In den 1970er Jahren sind die Menschen weiser mit Geld umgegangen. Konsumschulden sind eine neue Entwicklung


New York, 7. Januar 2018

Ein Café wie aus den 1970er Jahren. Heute sind sie rar. Das Zusammensitzen mit Freunden oder der Familie. Alles muss heute schnell gehen.

Ich bin in den 1970er und 80er Jahren in Süddeutschland aufgewachsen. Damals war der Umgang mit Geld anders als heute. So jedenfalls mein Eindruck. Ich fuhr als 15-jähriger Zeitungen aus. Im Laufe der Zeit nahm ich mehr Nebenjobs an. Ich wurde zum Arbeiten und Geldverdienen erzogen. Zum Sparen ebenso. Ich habe mich gefreut, wenn das Sparbuch voller wurde. Meine Eltern haben mich motiviert fleißig zu sein. Gleichzeitig hatte ich genug Freizeit.

Heute habe ich das Gefühl, dass viele Heranwachsende wenig über Geld Bescheid wissen. Ihnen geht es in erster Linie um den Konsum. Es liegt mitunter am explodierten Werbevolumen. 13.000 Werbebotschaften suchen uns täglich heim. Wir wollen „cool“ nach außen hin erscheinen, obwohl wir uns es eigentlich nicht leisten können. Wir entfalten eine Eitelkeit. Wir wollen schicke Kleidung, das neueste Smartphone.

Eltern akzeptieren heute Schulden als Lebensstil als etwas völlig Normales. Damals war das undenkbar. Damals kaufte man nur etwas, wenn man das Geld übrig hatte. Es wurde lange Zeit gespart, bis sich Bürger etwas leisten konnten. Nur bei Immobilien war die Schuldenaufnahme akzeptiert.

Selbst bei Immobilien konntest Du Dich damals aber nicht endlos verschulden. Ohne knackiges Eigenkapital ging wenig. Heute finanzieren Banken schon 100 Prozent des Kaufpreises.

Der neue Lebensstil hat Folgen: Die Privatinsolvenzen nehmen zu. Das Wissen rund ums Geld ist lausig in der Bevölkerung. Jeder zweite Deutsche hat Null Ahnung von den Privatfinanzen. Obwohl das Sparen mit einem ETF kinderleicht wäre, machen es immer noch zu wenige. Dabei müsste jedem mittlerweile klar sein, dass Altersarmut ein enormes Problem geworden ist. Immer mehr Deutsche haben zumindest ein ungutes Gefühl. Erstaunlich viele gaben in einer Befragung an, Angst vor finanziellen Nöten im Alter zu haben. Sie wissen also, dass ein Sturm auf die Bevölkerung zurollt. Sie treffen aber nicht die richtigen Entscheidungen.

Früher war die Wohnfläche geringer. War ein Möbelstück kaputt, kaufte man es gebraucht. Ging der Fernseher kaputt, wurde er repariert.

Ich möchte jetzt nicht alles glorifizieren, wie es vor 30 bis 40 Jahren war. Aber der Umgang mit Geld war vernünftiger. Der Konsum war nicht so übertrieben. Kleidung wurde länger getragen. Sparsamkeit war ein Massentrend. Ich finde das weise. Es ist vernünftig. Es schützt vor Dummheiten.

Damals waren die täglichen Diskussionen am Küchentisch wichtig. Sie spielten eine zentrale Rolle in meinem Leben. Hier wurden Probleme gemeinsam besprochen. Dies scheint mir heute in einer hektischen Zeit verloren zu gehen. Kinder und Eltern spielen stattdessen an den Smartphones herum. Wichtige soziale Aspekte gehen verloren. Der Umgang miteinander wird loser. Essen wird nur noch schnell zu sich genommen.

Durch die sozialen Medien wächst der Druck, mit den anderen Menschen mithalten zu müssen. Auf Instagram verkünden Freunde, wo sie gerade wieder im Urlaub waren. Oder welche Jacke oder Schuhe sie gerade tragen. Konsum wird zur Kernbotschaft für andere das auch so zu tun. Die Menschen folgen wie Lemminge den anderen, ohne nachzudenken. Sie können kaum noch warten, neue Modelle (Auto, Smartphone, Tablets, Mode…) zu kaufen.

