Deutschlands Privatvermögen: Ein krasses Ungleichgewicht


New York, 20. August 2013

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Unsere Bundesregierung klopft sich im Wahlkampf selbst auf die Schulter. Wie stark Deutschland ist, lobt sich Kanzlerin Angela Merkel. Ja, wir haben 41,5 Millionen Erwerbstätige, so viele wie nie zuvor. Super. Toll. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Oh ja. Wunderbar.
Nur gehen Sie mal den Wunderzahlen auf den Grund. Wie viele Beschäftigte kriegen einen Hungerlohn? Wie viele Arbeitnehmer schaffen es, mit Ach und Krach jeden Monat über die Runden zu kommen? Wie viele künftige Ruheständler stehen vor der Altersarmut, weil die gesetzliche Rente nicht mehr den Bedarf deckt? All das sind gravierende Probleme.
Gerne kritisieren die Deutschen die USA für ihren unfairen Kapitalismus. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten leben 425 Milliardäre. Nirgendwo sonst gibt es mehr Superreiche. Aber in Deutschland gibt es genug. In Deutschland geht die Schere zwischen Arm und Reich genauso auseinander wie in den USA.
Ich finde, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. So hat die Bundesbank ermittelt: Zehn Prozent der Haushalte besitzt 58 Prozent des gesamten deutschen Privatvermögens. Hoppla! Das scheint nicht gerade fair zu sein. Es ist ein Versagen der Politik.
Ich bin ja kein Kommunist.
Aber hier zeichnet sich ein Problem ab.
Passen Sie auf, wenn jemand mit Durchschnittswerten alles wegdiskutiert. Mit Durchschnitten kommt niemand weiter. Das verfälscht die Realität. Wenn Sie das Vermögen der Superreichen reinrechnen, sind natürlich alle Deutschen reich – ein Schein, der trügt. Dann hat jeder Haushalt ein Vermögen von 195.000 Euro.
Der Median zeigt allerdings nur ein Vermögen von 51.000 Euro je Haushalt an, eben weil die Ausreißer wegfallen. Das ist eher ein Abbild der Realität. Mit 51.000 Euro je Haushalt kommen Sie nicht weit.
Sieben Prozent haben ein negatives Vermögen, sprich mehr Schulden als Vermögen. Wie sollen die jemals ihre Rente genießen können? Das bedeutet wohl: Arbeiten bis zum Tod. Oder bettelarm leben.
Sie können in den Medien schauen, wo Sie wollen, überall finden Sie das gleiche Problem in Deutschland: Wenige Superreiche. Viele Arme. Eine schrumpfende Mittelschicht.
Eine Studie des DIW kam zu dem Schluss: Ein Prozent der Deutschen besitzt ein Viertel des Gesamtvermögens.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Deutschlands Privatvermögen: Ein krasses Ungleichgewicht

  1. Martin

    Was siehst du als mögliche Lösungsansätze?
    Ich würde die Erbschaftssteuer gerne höher haben und die Lücken wie Cash GmbHs besser schließen. Von der Finanztransaktionssteuer und drastisch höherer Kapitalertragssteuer halte ich dagegen nicht allzu viel, außer es würde eine Art 401k geben.
    Zudem sind das in den Studien auch nur Brutto Werte. Da geht auch die Verschuldung der öffentlichen Haushalte runter. Die Beamtenpensionen sind auch noch nicht in der Bilanz erfasst etc.

  2. tim schaefertim schaefer

    @ Martin
    Höhere Steuern für Superreiche. Wer extrem verdient, kann mehr EK-Steuer, Steuern auf Dividenden, Zinsen etc. zahlen.

    Das Steuergesetz extrem vereinfachen. Da blickt doch kein Mensch mehr durch. Fast alle Ausnahmen abschaffen. Warum müssen Hoteliers weniger Mehrwertsteuer zahlen? Jede Ausnahme schafft das Problem der Korruption bzw. Vorteilnahme.

  3. Markus

    Kirchhoff hatte damals mit der „25 % für alle Reform“ eigentlich was interessantes geplant.
    Leider wurde er abgesägt…

  4. Turing

    Das Problem sehe ich darin, dass man bei der Einkommensssteuer Durchschnittsverdiener bereits mit dem Spitzensteuersatz belastet. Den Empfängern mittlerer Einkommen schnürt man so die Luft ab.

