Kaufrausch im Krisenjahr


New York, 28. Januar 2010

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Heute möchte ich Ihnen die Aktienstrategien der reichsten Menschen der Welt vorstellen. Was taten die Superinvestoren während der Finanzkrise? Gleich vorweg: Im Kern nutzen sie alle die niedrigen Kurse, um sich bei traditionsreichen US-Konzernen einzudecken. Ich verweise insbesondere auf diesen Artikel aus der „Euro am Sonntag“, den ich mit Kollegen schrieb.
Hedgefondsmanager John Paulson erzielte die höchsten Renditen in den vergangenen zwei, drei Jahren. Als „Rockstar der Wall Street“ feiern die Medien den Geldzauberer. Alles, was der 56-jährige anfasst, scheint zu Gold zu werden. Sein Privatvermögen wird auf 6,8 Milliarden Dollar geschätzt, in seinen Fonds verwaltet er 20 Milliarden Dollar. 1994 fing der ehemalige Bear-Stearns-Mitarbeiter mit einer Assistentin und nur zwei Millionen Dollar Kapital an. Paulson wettete kurz vor dem Kollaps des Immobilienmarktes gegen Subprimepapiere und verdiente sich eine goldene Nase. Nach dem Kurssturz an der Wall Street riss er sich tief gestürzte Finanzaktien wie Bank of America oder Citigroup unter den Nagel und vervielfachte die Kurse. Da Börsianer mit Argusaugen verfolgen, was Paulson ordert, könnte es sich lohnen, seine Kerninvestments zu kaufen. Zumal er bis dato ein gutes Händchen hatte.
Ob Paulson, Bill Gates, Carlos Slim oder Carl Icahn – die reichsten Menschen der Welt haben gemein, dass sie in den vergangenen zwei Jahren aggressiv Aktien gekauft haben. Die Superinvestoren nutzten die schwerste Krise seit der großen Depression für eine Schnäppchenjagd sondergleichen. Traditionsreiche US-Konzerne standen auf der Kaufliste der Mega-Reichen. Es zeigt sich, dass sie alle äußerst zuversichtlich sein müssen. Allen voran Warren Buffett: Der Value-Jäger pumpte Milliardensummen in die New Yorker Investmentbank Goldman Sachs und den Mischkonzern General Electric.
Dem drittreichsten Menschen der Welt, Carlos Slim (Foto: José Cruz/ABr, Wikipedia), kam es regelrecht gelegen, dass reihenweise namhafte US-Konzerne in Zahlungsschwierigkeiten gerieten. So konnte der Mexikaner zu besonders günstigen Bedingungen jeweils über eine Kapitalerhöhung einsteigen. Ohne die Kapitalspritze des Milliardärs wäre im schlimmsten Fall der ein oder andere Konzern womöglich pleite gegangen. So riss er sich bedeutende Pakete an der New York Times und der Luxus-Kaufhauskette Saks unter den Nagel. Bereits im Sommer 2008 begann er, bei der Times und bei Saks auf Shoppingtour zu gehen. Im November 2008 baute er das Saks-Paket auf 18 Prozent aus. Im Januar 2009 erhöhte er den Times-Anteil auf über 17 Prozent. Zugegeben: Slim griff zu früh zu. Die Wall Street erreichte erst im März 2009 ihren Tiefpunkt. Auch Warren Buffett brachte seine Deals zu früh, es war im Herbst 2008, in trockene Tücher. Hätte er ein paar Monate gewartet, hätte er zu deutlich günstigeren Kursen zugreifen können.
Ähnlich wie Buffett und Paulson ist auch Bill Gates ein Anhänger von der Old Economy. Besonders mag er die Abfallwirtschaft. An dem zweitgrößten amerikanischen Müllentsorger Republic Services hält der Softwarepionier 15 Prozent. Das Imperium aus Phoenix, Arizona, betreibt 400 Müllwerke in 40 Bundesstaaten. Am 28. Oktober sicherte sich Gates’ Investmentmanager Michael Larson einen Direktorenposten bei dem Entsorger. Der Sektor wird von den Städten und Bundesstaaten stark reguliert. Neue Wettbewerber kreuzen selten auf, neue Lizenzen werden kaum vergeben. Mitte 2008 hatte Republic Services den größeren Konkurrent Allied Waste Industries für 6,1 Milliarden Dollar geschluckt. Daher verdoppelte sich 2009 der Umsatz des neuen Riesen auf schätzungsweise 8,3 Milliarden Dollar.
