Gier ist schlecht


New York, 13. Januar 2012

bild

Ich habe unter meinen Blog-Empfehlungen für 2012 die Website „GieristGut.com“ von Christian Ehrmann angeführt. Nun erhielt ich einen kritischen Hinweis eines Lesers. Solche Blogs würden die falsche Botschaft transportieren, allein das Motto der Website sei sehr bedenklich, so die Beschwerde.
Ich kann dazu sagen, dass Christian Ehrmann gut erklärt, wie Value Investing funktioniert. Er nimmt viele Kennziffern und Bilanzdaten unter die Lupe und bringt kritische Aspekte auf den Punkt. Weil er komplizierte Zusammenhänge gut erklärt, schätze ich seine Seite.
Mit Blick auf das Leitmotto „Gier ist Gut“ bin ich gewiss etwas hin- und hergerissen. Die reine Gier ist nicht gut, meine ich. Ehrmann versucht zwar, sein Motto zu erklären. Er fügt sogar ein altes Youtube-Interview mit dem Ökonom Milton Friedman an, der sagt, dass die bahnbrechendsten Erfindungen aufgrund von Gier gemacht worden sind. Albert Einstein und Henry Ford führt Friedman als Beleg für seine These an. Der Mensch werde nun mal von der Selbstverwirklichung und Geld angetrieben, orakelt Friedman.
Gewiss ist der Kommunismus gescheitert, weil sich die Menschen eben nicht frei entfalten können. Das ist einer der Knackpunkte. Klar hat der amerikanische Kapitalismus großartige Firmen und Entdeckungen hervorgebracht. Aber daraus abzuleiten, dass der Liberalismus in seiner Extremform immer zum Guten führt, ist ein Irrglaube. Der schottische Philosoph Adam Smith hatte schon vor hunderten von Jahren gemutmaßt, dass der Egoismus des Einzelnen letztlich zum Wohl aller führt.
Ich halte das für ein Wunschdenken. Dem ist nicht so. Wir brauchen einen Staat, der lenkt und reguliert. Wir brauchen auch andere Einrichtungen, die das System überwachen wie die Medien, Justiz, Kirchen und so weiter.
Der fiktive Charakter Gordon Gekko aus dem Film „Wall Street“ (1987) machte ja den Spruch „Greed is Good“ populär. Gekko war ein gieriger New Yorker Banker, er wurde von Michael Douglas gespielt, Regie führte Oliver Stone. 2010 kam ein zweiter Teil des Kassenschlagers in die Lichtspielhäuser. Ich hatte damals Michael Douglas, Oliver Stone und die anderen Schauspieler in New York bei der Premiere erlebt. Es war ein sehr trauriges Event: Ich erlebte den damals an Krebs erkrankten Michael Douglas, der hervorhob, wie wichtig ihm seine Familie ist. Erst die Familie, dann der Job, war die Botschaft des Hollywood-Stars.
Gier ist auch an der Börse nicht gut. Warum? Wer als Börsianer mit Gier ans Werk geht, der läuft Gefahr, zu scheitern. Denn die Gefühle sollte ein smarter Anleger nach Möglichkeit ausschalten. Die Vernunft ist statt dessen gefragt. Die Fakten zählen und nicht die Gefühle. Warren Buffett ist so erfolgreich, weil er die Bilanzen, die Cash Flow Statements und die langfristigen Perspektiven von Unternehmen einschätzen kann wie kaum ein anderer. Er kann aus der Vergangenheit ablesen, wie sich ein Konzern zukünftig entwickeln wird.
Dass ein Schuss Intuition bei Altmeister Buffett eine Rolle spielt, schließe ich nicht aus. Aber eines ist glasklar bei ihm: Er ist nicht gierig. Er ist genügsam und sitzt schwache Aktienjahre einfach aus. Value Anleger freuen sich über Aktien, die eine schöne Dividende auskehren und im Kurs um eine paar Prozent jedes Jahr steigen. Value-Jäger suchen nicht den Aktien-Verdoppler oder Verzehnfacher. Sie sind nicht auf die schnelle Mark aus, sondern auf stetiges, solides Wachstum.
Genau das ist das Problem in diesen hektischen Zeiten geworden. Immer mehr Manager werden angetrieben von dem Gedanken, ein überzeugendes Quartalsergebnis in die Scheune fahren zu müssen. Vorstände denken zu kurzfristig und machen dabei gravierende Fehler.
Wenn Energie-Konzerne wie BP oder Exxon schlampen und eine Öl-Pest ausbricht, dann ist das ein Desaster. Kurzfristiges Kostendenken, getrieben von Gier, ist gefährlich. Fehler passieren, ganz klar. Aber wir sollten von den Unternehmen erwarten, dass sie nachhaltig wirtschaften. Menschen, Mitarbeiter, die Umwelt und das Ökosystem sollten Priorität haben. Die Gier kann diesem Oberziel im Weg stehen.
Auch eine Volkswirtschaft muss nicht ständig wachsen wie verrückt. Wachstum pur ist nicht nötig. Ein Rücksetzer, eine Stagnation oder gar Krisen sind eigentlich etwas Gutes. Die Menschen fangen dann an, nachzudenken. Nachzudenken über den endlosen Materialismus, das Gewinnstreben. Andere Alternativen rücken auf einmal in den Vordergrund.
Ich fand den neuesten Artikel von Eamonn Fingleton in der „New York Times“ so toll, der das japanische Modell lobt. Der irische Journalist prophezeite die Japan-Krise in den 1990er Jahren. Derzeit arbeitet er an einem neuen Buch über „das Ende des amerikanischen Traums“. Der Experte vergleicht die USA mit Japan aus einer erstaunlichen Perspektive: Trotz der jahrzehntelangen Stagnation lobt Fingleton die Japaner, weil sie sich gesünder ernähren, im Schnitt fünf Jahre älter als Amerikaner werden und die Arbeitslosigkeit mit 4,2 Prozent (USA 8,5 Prozent) viel niedriger ausfällt. Was will man mehr? Conclusio: Reine Gier ist schädlich. Das hat uns nicht zuletzt die Immobilienblase in den USA gelehrt.
PS: Das Foto oben machte ich auf einer Demo in Toronto im Oktober 2011.