Wozu der sinnlose Konsum führt, schildert diese Dokumentation gut:


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „In den 1970er Jahren sind die Menschen weiser mit Geld umgegangen. Konsumschulden sind eine neue Entwicklung

  1. Jan

    Hallo Tim, die Doku habe ich auch erst jetzt gesehen, nachdem in den vergangenen Kommentaren der Link geteilt wurde. Ja, das ist erschreckend! Aber ich wehre mich nebenbei gegen die „Armutsrisiken“ die zur Überschuldung führen. Arbeitslosigkeit z.B. Warum sollte jemand der arbeitslos wird automatisch überschuldet sein? Oder wer sich scheidet. Natürlich kostet das Geld, vermutlich mehr als einem lieb ist. Und man kann arm werden. Aber niemand zwingt dafür einen Kredit aufzunehmen. Genau anders herum ist es doch! Zuerst ist der Kredit da, dann kommt etwas Unvorhergesehenes wie die Arbeitslosigkeit. Die Menschen sind sich einfach nicht bewusst, dass der Kredit es ist der sie in die Überschuldung treibt. Und nicht die verlorene Arbeit. Wer sich heute etwas nicht leisten kann (Konsumgut) oder wer keine genügenden Sicherheiten/EK hat um selbst bei einer Zwangsversteigerung nicht mit einem Minus (Immokredit) raus zu kommen, bei dem werden einfach nur verdrängte Risiken schlagend. Natürlich machen es einem die Banken und der Vertrieb heute leicht sich zu überschulden. Mediamarktwerbung: „wir machen das schon… 0%“. Aber den Kreditvertrag unterschreibt noch immer jeder selbst. Machen wir uns nichts vor, Überschuldung hat vor allem einen Grund: Dinge kaufen die man sich nicht leisten kann.

    Schöne Grüße

    Jan

  2. Andrea

    Ich bin ebenfalls in dieser Zeit aufgewachsen. Mein Kommuniongeld habe ich komplett aufs Sparbuch gebracht, ansonsten habe ich außer einem kleinen Taschengeld nicht viel Geld als Kind bekommen. Es war eine schöne Kindheit und ich orientiere mich immer noch an den alten Werten, die ich  damals gelernt habe. Nie würde ich für Anschaffungen einen Kredit aufnehmen, auch nicht für ein Auto (allerdings habe ich auch gar keins).

    Ich hatte trotzdem eine Phase, in der ich wahllos Sachen gekauft habe, das war kurz nach dem Berufseinstieg, als ich plötzlich gut Geld verdiente. Keiner hatte mich darauf vorbereitet, und ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich damit machen sollte. Also habe ich (eigentlich überflüssige) Sammlungen angelegt. Das endete, als wir eine Wohnung kauften.

    Jetzt bin ich in der glücklichen Situation, wieder zu wissen, dass ich all das Materielle gar nicht brauche und dass es mich nicht glücklich macht. Hier schließt sich der Kreis zur Kindheit und Studienzeit wieder.

  3. A.

    Die Kiddies heute haben mehr Möglichkeiten Abos abzuschließen. Handy, Streaming, Musik, Steam für Spiele, Fitnessstudio. Vermutlich deswegen die Gewöhnung an Abos und Raten.

  4. Regine

    Ich bin seit Weihnachten „stiller“ Mitleser dieses Blogs und froh, ihn gefunden zu haben. Mein Kompliment an Sie, Tim.