Der Microsoft-Gründer verwaltet sein Privatvermögen über seine Vermögensverwaltung Cascade Investment LLC sowie über die Gates Stiftung. Auffällig ist grundsätzlich Gates’ starkes Interesse für die Old Economy. In seinem Portfolio befindet sich kein Technologiewert. Das verbindet ihn mit seinem Freund Warren Buffett. Beide stimmen sich oft über ihre Investments ab. So ist auch Warren Buffett seit neuestem Aktionär des Müllentsorgers Republic Services, er hält über seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway ein Prozent des Grundkapitals.
Während sich jedoch Buffett nur ganz wenige Fehlgriffe leistet und bewusst riskante Sanierungsfälle meidet, hat Gates geradezu ein Faible für krisengeschüttelte Firmen. Gefallen findet er etwa an dem aus der Mode gekommenen Gummisandalenhersteller Crocs oder dem tief gestürzten Fotoriesen Eastman Kodak. Ebenfalls befindet sich die Bank of Florida in seinem Portfolio. Der Kurs des angeschlagenen Instituts ist böse abgestürzt. Ob die Sanierung gelingt, ist mehr als fraglich. Insofern sollten Anleger nicht blindlings dem Softwarepionier bei diesen Sanierungsfällen folgen.
Gates wertvollste Beteiligung ist der Eisenbahnkonzern Canadian National Railway mit Sitz in Montreal. Das neunprozentige Paket ist wohl auf den Einfluss Buffetts zurückzuführen. Buffett übernahm gerade den amerikanischen Konkurrenten Burlington Northern Santa Fe. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass sowohl Burlington als auch Canadian National vor Jahren versucht hatten, zu fusionieren. Sie waren aber an dem Veto der Kartellbehörde gescheitert. Zu groß und mächtig wäre der Gigant geworden. Eisenbahnen haben ohnehin monopolistische Strukturen, sie sind weitgehend vor Konkurrenz geschützt. Zu den ausländischen Investments des Software-Königs zählt die Brauerei Fomento Económico Mexicano und Mexikos größter TV-Konzern Grupo Televisa.
Carlos Slim und Bill Gates nutzen die Öffentlichkeit nicht, um für ihre Investments zu trommeln. Die Superinvestoren schweigen lieber und wirken im Hintergrund. Nicht jedoch Carl Icahn: Der 73-jährige New Yorker poltert gerne über unfähige Manager. Er hatte sogar den Blog The Icahn Report betrieben und dort gemeinsam mit seinen Mitarbeitern über die Regierung und Managementfehler gelästert. Wenn Icahn einsteigt, baut er blitzschnell den Vorstand um. Der Opponent zieht gerne selbst in den Aufsichtsrat ein. Nimmt der Kurs seines Zielobjekts Fahrt auf, sucht er schnell das Weite. Nicht all seine Investments gehen auf. Bestes Beispiel: Icahn hatte als Yahoo-Großaktionär die Übernahmeverhandlungen zwischen Microsoft und Yahoo wiederbelebt. Er setzte den Rücktritt des Yahoo-Gründers Jerry Yang durch. Schließlich vereinbarte Microsoft eine enge Zusammenarbeit bei der Online-Suche mit Yahoo. Doch der Yahoo-Kurs kam bislang nicht so recht in Fahrt. Icahn machte alles in allem keinen Gewinn mit seinem Yahoo-Investment.
George Soros, der legendäre Investor, der das britische Pfund 1992 zu Fall brachte, setzt wie kaum ein anderer auf den Energiesektor. Der 79-jährige verwaltet in seinem Soros Fund 4,5 Milliarden Dollar. Unter den 579 Positionen ist der brasilianische Energieriese Petrobras der größte Posten mit einem Depotanteil von 8,5 Prozent. Alles in allem decken Öl- und Gas-Aktien 35 Prozent seines Portfolios ab.


tim schaefer (Author)

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