Fiskalischer Klippensprung: Nur halb so wild


New York, 13. Dezember 2012

An der Börse besteht die Kunst darin, stets Ruhe zu bewahren. Lassen Sie sich nicht verrückt machen. Ob nun der Absturz von der „fiskalische Klippe“ in Washington zum 1. Januar 2013 droht oder ob Griechenland aus dem Euro plumpsen könnte, das sind zwar ziemliche Aufregerthemen, aber für einen Langfristanleger sind diese Sorgen ertragbar. Denn in einem langfristigen Chart sind solche Probleme allenfalls kleine Zacken in der aufwärts-gerichteten Kurve. Der Dow Jones und der DAX werden das verkraften.
Für Anleger mit Geduld bietet die Börse herrliche Chancen. Der Wiener ATX notiert übrigens unter dem Buchwert. Was für ein Schnäppchen!
Ein großer Fehler ist es, in solchen volatilen Zeiten die Nerven zu verlieren. Eine hohe Aktivität schadet uns Anlegern. Ich bin der Meinung, dass manch ein Broker versucht, uns vorzugaukeln, mit der Aktivität das Heft in der Hand zu halten. Und dann gibt es so tolle Finanzinstrumente. Es gibt Puts, Calls, Hebeldinger und anderes Zeug. Die mögen Vorteile haben, aber sie haben auch Nachteile, sie kosten nämlich Geld. Und die Zeit arbeitet meistens gegen einen.
Haben Sie mal von einem Ölgiganten wie Chevron, Exxon oder ConocoPhillips gehört, der sein Öl im großen Stil hedget (absichert)? Nein, das machen die nicht. Warum auch? Öl ist volatil, damit können die Vorstände leben.
Man könnte meinen, dass Exxon ein Insider in Sachen Ölpreis ist. Aber das ist Exxon nicht, denn der Preis lässt sich nicht mit Fakten herleiten. Zumindest nicht auf kurze Sicht.
Haben Sie von einem Goldgiganten gehört, der sein Edelmetall gegen Preisschwankungen absichert? Die führenden Minen machen das in der Regel nicht. Sie ertragen die Schwankungen. So sollten Sie mit Ihrem Privatdepot agieren!
Nur die kleinen Bergbauer sichern sich ab, weil sie es müssen. Denn die Kreditgeber schreiben den Zwergen vor, dass sie sich vor einem möglichen Preisverfall beim Gold oder Silber absichern müssen. Wer das nicht macht, der kriegt keinen Kredit.
Es gibt Leute, die glauben, das gesamte Depot absichern zu müssen. Dann brauche ich nicht an die Börse zu gehen. Vollkasko-Mentalität ist Unsinn. Eine Absicherung durch Streuung einzelner Positionen (Branchen, Länder) halte ich für ratsam. Rohstoffe und Edelmetalle können im Portfolio durchaus bestimmte Risiken abfedern, sie machen als Beimischung Sinn. Nur zu glauben, alles müsse abgesichert werden, halte ich für Unfug.
Es gibt Leute, die sind vom Trading begeistert. Sollen Sie es sein. Meinetwegen. Was ich nicht gut finde, sind Finanzdienstleister, die aggressiv mit Tradingsignalen und anderen angeblichen Wunderwerkzeugen in die Werbung gehen. Nach meinem Dafürhalten ist so etwas mit Vorsicht zu genießen. Denn keiner kann hellsehen, kein Mensch weiß, wie sich die Kurse kurzfristig entwickeln werden. In der Werbung gaukeln uns ein paar Anbieter vor, die volle Kontrolle über die Börse mit tollen Finanzprodukten und Kurvendeutungssoftware zu erlangen. Hier ist zum Beispiel ein Anbieter, der gewisse Hoffnungen weckt. Oder hier Charles Schwab. Fragen Sie sich immer, was der Anbieter mit dem Verkauf solcher Wunderwaffen verdient.
Ich habe mich schon aus reinem Spaß in Daytrading-Seminare in New York gesetzt. Nur um zu sehen, wie die Menschen überzeugt werden. Die Anbieter arbeiten clever. Sie wissen, wie Sie uns ködern können. Als ich das Seminar Stunden später verließ, fühlte ich mich, als ob ich einer Gehirnwäsche unterzogen worden war. Da kommen supererfolgreiche Trader zu Wort (die mag es tatsächlich geben). Von den Verlierern berichten die natürlich ungern.
Solche Tradinggeschichten haben meiner Meinung nach keinen echten Mehrwert. Ich habe noch keinen Milliardär entdeckt, der es mit Daytrading zu seinem Reichtum geschafft hat. Wer Glückt hat, der kann gewinnen. Wer Pech hat, der verliert. Mehr ist das nicht. Übrigens gewinnt einer im Kasino immer. Wissen Sie wer es ist? Nein? Es ist natürlich die Bank. Wer Werbung für das Trading macht, der möchte Wunschträume, Phantasiewelten in uns Menschen wecken. Mehr nicht.
Sie brauchen nicht jeden Monat oder jede Woche, das Rad neu zu erfinden. Haben Sie ein starkes Unternehmen entdeckt und investiert, brauchen Sie mit einem solchen Papier nur Durchhaltevermögen. Lassen Sie die Leute vor lauter Sorgen nur so schreien, lassen sie die Kurse rauf und runter marschieren, lassen Sie die Prognosen toll und schlecht aussehen, bleiben Sie einfach nur am Ball. Kassieren Sie die Dividenden. Reinvestieren Sie, wenn Sie überschüssige Liquidität haben. Bevorzugen Sie Qualitätswerte. Es ist wie ein Schneeball. Rollt der einmal, wird der immer größer.
Weltkonzerne wie General Electric, Coca-Cola, McDonalds, Procter & Gamble, 3M, Berkshire Hathaway, Goldman Sachs, Deutsche Bank, Volkswagen, Johnson & Johnson, Siemens, Exxon, BP, Chevron, Walt Disney, Colgate-Palmolive usw. werden immer größer. Rücksetzer, schwache Jahre gehören dazu. Krisen gehören ebenfalls dazu.
Wer auf gute Unternehmen setzt, die schöne Dividenden zahlen, sollte sich keine Sorgen machen. Was die Börse nach oben treibt, sind Innovationen, das Bevölkerungswachstum, die erhöhte Lebenserwartung, die aufstrebende Mittelschicht. Überall kreuzen neue Konsumenten auf. Die wollen Autos, Mikrowellenherde, Notebooks, Smart Phones, Tabak, Fernseher. Die wollen reisen, fliegen, einen neuen Film schauen, das Leben genießen. Diese Menschen werden die Rohstoffpreise anheizen, die Nachfrage anschieben.
Insofern lassen Sie den Schneeball rollen. Man könnte es alternativ mit einem wilden Feuer in der Steppe vergleichen. Auf einmal breitet sich das Feuer blitzartig aus. Und nimmt eine gewaltige Fläche ein. So kann es Ihrem Depot ergehen, wenn Sie es Jahrzehnte in Ruhe arbeiten lassen und ab und zu mal etwas nachschießen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Fiskalischer Klippensprung: Nur halb so wild