    Zum Thema heute: das kenne ich ….da muß ich mich doch ausnahmsweise einmal direkt zu Wort melden. 😉 Geboren in Südwestdeutschland und auch in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen, sehe ich an den jetzigen Azubis, Praktikanten und auch ganz jungen Kollegen/innen, wie sich das Verhalten ein gutes Stück weit geändert hat. Meine Eltern haben Schulden und Ratenzahlung gemieden wie der „Teufel das Weihwasser“, alte Kleidung wurde aufgetragen (ich sage jetzt nicht, dass ich das in den 80ern schön fand…nee!), Geräte repariert so gut es ging, generell war Shopping kein solches Thema wie heute (galt das damals schon als Freizeitbeschäftigung?). Hatte natürlich auch den gegenteiligen Effekt, dass man selber keinerlei Geldbildung hatte und den ersten Bausparvertrag für das Nonplusultra hielt (ich jedenfalls seinerzeit). Auch nicht so dolle…! Dauerte etwas bis ich klüger wurde.

    Was sich heute im Vergleich zu früher geändert hat (kann mich aber auch irren) ist dieses „Will ich gleich haben, kann ich nicht drauf warten“ und parallel ein Mehrangebot an Konsumgütern für Kiddies (sehe das wie A.), da setzt gerne das eigene Gehirn aus. Lernt man dann spätestens bei leerem Kontostand oder wenn ein Elternteil ausfällt oder beide und niemand mehr Geld >zuschießt<.

  5. Ruby

    Hallo zusammen,

    auch ich habe schon ein mittleres Alter erreicht und ja – früher war das Verhältnis zu Geld und Kredit ein völlig anderes.

    Das Leben insgesamt war aber auch sehr viel langsamer und physische Werte aller Art waren sehr viel beständiger als heute. Die Dinge wurden repariert und so ein Fernseher konnte auch 20 Jahre halten mit 3 Programmen. Unsere Gesellschaft ist auf Konsum aufgebaut.

    Aber jetzt stellt euch mal vor die Menschen würden in der Masse tatsächlich wieder leben wie in den 70/80ern.  Unsere Wirtschaft würde innerhalb kürzester Zeit kollabieren.

    Nur mal so wegen dem Lieblingskind Thema AUTO http://www.globalecho.org/46815/die-globale-halde-an-unverkauften-autos/     Die Wahrheit ist daß es eine wirtschaftliche Katastrophe wäre wenn die Menschen mit ihrem Kauftrieb zurückhielten.

    Aber es sind ja nicht nur die Klassiker Mein Haus Auto Boot…. Kredite für sinnfreie Schönheits-OPs sind inzwischen ebenfalls Salonfähig. Es existieren bereits unzählige Youtube-Blogs die mit Rat Tat und Selbsterfahrung weitere animieren.  Es gibt Kredite für alles und auch für jeden die passende Entschuldigung  http://www.kreditvergleich24.com/ratgeber/life-style/kredit-fuer-schoenheits-op   und klar – ohne DoppelD bekommt man Depressionen.

    Für das persönliche Wohl kann ich nur jedem von Konsumentenkrediten nur abraten – aber auch im Geschäftsleben sollte man sich die Projekte sehr gut überlegen.

    Vielen Dank für den tollen Blog den ich erst vor ein paar Tagen entdeckt habe. Ich bin zwar nicht ganz so konsequent in Sachen Buy and Hold und Sparen unterwegs – aber den heutigen überzogenen Konsumquatsch mag ich ebenfalls nicht.

    Einzigartig finde ich übrigens die Street-Videos von NewYork – da sieht man die Stadt mal wie sie wirklich ist. Ich schau mir das tatsächlich gerne an.

  6. tim schaefertim schaefer Beitragsautor

    @ Jan

    Ich geb Dir Recht. Schulden sind das Kernproblem. Außerdem ein fehlender Notgroschen. Für mich gibt es eine Schlussfolgerung daraus: Oberziel sollte es für Menschen sein, schuldenfrei zu sein. Und einen Notgroschen zu haben. Dann ist schon viel erreicht. Dann beginnt der Frieden.

    Ich verstehe Familien nicht, die eine große Hypothek haben und sich dann noch einen neuen BMW oder Mercedes kaufen. Warum tilgen sie nicht zuerst die Hypothek (und sonstige Schulden) so schnell sie können?

    @ Andrea

    So ist es. All der Plunder macht uns nicht glücklich. Ich folge lieber meinen Hobbys und Träumen statt Plunder zu kaufen. Dadurch hab ich mehr Geld und Zeit. Es ist nicht schlimm in einem kleinen Zuhause zu wohnen, zu kochen und auszumisten. Im Gegenteil: Es ist ein Traum.

