Die Börsenentwicklung lässt sich nicht exakt vorhersehen


New York, 1. Dezember 2012

Jetzt posaunen Volkswirte und Bankexperten neue Kursziele für das nächste Jahr heraus. Sie teilen uns Anleger mit, wo der DAX, ATX, Dollar, Gold etc. bis Silvester 2013 landen werden. Die Deutsche Bank publizierte gerade ihre Ziele.
Ich rate zur Vorsicht. Niemand kann die Zukunft vorhersehen. Auch die Deutsche Bank nicht. Übrigens geben nahezu alle Großbanken Kursprognosen heraus, ich mache den Frankfurtern deshalb keinen Vorwurf. Das ist einfach gang und gäbe in der Branche.
Aktienkurse oder Indexstände lassen nicht so einfach prognostizieren. So nehmen die Banker in der Regel die Bewertung der Aktien (KGV), Dividenden und die erwartete Konjunkturentwicklung als Grundlage für ihre Prognosen.
Klar, eine der wichtigsten Kennziffern für Aktien ist das KGV. Anhand des KGVs lässt erkennen, ob eine Aktie teuer oder günstig ist. Aber das KGV ist nicht alles. Die Börse reagiert emotional, nicht rational. Viel mehr Faktoren bestimmen die Kurse.
Der Fondsanbieter Vanguard hat dazu eine Studie erstellt. Vanguard hat geschaut, was die Kursentwicklung zwischen den Jahren 1926 und 2011 bestimmt hat. Welche Kennziffern korrelieren mit dem Kursverlauf? Was sind die einflussreichsten Faktoren? Die Bewertung (KGV) ist ein wichtiger Maßstab, er erklärt in der Studie ca. 40 Prozent der Kursentwicklung. Danach haben zig Faktoren wie die Staatsverschuldung oder die aktuelle Dividendenrendite eine Korrelation zur Kursentwicklung, aber mit einer deutlich geringeren Ausprägung. Selbst der Regen hat einen Einfluss auf die Kurse, ja richtig, die Regenhäufigkeit. Sie sehen also, dass viele Faktoren die Kurse bestimmen, insofern muss man aufpassen, welche Argumente man anführt.
Keinerlei Korrelation auf die Kursentwicklung haben die vergangene Dividendenrendite, die Profit-Margen, die Aktienrendite im Ein-Jahres-Rückblick, die durchschnittlichen Gewinnwachstumserwartungen, das erwartete Wachstum des Bruttosozialprodukts.
Wenn Ihnen also jetzt jemand sagt „Die Gewinne sind prächtig im laufenden Jahr gestiegen, viel besser als erwartet, deshalb werden die Kurse steigen“ – dann sollten Sie vorsichtig werden. Ich würde einem solchen Ratgeber nicht länger zuhören. Denn das ist eine zu simple Begründung.
Was ist mit der demographischen Entwicklung? Japan steckt seit über 20 Jahren in einer wirtschaftlich prekären Lage. Die Bevölkerung ist überaltert, es gibt kein frisches Blut. In Westeuropa wird es uns eines Tages genauso gehen wie den Japanern, wenn nicht die Immigration erhöht wird. Politische Trends haben einen Einfluss auf die Börse, Kriege, Katastrophen, Terroranschläge, Grippewellen.
Die Börse ist im Endeffekt ein unerklärbarer Haufen an Chaoten. Dynamisch, unberechenbar, hysterisch, emotional, panisch, euphorisch. Rational lassen sich Kurse jedenfalls nicht erklären.
In dem Jahr mit dem höchsten Gewinnanstieg muss die Börse nicht automatisch am besten performen. In einer Rezession kann die Börse massiv zulegen, in einer Boomphase kann es zum Crash kommen. Also Vorsicht vor all den Wahrsagern. Punktgenaue Vorhersagen sind jedenfalls in meinen Augen unseriös. Sei treten doch so gut wie nie ein.
Viel besser sind generelle Zukunftstrends. Die kann jeder durchaus erkennen etwa die Bevölkerungsentwicklung oder die aufstrebende Mittelschicht in Fernost. Die Zunahme des weltweiten Fortschritts und des Wohlstands ist erkennbar.
Was wissen wir über die Börse? Wir wissen nur, dass die Börse auf lange Sicht steigt. Im Schnitt legen US-Aktien um zehn Prozent p.a. zu. Bereinigt um die Inflation sind es real vielleicht sieben bis acht Prozent. Das zeigen Studien, die 100 Jahre zurückreichen.
Eine gute Hilfe, um zu sehen, ob die Börse reizvoll ist, um zu investieren, ist das Shiller-KGV. Dieses ermittelt die Gewinne auf Sicht von zehn Jahren, um Spitzen nach oben und unten zu eliminieren, sprich es verwässert die Auswirkungen von Wirtschaftskrisen und extremen Boomphasen.
Wir wissen darüber hinaus, als Faustformel sozusagen: Grundsätzlich weist eine Aktie mit einem KGV von 100 geringere Kurschancen auf als eine Aktie mit einem KGV von 13 (Ausnahmen gibt es natürlich). Grundsätzlich lohnt es sich immer jene Aktien zu meiden, von denen jeder begeistert ist. Wenn der Friseur und Taxifahrer von einer Aktie schwärmen, ist Vorsicht angebracht.
Vorsichtig sollten Sie vor zu hohen Erwartungen an Ihr Depot sein. Die zu erwartende Rendite mit Aktien in Höhe von sieben bis zehn Prozent jährlich ist natürlich ein Durchschnittswert. In einem Jahr können die Kurse um 30 Prozent zulegen, im nächsten eine Pause einlegen. Ein „verlorenes Jahrzehnt“ kann Sie zudem heimsuchen.
Wegen dieser Unberechenbarkeit und Volatilität gibt es an der Börse eben mehr Rendite. Das ist das Schmerzensgeld für das Auf und Ab. Kurzfristige Kursprognosen können Sie wegen der Unberechenbarkeit getrost in den Papiereimer werfen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Die Börsenentwicklung lässt sich nicht exakt vorhersehen

