Ihr Temperament entscheidet über Ihren Wohlstand


New York, 22. November 2013

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Was ist wichtig für den Umgang mit den Finanzen? Das Temperament. Wer seine Gefühle im Griff hat, hat schon die halbe Miete gewonnen.
Bevor ich ein Asset kaufe, ganz gleich um was es sich dreht, informiere ich mich umfassend. Ob Aktie oder Immobilie – in aller Ruhe gehe ich die Informationen durch. Anschließend entscheide ich nicht blitzschnell, sondern lasse mir Zeit. Tage. Wochen. Monate. Ich frage zudem andere um deren Rat.
Die meisten entscheiden zu schnell. Heute stürmen sie rein und morgen wieder raus. Die Kosten verdrängen sie. Die Risiken nehmen sie nicht zur Kenntnis. Sie lassen die Gefühle entscheiden. Nicht die Fakten.
Die Börse, die Rohstoffmärkte und der Immobilienmarkt – das alles ist ein chaotisches System. Angst. Gier. Spekulation. Meinungen. Emotionen. Herdenverhalten. Selbstüberschätzung. All das kommt hier zusammen.
Wie gehen Sie am besten vor? Wie bekommen Sie die Gefühle aus den Entscheidungen heraus? Wie können Sie sich auf die Fakten konzentrieren?
Lesen Sie die Geschäftsberichte von Firmen, die Sie kennen und für die Sie sich interessieren. Gehen Sie in aller Ruhe alle Informationen durch.
Schauen Sie nicht auf den Börsenkurs oder den Börsenwert. Machen Sie sich erst auf Basis des Geschäftsberichts ein Bild, was Sie bereit wären, dafür zu bezahlen.
Sagen wir mal, die Firma macht 5 Milliarden Euro Umsatz und eine halbe Milliarde Euro Gewinn nach Steuern. Dann wäre ich bereit 5 bis 8 Milliarden Euro zu bezahlen, sofern die Firma zweistellig wächst.
Als Faustformel gilt für mich: Ich bin bereit, den 1-fachen Umsatz zu bezahlen im Vergleich zum Börsenwert.
Anders ausgedrückt: Wenn der Klempner am Eck 100.000 Euro Umsatz im Jahr stemmt, wäre ich bereit 100.000 Euro für den Laden zu bezahlen, wenn er profitabel ist. Ist der Klempner super fleißig und wächst stramm, würde ich mehr bezahlen.
So geht Buffett vor. Er schaut niemals zuerst nach, was die Börse für ein Preisschild auf das Unternehmen X klebt, sondern er entscheidet selbständig ohne den Einfluss der Börse, was er bereit ist dafür zu bezahlen. So lässt er die Einschätzung des Marktes an sich völlig vorbei gehen. Denn die Meinung der Börse kann irrational sein.
Ist die Börse teuer, suchen Anleger 1000 Gründe, warum die hohen Preise gerechtfertigt sind.
Im dritten Quartal kaufte Buffett knapp ein Prozent am Öl-Goliath Exxon Mobil. Ich weiß, warum. Gerade las ich den Geschäftsbericht. Das Vorwort von CEO Rex Tillerson klingt so, als ob er einen persönlichen Brief an Buffett schreiben würde. Tillerson redet ständig von „long-term value“ (PDF) gleich mehrmals im ersten Abschnitt. Der Manager lobt die hohe Eigenkapitalrendite, lobt das „ethische Verhalten“. Tillerson gibt einen langfristigen Ausblick. Das Unternehmen steht echt super da.
Solche Berichte öffnen einem die Augen. Diese alten Firmen schreiben seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten, solche Berichte. Sie wissen, wie man das verständlich und exzellent macht.
Wer mit seinem Temperament nicht umgehen kann, geht mit seinen Finanzen baden. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele.
Der Pop-Star Aaron Carter ist pleite. Er scheffelte Millionen. Nun ist alles weg. Ein Schuldenberg türmt sich zusätzlich auf.
Der Trader David Miller (41) kaufte über seinen Arbeitgeber, den kleinen Finanzdienstleister Rochdale Securities, eigenmächtig 1625 Millionen Apple-Aktien, kurz bevor der IT-Riese seine Zahlen bekannt gab. Das war am 25. Oktober 2012. Der Gegenwert der Order: 1 Milliarde Dollar. Eigentlich hätte Miller nur 1625 Stück (keine Millionen) kaufen sollen. Er hat den „Fehler“ absichtlich begangen.
Miller glaubte nämlich, die Quartalszahlen würden besser als erwartet ausfallen und der Apple-Kurs werde anschließend blitzartig durch die Decke gehen. Der Schlaumeier hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Zahlen enttäuschten. Die Aktie sackte weiter ab. Es ist wie im Roulette. Schwarz oder Rot. Kopf oder Zahl.
Millers Arbeitgeber ist pleite. Die Mitarbeiter verloren alle ihre Jobs. Und Miller muss für 30 Monate in den Knast.
Da gingen mit ihm die Gefühle durch. Hätte er richtig gewettet, wäre er vermutlich befördert worden und hätte einen fetten Bonus kassiert.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Ihr Temperament entscheidet über Ihren Wohlstand