tim schaefer (Author)

drucken


Gedanken zu „Gier ist schlecht

  1. Michael C. Kissig

    Gier ist nötig!

    Ohne Gier, ohne starkes Verlangen, würde sich nichts entwickeln. Alles wäre gleichförmiger Einheitsbrei. Dieses Grundbedürfnis des Menschen, mehr zu haben, Besseres zu haben, Neues zu entdecken, ist Teil unserer Natur – und unserer Geschichte. Muss man sich dessen schämen? Ich meine nicht!

    Die entscheidende Frage ist doch, ob man zügellos jedem Verlangen nachgeben muss und ob man bzw. die Gesellschaft es jedem ermöglichen sollte, sich völlig frei diesem Verlangen hinzugeben. Auch und gerade auf Kosten der Mitmenschen und unserer Umwelt. Und hier sehe ich das nötige Korrektiv, das Setzen von Schranken und Rahmendaten, das einerseits diesen starken Antrieb nicht erstickt, ihn andererseits jedoch in die richtigen Bahnen lenkt und ihn so für die Gesellschaft und unser aller Wohl nutzbar macht. Eigennutz muss nicht, aber er kann, sehr prosperierend wirken für eine Gesellschaft. Hier sprang Adam Smith zu kurz.

    Wenn ich mir nun die Exzesse an der Wallstreet ansehe, in den großen Banken und Investmenthäusern, die die Welt in den Abgrund gestoßen haben, so dass wir nun allesamt am seidenen Faden der Staatshilfen und – interventionen hängen, dann habe ich kein Verständnis für diese Raffkes, die sich nun wieder ihre fetten Boni in die Tasche stecken und sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, als wäre nichts geschehen. In der Natur bezeichnet man als Symbiose eine Partnerschaft zweier unterschiedlicher Organismen, wenn beide aus dem Zusammensein Vorteile ziehen. So sollte auch das Verhältnis von Banken zur Gesellschaft sein. Das Gegenstück zur Symbiose ist der Parasit. Ein Organismus nutzt den anderen, den Wirt, zum eigenen Vorteil aus – nicht selten unter Inkaufnahme des Todes des Wirtes. Ganz ehrlich, wer würde bei Bankern aktuell nicht eher an Parasiten denken als an nützliche Stützen unserer Gesellschaft?

    Die Gier ist nicht schlecht, sich ist nicht böse – sie muss nur an die Kette gelegt werden, um Zugpferd für den Karren zu sein.

  2. Christian Ehrmann

    Ich teile absolut die Meinung von Michael und denke, dass er den Spruch „Gier ist gut“ verstanden hat.

