen.

    Dass ein Großteil der Welt stärker als damals verschuldet ist und dass ohne kriegerische Auseinandersetzung gibt schon zu denken.
    Wie lange kann man sich seine eigenen Kredite abkaufen???

    Umverteilung, Sozialismus, Kapitalismus… alles hat seine Vor- und Nachteile…
    Wenn die Mittelschicht in Richtung arm oder reich sich auflöst, dann muss eingegriffen werden.

    Allerdings darüber, wie arm und reich definiert wird und dass unser Staat ein schlechter Kaufmann ist bzw. beim umverteilen deutlich besser sein könnte, darüber braucht man nicht diskutieren.

  15. Turing

    @Markus

    In den USA ist die Gedankenfreiheit am weitesten gediehen. Nur weil es einen überschwenglichen Patriotismus in den USA gibt, ist das noch keine Einengung, die sich gegenüber der deutschen Gesellschaft unterscheidet. In Deutschland wird Patriotismus sogar sehr anrüchig behandelt, es sei denn, es geht um Fiskalchauvinismus. Steuerhinterzieher haben in Deutschland einen schlechteren Ruf als Totschläger. Die Totschläger vom Alexanderplatz oder die von Kirchweyhe haben sogar Mitleid erhalten. Die U-Bahn-Totschläger von München von grünen Politikern in Schutz genommen. Klaus Zumwinkel und Uli Hoeneß, die niemanden getötet haben, sind heute verfemt.

    Ich habe großes Zutrauen in die Vereinigten Staaten. Natürlich ist in den letzten Jahren ziemlich viel schief gelaufen. Es gab Konsumorgien, es wurde viel zu viel auf Kredit gekauft, was eigentlich total unamerikanisch ist. Amerikanisch ist es nicht, zu konsumieren, sondern zu investieren.

    Ich wage einen Gleichnis, das sicherlich viel Widerspruch ernten wird. Die Deutschen gelten als das Volk der Dichter und Denker, bekannt für ihre Nüchternheit und auch Langeweile. Was 1933 bis 1945 geschah, war ein Exzess der Emotionialität und der Gedankenlosigkeit, ja geradezu undeutsch. Nach dem Krieg hat das deutsche Volk zu seinen Tugenden wiedergefunden, kräftig malocht und die BRD zu einer der führenden Wirtschaftsnationen geworden. Die DDR war vielleicht im Weltmaßstab eine kleine Nummer, aber innerhalb des Comecons eine führende Nation.

    Schlichte Gemüter werden mir vorwerfen, dass ich den Holocaust mit dem Konsumismus in den USA gleichgesetzt hätte. Das stimmt natürlich nicht. Es geht mir nur darum, aufzuzeigen, dass die gegenwärtigen nicht auf Dauer fortgeschrieben werden können.

    In den USA gibt es viele fleißige Menschen. Wir nehmen nur ein Zerrbild war. In den Postillen liest man nur von Leuten aus der Unterschicht, die Haus mit Hypotheken belasten, um sich einen neuen Flachbildschirm zu kaufen. Gleichzeitig lacht sich halb Deutschland über jene Leute in den USA schlapp, die dem Kreationismus anhängen und die George W. Bush. Meine Phantasie reicht nicht dazu aus, dass jene religiösen Bush-Wähler einem krankhaften Hedonismus huldigen.

    Wie groß mag der Anteil dieser Leute an der Gesamtbevölkerung sein? Ich schätze, ca. 30 %. Dann kommen auch noch nichtreligiöse und gescheite Amerikaner obendrauf. Vielleicht nochmal 40 %. Dann gibt es welche, denen es vielleicht nicht so gut geht, die aber noch so viel gesunden Menschenverstand haben, dass sie sich nicht übermäßig überschulden. Ich schätze, dass sind dann nochmal 15 %. Für viele Amerikaner war die Immobilienkrise eine lehrreiche Erfahrung.

    Und schon das rechtfertigt eine optimistische Grundhaltung, was die USA betrifft. Gerade die (von mir geschätzten) 30 % der Religiösen. Das ist Mittelschicht. Bei uns in Deutschland gibt sich die Mittelschicht einem gefährlichen Hedonismus hin. Der Nachbar könnte ja einen falschen Eindruck haben, wenn das Auto schon drei Jahre alt ist. Das Eigenheim auf Pump ist immer noch viel zu populär hierzulande und die deutschen Gesellschaft braucht eigentlich genauso einen Schuss vor den Bug.

  16. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    Während Schulden so gerne dämonisiert werden, sollte nicht vergessen werden, ohne Schulden geht es nicht. Wir haben kein „Guthabensystem“. Alle Guthaben und Schulden summieren sich zu Null. Irgendjemand muss immer die Schulden haben, was andere als Guthaben haben.
    Schulden abbauen bedeutet Guthaben abbauen. Anders geht es nicht. Und da man sich dem Wachtum verschrieben hat, ist die Spirale irgendwann mal soweit gediehen, dass nur noch ein Schnitt auf beiden Seiten geht (siehe Zypern). Man muss sich dessen wirklich gewärtig sein; man kann Verschuldung nicht mittels Sparen „zurück führen“, ohne gleichzeitig Guthaben zu beschneiden/entwerten. Am besten, Schulden werden durch große Insolvenzen vernichtet (natürlich keine AGs bitteschön ;-)), und der Gegenposten „Abschreibung“ kann verdaut werden ohne selbst der Insolvenz nachzufolgen (Kettenreaktion). Volkswirtschaftlich gesehen sind die Schuldner die Treiber der Wirtschaft, Sparer die Bremser. Ob die Zinssenkung hilft, das tote Kapital in produktives Kapital umzulenken, scheint zweifelhaft. Es gibt genug Leute, die würden sich Bargeld lieber unter die Matratze legen, als z.B. Aktien zu kaufen.

