Ein paar Faustregeln für die Aktienauswahl


New York, 15. November 2012

Je mehr ich in diesem Blog über Value Investing schreibe, desto mehr lerne ich selbst dazu. Im Prinzip ist mein Rat an Sie einfach. Ich schrieb es ja schon gestern: Suchen Sie sehr erfolgreiche Firmen. Beobachten Sie diese. Bauen Sie Positionen auf, wenn diese Qualitätstitel sehr günstig bewertet werden. Die gegenwärtige Börsenkorrektur bietet wohl schöne Chancen.
Wenn Sie eingestiegen sind, sollten Sie sich entspannen, sich zurücklehnen und abwarten.
Als Faustformel sind KGVs von weniger als 15 ratsam. Besser ist natürlich ein Gewinnvielfaches von zwölf oder zehn. Alles hängt natürlich von der Güte des Unternehmens ab. Stabile Marktführer sind in der Regel teurer als unbedeutende Mittelfeldspieler.
Eine Dividendenrendite von zwei bis vier Prozent halte ich ebenfalls für wichtig. Das ist nur eine Hausnummer.
Wichtig ist ferner eine Kontinuität bei der Dividendenausschüttung, Umsatz- und Gewinnsteigerung.
Ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,2 bis 1,4 halte ich für angemessen bei exzellenten Unternehmen. Auch das ist nur eine Faustformel.
Große Unternehmen ziehe ich in der Regel wegen des geringeren Risikos vor. Kleine Unternehmen kommen nur als Beimischung in Frage.
Wenn Sie die Aktie ins Visier genommen haben, warten Sie den richtigen Moment ab. Geduld ist auch beim Kauf Trumpf.
Wer gerne auf Finanzprodukte wie Investmentfonds oder Indexfonds zurückgreift, soll das selbstverständlich tun. Es ist ratsam, strikt auf die Kosten zu achten. Zahlen Sie nicht jeden Preis. Seien Sie geizig. Hohe Gebühren, hohe Verwaltungskosten, hohe Transaktionskosten, teure Ausgabeaufschläge nagen an Ihrer Rendite.
ETFs oder Indexfonds sind grundsätzlich eine gute Alternative zum Aktienkauf.
Leider hat unsere Regierung in Berlin versagt
Um den Aktienkauf steuerlich sinnvoll zu fördern, wäre ich dafür, Kursgewinne ab Halteperioden von fünf Jahren (oder zehn Jahren) von der Steuer zu befreien. Das wäre gut für den gesamten Kapitalmarkt. Das wäre gut für die Altersvorsorge.
Leider behandelt die Berliner Regierung uns Aktiensparer nicht fair. Börsianer sind die Melkkühe der Nation. Uns fehlt eine schlagkräftige Lobbyorganisation.
Warum wir Europäer in diesem Punkt nicht von den Amerikanern lernen können, ist mir schleierhaft. Ich glaube, dass die Amerikaner ihr Problem mit der wachsenden Altersarmut besser bekämpfen. Jedenfalls gibt Washington seinen Bürgern, die vernünftig Vorsorge treffen möchten, mehr Werkzeuge in die Hand.
Ich vermute, im Parlament herrscht ähnlich wie im Volk Angst und Unkenntnis, wenn es um das Thema Börse geht. Wenn ich deutsche Politiker über den Kapitalmarkt reden höre, kann ich zwischen den Zeilen lesen, dass die häufig wenig Ahnung haben.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Ein paar Faustregeln für die Aktienauswahl

  1. Markus

    Hallo Tim,

    ich stimme dir voll und ganz zu. Gerne wird der Aktienmarkt von der Politik mit einem Spielkasino verglichen. Da merkt man direkt wieviel Ahnung dahintersteckt.

    Ich unterstütze deine Forderung nach Steuerfreien Aktiengewinnen nach längerer Haltedauer, denn genau das würde die Anleger ja dazu anhalten langfristig zu denken.

    Wir können nur hoffen….

    Viele Grüße,

    Markus

  2. Chris

    Hallo,

    wieder ein schöner Artikel. Ich sehe das genauso. Wobei ich auch der Meinung bin, dass es Unternehmen gibt, die man (fast) immer kaufen kann. Eine Coca Cola gibts nur sehr selten zum KGV von unter 15. Die macht langfristig auch bei aktuellen Ständen mit Sicherheit Spaß.