  1. Markus

    Sehr interessant, wenn das ethische Verhalten gelobt wird. 😉

    Es wird so starker Lobbyismus betrieben, dass Klimaforscher und deren Familien Morddrohungen erhalten und diskreditiert werden…

    Halbwegs seriöse Forschungen werden in den Dreck gezogen.
    Für investigativen Journalismus fehlt leider das Geld bei vielen Verlagen…

  2. StefanStefan

    Was mich bei Ölkonzernen abschreckt ist, dass ein einziger großer Unfall à la BP Milliarden an Wert vernichten kann. Klar hat sich BP wieder erholt. Sicher war das aber nicht. Es sind ja auch noch größere Unfälle denkbar.

    Die Förderung wird immer teurer und riskanter. Der Weg geht weg von einer Welt in der immer mehr Öl verbraucht wird…ich weiss nicht.

    Ein solcher Risentanker wie Exxon kann auch nicht mehr soo riesig wachsen und seinen Wert mal eben so verdoppeln in ein paar Jahren. Buffett gehen nun mal langsam die Möglichkeiten aus. Ich denke für den kleinen Privatanleger gibt es bessere Möglichkeiten als Exxon…

  3. StefanStefan

    Und zu Aaron Carter:

    Das ist so ein typisches Beispiel wo jemand einfach viel zu jung und unerfahren, im Schatten seines großen Bruders, zu viel Geld gekommen ist. So jemand ist doch ein perfektes Opfer für gierige Berater die ihren Schützling gnadenlos aussaugen. Das ist auch einem Mike Tyson passiert. Und sogar Michael Jackson hat es hinbekommen am Schluss massive Geldprobleme zu bekommen obwohl er mehr als eine Milliarde Dollar verdient haben soll. Unglaublich.

  4. Mario

    Zum Fall BP kann ich nur sagen, dass ich damals nach dem Unfall eingestiegen bin. Wie ethisch oder unethisch dieses Investment ist sei dahingestellt. Daher war es eine Chance. Welches Unternehmen hätte damals BP kaufen können (selbst bei dem damaligen Börsenwert) bzw. dürfen (Kartellamt)? Ich bin gegen die Herde gerannt. Heute ist die Dividende wieder interessant.

    Welches Unternehmen verbraucht keine Ressourcen bei der Produktion ihrer Güter? Ethische oder unethische Produktion betrachtet? Was ist ethisch? Klar Waffen sind nicht ethisch? Aber eine Schüsselfabrik die auch für die Bundeswehr produziert ist ethisch? Die Liste ließe sich bestimmt verlängern. Selbst die Errichtung von Produktionsstätten ist umweltschädlich. Die Tastatur die ich gerade benutze um diese Meinung zu verfassen, ist nicht klimakonform hergestellt. Sie ist nicht aus Holz geschnitzt. Also alles zu verteufeln was der Mensch anstellt ist in meinen Augen ebenfalls nicht richtig.

    Schönes WE!

  5. Markus

    @Mario

    Die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz von BP war prozentual klein.
    Sicher tanken viele von uns Benzin und es ist in sehr vielen Produkten Erdöl drin…

    Bin ich jetzt heuchlerisch, wenn es mich nervt, dass sich solche Leute auch noch über die eigene Ethik auslassen?

    Ok, man kann sowieso alles der Rendite unterordnen und am besten nicht mal mehr sein Hirn anstrengen und über die größeren Zusammenhänge nachdenken.
    Wie viel Plastik, Arsen, Quecksilber, Schwermetalle usw. verträgt Dein Körper bevor er krank wird?
    Reichtum bringt nichts wenn die Gesundheit flöten geht oder die Welt nicht mehr lebenswert ist.

