Herdenverhalten


New York, 23. Juli 2013

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Keiner kennt die Zukunft. Das sollten wir alle akzeptieren. Daher ist es ratsam umsichtig zu sein. Leute, die einen Ausblick geben, stellen Vermutungen an. Dabei passiert vieles völlig überraschend.
Wer hat vor zehn Jahren die weltweite Finanzkrise vorgesehen? Wer hat erkannt, dass die Börse um 50 Prozent einbricht? Wer hat sich ausmalen können, dass Ägyptens Diktator Mubarak im Gefängnis landet? Wer hat gedacht, dass das Finanzbeben nach vier Jahren ausgestanden ist und der Dow-Jones-Index sich verdoppelt, um anschließend auf ständig neue Rekordhöhen zu stürmen? Wer hat gedacht, dass unsere schwarz-gelbe Bundesregierung den Atomausstieg durchboxt.
Ich denke mal: Kein Mensch.
Es passiert überraschend. Skandale, Krisen, Umstürze, Erdbeben, Crashs, Kursrallys, Entdeckungen, Erfindungen, Kriege, Frieden – all das geschieht oftmals aus heiterem Himmel.
Daran muss man sich als Aktionär gewöhnen. Der Alltag ist so hektisch, blenden Sie am besten das Tagesgeschehen aus. Es zahlt sich aus, eine enorme Gelassenheit zu entwickeln.
Am besten lassen Sie sich nicht von Massenthemen beeinflussen. Denn der Alltag hat so seine Tücken. Es sind Stimmungen, die den Tag, die Woche, den Monat bestimmen.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn fast alle Analysten eine Aktie zum Kauf empfehlen, ist Vorsicht geboten. Wer soll die Apple-Aktie noch kaufen, wenn nahezu alle Anhänger bereits investiert sind? An der Börse herrscht ein typisches Herdenverhalten. Die Horde rennt von der einen in die andere Richtung.
Im Umkehrschluss wird eine Aktie für mich spannend, wenn führende Banken unisono zum Verkauf raten. Werden ständig die Kursziele reduziert, kann so ein Wertpapier ab einem bestimmten Zeitpunkt kaum noch jemand verkaufen. Sind alle Angsthasen ausgestiegen, verbleibt ein harter Aktionärskern in dem Wertpapier. Das ist die ideale Zeit, um sich auf die Lauer zu legen, sofern es sich um eine gesunde Firma handelt, die einfach aus der Mode gekommen ist. Investor Carl Icahn sagt: „Du musst einsteigen, wenn Dir alle davon abraten.“
Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Ich halte den Energydrinkhersteller Monster Beverage für attraktiv. Überall ist Kritik zu lesen. Ein Mädchen aus Maryland soll angeblich nach dem Konsum des Aufputschmittels gestorben sein. Die Zeitungen sind zugepflastert mit Horrormeldungen über die Monster-Getränke und Red Bull. Hier schlagzeilt der Blog Gawker: „Monster Energy Drinks können dich das Leben kosten“.
Entsprechend bebte der Monster-Kurs. Die Medien lieben bestimmte Themen. Sie stürzen sich auf sie und neigen zu Übertreibungen. In 16 Jahren hat Monster mehr als acht Milliarden Dosen weltweit verkauft. Jetzt soll das Zeug auf einmal tödlich sein?
Sind ausschließlich diese Getränkedosen schuld am Tod eines Menschen? Ich glaube, es spielen hier viele Faktoren eine Rolle. Es kann eine Krankheit bzw. gesundheitliche Schwäche vorliegen. Wer weiß das schon.
Zum Schluss habe ich für Sie einen anderen typischen Fall: Für den Rüstungskonzern Exelis hatte sich im Frühjahr kein Mensch interessiert. Warum? In aller Munde waren die Budgetkürzungen in Washington. Deshalb war der Kurs regelrecht ausgebombt, die Bewertung war ein Witz. Das Gewinnvielfache betrug damals spottbillige sieben.
Fazit: Wer gegen den Strom schwimmt, braucht Kraft, Geduld und starke Nerven. Es zahlt sich langfristig aus.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Herdenverhalten

  1. Markus

    Die Staatsverschuldung weltweit passiert nicht überraschend und über Nacht…
    Dagegen ist die Finanzkrise von vor 4 Jahren ein Witz!!!
    Ist ein einziges tragfähiges Konzept zur Entschuldung der Öffentlichkeit vorgestellt worden??? 😉
    Ein Schelm wer dabei nichts gutes denkt!
    Die Verwerfungen sind größer als 1929… Aber wir sind jetzt lieber mal wieder positiv! 😉

  2. Matthäus Piksa

    Solche kultigen Energydrink-Hersteller wie Monster Beverages sind immer auch Kandidaten für eine Übernahme durch größere Getränkehersteller, in diesem Fall Cola oder Pepsi Co.