    @ A.

    Das stimmt. Die monatlichen Abos gehen ganz schön ins Geld: Online-Musik, Online-Spiele… Es gibt in den USA teure Bezahl-Radios. Das Pay-Radio SiriusXM haben 32 Millionen Amis im Auto. Es kostet 16 Dollar im Monat. Allein das ist der Knaller:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Sirius_XM

    @ Regine

    Willkommen im Club. Das freut mich. Ich hatte damals auch einen Bausparvertrag. Das war schon damals ein wichtiges Element. Aber wenn ich zurückdenke: Allein die Abschlusskosten von 1% der Bausparsumme ist ein gewaltiger Kostenklotz. Eigentlich ist das viel zu teuer. Ein unnötiges Produkt in meinen Augen.

    @ Ruby

    Das freut mich. Willkommen im Club. So viele neue Leser sind hier. Ich sehe, dass ich offenbar wichtige Punkte anspreche, die Menschen auf den Nägeln brennen.

  7. Jan

    Tim, wie du immer so schön schreibst: Vermutlich ist der Grund einen Mercedes vor der Tür des kreditfinanzierten Eigenheims stehen zu haben der, dass der Nachbar einen BMW davorstehen hat.

    Meine (damals Neuwagen weil man den nicht gebraucht bekommen hat) marokkanische Blechschüssel eines Billigherstellers hat nun nach 5 Jahren und 105.000km wohl die erste Reparatur (am Dienstag weiß ich genaues). Das Ding fährt bisher zuverlässig wie ein Panzer. Dieser Motor auf vier Rädern mit ein wenig Blech verkleidet und riesen Kofferraum war spottbillig und habe ich natürlich bar bezahlt. Mir ist es unbegreiflich wie der Franzose im Video der vor drei Jahren in einer Führungsposition war sich mit einem Auto gleicher Marke angeblich verschulden kann? Wer zum Teufel nimmt, wenn er einen guten Job hat für ~10.000 – 12.000€ einen Kredit auf? Ich glaube, dass dieser sich noch immer nicht bewusst ist, was er falsch gemacht hat. Ich glaube viele der Menschen in der Doku, so ergreifend und hart deren Schicksal ist, verstehen nicht wo der Knackpunkt liegt und was sie hätten anders machen sollen.

    JEDER Kredit bedeutet einen Konsumverzicht in der Zukunft. Dieser Satz müsste bei jedem Konsumkredit- und Ratenzahlungsvertrag in Fettschrift neben dem Feld für die Unterschrift stehen. Ich schwöre Stein und Bein, dass die Konsumkredite um 50% abnehmen würden. 🙂

    Schöne Grüße
    Jan

  8. Slazenger

    Vielleicht lag es auch daran dass die Zinsen damals in den Siebzigern im zweistelligen Bereich lagen, da war es nicht so einfach Schulden zu machen wie heute. Ich erinnere mich als meine Eltern damals ihr Haus finanziert haben lag der Zins bei 11,5%!!!!!!!!

  9. Hilda

    „In den 70er Jahren sind die Menschen weiser mit Geld umgegangen“.

    Sie haben schlichtwegs weniger gehabt.

  10. Maresa

    Hallo Tim – ein interessantes Thema.

    Ich finde, die Überschrift trifft es nicht wirklich – die Leute waren damals sicherlich nicht weiser als heute; der Krieg war gerade mal eine Generation vorbei – und dieser gewohnte und in der Nachkriegszeit geübte Verzicht hatte bestimmt auch einen großen Anteil am geringeren Konsum. Vieles kostete auch damals verhältnismäßig viel; jede Jeans z.B. 60-90 DM – das war verdammt viel Geld – und billiger ging nicht (außer man hatte jemand, der was aus den USA mitbrachte). Auch war generell die finanzielle Bildung eher auf dem Nullpunkt; das zieht sich ja bis heute durch – das ist die Generation die heute 50+ ist; da liegt auch heute noch einiges im Argen, sonst wäre z.B. die Aktienquote in D höher. Dem Normalbürger wurde vorgegaukelt, dass sich der Staat um alles kümmert und die Rente sicher sei – so wurde der kleine Rest, der vom Gehalt/Lohn noch übrig blieb in den letzten 40 Jahren brav verkonsumiert, um den Laden am Laufen zu halten (was ja auch funktionierte …) .

