Genies: Seltsame Chaoten, Schlafanzugliebhaber, Stotterer


New York, 24. Februar 2014

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Was raten Karriereberater? Lerne wie verrückt. Sei fleißig. Zielstrebig. Mache Karriere. Die Noten sind wichtig. Kleide dich ordentlich. Sei so wie Du bist, aber halte Dich an wichtige Normen.
Was bedeutet der Rat der Experten? Nichts! Rein gar nichts.
Schauen Sie sich Mark Zuckerberg (Foto: Guillaume Paumier, CC-BY) an. Der Facebook-Gründer erschien schon früh morgens bei Investoren in Kalifornien im Schlafanzug, um seine Firma zu präsentieren. Zuckerberg wurde trotz seiner seltsamen Schlafanzug-Meetings steinreich.
Ich finde den Lebenslauf von WhatsApp-Gründer Jan Koum der Hammer. Er wuchs in der Ukraine auf, kam als Jugendlicher in die USA. Seine Familie bezog Sozialhilfe. Telefonanrufe in die Ukraine waren ihm zu teuer. Als die Online-Telefonfirma Skype an den Start ging, war er froh, günstig ins Ausland telefonieren zu können. Mit seinem Vater zum Beispiel, der in der Ukraine blieb. Koum entwickelte nach dem Vorbild von Skype ein System, um billig Kurznachrichten (SMS) rund um den Globus schicken zu können.
Koum schaffte die Schule mit Ach und Krach. Er war ein Störenfried. Seine Eltern starben früh. An der Uni in Kalifornien scheiterte er. Er arbeitete erst für Ernst & Young, dann für Yahoo. An der Börse verzockte er seine gesamten Ersparnisse nach dem Platzen der Dotcom-Blase.
2009 gegründete Koum WhatsApp. Zur Zeit gewinnt er 1 Million User am Tag – so erfolgreich ist sein SMS-Dienst. Mit dem Verkauf seiner Firma an Facebook wird aus dem Pechvogel ein Milliardär.
Denken Sie an den Netflix-Gründer Reed Hastings. Hätte Hastings seine Vision vom globalen Online-Abo-Fernsehen vor anderthalb Jahren jemanden erzählt, hätten ihn viele für verrückt erklärt. Damals fiel der Kurs immer tiefer. Es war eine Panik unter den Netflix-Anlegern ausgebrochen. Einige Aktionäre rechneten schon mit der Insolvenz.
Oder nehmen Sie Tesla-Gründer Elon Musk. Er stottert in Interviews, er wirkt schüchtern, unsicher, unerfahren. Wer hätte gedacht, dass Musk einen führenden Elektro-Autobauer formt? Wenn er eines Tages Autos anbietet, die extrem weit mit einer Batteriefüllung fahren, würde mich das nicht wundern.
Hätte die Personalabteilung eines deutschen Großkonzerns Koum, Hastings, Musk oder Zuckerberg eingestellt? Im Schlafanzug? Wohl eher nicht. Welche Chancen haben solche Genies in Deutschland, einen Job zu landen? Was sagen all die Uni-Noten aus? Was die Kleidung? Was der Haarschnitt? Nichts.
Eines lernen wir daraus: In Großkonzernen bekommen wahre Talente nicht wirklich die Chance, sich zu entfalten. Es wird ihnen schwer gemacht.
Einige schaffen den Durchbruch ganz allein. Wo? Meistens in den USA. Hier sind für Eigenbrötler die perfekten Voraussetzungen gegeben. Es ist die Mentalität. Mut wird königlich belohnt. Wer scheitert, macht weiter. Fehler sind kein Beinbruch. Sondern man lernt aus ihnen. Faszinierend.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Genies: Seltsame Chaoten, Schlafanzugliebhaber, Stotterer

  1. Matthäus Piksa

    Hej Tim,

    die story von Jan Koum ist in der Tat beeindruckend! Auch vor dem Hintergrund der aktuell blutigen Proteste in seinem Heimatland. Das zeigt einmal mehr was für ein Potential Länder mit autokratischen Systemen verschenken und wie wichtig es ist, dass jeder unabhängig vom persönlichen Background/Herkunft/etc. eine Chance bekommt.

