Dow Jones auf dem Weg nach oben. Warum der Index wenig aussagt


New York, 27. Februar 2012

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Am Montag arbeitete sich der Dow Jones nahe an die magischen 13.000 Punkte heran. Zwischenzeitlich lag der Index darüber. Dem Auftrieb reichte jedoch bis zum Börsenschluss nicht ganz die Puste. Trotzdem erstaunlich! Bald wird diese Hürde nämlich genommen. Der Index stürmt unaufhaltsam nach oben. Bei ca. 14.160 Zählern lag das bisherige Hoch, was im Jahr 2007 markiert wurde. Dann brach das Börsenbarometer ein. Dramatisch! Auf rund 6.500. Weltwirtschaftskrise! Das Chaos scheint jetzt an der Börse zumindest überstanden zu sein.
Mit einer Kurshalbierung der Standardwerte müssen Sie nur ein bis zwei Mal in einem Jahrhundert rechnen. Wer in einer solchen Situation mutig ist und einsteigt, der hat eine ungewöhnliche Chance. Die wenigsten haben jedoch zugegriffen. Die blanke Angst überwiegt in solchen Phasen. Als hartgesottener Value-Jäger sind Sie es ohnehin gewohnt, massiven Schmerz ertragen zu können.
Mich würde es nicht wundern, wenn dieses oder nächstes Jahr neue Rekordwerte im Dow Jones fallen werden. Sprich deutlich mehr als 14.000. Kommt dieser Tag, wird eine Jubelstimmung an der Wall Street herrschen. Ballons werden fliegen. Torten und Champagner dürften wohl bis dahin kalt gestellt sein! Es kann schnell gehen. Ich war schon mal auf dem Frankfurter Parkett vor Jahren mit dabei, als ein runder Höchststand gefeiert wurde. Genaues weiß natürlich niemand, wann das in New York der Fall sein könnte. Es geht schließlich um die Gemütslage der Anleger.
Wenn Sie mal genau schauen, was hinter dem Index steckt, so ist es eine uralte Tradition, die nicht mehr in die heutige Zeit passt. Erster Kritikpunkt: 30 Werte sind nicht gerade viel. Übrigens ist das beim DAX auch eine Schwäche (neben anderen). Ein kleines Gremium bestimmt die Zusammensetzung des Dow Jones. Derzeit sind unter den 30 geadelten Unternehmen 3M, Alcoa, Amex, AT&T etc. Alle Titel finden Sie auf dieser Übersicht. Wie wird der Index bestimmt? Alle 30 Kurse werden zusammengezählt und anschließend um den Faktor 0,132129493 dividiert. Der Divisor wird ziemlich komisch ermittelt – er soll angeblich Dividenden und Aktiensplits bereinigen. Das ist der zweite Kritikpunkt! Intransparent ist dieses Prozedere.
Der Dow ist ein insgesamt merkwürdiges Konstrukt. So spielt vor allem die optische Höhe des Kurses eine Rolle. Der dritte Kritikpunkt. Je höher der Kurs (ohne auf den Börsenwert zu blicken), desto wertvoller ist das Papier für den Index. So hat der Maschinenbauer Caterpillar mehr Gewicht im Index als etwa ExxonMobil, obwohl der texanische Energiegigant einer der größten Konzerne der Welt ist und zig Mal mehr Gewicht auf die Börsenwaage bringt. Verrückte Welt! Das macht keinen Sinn. Es hängt wohl mit den Ursprüngen des Dow Jones zusammen, vor mehr als 100 Jahren waren eben Splits nicht in Mode.
Charles Dow rief den Kult-Index am 26. Mai 1896 ins Leben. Der Journalist betrieb einen zweiseitigen Newsletter. Später gründete er das „Wall Street Journal“ und die Nachrichtenagentur Dow Jones. Er erkannte in der Informationsverbreitung an der Wall Street ein lukratives Geschäftsfeld. Mister Dow packte in seinen Index ursprünglich zwölf Industrieunternehmen. Darunter General Electric. Das Konglomerat ist noch heute mit von der Partie. Der Index startete bei ca. 40 Pünktchen.
Wenn Sie das jetzt mit den aktuell 13.000 Zählern vergleichen, müssen Sie natürlich die Inflation berücksichtigen. Sonst wäre die Rendite natürlich zu gut, um wahr zu sein. Aber selbst nach Bereinigung um die Inflation bleibt die Börse der beste Platz, um Ihr Geld für sich arbeiten zu lassen. Es ist ein sehr produktiver Ort. Langfristig verspricht keine andere Asset-Klasse eine höhere Rendite.
Obwohl jeder auf den Dow-Jones-Index blickt, gibt das Barometer kein faires Spiegelbild der US-Ökonomie ab. So fehlt etwa Apple, das nach Börsenwert teuerste Unternehmen der Welt. Apple hortet in seiner Kriegskasse 100 Milliarden Dollar. Damit könnte der kalifornische IT-Riese gleich fünf (!) Konkurrenten in der Größe von Sony (21 Milliarden Dollar Kapitalisierung) übernehmen. Apple müsste also unbedingt in den Dow aufrücken.
Auch bildet der Dow Jones nicht mehr den Erfolg der USA ab, weil viele Konzerne mittlerweile über die Hälfte ihrer Gewinne im Ausland an Land ziehen.
Verbannte Mitglieder im „Club der besten 30“ waren die Citigroup, die von 1998 bis 2009 mit im Boot saß. Während der Finanzkrise flog die Citi-Aktie aus dem Index. Chrysler wurde 1979 rausgeworfen, nachdem damals Washington den Autohersteller vor dem Konkurs bewahren musste. Photo-Profi Kodak packte 2004 die Koffer. Schon seinerzeit ging Kodak durch eine deftige Restrukturierung. Was lehrt uns das? Fliegt ein Konzern aus dem Index, ist Vorsicht geboten. Kodak ist mittlerweile pleite, Chrysler musste ein zweites Mal von der Regierung mit Milliardenhilfen gestützt werden. Und die Citi kämpft sich bis heute durch die Sanierung.
Einen besseren Maßstab bildet der S&P-500-Index, weil die Basis mit 500 Unternehmen einfach breiter ist.
Mehr zu dem Thema des Dow Jones finden Sie in diesem Artikel:
Why Do We Still Care About The Dow? und bei
Wikipedia (deutsch).