    Dass man mit den Energy-Drinks verdammt viel Geld verdienen kann, zeigt der österreichische, flügelverleihende Konkurrent, der ständig als Sponsor von Trendsportarten und den dazugehörigen Events auf den Plan tritt. Auch den Rekordsprung des Extremsportlers Felix Baumgarten sponsorte Red Bull.

    Ich trinke das Zeug nur selten, es schmeckt irgendwie nach Gummi-Bärchen, sehr süß eben.

    Die Überlegenheit des Value Investings als Anlagephilosophie bestätigten jetzt auch Experten der HongKong-Universität.

  3. tim schaefertim schaefer

    @ Markus
    Die Staatsschulden sind brisant. Das stimmt. Wie es scheint, bekommt Europa das in den Griff. Die Europäische Kommission rechnet ab dem 4. Quartal mit einer Wirtschaftsbelebung (Ende der Rezession).

    Die hohen Schulden bedeuten: Mehr Inflation mittel- und langfristig, kernige Steuerabgaben für die Arbeitnehmer, für alle.

    @ Matthäus
    Danke für die exzellenten Links.

    Die Frage ist: Es ist wohl günstiger und gesünder eine Tasse Kaffee zu trinken anstelle eines Energydrinks. Aber Kaffee mögen halt viele nicht. Lieber die kultigen Dosen.

  4. Markus

    @Tim

    Wie kommst Du darauf, dass die Staatsverschuldung noch beherrschbar ist?

    Die zwei einzigen Staaten, denen eine winzige Rückführung der Staatsschuldenquote innerhalb der EU geglückt ist, sind Deutschland und Estland… und dass auch nur, aufgrund der historisch niedrigen Zinsen und der guten Wirtschafstentwicklung von Deutschland. Lass uns mal in eine Rezension kommen oder die Zinsen steigen in ein paar Jahren wieder…

    Der Reformdruck von den Südländern wird durch das unbegrenzte Gelddrucken und alternativloser Hilfe einfach mal so beiseite genommen…

    Japan und die USA sehen auch nicht unbedingt berauschend aus.
    Im Schnitt sind Währungsreformen nicht die Ausnahme, sondern die Regel!!! Man muss nur Zeiträume ca. alle 60 Jahre anschauen. Aufgrund des Zinseszinses geht das Verhältnis von Vermögen zu Schulden an die Grenzen der Belastbarkeit…

    Sachwerte sind sicherlich besser als Geldwerte, aber für mich ist nur ca. der Buchwert einer Aktie der Sachwert und nicht der Kurswert.

  5. Larry

    HANS bzw. MNST war eine meiner besten Aktien in den letzten 10 Jahren. Auf das Invest kam ich als man mir im Urlaub eine Dose am Strand von Florida in die Hand drückte… mir hat das Zeug nicht geschmeckt, aber ich hab gesehen wie verrückt alle danach waren! 🙂 Ausgestiegen bin ich letztes Jahr als die Übernahmegerüchte durch KO kamen. Die Bewertung war abgehoben und ich hab einen Teil des Verkaufs in KO gesteckt. Die Bewertung finde ich immer noch leicht übertrieben, aber bei anderen guten Aktien wie zB CMG wird es auch nicht günstiger… 😉

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Markus
    Niemand weiß, ob die Schulden in Griechenland, Spanien, Japan oder Italien beherrschbar sind. Ein Staat kann rein theoretisch durchaus pleite gehen. Eine Währungsreform kann kommen. Du hast Recht.

    Daher ist es ratsam, Sachwerte zu besitzen. Und über mehrere Assetklassen hinweg sein Vermögen zu streuen (Dividendenaktien, Immobilien, Rohstoffe, Auslandsaktien…). Wer das macht, kann ruhig schlafen.

    @ Larry
    Ja, diese Energydrinks sind einfach ein Megatrend geworden. Ich kenne in NYC eine ältere Professorin, die trinkt gerne Red Bull. Im Cash Flow Statement dieser Firmen sprudelt es wie verrückt. Die Margen sind saftig.

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