Ein neues Value-Investing-Video und ein paar Worte zur EU-Krise


New York, 10. Juli 2012

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Ich habe ein kurzes Youtube-Video (zehn Minuten) mit den Kernbotschaften zum Value Investing aufgenommen. Sorry, es ist in Englisch – damit ein paar mehr Leute reinhören können. Sie finden das Video am Ende dieses Blogeintrags.
Die Zeit mit all den Horrormeldungen könnte für Value-Fans kaum besser sein. Lassen Sie mal die Euro-Krise, Staatsschuldenkrise, Konjunkturkrise, Arbeitslosenkrise und all die anderen Krisen so richtig wirken. Die Anleger sind nervös, reagieren hektisch, ja panisch. Zum Ausdruck kommen diese Sorgen an der enormen Volatilität, die am Aktienmarkt momentan herrscht. Die Anleger suchen nach einer Richtung, finden sie aber nicht. Selbst große DAX-Konzerne brechen in wenigen Minuten um über sechs Prozent ein.
Es scheint alles kurz vor dem Chaos zu stehen. So wie ich jedoch die Politiker einschätze, reißen sie in letzter Minute das Ruder herum und raufen sich zusammen.
Die Amerikaner fordern die Europäer seit Monaten inständig auf, schnell eine gemeinsame Lösung zu finden. Diese EU-Krise muss nach Meinung der US-Regierung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft werden. In Washington fürchtet man sich insgeheim vor einer Neuauflage der Großen Depression. Wenn alles aus dem Ruder läuft, dann gute Nacht. Insofern gibt es das verklausulierte Signal aus dem Weißen Haus, dass sich die USA an finanziellen Maßnahmen in Europa beteiligen werden – so weit es sich das hochverschuldete Land selbst leisten kann. Wir sitzen alle in einem Boot, heißt es hier in Regierungskreisen.
Ich hörte mir in den vergangenen Wochen und Monaten etliche Reden von Regierungsvertretern an. Hier oder hier.
US-Präsident Barack Obama (Foto Regierung) hat natürlich ein Eigeninteresse daran, in Europa Ruhe einkehren zu lassen. So sind die Präsidentschaftswahlen im November. Je stabiler die wirtschaftliche Lage weltweit wird, desto besser sind die Chancen für Obama, für eine zweite Amtsperiode ins Weiße Haus gewählt zu werden.
Die führende Volkswirtin der Bank of America, Michelle Meyer, hat die Lage in Europa meiner Meinung nach gut anhand von drei Szenarien skizziert. Meyer sagte auf meine Frage hin, die wahrscheinlichste Variante mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 55 Prozent sei, Europas Politiker wursteln sich durch die Krise und verhindern das Chaos. Trotzdem bleibt den Europäern eine Rezession ihrer Meinung nach nicht erspart. Na immerhin. Besser als das große Drama mitsamt Crash.
Hier nun mein Video, wie Value Investing funktioniert:


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Ein neues Value-Investing-Video und ein paar Worte zur EU-Krise

  1. Matthäus Piksa

    Hi Tim,

    meine pauschale Antwort, warum in Europa alles länger dauert als in den Staaten, klingt ungefähr so:

    Das allgemeine Problem in Europa ist, dass die Leute hier engstirniger sind als in den Staaten. Das jedenfalls ist mein Eindruck.

    Es gibt viel zu wenige, die sich als Europäer sehen und das offen äußern, ganz im Gegensatz zu den Staaten, wo jeder neue Staatsbürger sofort die neue US-amerikanische Identität verinnerlicht, wenn er das Land betritt.

    Und weil es diese europäische Identität nie geschafft hat, sich in den Köpfen der Leute festzusetzen, steht es auch in den Sternen, ob der alte Kontinent seine Probleme in den Griff bekommen wird. Die Ressentiments sind doch gewaltig und überall verbreitet hier in Europa, ich nenn hier mal ein paar: Der Grieche ist faul, der Italiener wohnt bei Mama und isst täglich Pizza, die Spanier feiern zu viel, die Briten sind alle störisch, die Deutschen Nazi's (ja immer noch, obwohl diejenigen mit der individuellen Schuld alle längst tot sind.), die Polen klauen von morgens bis Abends Auto's, die Holländer essen nur Käse usw.usw. – davon abgesehen gucken sich reiche Länder wie Großbritannien das ganze Elend lieber von der Seitenlinie aus an. Das Öl-reiche Norwegen macht grundsätzlich nicht mit, die Schweiz ist keinen Deut besser. Solidarität Fehlanzeige.

