Die Leichen im Keller der Deutschen Bank


New York, 2. September 2012

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Lieber Leser,
ich bin ein Verfechter eines fairen, ehrlichen Finanzmarktes. Deshalb schreibe ich in diesem Blog über Missstände.
Ob der Stabwechsel bei der Deutschen Bank zu einem anderen Geschäftsgebaren führt, ist nicht bekannt. Jedenfalls sollten wir das hoffen. Die Klagewellen gegen das Institut scheinen die beiden neuen Co-Vorstandschefs Jürgen Fitschen und Anshuman Jain schrittweise abzuarbeiten. Sie legen viele Klagen von Kunden, die sich aufs Kreuz gelegt fühlen, im Vergleich zu den Akten.
Hingegen kann es Jahrzehnte dauern, bis der grottenschlechte Ruf wieder hergestellt ist. Das Glaubwürdigkeitsproblem lässt sich nicht so einfach aus der Welt schaffen. Es zuckt der Börsenkurs zwar leicht nach oben. Ist das die Trendwende? Wir wissen es nicht, wir müssen abwarten. 56 Prozent notiert der Aktienkurs unterhalb des Buchwerts. Der Abschlag zum „inneren Wert“ ist brutal. Holla die Waldfee! Wer soweit unterhalb des Eigenkapitals taxiert, muss Leichen im Keller haben. Die Deutsche Bank hat sich das Schlamassel selbst eingebrockt.
Rückblende: Während des Wirtschaftsbooms schwimmt die schwarz-gelbe Regierung in Berlin auf der Erfolgswelle. Kanzlerin Angela Merkel ist seinerzeit von der Deutschen Bank begeistert. Der Marktführer verdient so viel Geld wie nie zuvor. Die Bank spendet an die CDU und FDP immer großzügiger, Hunderttausende sprudeln. Der Lobbyismus läuft auf Hochtouren. In Frankfurt und New York erreichen die Bonuszahlungen ein Hoch nach dem nächsten. Führungskräfte der Deutschen Bank erhalten in alle wichtigen Bundesministerien einen Schreibtisch. Die Frankfurter sitzen sozusagen in Berlin direkt an den Schalthebeln der Macht, sie dürfen vor Ort mitreden. Alle sind happy.
Merkel lädt den Boss der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zu dessen 60. Geburtstag ins Kanzleramt ein. Ackermann darf mit seinen Freunden direkt in der Machtzentrale des Staates feiern. Der Steuerzahler bezahlt die Party. Merkel erscheint selbstverständlich zum Geburtstag.
Als die Top-Verdiener Deutschlands ganz nah an Merkel dran sind, wird das gefährlich für die Ökonomie. Warum? Die Wirtschaft läuft nur vermeintlich gut, es ist eine Illusion. Es handelt sich um einen Boom der Boni und Blütenträume. Merkel empfängt immer häufiger die Banker, erscheint auf Feiern, kassiert munter die Spenden.
Sie müssen sich die Situation so vorstellen, als ob ein Heroinabhängiger im Drogenrausch ist. Das sind drei tolle Tage, aber dann? Sobald die Drogen ausgehen, folgt der Kater. Dieser Kater dauert bis zum heutigen Tag an – wenn sie sich den abgestürzten Kurs des Frankfurter DAX-Unternehmens anschauen. Das Bild des Heroinsüchtigen hat übrigens Charlie Munger, der Co-Chef von Berkshire Hathaway, mit Blick auf die hohen Boni der Banker allgemein gewählt.
Natürlich laufen die freien Märkte besser als der Kommunismus. Aber der Markt darf nicht komplett von Regeln befreit sein. Es muss strikte Vorgaben geben. Ein Staat darf sich niemals kaufen lassen. Es ist seine Aufgabe, die Akteure zu überwachen. Berlin muss ihnen auf die Füße treten, wenn sie verrückte Sachen machen. Wenn Betrug im Spiel ist oder die Ethik schwindet, müssen die Verantwortlichen dafür gerade stehen.