    Ich gebe Dir aber gerne Recht – der heutige Konsum ist mit damals nicht vergleichbar. Das Unwort des Jahrzehnts ist für mich „ich muss mir auch mal was gönnen ….“ – das ist ja richtig, aber nicht jeden Tag für nix Leistung.

    Zu den Krediten: das ist auch keine neue Erscheinung. Ich habe Anfang der 80er Jahre in der Kreditabteilung einer Bank gearbeitet – die vertragliche Bearbeitung von Großkrediten und Konsumentenkredite war meine Aufgabe. Sicherlich sind die KK seitdem angestiegen; aber es war schon in den 70 und 80ern ziemlich arg. Der Datenschutz war damals nicht so groß – und so hatten wir Einblick in die gesamten Vermögensverhältnisse, bis zur Schufa. Schlimme Zustände waren das damals schon bei vielen – und für viele große Autos die damals rumfuhren, hatte ich den Kfz-Brief im Schreibtisch :). Aber am schlimmsten fand ich die Girokonten-Umschuldungen bei einem Zinssatz von 12-15 % p.a. (für den Kredit! – der ÜZ auf dem Girokonto war noch teurer) – da hatte die Teufelsspirale ihren Anfang genommen und viele zahlen bestimmt heute noch durch Umschuldungen an den Krediten von damals. Die Zinssätze waren exorbitant hoch – und der Zinseszinseffekt entsprechend tödlich.

    Ich bin in den 80ern aus der Bankenwelt ausgestiegen. Auch bei den Kollegen griff das damals schon durch, dass man sich schnell einen günstigen Kredit holt – als Bänker musste man ja was darstellen … – mehr Schein als Sein.

    .. und wieder mal aus meiner reichen Erfahrungskiste 🙂 .. bestimmt nerve ich bereits 🙂 – aber bei Deinen Artikeln habe ich einen Flashback.

    Viele Grüße. Maresa

     

  11. Kia

    Die 70iger kenne ich nur aus Erzählungen, dargestellt als goldenes Zeitalter, indem sich jeder ein Reihenhaus, Auto und zweimal Urlaub im Jahr, leisten konnte. Natürlich von einem Gehalt.

    Im letzten Jahr habe ich mir mit meinem Sohn die Kinderserie Rappelkiste, aus den  70igern angeschaut. Die Lebenswirklichkeit der Erwachsenen, die dort abgebildet wird, empfinde ich als extrem bedrückend und ähnlich der heutigen.

  12. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    @Kia,

    wie es so ist, wird die Vergangenheit immer gerne verklärt. Damals hatte man zwar kein Problem einen Job zu bekommen, weil eben die Wirtschaft noch organisch wuchs nach der totalen Zerstörung, aber dafür hatte man andere Probleme.

    Ich habe nur noch die Ausläufer der 70er im Westen mitbekommen, da ich erst 79 aus der DDR kam, aber selbst nach dem Ölschock und Sonntagsfahrverboten 73 war die Stimmung noch prima. Damals musste ich mich nicht bewerben. Man wurde vom Flur des Arbeitsamtes weg eingestellt.

    Ich war damals gerade ein paar Tage da und hatte gar keine Wohnung, aber man hat mich auf der Stelle eingestellt und zugesichert, dass sich die Firma um eine Bude kümmert. So kam ich nach Leonberg in den Stuttgarter Raum damals.

    Vom ersten Lohn kaufte ich mir einen alten VW Käfer für 750 DM, und mit dem fuhr ich jedes Wochenende rum, manchmal bis an die Adria übers Wochenende.

