Kein Kurs klettert kerzengerade


New York, 6. März 2012

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Oje. Heute ging die Börse auf Tauchstation. Nach dem starken Anstieg in den vergangenen Monaten ist das ja eigentlich kein Wunder. Keine Erholung verläuft kerzengerade. Leider haben Anleger diese Erwartungshaltung. Wenn Bekannte Aktien gekauft haben, glauben sie, der Kurs müsste von dem Moment an nur noch steigen. Sie schauen täglich auf den Kurs. Es ist ein Fehler, so zu denken. In der Natur finden Sie nie kerzengerade Entwicklungen. Denken Sie daran, wie Bäume oder Korallen wachsen. Sie können nicht einfach gedanklich einen Strich von Punkt A nach Punkt B ziehen. Das sind falsche Erwartungen. Leider bleiben die wenigsten realistisch. Wer auf lange Sicht im Schnitt zehn oder 15 Prozent im Jahr mit Aktien verdient, der schneidet doch verdammt gut ab. Was wollen wir Anleger eigentlich mehr? Ist es nicht unrealistisch, überall ein paar hundert Prozent einstreichen zu wollen?
Für die „Euro am Sonntag“ schreibe ich wöchentlich die Rubrik „Hot Stock der Wall Street“. In den vergangenen Monaten waren ein paar gute Treffer darunter. Ich weiß, allzu viel Eigenlob ist nie gut. Deshalb gebe ich besser gleich zu, dass ein paar schlechte Deals mit von der Partie waren. Das liegt ja in der Natur der Sache. Kurzfristig kann man leider nie exakt den Kursverlauf vorhersehen. Langfristig ist das bei hochsoliden Firmen jedoch anders, denn die Kurse steigen mit den Unternehmensgewinnen.
Je heißer die Aktien sind, desto größer ist natürlich das Risiko (und gleichzeitig die Chance). Für mich besteht in der Rubrik die Kunst darin, eine bunte Mischung aus hochsoliden und heißen Titeln zu machen.
Ich möchte Ihnen nun in diesem Blogbeitrag kurz meine Beweggründe für die Wahl einiger Aktie erläutern. Ich stelle im Folgenden einfach wahllos ein paar Titel vor. Vor einer Woche wählte ich Brasiliens größten Lebensmittelhändler Pao de Acucar, weil Brasilien eines der stabilsten Schwellenländer ist. Das Potential ist enorm, die Bevölkerung jung und motiviert. Bekanntlich hängt die Entwicklung eines Landes von der Demographie ab. Je älter die Bevölkerung, desto weniger Wachstumspotential, wie sich am Beispiel Japans zeigt. Mit höherem Alter sinkt einfach der Konsum. Oder kennen Sie ein Rentnerpaar, dass sich gerade einen neuen Mac, Luxuswohnung mitsamt Porsche zugelegt hat? Das kommt eher selten vor. Ein weiterer Grund, warum ich die Supermarktkette wählte, war: Ich hatte vor gut einem Jahr schon einmal verdammt gut gelegen mit einem der führenden Versorger Brasiliens.
Viele Konzerne aus Lateinamerika entscheiden sich für ein „Dual Listing“ an der Wall Street. US-Investoren sind von den Zukunftsaussichten begeistert, insofern lassen sich die lateinamerikanischen Aktienstories gut in New York „vermarkten“. Jede Woche sind brasilianische Konzerne auf Roadshow in den USA. Zu Recht, wie ich meine.
Bei dem abgestürzten Online-Zugangsanbieter und Portalbetreiber AOL dachte ich im August 2011: Schlimmer geht’s wohl nimmer. Und es ging tiefer. Ich hatte schon etliche Male das Management auf Präsentationen erlebt, stets hinterließ CEO Tim Armstrong einen guten Eindruck. Die Aktie ist volatil ohne Ende. Da braucht man als Anleger Nerven wie Drahtseile. Die Insider kaufen ab und an, was eigentlich ein gutes Zeichen ist. Aber trotzdem gilt: Wer weiß schon, wie es weiter geht mit AOL. Oben sehen Sie das AOL-Logo mit dem laufenden Mann.
Bank of America hatte ich kürzlich, weil ich glaube, dass die Banken nach dem dramatischen Absturz der vergangenen Jahre vor einer Erholung stehen könnten. Es ist freilich ein langer, steiniger Weg. Wir brauchen starke Banken, sie sind Grundvoraussetzung für die Genesung der Wirtschaft. Denn sie müssen insbesondere den Mittelstand mit Krediten versorgen. Statt der Bank of America können Sie praktisch jede andere abgestürzte internationale Großbank wählen. Ein gewisses Restrisiko haben Sie in diesem Sektor immer.
Ähnlich dramatisch fiel der Absturz der Weltbörse NYSE Euronext aus. Nach der Finanzkrise und dem Veto der EU-Kommission gegen die Fusion mit der Deutschen Börse ist die Ikone ein schönes Value-Papier geworden. Es sprudeln flotte Dividenden und es gibt ein kerniges Aktienrückkaufprogramm.
Den Konsumwert Church Dwight fischte ich heraus, weil es sich um ein hochsolides Unternehmen handelt mit starken Gewinnen und Dividenden. Die Story ist nicht sonderlich bekannt – im Gegensatz zu Colgate-Palmolive oder Procter & Gamble.
Wechselhaft haben sich meine Medien-Tipps entwickelt. Eine Berg- und Talfahrt machte beispielsweise Gannett, der Herausgeber der Tageszeitung „USA Today“, durch.
Bei dem Medizintechnik-Gerätehersteller Harvard Bioscience war die Kursentwicklung leider nicht zufriedenstellend. Immerhin ist das Unternehmen profitabel, hat positive Cash Flows und arbeitet an einem neuen Geschäftsfeld, der künstlichen Organzüchtung. Aber genau das ist der Knackpunkt: Die Entwicklung der neuen Sparte kostet Geld. Börsianer sind nicht immer von hohen Investitionen begeistert. Nicht jedes neue Geschäftsfeld rechnet sich. Wir werden sehen …
Ach ja, was mache ich, wenn ich als Anleger vom Gold-Rausch profitieren möchte, ohne gleich allzu stark ins Risiko zu gehen? Es gibt Lösungen. Sie können von dem Boom profitieren, ohne gleich eine Mine kaufen zu müssen. Setzen Sie einfach auf einen Zulieferer wie Imdex oder Caterpillar, ganz nach dem Hake-Schaufel-Prinzip. Schon Börsenaltmeister André Kostolany riet: „Investiere in einem Goldrausch nicht in die Goldgräber, sondern in die Schaufeln.“


tim schaefer (Author)

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