    Ich habe kein Problem mit Reichen, ich habe auch kein mit Problem mit der vielzitierten Schere. Das Problem sehe ich darin, dass man Normalverdiener Handschellen bei ihren Investments anlegt und anders herum sie zwingt Systeme aufzurechthalten, die nicht vernünftig konstruiert sind, z. B. die staatliche Rentenversicherung. Von meinem Bruttogehalt kommen nur ca. 60 % bei mir an. Und diese Zahl finde ich einfach erschreckend. Früher wurde wegen des Zehnten Radau gemacht und der König geköpft, heute lässt man sich 40 % abknöpfen und hält dies für eine gute Sache. Es gibt ja auch noch zahlreiche Verbrauchssteuern, sodass es weit mehr als 40 % sind. Die Grünen finden das sogar so toll, dass sie noch mehr geschröpft werden wollen.

  5. Turing

    @Tim

    “ Das Steuergesetz extrem vereinfachen. Da blickt doch kein Mensch mehr durch. Fast alle Ausnahmen abschaffen. Warum müssen Hoteliers weniger Mehrwertsteuer zahlen? Jede Ausnahme schafft das Problem der Korruption bzw. Vorteilnahme.“

    Das mit den Hoteliers ist aber ein totgerittenes Pferd. Ich denke, es gibt so viel Quatsch bei der Umsatzsteuer, dass die Hoteliers den Kohl nicht fett machen. Wie es aber ausschaut, war die Senkung der Umsatzsteuer an diesem Punkte sogar vernünftig, denn dem Gastgewerbe geht es heute besser, gerade in grenznahen. In Österreich und in der Schweiz zahlt man auch nur den ermäßigten Satz.

    Die Senkung der Umsatzsteuer für Hoteliers waren übrigens keine Erfindung der FDP. Es war das Herzensanliegen der CSU und alle Parteien des Bundestages hatten dieses Anliegen in ihren Bundestagsprogrammen zu stehen. Dass man hinterher davon nichts wissen wollte, weil man Angst hatte, genauso angka__t zu werden wie die FDP, zeugt nicht gerade von Aufrichtigkeit.

  6. Matthias

    @Tim

    Es müssen nicht Hotelies weniger Umsatzsteuer zahlen, sonder deren Gäste.

    Umsatzsteuer ist eine reine Endverbrauchersteuer, für Gewerbetreibende nur ein durchlaufender Posten.

    Alles andere wurde nur durch die Medien so dargestellt, damit die Massen sich ordentlich aufregen können.

    Wäre es anders, könnte man die Umsatzsteuer von Lebensmittel auch gleich auf 19% anheben, weil der reduzierte Satz ja doch nur Aldi und Co. begünstigt. Tatsächlich werden dadurch aber Lebensmittelpreise im Vergleich zu anderen Gütern etwas günstiger gehalten, was ich durchaus richtig finde.

    Das heißt nicht, dass ich den günstigere Satz für Hotelübernachtungen richtig finde, aber man muss schon die Wahrheit sagen, dass eben der Urlauber dadurch günstiger gestellt wird.

    Ansonsten zu den höheren Steuern. Es wird dann genau die treffen, die eh schon immer weniger haben, nämlich die Mittelschicht. Hat die SPD ja jetzt vor mit der Erhöhung der Kapitalertragsteuer und Einkommensteuer für Besserverdienende. Es werden sich noch Leute wundern, wer dann plötzlich alles zu den Besserverdienenden gehört. Ich halte das für einen falschen Weg. Der Staat kann nicht alleine für den Ausgleich sorgen, wirklich Reiche können sich immer absetzen. Vielleicht ist eher ein gesellschaftliches Umdenken erforderlich. Den 1:12 Gedanken in der Schweiz halte ich gar nicht für so falsch.

  7. Martin

    Wenn man die Steuern für Superreiche erhöht, muss man auch die Absetzungsmöglichkeiten besser überprüfen. Letztendlich wird ja alles von der Steuer wieder abgezogen.
    Auto? –> Firmenwagen
    Urlaub? –> Geschäftsreise
    Essen gehen? –> Geschäftsessen
    Villa? –> repräsentatives Firmenanswesen
    Flugzeug? –> Firmenflugzeug
    Den Aufbau von steuerfreien, stillen Reserven kann man auch nicht verhindern.
    Einkommensteuersatz geht dann sowieso in die falsche Richtung, da ich bei den Superreichen hohe Kapitalerträge in Relation zum Arbeitseinkommen vermute. Die Miete wird zumindest mit der Einkommensteuer besteuert, aber das trifft auch nur die Kleinen, da die Superreichen Immobilien in Kapitalgesellschaften einbringen.

  8. PenPistolero

    @Matthias

    Das ist leider so nicht ganz korrekt. Wer die Steuer zahlt entscheidet letztendlich die Preiselastizität.

    Da bei Lebensmitteln eine sehr geringe Elastizität – unelastisch oder vollkommen unelastisch – gegeben ist (wir können mal nicht so einfach auf Brot z.B. verzichten), zahlen Vebraucher den größten Teil einer Steuer letztendlich. Rein technisch führt natürlich der Händler die Steuer ab – nur in diesem Fall leidet darunter nicht seine Marge, sondern gibt die Steuer an den Verbraucher weiter.