    Man hatte einfach gar keine Existenzangst oder das Bedürfnis, als Jugendlicher für eine schlechte Zeit sparen zu müssen, da alles noch funktionierte. Gesundheitsfürsorge kostenlos, Rente sicher usw. Man war jung und konnte das Leben genießen. Ich kannte keinerlei Pessismismus.

    Heute schaut es eben anders aus. Wenn man auf der Sonnenseite steht, mit begehrtem Beruf, dann ist alles prima. Wenn man von den billigen importierten Lohnsklaven verdrängt wird, dann ist Ende Gelände.

    @Mark85,

    Dank noch für die Dokus. Besonders über Chomsky. Die habe ich schon vor einiger Zeit gesehen, jetzt aber wieder. Das hat nichts mit links oder rechts zu tun, sondern mit Verstand oder Verblendung.

    MS

  13. Ralf

    Nun doch mal eine etwas andere Ansicht zum Artikel.

    Konsumschulden nehmen zu und viele sind einfach bekloppt bei diesem Thema. Aber es gibt auch viele tragische Fälle, insbesondere bei Alleinerziehenden in der Nachbarschaft und Familien habe ich da schon einiges mitbekommen im Rahmen meiner Gutachtertätigkeit.

    Der große Unterschied ist, dass lebensnotwendige Sachen heute für ärmere Leute nicht mehr zu bezahlen sind. Die können keine Notebooks oder Fernseher essen. Wenn ich z.B. konsequent mit Familie Bio-Lebensmittel kaufen würde, wäre das sehr teuer. Das notwendige grundsätzliche Leben (wie Miete, Strom, Benzin,…) war im Verhältnis meist doch billiger, also hat man im Schnitt trotzdem mehr in der Tasche gehabt! Denn diese Kostenblöcke, speziell das Wohnen, ist mittlerweile vielerorts (außer in strukturschwachen Gegenden) erhebliches Problem für viele geworden. Selbst für Miniwohnungen. Zumindest in Süddeutschland vielerorts. Auch die Wege zur Arbeit werden laut Statistiken immer länger.

    Beispiel: Mein Schwiegervater konnte Ende der 70er für 12.000 Mark ein Grundstück kaufen und als Alleinverdiener ohne Studium und hochwertige Ausbildung ein riesen Haus bauen. Heute kostet das selbe Grundstück am gleichen Platz bei einem Neuerwerb rund 280.000 €!! Und selbst Doppelverdiener mit schlichten Hausplänen tun sich an gleicher Stelle heute massiv schwer. Also stimmt schon etwas nicht im System. Trotz damals hoher Hypothekenzinsen konnten die Leute das schultern und fuhren wie mein Schwiegervater noch regelmäßig in Urlaub. Heute vielfach undenkbar. Die Bauvorschriften haben z.b. das Wohnen sehr teuer gemacht. Er fuhr sogar trotz Gesellenlohn immer gute Autos wie BMW oder Mercedes (ohne Erbe). Er ist der gleichen Ansicht, früher war trotz anderer Herausforderungen die Kaufkraft besser.

    Die heutigen Schulden sind meiner Ansicht nach daher nicht nur durch das Konsumverhalten bedingt. So haben z.B. auch präkäre Jobverhältnisse trotz guter Ausbildung drastisch zugenommen. Damals hatte man ruckzuck einen neuen, besser bezahlten Job. Kenne ich noch von meinem verstorbenen Vater und etlichen Verwandten so. In der heutigen Zeit nur in wenigen Bereichen wie IT denkbar.

  14. Guy Incognito

    Als ich heute im Auto saß, dachte ich mir fast das gleiche. Wenn man so schaut, geht es den Menschen besser denn je. Das Problem ist nur, dass die Leute den Drang verspüren, sich mit anderen zu vergleichen.

    Die Leute sehen Facebook- oder Instagram-Postings von Nachbarn, Arbeitskollegen und irgendwelchen 18-jährigen Social-Media „Stars“ mit neuen Luxus-Autos, neuesten Gadgets, Luxusreisen und bekommen das Gefühl irgendetwas im Leben verpasst zu haben, ja sogar Minderwertigkeitskomplexe. Aus diesem Grund, so denke ich, verschulden sich die Leute immer mehr für Plunder, den sie eigentlich garnicht brauchen, ja sogar belastend sein kann.

