Goldman Sachs und der Ruin einer Familie


New York, 9. August 2012

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Jahrzehntelang hat Goldman Sachs mit großem Aufwand an diesem wunderschönen PR-Märchen gearbeitet. Die Botschaft war: Es seien dort die schlausten und besten Investmentbanker der Welt vereint, die für ihre Kunden immer das Optimalste herausholen.
Doch je länger die Aufräumarbeiten nach dem Ende der Weltwirtschaftskrise andauern, desto mehr Unangenehmes gerät ans Tageslicht. Für die superschlauen Goldmänner wird es manchmal richtig ungemütlich.
All die Skandale, Tricks, Interessenkonflikte und irrsinnigen Managergehälter sorgen für Ärger. Selbst intern mehren sich die Kritiker. Erinnern Sie sich nur an den Muppets-Vorwurf eines Mitarbeiters, der schildert, wie Goldman seine eigenen Kunden intern verspottet.
Die Menschen trauen den Banken nicht mehr über den Weg. Das Volk und der Präsident sind zornig.
Der amerikanische Journalist Matt Taibbi (Rolling Stone Magazin) hat schon Goldman Sachs mit einem Tintenfisch-Vampir verglichen, der das Blut (Geld) den Menschen wegsaugt.
Sie müssen wissen, Taibbi ist extrem sarkastisch, ein wenig „durchgeknallt“ – er hat einem Interviewpartner schon einen Kaffee übergeschüttet. Er ist ein Dauerkritiker der Wall Street. Das ist eben seine Sicht der Dinge.
Ich meine: Die Banken sollen durchaus gutes Geld verdienen, das ist ihr Recht, sogar ihre Pflicht. Wer arbeitet schon für lau?
Wenn Sie das Management von Goldman heute nach Fehlern fragen würden, gehe ich fest davon aus, dass diese im Rückblick durchaus Fehler zugeben würden – zumindest hinter vorgehaltener Hand. Goldman ist gewiss nicht die einzige Adresse, die sich an der Wall Street Vorwürfe gefallen lassen muss.
Ich denke, die gesamte Branche arbeitet intensiv die Skandale auf. Ich vermute, es sind längst Lehren aus all den Problemen intern gezogen worden.
Trotzdem gelangen ständig neue Vorwürfe in die Medien. Lesenswert finde ich beispielsweise den Artikel „Goldman Sachs and the $580 Millionen Black Hole“. Die „New York Times“ beschreibt darin in epischer Länge das Ehepaar Janet und Jim Baker. Die beiden Tüftler haben die Tech-Firma Dragon Systems aufgebaut. Sie planten, den Emporkömmling der Spracherkennung zur Jahrtausendwende für 580 Millionen Dollar zu verkaufen. Das war wohlgemerkt vor zwölf Jahren (lange ist es her). Jedenfalls haben die Eheleute die Investmentprofis mit dem Verkauf beauftragt. Es gab auch einen Kaufinteressenten. Die Goldmänner nahmen ihren Beratungsauftrag an, kassierten fünf Millionen Dollar Honorar von der Familie. Anschließend ging alles schief, was nur schief gehen konnte (behauptet jedenfalls die Familie Baker).
Sie sind nun vor Gericht gezogen und wollen Schadenersatz von der Investmentbank. Ihr Deal endete in einer Pleite. Goldman ist sich keiner Schuld bewusst, sagt, alles sei bestens gelaufen (wenn ich die Argumentation richtig verstanden habe).
Vier Goldmänner sollten sich seinerzeit um den Deal kümmern. Zwei Banker waren Anfang 20, einer Anfang 30. Im Kern wirft die Familie dem Geld-Goliath vor, ihnen unerfahrene Berater zugeteilt zu haben, die zum Teil im Urlaub waren, wenn wichtige Termine anstanden. Gleichzeitig soll Goldman heimlich den Börsengang eines Konkurrenten vorbereitet haben.
Fazit: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Fehler passieren überall dort, wo Menschen oder Maschinen am Werk sind. Goldman hat Kunden große Geldsummen eingespielt. Dieser Fall ist in der Tat traurig. Aber was sollen die beiden Eheleute auch anderes tun, als Goldman die Schuld in die Schuhe zu schieben? Ist doch logisch.
Was mich allerdings an dem Fall stört: Hätte das Goldman-Management die Größe, würde es einen Vergleich mit den beiden Rentnern suchen, die praktisch alles verloren haben, was sie besaßen. Unfair erscheint mir, dass Goldman mit einer Gegenklage die Eheleute offenbar vernichten will. So klingt es zumindest in dem Artikel zwischen den Zeilen durch.
Zu guter Letzt: Goldman hat sicherlich sehr clevere Mitarbeiter. Das liegt mitunter daran, weil sie die besten Gehälter in dem Sektor bezahlen. So kann der Titan die smartesten und motiviertesten Finanzleute ködern. Insofern hat das PR-Märchen viele wahre Passagen.
Im übrigen halte ich die Bank für ein großartiges Haus mit beeindruckender Geschichte. Ich glaube, diese kritischen Zeiten sind ideal, um billig Bankaktien einzusammeln. Hier bietet sich eine Chance. Wenn wir zur Normalität zurückkehren, dürften die Kurse weitaus höher stehen. Das ist jedenfalls meine Meinung. An der Dämonisierung des gesamten Sektors möchte ich mich nicht beteiligen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Goldman Sachs und der Ruin einer Familie