  1. Chris

    Habe den GB von Exxon nicht komplett gelesen, aber wenn ich im GB 2011 nach Derivative suche, dann werde ich 35mal fündig.

    Würde mich auch massiv wundern, wenn die ihre Ölpositionen nicht absichern würden.

    Das ganze hat aber nicht so einen spekulativen Charakter, sondern ist gedacht, um den Geschäftsverlauf genauer planen zu können…

    Achja, die GoogleAdwords, in der linken Sidebar, geben öfter mal Werbung für Tradingsoftware / Anbieter für Tradingzeug aus. Das kann man meines Wissen nach abschalten bzw. beeinflussen.

  2. tim schaefertim schaefer

    @ Chris
    Giganten wie Goldcop, Chevorn, Shell oder Exxon hedgen nicht. Das ist denen zu teuer. Das macht keinen Sinn. Sie leben mit den Kursschwankungen. Wenn solche Konzerne ein JV betreiben oder bei einem Mini beteiligt sind, kann es sein, dass der Partner hedgen muss (wegen Kreditfinanzierung). Aber grundsätzlich ist es, wie gesagt, so: Kein Hedge bei den Rohstoff- und Energie-Multis!

    Bei Exxon kann man die Politik hierzu so lesen:
    „We generally do not use financial instruments to hedge market exposures“.

  3. Alex

    eon hatte einen langfristigen gas-liefervertrag mit gazprom… läuft das nicht auf das selbe raus …

    eon setzt auf steigende großhandelskurse
    gazprom setzt auf fallende großhandeskurse

    gazprom hat die wette gewonnen…

  4. Peter

    Sehr schöner Artikel.

    Ich bin auch der Meinung das, es im Kern darum geht das die Zeit für einen und nicht für irgend ein anderen arbeiten sollte.

    Die „kostenlose“ Absicherung ist die strikte Einhaltung einer Sicherheitsmarge zum Fair Value in
    Abhängigkeit von Zeit und Risiko.
    Das ist ein Handwerk und jeder kann es erlernen – dafür muss man keinen bezahlen.

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