    Ein Beispiel aus der Arbeit: Ein Arbeitskollege, heiratete eine Frau die mehr als er verdient, musste sich gleich einen Audi A4 als Jahreswagen kaufen und spielt mit dem Gedanken, sich ein Eigenheim im Freisinger Umland für 800.000,-€ zu kaufen, obwohl er nur ein wenig mehr als ich verdient. Seine Aussage war: „weil’s ja alle so machen“.

    Dem ist nicht hinzuzufügen.

  15. Andrea

    Kia, die Fernsehprogramme damals sind mit den Fernsehprogrammen heute nicht zu vergleichen. Sendungen waren damals bewußt sozialkritisch und es wurde über Probleme berichtet, aber nicht wie heute, um sich über die Leute lächerlich zu machen (scripted reality), sondern um die Bevölkerung aufzuklären und Mitgefühl zu wecken. Natürlich gab es damals Probleme: Ölkrise, RAF … Und natürlich gab es damals auch arme Leute und Unterschichten, es herrschte aber eher die Meinung vor, dass man es mit Fleiß schaffen kann, etwas im Leben zu erreichen. Sparsamkeit gehörte auch dazu.

    Inzwischen kommt mir hier vieles in Deutschland wie ein Sumpf vor, und es wird nicht versucht, die Probleme zu lösen, sondern es werden einfach noch andere Probleme darüber gekippt. Renten … Situation in den Krankenhäusern und Pflegeheimen … prekäre Verhältnisse: befristete Jobs und Leiharbeit … Kriminalität … Schulwesen … Obdachlosigkeit … steigende, teilweise unbezahlbar werdende Mieten. Man sieht immer mehr Verwahrlosung und Dreck in den Straßen.

    Und mit einem Gehalt würde man heutzutage auch als Durchschnittsverdiener keine Familie mehr durchbringen können. Mein Vater war Alleinverdiener (Bürotätigkeit), meine Mutter kümmerte sich um uns vier Kinder. Außer Kindergeld bezogen wir keine Sozialleistungen und sind einmal im Jahr in den Urlaub gefahren (3 Wochen im Sommer, Ferienhaus in Spanien).

    Ich bin fern davon, die damalige Zeit zu verherrlichen, aber es herrschte mehr soziale Gerechtigkeit und Gemeinschaft in der Gesellschaft. Dies war sicherlich auch deshalb, weil die Leute ähnliche Werte hatten. Auch wurde Minderheiten und Bekloppten nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie heute (das mag man gut finden oder nicht).

     

     

  16. Sparta

    In den 70ern gab`s kein Internet und so ist die heutige ständige Vergleicherei & Erreichbarkeit schwer zu vergleichen. 😉

  17. Kia

    Matthias Schneider und Andrea: Danke für eure Erfahrung.

    ich habe die Serie im Elektronikmarkt in die Hände bekommen und dachte das ist so eine Art 70iger Jahre Bullerbü, seichtes heile Welt geplänker. Ich war dann verwundert das in fast jeder Folge Eltern auftauchen, die genervt und ausgelaugt sind, den ganzen Tag arbeiten aber nicht genug Geld verdienen. Und dann wohnen noch alle in so tristen Großsiedlungen in beengten Verhältnissen.

  18. Sven

    @ Ralf

    Ich finde es etwas problematisch, irgendwelche Einzelfälle (der Grundstückskauf Deines Schwiegervaters) heranzuziehen, um dann darauf zu schließen, dass irgendetwas mit unserem System nicht stimmt. Bei meinen Eltern hat sich die Wertsteigerung der Immobilie deutlich enttäuschender entwickelt.

    Es irritiert mich auch etwas, wenn die damaligen Zinsen betrachtet werden, jedoch die damalige Inflation nicht.

    Ich habe die 70er-jahre etwas anders in Erinnerung:

    Mein Vater war mittlerer Beamter und hat das Haus mit Großvater und Bruder zu 95% neben dem Beruf allein hochgezogen. Sonst wäre das nicht finanzierbar gewesen. Urlaub war für die nächsten drei Jahre nicht drin.