    MS

  17. Sebastian

    Sorry, da muß ich mal einhaken. Sparer sind volkswirtschaftlich gesehen die Bereitsteller von Investitionsmitteln!

    Der Schuldner (hoffentlich Investor 😉 ) muss sein Geld ja irgendwo herbekommen. Er bekommt es über die Banken von den Menschen, die ihr Geld nicht „verkonsumieren“, sondern anlegen.

  18. Sebastian

    Ansonsten teile ich deine Ansichten zur „Dämonisierung“ von (Staats-) Schulden und halte es da – sinngemäß – mit Andre Kostolany: „Staatsschulden? Staatspleiten? Viel Lärm um nichts!“

  19. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    @Sebastian,

    so 1:1 geht das nicht. Ein Kredit ist nicht das Geld der Einlagen, sondern völlig neu geschaffenes Buchgeld . Die Bank benötigt eine gewisse Menge Eigenkapital, welches sie sich aber (falls nicht ausreichend vorhanden) nun ja fast kostenlos von der Zentralbank leihen kann. Da sind die Spareinlagen nur eine Last für die Bank, da sie der Bank zusätzlich Kosten verursachen.

    MS

  20. Turing

    Schulden sind Ordnung, aber unter einer Bedingung: Es dürfen keine Konsumschulden sei. Was für Privatpersonen gilt, gilt auch für Unternehmen und Staaten. Griechenland hat Schulden gemacht, um den Beamten 50 % oder mehr Gehalt zu geben. Diese Beamten wurden aber nicht 50 % produktiver. Das sind Konsumschulden.

    Und nicht nur Griechenland hat diese Probleme, auch Deutschland. Auch in Deutschland verkonsumiert der Staat regelrecht das Geld.

  21. Markus

    Die Vorteile von sozialer Marktwirtschaft?

    Als noch halbwegs präsentes Beispiel, die Einigung von AG und AN zur Kurzarbeit bei der letzten Finanzkrise…
    Die Menschen mit den dazugehörigen Familien und Arbeitsplätzen und die Metallbranche sind sehr dankbar für die schnelle unkomplizierte Hilfe.
    Andere Staaten schauen sich dieses Modell neidisch an.

    Schulden an sich sind nichts schlechtes…

    Ihr findet es also nicht bedenklich, wenn sich Staaten unbegrenzt Ihre eigenen Anleihen aufkaufen?
    Das soll „normal“ sein???

  22. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    @Markus

    Wie soll das denn gehen, dass „sich Staaten unbegrenzt ihre eigenen Anleihen aufkaufen“? Das wäre ja „linke Tasche – rechte Tasche“, es wäre nichts passiert.

    Ein Staat gibt Anleihen aus (verschuldet sich also damit) und wird zum Schuldner, Investoren kaufen diese Anleihen und werden zum Gläubiger.

    Du spielst auf die Aktivitäten der EZB an. Die EZB ist ein unabhängig agierendes, supranationales Organ. Sie gehört zu Anteilen den Nationalbanken, von denen einige sogar Privatbanken sind (z.B. Italien).
    Sie darf normalerweise keine Kredite an Staaten vergeben (Vertrag von Maastricht), hat aber in der Krise auf dem Sekundärmarkt (also auf dem Umweg über Banken) Anleihen der Krisenstaaten gekauft und angekündigt, dies notfalls „unbegrenzt“ fortzusetzen. Fairerweise sollen die EZB-Gewinne aus den griechischen Anleihen an Griechenland zurück gegeben werden. Es soll zumindest nicht noch zu einer Bereicherung am griechischen Elend kommen.

    MS

  23. Markus

    @Matthias Schneider

    Sorry, ich hab doch glatt die Unabhängigkeit von den großen Zentralbanken unter den Tisch fallen lassen… 😉

    Die FED macht das im großen Stil.
    Staatsfinanzierung… ansonsten wer würde die Dinger noch freiwillig kaufen?
    Sicher kaufen auch andere Staaten die Dinger aus purer Anlagenot.

    Vielleicht bin ich auch zu kleingeistig mit meiner Mentalität eines Kaufmanns…

    Für mich sieht so kein stabiles System aus. Währungsreformen und Staatsbankrotte sind nichts außergewöhnliches (nur sehr schmerzhaft)!!! Nach ein paar Dekaden werden irgendwann die Industrieländer wieder an der Reihe sein.

    In den nächsten zwei Dekaden nimmt die Wahrscheinlichkeit leider gewaltig zu.

  24. Turing

    Ich habe gerade das Buch „Crashkurs“ des Krisenpropheten Dirk Müller gelesen. Meine negative Einschätzung speiste sich vor allem durch seine Auftritte im Fernsehen, bei Youtube oder in Zeitungsinterviews. Bei der Lektüre von „Crashkurs“ offenbarte sich mir: Dirk Müller ist die Nina Hagen der Finanzbranche.

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