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Dow Jones auf dem Weg nach oben. Warum der Index wenig aussagt

  1. Matthäus Piksa

    Hallo Tim,

    der Dow hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt, von ca. 6.500 auf nun 13.000 Zähler. Mich würde mal interessieren, wie viele institutionelle und private Anleger ebenfalls eine 100%-Rendite vor Steuern und Inflation nachweislich erzielt haben.
    Das dürften doch eher vergleichsweise wenige sein.

    Bei den institutionellen vllt. jeder zweite, eher weniger, und bei den Privaten möglicherweise nur einer von Fünf, auch hier tendentiell eher weniger. – Aber beide Zahlen sind nur geraten. Ich wollte damit nur aufzeigen, dass es grundsätzlich verdammt schwer ist, den Markt zu schlagen, zumal über längere Zeiträume. – Bedenken muss man zudem, dass der Kapitalismus vor drei Jahren zu Grabe getragen wurde, die Stimmung war auf Weltuntergangsmodus eingestellt. Das war ein klares Kaufsignal damals!

    Auch in Griechenland ist die Lage jenseits von gut und böse, der griechische Leitindex ist in den letzten ca. 4 Jahren von über 5.000 auf derzeit knapp 750 Punkte eingebrochen – http://www.onvista.de/index/snapshot.html?ID_NOTATION=8422827&MONTHS=120#chart

    Im Grunde könnte man nun antizyklisch investieren – – wenn nicht so viele Gründe dagegen sprechen würden, die wir aus der Presse mehr oder weniger alle kennen:
    1. zunächst einmal hat der Index noch keinen richtigen Boden ausgebildet, es geht tendentiell immer noch weiter nach unten
    2. die Wohlhabenden habe ihre Gelder abgezogen, das Land blutet aus
    3. eine funktionierende Steuerverwaltung gibt es nicht

    Es gibt sicherlich noch mehr Gründe nicht in Griechenland zu investieren. Hauptgrund wird aber sein, dass es im Dax&Dow&S&P aber mit Sicherheit risikoärmere Aktiengesellschaften mit Potential gibt.
    Wenn ich mich recht erinnere, hat der alte Kostolany so sein Geld gemacht. In dem er in Schwellen- und Entwicklungsländern investierte, die niemand auf der Rechnung (mehr) hatte.

    Gruß Matthäus

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus,

    gute Idee. Grundgedanke dahinter ist phänomenal.

    Ich würde abwarten, bis sich der Index stabilisiert hat. Selbst wenn man auf eine mögliche Mehr-Rendite in diesem Fall verzichtet.

    Im Vergleich zu den USA ist Griechenland ziemlich sozialistisch organisiert. Amerika hat den Vorteil des (brutalen) Kapitalismus, der sich besser selbst bereinigen kann. Die Motivation der Menschen ist nämlich eine andere.

  3. Matthäus Piksa

    „Sozialismus“ ist das richtige Stichwort. GR kann man in Anlehnung an die dortige Schuldenkrise aus dem Jahr 1998 mit Argentinien vergleichen. Es dauerte knapp 10 Jahre bis das lateinamerikanische Land halbwegs auf die Beine kam. Auch dort brach der Leitindex zunächst brutal um dreiviertel ein, bevor es in den Folgejahren rasant nach oben ging und die alten Allzeithochs spielend übertroffen wurden. http://www.finanzen100.de/index/merval-index_H1237173899_8384721/chart.html

    Fazit: Beide Länder sind Emerging Markets und bieten daher im Vgl. zu den klassischen Industrieländern immer höhere Chancen bei gleichzeitig höheren Risiken.

  4. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus,

    eine wirklich spannende Idee.

    Wenn Du fest dran glaubst, warum eigentlich nicht. Ich würde aber nicht Haus und Hof darauf verwetten …

  5. Kroeterich

    „Mit einer Kurshalbierung der Standardwerte müssen Sie nur ein bis zwei Mal in einem Jahrhundert rechnen“

    Also, wenn die vergangenen 25 Jahre eines gezeigt haben, dann, dass die Volatilität und Unberechenbarkeit des Aktienmarktes, (deutlich) größer ist, als wir alle denken. Das ist übrigens meines Erachtens auch der Grund für die angeblich irrationale Überrendite, die mit Aktien im Vergleich zu anderen Assetklassen zu erzielen ist. Für langfristig orientierte Investoren ist das überhaupt kein Problem. Nur Wegreden sollte man es nicht. Wer nicht aushalten kann, wenn der Wert des eigenen Aktiendepots zeitweise um 50% fällt, der sollte es vielleicht besser lassen.

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Kroeterich.

    Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Die Börse schwankt nun mal. Und die Kursbewegungen können heftig ausfallen, wie Sie zu Recht feststellen.

    Daher ist eine lange Perspektive wichtig. Im Grunde ist die höhere Rendite an der Börse eine Art Schmerzensgeld für die Schwankungen.

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