    Mit dem Spruch „Gier ist gut“ meine ich nicht die skrupellose Ausnutzung von Menschen in Not oder ähnliches noch betrügerische Handlungsweißen auf Kosten anderer Menschen.
    So habe ich das nie gemeint, und aus meinem Blog wird auch ersichtlich, dass ich so etwas gut heiße.

    Das Video von Friedman sagt eigentlich alles, trotzdem bin ich der Meinung, dass ein starker Staat „da“ sein muss. Die großen Player müssen reguliert werden und im Zweifel muss ihnen jemand auf die Finger hauen.

    Viele Grüße und einen angenehmen Abend,

    Christian Ehrmann

  3. tim schaefertim schaefer

    @ Michael C. Kissig
    @ Christian Ehrmann

    Das haben Sie beide sehr gut erklärt. Vielen Dank! Das hat viel Substanz. Ich stimme da weitgehend überein. Ich freue mich auf den weiteren Gedankenaustausch mit Ihnen.

    Mit der Verwendung des Wortes „Parasit“ bin ich perönlich indessen etwas vorsichtig. Solche Begriffe haben die Nationalsozialisten benutzt. Ich verstehe Ihre Verärgerung durchaus. Ja klar, selbst der Sozialdemokrat Franz Müntefering hat einst das Wort „Heuschrecke“ als Synonym für Finanzinvestoren salonfähig gemacht. Trotzdem finde ich sind solche Begriffe nicht angemessen.

    Man kann auch mit einem witzigen Cartoon beispielsweise seinem Ärger Luft machen.
    Wie hier. So lief der CDO-Handel ab. Die Banker verpackten den Dreck in schöne Boxen und verkauften den Mist an Investoren rund um den Globus. Als der Schwindel aufflog, blieben die Banken am Ende selbst auf den wertlosen Kisten sitzen. Ganz nach dem Motto: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst herein.

  4. Michael C. Kissig

    Moin Herr Schäfer,

    soweit ich weiß, benutzten die Nazis den Begriff „Volksschädling“ und seltener „Parasit“ – einfach zu Undeutsch. Ich habe übrigens mit dem begriff recht wenig Probleme, da ich ihn nicht pauschal und unkommentiert auf Menschen anwende. Weshalb ich bzgl. der (Investment-)Banker zu diesem Vergleich aus der Biologie gekommen bin, habe ich dargelegt. Es liegt übrigens ja vor allem an genau diesen Leuten, sich wieder einen guten Leumund zu erarbeiten. Der Rest der Banker, die in den Sparkassen und Volksbanken arbeiten und das normale Einlagen- und Kreditgeschäft betreiben, leidet ja ebenso unter diesem Raffke-Image, obwohl man damit genau die Falschen trifft.

    Für mich ist Gier nicht per se schlecht, sondern sie muss flankiert werden von einer sozialen oder sozialverträglichen Komponente. Das können auch Banker. Die deutschen Sparkassengesetze der Länder schreiben z.B. verbindlich vior, dass die Förderung der örtlichen Wirtschaft und die Unterstützung von lokalen kulturellen, sozialen und gesellschaftlich anerkannten Projekten eine Pflichtaufgabe der Sparkassen ist – nicht etwa die Gewinnerzielung oder gar die Gewinnmaximierung. Hier wurde grundsätzlich der Faktor Gier schon im Ansatz gedrosselt – was nicht heißt, dass es im Sparkassenbereich keine Exzesse gegeben hat und weiterhin geben wird. Die Landesbanken sind ja abschreckendes Beispiel genug und auch so manchegroße Sparkasse hat sich in ihrer Gier arg verhoben und muss nun gestützt werden. Letztlich verhält es sich bzgl. der Gier wie bei den meisten Dingen des Lebens: die Extreme sind nicht erstrebenswert, sondern der mittlere Bereich der Ausgestaltung . Quasi nach der Gauß'schen Verteilungskurve, die man früher auf den 10-DM-Scheinen fand. Da wussten hierüber auch noch die Banker Bescheid (und ich war einer von ihnen)…

  5. tim schaefertim schaefer

    Hallo Herr Kissig,

    kein Problem.

    Ich schätze Ihre Kommentare und Ideen sehr. Ihre Website ist absolut empfehlenswert. Der Name http://intelligent-investieren.net sagt ja schon alles: Nomen est omen! Weiter so.

    Wir Value-Anhänger sollten uns ohnehin besser im Internet vernetzen. Da sollten wir alle eine Initiative starten, denn so viele deutsche Value-Blogger gibt es gar nicht…

    Beste Grüße
    TS

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

bitte lösen Sie diese einfache Aufgabe (Spamschutz) *