    Bevor das Eigenheim gebaut wurde, hatten wir eine Etagenwohnung zur Miete. Die Kohle zum Heizen wurde aus dem Keller geholt, ein Telefon hatten wir nicht, und einmal in der Woche kamen Großeltern zu uns, um zu duschen. Die hatten nämlich keine Dusche.

    …die gute alte Zeit!

    Ach ja: Selbstverständlich kann man Notebooks und Fernseher essen, nämlich dann, wenn man sie gar nicht anschafft.

  19. Hoanganh

    Noch schlimmer wäre der Privatinsolvenz in Deutschland. Dort werden im Falle des Verfahren 6 Jahre lang dauern. Die Schutzgemeinschaft für Allgemeine Kreditsicherung (Schufa AG) würde in diesen Fall negative Bewertungen aufweisen. Dann kann man 6 Jahre (mit Insolvenzplan 1 Jahr) nie mehr neue Mobiltelefonverträge, Bankkonten samt Wertpapierdepot usw. eröffnen. Zudem muss man während der Wohlverhaltensphase, was über die Pfändungsfreigrenze (nach Pfändungstabelle gerichtet, §850c ZPO) hinausgeht, an die Insolvenzverwalter abführen.

    Wer Schulden hat, der sollte am besten mutig zur Gläubiger zugehen und einen Vergleich aushandeln.

    Noch besser ist, überhaupt keine Verbindlichkeiten zu haben.

    Dennoch kann es unverschuldet passieren, wenn z.B. der Finanzamt Fehler macht. Dann muss man dagegen ankämpfen.

    Hinweis: Ich bin nicht für Rechtsberatung zuständig.

    Deine Meinung, @Tim ?

  20. Regine

    @Kia: die „Rappelkiste“ ist aus heutiger Sicht wirklich deprimierend, die Serien waren aber tatsächlich deutlich sozialkritisch, die TV-Ära war teilweise so geprägt. Gab ja auch nur drei Sender……Positiveres mit leichtem Sozialkick gab es eher bei „Neues aus Uhlenbusch“ und dem „Feuerroten Spielmobil“ (mit Integrationscharakter) und reine Idylle eigentlich nur bei „Heidi“ (Zeichentrick) und „Biene Maja“ (auch Zeichentrick… hat mich heute ein Kollege dran erinnert… nach Jahren des Nicht-Drandenkens….). Witzig, dass ich hier jetzt wieder drauf stoße heute. 😉

    Sorry, ich weiß, ist ein Finanzblog. Zurück zum Thema: was die „Finanz- und Geldbildung“ angeht, waren meine Eltern völlig unbedarft, die Bank hatte (fast) immer recht, galt als gewisse Autorität und es gab wenig Möglichkeiten, sich anderweitig zu informieren (Bücherei und Zeitschriften fallen mir da als einziges ein. Ich habe heute einer sehr jungen Kollegin von der ehemaligen DDR und den strengen Ein- und Ausreiseregeln erzählt, da musste ich an den Blog hier denken.

    Ich glaube, dass die verschiedenen Stränge (Konsum, Geldverhalten, Interneteinfluss, Freizeitverhalten, Mehrangebot, Billigpreise und gleichzeitige Geldentwertung, Freiheit zum Konsum und die strengeren oder nicht-strengeren Regeln) sich gegenseitig beeinflussen. Die Gewichtungen haben sich verschoben. Die Frage ist für vielleicht eher, wie weit kann man sich den aktuellen Abläufen entziehen ohne als Sonderling zu gelten und wie weit kann man sich ebenso entziehen, wenn man bestimmte Dinge lebensnotwendig braucht und am absolut unteren Ende der Fahnenstange steht, wo kein Sparen hilft, weil das Existenzminimum gerade so hinreicht. Ich bin nicht sicher, ob da in den 70er mehr „Kuschelzone“ war, man fühlte sich vielleicht nur sicherer aufgrund der Gegebenheiten?

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