    55% das am Ende doch noch alles gut geht in Europa!? Das kann sein!

    Gruß Matthäus

  2. Jack

    Hi Tim,

    wieder mal ein gutes Video! Danke

    Was hälst du persönlich eigentlich von Barack Obama? Wie ist die Stimmung in Amerika glaubst du er schafft eine Wiederwahl?

    Ich persönlich halte ihn für einen der fähigsten Präsidenten der USA.
    Er konnte es eben noch nicht richtig zeigen durch die seit 2008 anhaltenden Finanzkrise

    @Matthäus

    Das Europäische Wir Gefühl fehlt eindeudig

    Die Geschichte zeigt aber auch, dass Deutschland mal aus vielen kleineren Ländern/Provinzen bestand, ich denke in ein paar Jahrzehnten ist es völlig normal von sich als Europäer zu sprechen 😉

    Auch eine „Eurasische Union“ ist ja schon in der Planung (Russland, Weißrussland, Kasachstan), also muss eine Union große vorteile haben!

  3. Matthäus Piksa

    @Jack

    Ja genau, das europäische Wir-Gefühl fehlt. Wobei ich an dieser Stelle differenzieren würde. Unter meinen Kommilitonen/Innen, also den unter 30-jährigen gibt es dieses europäische Wir-Gefühl. (Natürlich gibt es auch über 30-jährige Europäer mit dem Wir-Gefühl, keine Frage.)

    Darüber hinaus gibt es auch die Anhänger des Kosmopolitismus, zu denen ich mich auch zähle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kosmopolitismus

    Gruß Matthäus

  4. Jack

    @Matthäus

    Auch ich kann mich dazu zählen zum Kosmopolitismus, auch wen ich den Begriff heute zum ersten mal gehört habe!

    Wen man die Erde aus sicht des Universums betrachtet in dem wir nur ein Sandkörnchen sind, dann geht es einfach nicht anders 😉

    Die Evolutionsgeschichte der Menschheit zeigt auch ein immer größeres Zusammenschließen von Gruppen (solange dies ohne Zwang und Kriege geschieht)

    Ich glaube im Fortschreiten des Raumfahrtzeitalter wird auch dieses denken gefördert, den schon heute berichten Astronauten von einem intenisiven „WIR“ Gefühl im All!

    Dazu kommt noch die ISS als Gemeinschaftsprojekt und die Kooperatioenen verschiedener Länder für eine gemeinsame Mondbasis

    Ich denke gerne ziemlich Visionär 😀

  5. Sams

    Also zum europäischen Gefühl?
    Man sollte bei dem guten alten Europa nicht vergessen das fast jeder Quadratkilometer dieses Kontinents mit Blut „geweiht“ wurde.
    All diese Kriege über Jahrhunderte oder sollte man eher sagen über die letzten 2500 Jahre.
    Beinahe jedes Land mußte auf eigenen Boden die Waffen strecken, Jahre später maschierte der Besiegte dann beim Sieger im nächsten Krieg ein.
    Ich sehe Europa kritisch aber ich liebe die Europäische Idee.
    Aber man kann Europa und USA nicht vergleichen. Es gibt kein Europäisches Volk, es wird nie ein europäisches Volk geben.
    Einfach mal eine Landkarte nehmen und Land für Land nach großen Namen der Kultur suchen. Da bauen sich die Vourteile schnell ab und man wird Stolz auf diesen Kontinent.

