Goldman Sachs: Seit dem Betrugsvorwurf laufen die Kunden weg


New York, 7. Mai 2010

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Der Skandal um Goldman Sachs weitet sich immer weiter aus. Nun ermittelt sogar der Staatsanwalt gegen das New Yorker Investmenthaus wegen Betrugs. Vorstandschef Lloyd Blankfein kommt immer stärker unter Druck. Neben dem zivilrechtlichen Streit mit der SEC hat Blankfein jetzt den Staatsanwalt am Hals. Wenn Sie mich fragen, gehört der komplette Vorstand abgesetzt. Problem ist nur, dass Blankfein an seinem Sessel klebt. Zudem ist er ja gleichzeitig Chairman. Er ist also Vorstandschef und Aufsichtsratsvorsitzender in Personalunion. Blankfein gehört unversehens abgesetzt. Er ist untragbar.
Goldman Sachs verlor seit dem Bekanntwerden des Skandals 20 Milliarden Dollar an Börsenwert. Mitverantwortlich für diese Geldvernichtung ist der Vorstand. Blankfein und seine Vorstandskollegen sind in meinen Augen die schlimmsten Geldvernichter. Ganz zu schweigen von dem Image-Schaden. Der ist mittlerweile so groß, dass viele Beobachter davon ausgehen, dass die Bank wichtige Kunden reihenweise verlieren wird. Nun ist der Versicherungsriese AIG bereits wegen des Betrugsvorwurfs abgesprungen. AIG hat Goldman als Berater gefeuert und vertraut nun stattdessen auf Citigroup und Bank of America. Das berichtete am Freitag die „New York Times“.
Das „Wall Street Journal“ hatte am Freitag verkündet, dass Goldman Anwälte eingeschaltet hat, um die SEC-Ermittlungen vorzeitig in einem Vergleich zu beenden. Das dürfte mindestens eine Milliarde Dollar kosten, so meine Schätzung. Wäre ich Goldman Sachs, würde ich der SEC folgenden Deal vorschlagen: Ich würde den Geschädigten des potentiellen Betrugs den Schaden von einer Milliarde Dollar erstatten. Zu den Geschädigten zählt etwa die Mittelstandsbank IKB. Darüber hinaus würde ich als Goldman Sachs eine weitere Milliarde Dollar zur Verfügung stellen, um die Ermittlungen einzustellen. Mit zwei Milliarden Dollar wäre die Ablöse zwar die größte Summe, die es an der Wall Street jemals gab. Doch wäre der Fall damit erledigt. Im ersten Quartal betrug der Nettogewinn immerhin 3,4 Milliarden Dollar. Doch dieser unprofessionelle Eiertanz ist eine Gefahr für die Bank. Es ist die reinste Katastrophe wie sich Blankfein vor dem Senatsausschuss angestellt hat. Seine Aussagen gegenüber den Senatoren waren wie eine Zirkusnummer. Ein solches Theater ist die Bank nicht würdig.
Mich wundert ohnehin, dass Blankfein die Mitarbeiter des Deals derart verteidigt. Im Visier der Ermittler steht der einstige Jungstar Fabrice Tourre mitsamt Kollegen. Der französischstämmige Tourre hatte bei der Investmentbank den Spitznamen „fabelhafter Fab“. Tourre hatte mit seinen Kollegen das hypothekenbasierte Finanzinstrument Abacus 2007-AC1 kreiert. Die Börsenaufsicht wirft der Bank vor, ihre Kunden nicht alle Fakten der Abacus-Transaktion offengelegt zu haben. Die SEC glaubt, dass Goldman bewusst seine Kunden das Instrument verkauft hat – mit dem Ziel, um es später scheitern zu lassen. Bei der Auswahl der Hypotheken hat Hedgefonds-Milliardär John Paulson eine entscheidende Rolle gespielt. Paulson suchte faule Hypotheken aus. Es war also von vornherein klar, dass die zugrundeliegenden Papiere bald den Bach runter gehen werden. Während Paulson die Papiere shortete, suchte Goldman nach einem „dummen“ Käufer für die Long-Position.
Besonders schäbig sind die Emails, die Goldman-Mitarbeiter wie Tourre in diesem Zusammenhang an Kollegen versandt hatten. Aus den Schriftwechseln geht klar hervor, dass Goldman wusste, dass es sich um einen „Scheiß-Deal“ (O-Ton Goldman) handelte, der sich jederzeit in Luft auflösen sollte. Wenn Sie es mit einem Hauskauf vergleichen: Es wäre so, als ob der Hausverkäufer in dem Objekt eine tickende Zeitbombe versteckt, anschließend das Haus versichert, es dann verkauft und wegläuft. Schäbiger geht es kaum! Vor allem die Emails halte ich für das Widerlichste, was ich seit langem gelesen habe. Ich kenne keine Firma, die sich derart widerlich über ihre Kunden äußert. Wie man als angesehenes Wall-Street-Haus so etwas tun kann, verstehe ich nicht. Gegen die Interessen der eigenen Kunden zu handeln, ist mir sowieso unverständlich. Viele halbstaatliche Kunden dürfte der Skandal abschrecken. Pensionsfonds, Staatsbanken und andere Großkunden sind sicherlich nicht glücklich über die Abacus-Abzocke.
Da Tourre lediglich beurlaubt wurde, er weiterhin von Goldman Sachs Bezüge erhält und sein Brötchengeber ihm zudem seine vielen Anwälte bezahlt, frage ich micht: Warum macht Goldman Sachs das? Dieser Mitarbeiter hat der Bank einen enormen (Image-)Schaden zugefügt. Warum trennt sich die Bank nicht von ihm? Meine Vermutung: Tourre weiß mehr. Würde er auspacken, dann könnte Goldman Gefahr laufen, geschlossen zu werden. Erinnern sich noch an Arthur Anderson? Die Prüfungsfirma wurde nach dem Enron-Skandal kurzerhand zerschlagen.


tim schaefer (Author)

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