  6. Felix

    Ich weiß nicht, ob die Hochglanzgeschäftsberichte wirklich eine verlässliche Quelle über den inneren Zustand einer Firma sind. Sie sehen mir mehr nach Marketing aus; es sind Imagebroschüren, welche die Firma glänzend aussehen lassen soll.
    Auch wenn einem Unternehmen das Wasser bis zum Halse steht, würde sie eine solche Broschüre drucken (dann erst Recht).

  7. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    Weil hier gerade mal Ethik und Moral zum Thema gemacht wird… Wenn man eine Grundsatzdiskussion über Moral des Kapitalismus generell mal in der Schublade lässt (den haben wir nunmal, und Jeder ist sich selbst der Nächste), kann man ja trotzdem halbwegs kritisch jenseits der reinen Rendite investieren.

    Ein gutes Hilfsmittel ist da der „Norwegische Staatsfonds“, bzw. seine Ausschlusskriterien. Für mich persönlich kommen auch keine Tabakkonzerne ins Depot. Man muss die natürlich in sehr vielen Fonds ertragen, ist klar.

    Kinderarbeit und Umweltverschmutzung: Norwegens Staatsfonds zieht Geld aus Unternehmen ab.

    Blacklist des Norwegischen Staatsfonds – Companies Excluded from the Investment Universe

    MS

  8. Frank / Berlin

    von der Black-List des Norwegischen Staatsfonds hab ich 4 Werte.

    ja, und? Diese Aktien sind nach deutschem Recht legal handelbar. Es ist nicht meine Aufgabe, mir als Bürger strengere Regeln aufzulegen als es der von mir finanzierte Staat tut.
    Der deutsche Staat hat ja auch keine Skrupel die Abgeltungssteuer z.B. auf Lockheed Martin zu kassieren. also warum sollte ich mehr Skrupel haben?

  9. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    Moral hat nichts mit staatlich sanktioniertem Recht zu tun. Moral muss jeder Einzelne mit sich selbst ausmachen. Die Ansprüche sind eben individuell verschieden.
    Theoretisch könnte jederzeit in Deutschland eine „Puff-Kette“ AG zum IPO auflaufen.
    „Seit 2002 gilt in Deutschland eine der liberalsten Prostitutionsgesetzgebungen Europas.“ ( Prostitution in Deutschland
    Das wäre voll legal, aber die moralische Relevanz stellt sich jedem Anleger trotzdem. Vor allem wenn man wüßte, wie es um die Zwangslage der „Arbeitnehmerinnen“ stünde. Der Staat schaut weg, kassiert Steuern. Aber der Anleger ist immer seinem Gewissen verpflichtet. Welche Rendite kann ich vor mir rechtfertigen?

    MS

  10. Frank / Berlin

    nö, so etwas wie Moral gibt es nicht. Es gibt nur geltendes Recht.
    Wenn man sich an geltendes Recht hält, macht man alles richtig.
    jenseits von Recht ist nichts. das Problem ist nur, dass viele denken das da mehr wäre.

  11. Matthäus Piksa

    @Frank/Berlin

    Natürlich gibt es jenseits des Rechts noch etwas. Nämlich das Un-Recht inklusive dem sog. Un-rechts-staat. Und im Unrechtsstaat macht es definitiv Sinn moralisch-ethische Regeln zu befolgen, die sich aus dem kodifizierten Un-Recht zwangsläufig nicht ergeben können.

    Ich bin mir sicher, dass der nordkoreanische Diktator rechtlich, sprich gemessen am nordkoreanischen Recht, einwandfrei handelt. Gleiches gilt für seine Gefolgsleute&Co. – Ihrer Logik nach macht er mithin also auch alles richtig? – Absurd.

  12. Sebastian

    @Felix:

    D´accord!

    @Matthias und Matthäus:

    Super Link, Danke Matthias!
    Prima Antworten zum Thema von euch.

    Der moralische Grad beim Investment ist schmal, wie ich finde. Bedenken kann man bei fast allen Unternehmen anmelden (Gehört irgendwie zum Wesen des Kapitalismus 😉 ).

    Dennoch würde ich schon erhebliche Unterschiede machen (Waffen oder Windeln). Da ist jeder Investor gefragt, in sich zu gehen.