  6. Matthäus Piksa

    @Sams

    „Es gibt kein Europäisches Volk, es wird nie ein europäisches Volk geben.“

    Sie sehen das ziemlich skeptisch. Wenn man so will gibt es auch kein klassisch amerikanisches Volk, abgesehen von den Indianern vielleicht. Denn letztlich ist doch jeder Amerikaner entweder irgendwann selbst oder aber seine Vorfahren aus Europa, Asien und von sonstwo nach Amerika ausgewandert.
    Darüber hinaus kann man einen Kalifornier nicht mit einem Texaner und einen New Yorker sicherlich auch nicht mit einem Bewohner Floridas vergleichen. Es gibt auch in Amerika viele (gesellschaftliche) Gegensätze.

    Und trotzdem behaupte ich, dass sich die Amerikaner bei den Basics, der amerikanischen Identität, dem Stolz und Ehrgefühl nicht so leicht auseinanderdifferenzieren lassen wie die Europäer, obwohl die Amerika ein klassischer Vielvölkerstaat ist, genauso wie Europa auf dem Papier auch einer werden könnte, Stichwort „Vereinigte Staaten von Europa“.

    Warum das in den USA möglich ist, in Europa aber trotz seiner kulturgeschichtlichen Tradition nicht möglich sein soll, ist mit ehrlich gesagt schleierhaft aber als Thema aus meiner Sicht aktuell sehr diskussionswürdig.

    Gruß Matthäus

  7. tim schaefertim schaefer

    @ Jack

    Ich halte Barack Obama für einen coolen Typ. Ich finde, er ist sehr sympathisch. Er hat gute Ideen und setzt sich sehr stark für die Minderheiten ein.

    Aufgrund der Finanzkrise und der Blockadepolitik der Opposition sind ihm allerdings die Hände gebunden. Das macht das ganze schwierig.

    Was Barack Obama fehlt, ist meiner Meinung nach die nötige Kompromissbereitschaft. Er scheint stur zu sein. Bill Clinton konnte sich besser mit den Republikanern einigen, er arbeitete mit der Opposition intensiver zusammen. Das vermisse ich derzeit bei Obama.

    So blieben viele Reformen auf der Strecke.

    Viele Grüße
    Tim

  8. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus
    @ Jack
    @ Sams

    Leider wird ja von politischer Seite in Deutschland gerne vor dem Ausland gewarnt. Es wird gewarnt mit Blick auf die Kosten, Gefahren, Risiken, Jobs, Kriminalität etc.

    Dabei sind doch die Chancen umso größer. Die Vielfalt und die reiche Kultur ist ein unglaublicher Schatz, wenn wir das mehr zusammenbringen.

    Helmut Kohls Vision, Europa zu vereinen, war grandios. Kohl hat als Kind erleben müssen, was passiert, wenn man Hass und Angst unter den Menschen schürt.

    Ich denke, dass es möglich ist einen europäischen Staat nach dem Vorbild der USA aufzubauen, der zum Vorteil aller wäre.

    Was wäre denn der Vorteil, wenn sich alle Länder voneinander abschotten? Das wäre ein Desaster. Das wäre ganz klar zum Schaden aller. Das würde weniger Wohlstand und weniger Fortschritt bedeuten.

  9. Matthäus Piksa

    @Tim,

    letzten Endes, und das muss man sich vor Augen führen, ist die europäische Integration schon sehr weit fortgeschritten, in manchen Teilbereichen sogar schon beendet, wie zB im Bereich der Gerichtsbarkeit. So sind die Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes in allen Mitgliedsstaaten nicht nur rechtlich bindend, sie stehen darüber hinaus auch über den Urteilen der obersten Gerichte der Mitgliedsstaaten, übrigens auch im Steuerrecht was bei grenzüberschreitenden Sachverhalten wie sie es im Umsatzsteuerrecht, Stichwort Handel, häufig gibt, relevant wird.

    Gefürchtet wird der EuGH auch an der WallStreet: So bestätigte der EuGH erst vor wenigen Tagen eine saftige Geldstrafe gegen Microsoft iHv 860 Mio.€, die die Kommission einst gegen den Softwareriesen verhängte und beendete damit einen jahrelangen Rechtsstreit: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/860-millionen-euro-strafe-eugh-schmettert-microsoft-klage-gegen-rekordbusse-ab/6803490.html

    Gruß Matthäus

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