  1. GertGert

    Den geschilderten Fall kenne ich natürlich nicht. Aber was mich sehr an dieser Geschichte stört: Es ist mittlerweile offensichtlich weit verbreitet, dass niemand mehr die Verantwortung für sein Handeln übernehmen will, sondern immer zuerst nach einer Fluchtmöglichkeit sucht.

    Zeugt es nicht von Größe, wenn man Verantwortung übernimmt, auch dann, wenn es mal nicht gut gelaufen ist?

  2. tim schaefertim schaefer

    Hallo Gert,
    was empfehlen Sie also zu tun? Wer sollte für sein Handeln geradestehen? Es ist echt eine merkwürdige Geschichte. Es scheint, also ob sich die Goldman-Berater um den Deal nicht wirklich intensiv gekümmert haben. Diesen Eindruck kann man gewinnen, wenn man den Artikel liest.

    VG
    Tim

  3. willihope

    ohne darstellung von seiten goldmanns wird es auch eine seltsame geschichte bleiben.

    warum gehen die pleite nur weil sie nicht verkaufen können? und wer soll etwas kaufen wenn es sich offensichtlich nicht einmal selber trägt?
    vielleicht ging es auch schief weil keine sau sowas braucht?
    also zumindest ich vermiss ein sprachinterface für meinen computer nicht. 🙂

  4. tim schaefertim schaefer

    @ willihope,

    guter Einwand. Die Familie verkaufte auch auf dem Höhepunkt der IT-Blase. Heutzutage wäre ein solcher Preis wohl nicht erzielbar, vermute ich mal.

    Die Frage ist, warum die „Times“ gerade in ihrem Flaggschiffprodukt, der Sonntagsausgabe, so viele Details zu dem Fall ausbreitet.

    VG

  5. Matthäus Piksa

    Hallo,

    Goldman ist schon ein Phänomen. Noch nicht astrein geklärt ist die Rolle der Goldmänner hinsichtlich der Euro-Krise. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat nun, um hier etwas Licht in's Dunkel zu bringen, die EZB verklagt.

    Mal sehen, ob und was das überhaupt bringt. Ein Thriller ist es jetzt schon.

    Fälschlicherweise wird weithin angenommen, dass Goldman den Griechen dabei half in den Euro-Währungsraum zu gelangen. Genau genommen verhalf man ihnen jedoch ledgl. bei einer Kreditfinanzierung, die jedoch so kompliziert strukturiert war, dass Goldman am Ende Unsummen verdiente und die dilettantischen griechischen Politiker eine weitaus höhere Summe als Schuld verbuchen mussten.

    Da waren die Goldmänner einfach clever genug. An der WallStreet geht es knallhart um's Geldverdienen.

    Pikant ist aber wirklich, dass die beiden Italiener Mario Monti und Mario Draghi Ex-Goldmänner sind und hieran evtl. mitverdient haben.

    Gruß Matthäus

  6. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus,

    danke für die Info. Das politische Geschäft ist schon ziemlich heiß.

    Da wechseln die Politiker einfach so die Seiten. In den USA sitzen viele Goldmänner an den Schalthebeln in Washington. Interessenkonflikte gibt es massig.

    Am besten man erfährt als Bürger nicht zu viel.
    VG

  7. Matthäus Piksa

    Hallo Tim,

    nicht zu viel zu erfahren ist heutzutage, da die Zeitungen, Magazine, das Fernsehen und Radio voll sind mit Informationen ziemlich schwierig.

    Ich glaub ohnehin, dass wir die best informierteste Generation aller Zeiten sind, schon allein was man im Internet lesen kann… Nur lesen die meisten dann doch nur den Schund, wie du selbst mal festgestellt hast (Negativschlagzeilen als Lieblingsnews der Börsianer war irgendwann mal die Headline eines Artikels hier im Blog).

    Übrigens: Jetzt wurde das Ende der Occupy-Bewegung ausgerufen.

    Das Problem war wohl, dass es gar kein Programm gab, keine richtigen Ziele. Aus meiner Sicht passt die Bewegung auch nicht zum Zeitgeist. Die Leute wollen reisen, konsumieren usw. aber nicht darüber debattieren, ob es sinnvoller wäre ein Trennbankensystem einzuführen oder nicht. Ich schließ mich da gar nicht aus…

    Gruß Matthäus

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