  1. finanziell umdenken

    Hi Tim,
    ich denke, es wird von vielen Finanzinstituten einfach eine Prognose für das kommende Jahr erwartet. Das verlangt die „Öffentlichkeit“ quasi, wer nicht dabei ist, wird entweder nicht wahrgenommen oder „traut sich nicht“.

    Es macht als interessierter Börsenteilnehmer durchaus Sinn ein Bündel von Prognosen zu sammeln und dann einen Mittelwert bilden, z.B. beim DAX. Es gibt Untersuchungen, dass dieser Mittelwert mit recht hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintrifft. Also, wenn die Mehrheit einen moderaten Anstieg erwartet, dann gibt es mit höherer Wahrscheinlichkeit einen starken Bärenmarkt oder die Kurse fallen.

    VG
    Lars

  2. Reinhard

    Hi,
    der Mensch will das wohl einfach haben mit den Prognosen, deshalb geht er zu wahrsagern, Astrologen, Sekten…. Keiner würde ernsthaft glauben, das Wetter zum 31.12.2013 vorhersagen zu können, ja noch nicht mal für den 31.12.2012. Obwohl das rein physikalische Zusammenhänge sind, in die keine menschliche Psyche hineinspielt, sind die Einflüsse so unüberschaubar und verwickelt, dass derartige Prognosen einfach nur unseriös sind.
    Die Entwicklung der Börse vorhersehen zu wollen, ist ebenso unseriös. Kann jemand sagen, wann Isarael gegen den Iran vorgeht, ob der Arabische Frühling explodiert usw. usw.Selbst, wenn keine katastrophalen Großereignisse passieren wie 9/11, sind solche Porgnosen Kaffeesatzleserei. Würden diejenigen daran glauben, die sie in die Welt setzen, könnten sie ihre Geschäftstätigkeit einstellen, auf ihre Prognose wetten und unendliche reich werden. Dass sie das nicht tun zeigt, dass sie lediglich den Finger in den Wind halten, mehr nicht.

  3. Markus

    Mit irgendetwas müssen die Zeitungen und Zeitschriften ja gefüllt werden. 😉
    Die vergangenen 100 Jahre auf die nächsten einfach so zu übertragen… Allerdings ist es das einzige, an dem wir uns orientieren können.
    Persönlich habe ich noch einige Bedenken, dass das globale Finanzsystem auf einen Reset einfach zusteuern muss. Die ganzen Crashpropheten haben alle viele Eigeninteressen und die Seriösität ist oft sehr zweifelhaft. Allein der Gedanke, dass ein exponentielles Wachstum bei Zinsen in einer begrenzten Welt irgendwann an seine Grenzen kommen muss, bewegt mich stark. In der Natur ergibt sowas Krebs oder ein mit Algen verseuchten See. Deflation, Inflation, Währungsreform, Kriege… Die Informationsüberflutung macht es nicht einfacher seriöse Informationen von unseriösen zu unterscheiden. Wieso hat Einstein den Zinseszins das 8te Weltwunder genannt?…

  4. Peter

    Es kommt darauf – ungefähr richtig zu liegen.
    Das ist schwierger als richtig oder falsch zu liegen.
    Das ist auch der Unterschied zwischen einem Investment und einer Wette.
    Ungefähr richtig liegen bedeutet:
    Zeitmasstab vieleicht die nächsten 7 Jahre.
    Über einen langen Zeitraum immer
    wieder das gleiche zu tun.

  5. Martin

    Als ich das mit dem Regen gelesen habe, war ich mir nicht einmal sicher, ob die Leute den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität kennen.

    Mir zum Beispiel ist es relativ egal wie die Börse sich absolut entwickelt. Es kommt auf die relative Performance zu anderen Assetklassen an, worunter auch Bargeld fällt. Was brächte mir ein höherer Dax, wenn die reale Rendite dennoch negativ wäre?

  6. Michael C. Kissig

    Die Aktienkurse werden steigen. Oder fallen. Oder Beides. Man muss darauf vorbeirettet sein und ei Aktien kaufen, die steigen und die verkaufen, die fallen. Mehr steckt nicht dahinter.

    😉

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