    Gruß

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus,

    stimmt. Es wird viel zu viel Talent „verschwendet“.

    Leider lassen wir Menschen uns von Fassaden blenden. Ob jemand ein Loch in der Jacke hat, sagt nichts über dessen Intelligenz aus. Siehe Einstein. Aber nach solchen Fassaden-Mustern erfolgen Einstellungen in Unternehmen.

  3. Matthäus Piksa

    Solche Fälle sollten die Human-Resources-Abteilungen zum Umdenken bringen.

    Ein Armutszeugnis ist auch, dass Koum, jüdischer Abstammung, in der Ukraine wohl auch auf anti-semitische Diskriminierung traf.

    Nicht erst seit der Lektüre eines Buches von Malcolm Gladwell weiß ich, dass es eine sehr lange Tradition osteuropäischer Juden gibt, die irgendwann auswanderten und in den USA ihr Glück fanden.

    Offensichtlich ist dieser Trend auszuwandern, der Diskriminierung zu entfliehen nicht zu Ende, wie der Fall Koum beweist. Der Fall wird darüber hinaus auch nicht dafür sorgen, dass das Image von (Ost-)Europa sich verbessert.

    In diesem Sinne:
    God bless the USA!

  4. Chris

    Also Elon Musk war bei der Gründung von Tesla bereits Multi-Millionär. Er hat Paypal mitgegründet…

    Deine Beispiele sind alles Menschen mit Visionen. Wären alle Menschen Visionäre, dann würde vermutlich gar nichts mehr klappen. Möchte ich in der Buchhaltung Menschen mit Visionen? Will ich einen Visionär am Fließband? Will ich einen Visionär am Bankschalter? Wohl eher nicht…

    Tony Hsieh, Jeff Bezos, Richard Branson, Steve Jobs usw.

    Visionäre sind eher Zocker, Menschen die bereit sind alles auf eine Karte zu setzen. Sie sind überzeugt von ihrer Idee und geben dafür alles. Auch haben diese Menschen alle eine Sache gemeinsam: Sie kümmern sich einen Dreck um soziale Konventionen.

    Wäre wohl jeder so, dann hätten wir wenn überhaupt eine Anarchie und nichts würde funktionieren.

    Aber zum Glück sind nicht alle so. Nur so kann Innovation und Fortschritt funktionieren. Weil es ein paar mutige Menschen gibt, die bereit sind die Welt zu verändern.

  5. Felix

    Ich sehe das wie Chris: Gut, dass es kreative, unkonventionelle Menschen gibt. Aber Überhandnehmen dürfen sie auch nicht. Wenn ich in ein Flugzeug steige, habe ich es ganz gerne, wenn der Pilot über eine solide Ausbildung verfügt und auch der Flugkonstrukteur mit Uni-Abschluss ist mir hier ganz Recht. Von kreativen Zahnärzten, Baustatikern und dergleichen halte ich mich auch fern. M.a.W. ohne die vielen solide ausgebildeten, korrekt gekleideten und arbeitenden Menschen würde der Laden auseinander fliegen.
    Und auf der anderen Seite: Die paar Genies, die es geschafft haben, werden (zurecht) bewundert. Die Legionen, die auf der Strecke geblieben sind, kennt kein Mensch.

  6. Frank / Berlin

    Ich sehe es eher so:
    Wenn die Zeit für ein Produkt reif ist, dann hat das Produkt auch Erfolg.
    Sogar dann, wenn dahinter ein Sonderling steht.

  7. willihope

    Irgendwer wird mir auch erklären können was an Whatsup so super ist und einen 16 Milliarden Wert darstellt?

    Es gibt da ja auch noch Viber, Line und Konsorten, Chat, Text, Video, Call – alles for free und in Asien auf jedem Mobile.

    Ich versteh das nicht! Das sind
    16 000 000 000
    Dollar!

  8. tim schaefertim schaefer

    @ willihope

    Ja, das war viel Geld. Der Löwenanteil fliesst aber in jungen Facebook-Aktien. Ich war bislang zu kritisch gegenüber Facebook. Die Aktie lief nach oben wie im Rausch.

    Verdammt teuer aus fudamentaler Sicht ist Facebook, keine Frage.

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