  13. Matthäus Piksa

    @Sebastian

    Ich verstehe nicht ganz, wieso Waffenproduzenten grundsätzlich als moralisch total verwerflich dargestellt werden.

    Wenn man das konsequent zu Ende denkt, müsste die Polizei auf Waffen verzichten, da durch den Kauf die Waffenhersteller profitieren…?

    Und Länder wie Israel, umzingelt von Feinden, die wie im Falle Syriens sich sogar selbst bekriegen, müssten um moralisch einwandfrei zu handeln ihr Militär abschaffen??

    Das Gegenteil ist doch richtig.

    Das einzige was falsch ist, ist doch, einem Verbrecher bzw. Verbrecher-Staat Waffen zu verkaufen.
    Aber abgesehen von Staaten wie Nordkorea ist es oftmals nicht eindeutig, ob ein Staat böse ist.

    P.S.: Ich bin nicht im Besitz von Aktien von Waffen+Rüstungsgüterherstellern.

  14. Mario

    @Markus
    Es ist jetzt für mich schwer eine Selbsteinschätzung abzugeben. Ich versuche es trotzdem.
    Mein Getränk das ich bevorzuge ist Wasser, jedoch nicht vom Supermarkt aus PET Flaschen. Diese werden anschließend gepresst und nach China zur Weiterverarbeitung gesandt. Dort werden Kleidungsstücke draus. Ich kaufe mein Wasser für zuhause grundsätzlich in Glasflaschen. So bin ich mir sicher nicht den Weichmachern der PET Flaschen, auch ich benutze sie auf meinen dienstlichen Reisen aus Gründen der Sicherheit, ausgesetzt zu sein. Nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, werde ich mich laufen gehen. In diesem Jahr schon über 1100 km. Mein Bestreben ist grundsätzlich ordentlich und nachhaltig zu leben. Weiterhin besitzen wir keinen Fernseher und zahlen trotzdem Rundfunkgebühren. Lebensqualität und Ethik definiert jeder anders. Dies ist nur ein kurzer Einblick in mein Dasein. Allerdings fasse ich deine/ihre Worte nicht als negative Kritik auf. Niemand weiß wer hinter den Einträgen und Meinungen steckt.

    Schönes WE!

  15. Markus

    @Mario

    Man kann sich nicht gegen Weichmacher schützen ohne ein Eremit zu werden! Dasselbe bei Mineralölen, Pestiziden und andere nicht so optimale Substanzen in Lebensmitteln, Tieren/Fische und unserer Umwelt.
    Die Flaschen alleine bringen es nicht!

    Ich bin kein Öko-Fanatiker, aber es gibt noch genügend Aufgaben, die die Menschheit verbessern sollte!
    Ich wäre bereit für Verbesserungen mehr zu bezahlen oder ein, zwei Prozent Rendite aufzugeben.

    Allerdings ist es wahrscheinlich auch eine Sichtweise, die abhängig vom aktuellen Vermögen ist…

  16. tim schaefertim schaefer

    Ich besitze keine Waffenhersteller, keine Tabakkonzerne, keine Alkohol-Fabrikanten.

    Ja, es stimmt, es ist nicht einfach eine „moralische“ Grenze zu ziehen. Was ist mit Öl, mit Cola, mit Airlines, Fastfood, Chemie…?

    Grundsätzlich glaube ich, je weniger Waffen wir auf dem Planeten haben, desto sicherer wird er.

    Bürgermeister Bloombergs Kampf gegen den Schusswaffenbesitz leuchtet mir ein. Ich finde seine Initiative gut.

  17. Sebastian

    @ Matthäus

    Das Argument ist bekannt. Zieht bei mir aber nicht. Bekommen wir eine friedlichere Welt mit mehr oder mit weniger Waffen?

    Es werden eh weiter Waffen produziert werden. Ich unterstütze das aber nicht mit meinem Geld! Provokante These übrigens: Das Angebot schafft sich seine Nachfrage!

  18. Jens

    „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
    Den Vorhang zu und alle Fragen offen. […]
    Soll es ein andrer Mensch sein? Oder eine andere Welt?
    Vielleicht nur andere Götter? Oder keine? […]
    Sie selber dächten auf der Stelle nach
    Auf welche Weis dem guten Menschen man
    Zu einem guten Ende helfen kann.
    Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
    Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“

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