    Bei Luxusgütern z.B. ist dies oft andersrum.

  9. Matthias

    @ PenPistolero

    Kurzfristig hast du nicht ganz unrecht, langfristig wird es in funktionierenden Märkten aber immer der Endverbraucher zahlen. Wer die Steuer Abführt ist dabei unerheblich.

  10. Markus

    selbst wenn viele Gastronomen und Hoteliers von den 7 % profitiert haben… letztendlich ist das Geschäftsfeld von den Gastronomen durch extrem viele Arbeitsstunden und auch starker Konkurrenz geprägt.
    Ob diese Branche die Vergünstigungen weitergibt oder langfristig damit den Service oder die Dienstleistung optimiert, ist deren Entscheidung.

    Viel krasser als diese Branche sind die Großkonzerne, die nach Abzug von Subventionen, Cayman-Inseln und vielen weiteren Schlupflöchern fast gar keine Steuern im Gegensatz zum Mittelstand zahlen.

    Der Mittelstand ist das Rückrat der deutschen Wirtschaft!

  11. tim schaefertim schaefer

    @Turing
    @Matthias

    Das mit den Hoteliers und der Mehrwertsteuer war von mir nur beispielhaft genannt. Ich finde, steuerliche Ausnahmen sind grundsätzlich problematisch, weil so eine Gruppe bevorzugt wird gegenüber anderen.

    Die gleiche Gefahr besteht bei Subventionen gleich welcher Art. Hier muss ein Staat verdammt aufpassen, wen was wie gefördert wird. Schließlich handelt es sich um das Geld der Bürger.

    Mir ging es in dem Blog eher darum, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird in Deutschland. Unsere Bundesregierung erzählt uns das Märchen, es gehe uns allen so wunderschön gut.

    Dem Deutschen Michel geht es eben nicht so toll. Warum gehen Praktiker, Max Bahr, Karstadt, Schlecker, Quelle usw. den Bach hinunter? Warum haben Einzelhändler wie Metro ganz schön zu kämpfen? Weil eben das Geld nicht mehr so locker sitzt. Es kriselt.

  12. Turing

    In der Gastronomie wird aber der reguläre Umsatzsteuersatz bezahlt. Leider, denn ein Essen in einem Restaurant wird dadurch unnötig teurer gemacht.

    Und bei Hotels ist ja auch die Auslastung wichtig, um profitabel zu arbeiten, nicht nur die Marge bei einer Einzelübernachtung. Wenn sich die Auslastung um zwei Prozentpunkte erhöht, dann können das die entscheidenden Prozentpunkte sein, denn der Gewinn steigt ja stärker als linear zur Auslastung.

    Ich bin seit langem für eine einheitliche Umsatzsteuer. Die FDP übrigens auch; die Sache mit den Hoteliers war ist aus FDP-Sicht auch nur eine zweitbeste Lösung. Das Problem der Umsatzsteuer ist nicht nur die Höhe, sondern die einhergehende Rechtsunsicherheit, denn bei der Umsatzsteuer wird zwischen Kräutern und Kräuternmischungen unterschieden. Dies sehe ich als das krasseste Beispiel für die schlechte Konstruktion der Umsatzsteuer.

  13. Robert Michel

    Ich halte das Bild von der Schere für gefährlich. Es lenkt von den eigentlichen Missständen ab und legt Scheinlösungen nahe, die schlimmer sind als die ursprünglichen Probleme. Ist der Reichtum an sich ein Problem? Sicherlich nicht, auch von dem Reichtum weniger profitiert die ganze Gesellschaft. Weil es Reiche gibt, verfügt die Wirtschaft über den Kapitalstock, der den hohen Massenwohlstand ermöglicht. Darüber hinaus sind Reiche oft die Triebfeder für Innovation, Kunst und Wohltätigkeit.

    Auch wird das fehlende Vermögen der Mittelschicht nicht nur deswegen ein Problem, weil es auch deutlich Vermögendere gibt. Vielmehr ist es ganz unabhängig davon ein Problem. Schließlich darf man nicht vergessen, dass Vermögen die bewusste Entscheidung voraussetzt ein Vermögen aufzubauen. Da die Mehrheit diese Entscheidung nicht getroffen hat, kann man es auch nur schwer als Ungerechtigkeit ansehen, wenn diese Mehrheit über kein Vermögen verfügt. Das eigentliche Problem ist doch, dass die Rahmenbedingungen ein Vermögen aufzubauen so unattraktiv sind, dass es viele gleich sein lassen.

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