Die Wirtschaft wird immer auf den Boden knallen, wenn die Ministerien mitsamt ihren Aufsichtsbehörden ihren Aufgaben nicht nachkommen. Wegzuschauen hilft keinem. Ein Eingreifen des Staates ist nötig. Wenn die Republik den Banken freie Hand lässt, sinkt die Moral bei den Akteuren auf ein Tief. Die Gier steigt im Gegenzug auf ein Hoch. Dieses Gemisch zerstört alles. So skizziert jedenfalls Charlie Munger die Vorkommnisse im Rückblick.
Die Deutsche Bank führt damals einige ihrer Kunden rund um den Globus mit dubiosen Produkten aufs Glatteis. Ich nenne Ihnen zwei besonders krasse Beispiele: Deutsche Kommunen verlieren Millionen mit gefährlichen Zinsswaps.
Ein anderer abschreckender Fall ist die Mittelstandsbank IKB. Diesem Kunden drehen Deutsche Bank und Goldman Sachs so viele Müll-Papiere an, bis er unter dem Schrott zusammenbricht. Der Staat muss die IKB mit zehn Milliarden Euro vor dem Konkurs retten. Auf 28 Cent ist der IKB-Kurs nun abgestürzt. Die IKB ist ein trauriges Kapitel einer Boomphase, die keine war. Wie der Schwindel mit den Schrottpapieren in der Branche ablief, zeigt dieses Comic sehr gut – die Redaktion erhielt für ihre Berichterstattung den Pulitzer Preis. Da wurden zum Himmel stinkende Papiere schön frisch verpackt, so dass niemand den Gestank riechen konnte.
Der Steuerzahler ist mal wieder der Dumme. Leider werden bis heute keine Konsequenzen aus den krummen Dingern gezogen. Strafrechtlich musste sich niemand verantworten. Es ist an der Zeit, dass die Staatsanwaltschaft diese dunkle Zeit des deutschen Bankwesens aufarbeitet. Hoffentlich kehren die Ermittler die Auswüchse der Krise nicht unter den Teppich.
Conclusio: Die Regierung muss eine Distanz zu den Unternehmen wahren. Ohne Aufsicht, ohne strikte Regeln geht es nicht. Konsequenzen müssen gezogen werden. Mit tollen Partys werden die Probleme nicht gelöst. Lobbyismus ist OK, nur sollte es Grenzen geben. Das gilt selbstverständlich für andere Sektoren wie das Hotelgewerbe, die Rüstungsindustrie oder die Kfz-Hersteller.
Die Deutsche Bank ist zweifelsohne ein großartiges Unternehmen. In den zurückliegenden Jahren machte allerdings das Haus gravierende Fehler. Den Globus mit Giftpapieren zu überfluten, ist kein nachhaltiges Geschäftskonzept. Wo sind die Ethik und Moral geblieben?
Die Frankfurter Taunusanlage ist gewiss nicht die einzige Adresse, die sich Vorwürfe gefallen lassen muss. Zur Verteidigung der Bank gilt: Natürlich müssen sich die Stadtkämmerer und die IKB-Oberen Fragen gefallen lassen, warum sie die gefährlichen Finanz-Wetten eingegangen sind. Es ist abstrus.
Ich wünsche der Deutschen Bank, dass sie fortan den Kunden in den Mittelpunkt stellt und nicht den eigenen Gewinn oder Bonus. Nur so kann das Institut langfristig erfolgreich sein. Im ausgebombten Kurs scheinen die negativen Nachrichten schon eskomptiert zu sein. Hoffen wir das Beste.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Die Leichen im Keller der Deutschen Bank

  1. Jack

    In Amerika wird in anscheinend mehr gegen die Deutsche Bank unternommen.
    Hier hat sie mit ihren Immobiliengeschäften für ein schlechtes Image gesorgt.

    Deutsche Bank unter Anklage – US Staatsanwaltschaft ermittelt.

    In Deutschland scheint dagegen nicht viel zu passieren.
    Im Gegenteil es wird sogar die Finanzbranche noch subventioniert!
    Wie sonst ist das aufweichen der gesetzlichen Rente zugunsten der überteuerten und miserablen Produkte wie die der Riesterrente zu erklären?

  2. Christian

    Hast du zu der Aussage eine Quelle
    „Führungskräfte der Deutschen Bank erhalten in alle wichtigen Bundesministerien einen Schreibtisch.“

    Viele Grüße und besten Dank

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