Ein paar Chartbeispiele: So machen tief gestürzte Aktien Spaß


New York, 20. November 2010

Ich erhielt vor einer Woche eine Email mit der Bitte, ein paar Aktientipps hier in diesem Aktien-Blog zu bringen. Insbesondere der Restaurantsektor scheint wohl für einige richtig schmackhaft geworden zu sein. Hierzu hatte mich bereits ein Bekannter gelöchert. Aber in diesem Blog vermeide ich bewusst, Aktientipps zu geben. Gute Aktien sollte jeder für sich selbst finden. Dann macht das Investieren mehr Spaß. Sie sollten eigene Ideen entwickeln und ein regelrechter Fan Ihrer Aktien werden. Mir geht es gleichwohl darum, Ihnen ein paar Tipps bei der Herangehensweise zu geben. Grundsätzlich interessiere ich mich für tief gestürzte Aktien. Je schlimmer der Kursverlust, desto interessanter wird der Fall für mich. Gleichwohl versuche ich natürlich, potentielle Insolvenzfälle zu meiden. Wenn also ein Kurs brutal eingebrochen ist, warte ich in der Regel ein paar Wochen oder gar Monate ab, bis sich der Kurs „gefangen“ hat. Denn nach einer Ausverkaufswelle bildet sich ein Boden im Chart aus, man bezeichnet diese Linie als Unterstützungslinie. An diesem Punkt steigen Unternehmensinsider ein, die das absurd niedrige Kursniveau nutzen, um Anteilsscheine abzustauben. Je länger der Kurs sich an dieser unteren Linie entlang hangelt, desto größer ist die Chance, dass es bald wieder aufwärts gehen kann. Dann kann eine dramatische Aufwärtsbewegung ausgelöst werden, denn oftmals sind diese ausgebombten Aktien zu stark gefallen. Die Horde hat die Aktie in Panik verlassen und einen Scherbenhaufen im Kurschart hinterlassen. Nehmen Sie etwa den Bezahlfernsehsender Sky Deutschland. An dem Sky-Chart sehen Sie allerdings, dass sich hier keine starke Unterstützungslinie ausgebildet hat. Jedoch war der Umschwung dynamisch. Seit dem Tief bei ca. 81 Cent hat sich der Kurs nahezu verdoppelt, und das in nur fünf Wochen.
Dann gibt es ein klassisches Beispiel wie aus dem Lehrbuch: Pfleiderer. Die Aktie des Holzverarbeiters (Laminatfußböden, Platten etc.) befindet sich noch im freien Fall. Also abwarten, ist hier wohl die Devise. Warten Sie, bis alle raus sind und sich der Staub gelegt hat. Der Traditionskonzern hat mit horrenden Schulden und einem schwierigen Geschäft in den USA zu kämpfen. Die Kreditvereinbarungen mit den Banken müssen neu verhandelt werden. Manch ein Analyst warnt gar vor der Insolvenzgefahr. Ob es wirklich zum Konkurs kommt? Das lässt sich nicht sagen. Vorstandschef Hans H. Overdiek weist das jedenfalls weit von sich. Dabei gibt es durchaus Warnsignale. Ich finde solche Situationen extrem spannend. Es bieten sich gewaltige Chancen (freilich sind mächtige Risiken damit verbunden). Mich erinnert der Pfleiderer-Chart an den Dieselmotoren-Hersteller Deutz. Der Kölner Traditionskonzern hatte ebenfalls die Kreditvereinbarungen mit seinen Gläubigern neu verhandeln müssen, die Gespräche dauerten ewig und viele fragten sich: Schafft es Deutz überhaupt? Dann wurde im Januar 2010 bekannt, dass Deutz über eine Staatshilfe nachdenkt. Der Kurs stand ständig unter Druck, dümpelte später bei drei Euro herum. Ein smarter Vorstand kann versuchen, hart mit den Gläubigern zu verhandeln, mit dem Ziel, das diese auf einen Teil der Kreditsumme verzichten. Immobilienmogul Donald Trump hatte diese Strategie beispielsweise im Jahr 1989 angewandt und sie ging auf. Die Banken verzichteten auf einen Teil und halfen mit Zugeständnissen. So konnte Trump sein Imperium vor der Pleite bewahren. Zurück zu Deutz: Nun hat Deutz die Finanzierung gesichert, alles ist wieder im Lot und die Notiz hat sich in ein paar Monaten verdoppelt auf knapp sechs Euro.
In den USA beobachte ich etwa den abgestürzten Tankerkonzern K-Sea. Schauen Sie nur, wie dramatisch der Kurs gesunken ist. Ich beobachte zudem den Schuhhersteller Skechers oder die größte Online-Uni Apollo Group. Ein Boden hat sich bei diesen Titeln noch nicht ausgebildet. Aber bei dem chinesischen Wasserkonzern Duoyuan Global Water scheint sich ein Boden nach einer heftigen Talfahrt zu bilden. Ich empfehle, wie gesagt, keinen der hier besprochenen Werte! Ich habe mich auch nicht mit diesen Unternehmen im Detail beschäftigt, wollte Ihnen nur aus charttechnischer Sicht ein paar interessante Beispiele nennen. Also passen Sie genau auf. Machen Sie Ihre Hausaufgaben und beobachten Sie Ihre eigenen Werte. Ich bin der festen Überzeugung, dass Investieren am meisten Spaß macht, wenn man sich den Unternehmen verbunden fühlt, sich für die Produkte und Dienstleistungen begeistern kann. Daher rate ich, nur Aktien zu kaufen, wenn Sie das Geschäftsmodell verstanden und sich intensiv mit dem Unternehmen im Vorfeld beschäftigt haben. Dann werden Sie auch viel erfolgreicher sein! Ich habe eine Tabelle mit tief gestürzten Aktien erstellt, die ich allesamt als sehr attraktiv einstufe. Für jeden Wert habe ich einen Preis bestimmt, ab dem ich einsteigen möchte. Bei diesen Aktien gibt es natürlich Gründe, warum die Herde panikartig verkauft hat: Skandale, Rücktritte, Verluste, Gerüchte, Qualitätsprobleme und so weiter. Hier muss jeder selbst abwägen und einschätzen, ob sich die Probleme bewältigen lassen oder eben nicht. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Ein paar Chartbeispiele: So machen tief gestürzte Aktien Spaß

  1. Josef 56

    Sehr geehrter Herr Schäfer , leider sind zu der Aktie von Skechers in Deutschland nur wenige Informationen erhältlich. Kurs scheint vom Hoch bei € 36 zum jetzigen Kurs bei € 15 einen Boden gefunden zu haben. Können Sie den Hintergrund etwas aufhellen.Für etwaige Infos bedankt sich Josef 56.

  2. tim schaefertim schaefer

    Danke für Ihre Frage. Es handelt sich bei Skechers um einen innovativen Schuhhersteller, der sich auf ein jüngeres Publikum konzentriert. Der Börsenwert beträgt nach der jüngsten Kurshalbierung weniger als eine Milliarde Dollar, der Umsatz dagegen fast zwei Milliarden Dollar. Keine Schulden, statt dessen liegen rund 200 Millionen Dollar in der Kasse.

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