    Mit den Fonds und den Gebühren ist das so eine Sache. Ich habe eine aktuelle Frage, zu der mich Meinungen interessieren würden.

    Ich wurde vor kurzem von einem Bekannten angesprochen, der mitten im neuen Markt Fonds gekauft hat. Einige davon sind immernoch tief rot. Es handelt sich um „Standardfonds“ Uniglobal, UniEuroStoxx50, bisschen Small/Midcap, Emerging Markets, etc. Die natürlich aufgrund des Kaufdatums noch nicht der Abgeltungssteuer unterliegen.

    Prinzipiell nichts so verkehrtes (hätte er mal nachgekauft 🙁 ). Allerdings ziehen die Fonds auch jährlich 1,0 – 1,75% Gebühren raus, quasi ohne dass man es merkt.

    Was empfiehlt man da so einem am besten, wenn das Geld weiterhin langfristig anglegt werden soll? Die Fonds weiterhin halten (da Abgeltungssteuerfrei) oder teilweiste Verluste realisieren, in solide, einigermaßen günstig bewertete Einzeltitel umschichten, auf die Dividenden brav steuern abdrücken aber dafür nie wieder Fonds-Gebühren zahlen?

    Problem ist, Fonds kosten Geld, egal wie die Märkte laufen…

    Hierzu würden mich Meinungen interessieren.

  3. Anna

    Hallo Chris,
    ja, was raten, was tun? Ich bin kein Freund von Fonds. Man hat keinen Einfluss auf den oder die Verwalter. Und wie Du schon schriebst, wann die 1 – 1,75 % Gebühren entnommen werden, kriegt man nicht mit…
    Also, ich würde die Luschen verkaufen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Dann doch einige total langweilige Werte mit ordentlicher Dividende.
    Nun das Thema Steuern: Markus Frick (einige von Euch wissen wen ich meine) hat mal zu diesem Thema in etwa gesagt: Wenn Sie Steuern zahlen, dann wissen Sie, dass Sie einen Gewinn gemacht haben. Man sollte sich das doch mal durch den Kopf gehen lassen. Mit dem Hinweis, da können Sie mächtig Steuern sparen, hat sich doch schon vieles verkaufen lassen, z.B. denke ich an die Sonder-AfA Anfang der 90er oder Schrottimmobilien.
    Ich lasse seit Jahren eine Steuererklärung vom Steuerberater machen. Wovon man keine oder nur wenig Ahnung sollte man dem Profi überlassen. Bis jetzt ist von den gezahlten Steuern ein großer Teil wiedergekommen.
    Das ist meine Meinung dazu.
    Viele Grüße
    Anna

  4. Anna

    Ach, noch einen Zusatz: Ich habe nicht nach Vorschlägen von Frick investiert und bin demzufolge neutral, aber wo er recht hat, da hat er recht.
    Nochmals viele Grüße

  5. flux

    Hallo Chris,
    du sprichst eigentlich zwei Fragen an, die erst einmal nichts miteinander zu tun haben:

    1. Alte Fonds verkaufen?
    Ich würde dabei nicht zu sehr auf die eingefahrenen Verluste schielen sondern viel mehr die Fonds nach heutigem Stand bewerten.
    -Passt der Fonds noch zu meiner Anlagestrategie?
    Wenn z.B. ab sofort jegliche Verluste zu vermeiden sind, kann man das mit einem EM-Fonds nicht realisieren.
    -Wie hat sich der Fonds nach dem Niedergang des Neuen Marktes entwickelt?
    Z.B. der von dir zitierte Uniglobal sieht ja auf den ersten Blick nicht schlecht aus (5 Sterne von Morningstar und vergleichbares Kursniveau wie 2001).

    Auch zu beachten: Die Befreiung von der Abgeltungssteuer kommt nur zum Tragen, wenn man es schafft Kursgewinne zu erzielen.

    2. Aktien oder Fonds?
    Auf diese Frage erntet man meist Grundsatzanworten (s.o.). Ich meine: Das darf jeder selbst entscheiden.

    Wenn du einen Tipp für langfristige Aktienanlagen suchts, darfst du dir einen (fast) beliebigen Artikel aus diesem Blog heraus picken 😉

    Grüße – flux

  6. Michael C. Kissig

    @Chris

    „Ein Börsianer darf seine Papiere nie im Verhältnis zum Einkaufspreis einschätzen, sondern zum Tagespreis“.
    (André Kostolany)

    Die Börse und die Aktienkurse interessiert nicht, zu welchem Kurs man selbst eingestiegen ist. Daher sollte man selbst das auch außeracht lassen (auch wenn das schwer fällt und man den Einstiegskurs ja gerne als Gradmesser für den eigenen Anlageerfolg zugrundelegt). Relevant ist ausschließlich, welche Aussichten das Investment auf Sicht der nächsten Jahre hat – sind die gut, behält mein sein Investment, ob es nun 50% im Minus notiert oder 300% im Plus. Sind die Aussichten nicht (mehr) gut, sucht man sich etwas anderes, etwas Chancenreicheres und/oder Risikoärmeres. Wichtig ist hierbei noch, diese Entscheidung nicht alle paar Monate neu treffen zu müssen (Stichwort Gebühren), sondern sich einmal sehr gründlich mit dem neuen Investment zu beschäftigen, bevor man dann zuschlägt. Auch das Timing ist nicht ganz unwichtig, denn der Gewinn liegt ja bekanntlich im Einkauf. Am besten sind grundsolide Unternehmen, deren Kurs gerade wegen einer Sondersituation abgestürzt ist – das sind die Renditebringer für ein Langfristdepot, wenn man in diesen Kurssturz hinein beherzt zugreift. Sofern es sich eben um ein begrenztes Problem handelt und nicht um ein strukturelles. Dann sollte man mit einem EInstieg warten, bis man die Problemlage und ihre dauerhaften Auswirkungen genau (oder zumindest besser) einschätzen kann. Denn nur weil eine Aktie gefallen ist, ist sie nicht alleine deswegen preiswert.

  7. Chris

    Danke an alle für die Antworten.

    @Anna, Flux: Ja ich bin auch kein Freund von Fonds.

    Ich denke ich werde meinem Bekannten auch sagen, dass die Freiheit von der Abgeltungssteier ihm auch nur dann etwas bringt, wenn er mit entsprechendem Gewinn verkauft. D.h. er müsste mMn so lange halten, bis er >100% Buchgewinn stehen hat. Momentan ist er noch im Minus. D.h. er wird eine ganze Weile Fondsgebühren zahlen müssen und so schmilzt der Vorteil der Abgeltungssteuerfreiheit Jahr für Jahr.

    @Michael C. Kissig:

    Ich handhabe das genauso. Nur war ich mir bei meinem Bekannten nicht ganz sicher, wegen der besagten Abgeltungssteuerfreiheit. Würde ihm heute angeboten, er könne abgeltungssteuerfrei Fonds kaufen, hielte ich das nichtmal für die schlechteste Idee. Nur hat er teilweise noch 60% Kursverluste aufzuholen, bis ihm das was bringt.

    Das mit den grundsoliden Unternehmen billig kaufen ist so eine Sache. Die ganz soliden gibt es nie billig. Bzw einmal alle 5 Jahre. Und dann ist es nichtmal sicher, dass man die ein paar Jahre vorher nicht auch für den selben Preis bekommen hätte. Das war dann vom KGV her vielleicht nicht so günstig, aber zwischenzeitlich hat man ja trotzdem Dividenden kassiert. Insofern nicht weiter schlimm.

    Ich denke jemandem der lange Aktien halten möchte ohne sie anzurühren und mit möglichst sicheren Renditen, dem sollte man raten KO, RB GROUP PLC, PG, MCD, BAT, NESTLE etc zu kaufen, solange das KGV unter 20 ist.

    Ich denke auf Sicht von Jahrzehnten wird man damit nie einen Fehler machen, zumal die Einstiegsdividende im Schnitt bei diesen Aktien gerade bei 3,5% wäre. Und ich glaube man muss kein Hellseher sein, um festzustellen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich diese Rendite in Zukunft mal ein Jahr nicht steigen wird.

    Tja was rate ich meinem Bekannten nun? Ich denke Ich muss ihm selbst die Wahl lassen, nachdem ich ihm die Argumente dargelegt habe. Ich würde mich für die Aktien entscheiden.

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