Deutsche Bank verkaufte Kunden „Dreck“ und „Schweine“-Papiere


New York, 16. April 2011

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Jetzt hat Senator Carl Levin, der Chef des Ausschusses zur Aufarbeitung der Finanzkrise, seinen Bericht vorgelegt. Das Werk (PDF) umfasst 639 Seiten, hat die Größe eines alten Quelle-Katalogs. Hauptsächlich geht der Politiker den Geschäften von Goldman Sachs und Deutscher Bank auf den Grund. Nach dem Platzen des Immobilienballons machte sich der Senator als harscher Kritiker der Banken einen Ruf.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, als der Politiker führende Banker von Goldman Sachs im Senatsausschuss vor laufenden Kameras verhörte. Selbst Goldman-Chef Lloyd Blankfein erschien mit seinen Anwälten und gab kleinlaut Auskunft. Das war vor einem Jahr. Levin gefiel sich in seiner Rolle als Aufklärer. Er kanzelte die Goldmänner wie Schuljungen ab, belehrte sie und giftete. Er hatte sich Überblick über Akten, Emails, Produktpräsentationen, Briefe verschafft. Es war eine mühevolle Kleinarbeit, die er mit seinen Mitarbeitern auf sich nahm. Warum spielt Levin den Robin Hood, den „Rächer der Enterbten“? Nun, Sie müssen wissen, dass sein Bundesstaat Michigan heftig unter der Krise gelitten hat. Michigan ist kein reicher Staat. Detroit, die größte Stadt, beherbergt die gebeutelte Automobilindustrie. GM und Chrysler gingen durch den Kaufstreik der Konsumenten Pleite. Insofern ist der Ärger Levins gut zu verstehen. Dass der Senator beim Wahlvolk Stimmen sammeln kann, wenn er die Banken als „Übeltäter“ an den Pranger stellt, sollten Sie zudem beachten.
Wenn es sich um eine ausländische Adresse wie bei der Deutschen Bank handelt, kann sich der demokratische Politiker umso mehr profilieren. Mein aktuelles Foto (oben) entstand in Brooklyn, es zeigt das Financial District – die Wall Street, wo die Deutsche Bank beheimatet ist. In den USA betreibt der deutsche Branchenprimus nur das Investmentbanking und keinerlei Privatkundengeschäft.
Nun zur Rolle der Deutschen Bank. Es wurden in den USA zwischen den Jahren 2004 und 2008 insgesamt 1,4 Billionen Dollar an verbrieften Hypotheken, sogenannte CDOs, durch alle wichtigen Geldhäuser verkauft. Die Frankfurter drehten hierbei ein großes Rad. Allerdings ließ im Jahr 2007 allmählich das Interesse der Profi-Anleger an den Produkten nach, es mehrten sich damals die Anzeichen einer Krise. Ein früher Warner vor den Gefahren der CDOs war Greg Lippmann. Der Chef der CDO-Tradingeinheit warnte die Kollegen der Deutschen Bank eindringlich vor einer Überhitzung. Einige der Produkte bezeichnete Lippmann schon 2006 als „Dreck“ („crap“) und „Schweine“ („pigs“). Lippmann erkannte ein „Schneeballsystem“. Obwohl die obersten Chefs in Frankfurt dies nicht so sahen, erlaubten sie Lippmann 2006 eine Short-Position auf den Immobilienmarkt aufzubauen.
Durch den Verkauf der ganzen CDOs verdiente die Bank einen Sack voll Gebühren. Insofern leuchtete es ein, dass in Frankfurt niemand das hochrentable Geschäft einfach stoppen wollte. So durfte aber Lippmann immerhin eine fünf Milliarden Dollar schwere Short-Position aufbauen, die wiederum 200 Millionen Dollar an Gebühren in die Kasse spülte. Insgesamt brachte das Short-Geschäft einen Gewinn von 1,5 Milliarden Dollar ein. Es war der höchste Einzelgewinn seit Bestehen der Deutschen Bank, vermutet Lippmann. Durch den Zusammenbruch Tausender Hypotheken sozusagen. Gleichzeitig drehte die Deutsche das Rad mit dem „normalen“ CDOs weiter. Sie kauften die Papiere auch intern auf das eigene Buch. Unterm Strich verlor der DAX-Konzern daher Geld in diesem Immobilien-Wahn.
Nicht nur die Banken spielten bei diesem Mega-Geschäft mit. Ein Gehilfe waren die Rating-Agenturen, sie halfen durch die Vergabe erstklassiger Güte-Stempel („AAA“) bei dem Verkauf des Schrotts. Hinter diesem ganzen Geschäft verbargen sich letzten Endes Subprime-Hypotheken von Bürgern. Es waren bonitätsschwache Immobilienbesitzer. Durch die „AAA“-Noten glaubten aber Versicherungen, Pensionskassen, Unis und Banken, dass es sich um erstklassige Investmentprodukte handeln musste. Sie investierten in den „Dreck“ und die „Schweine“-Papiere in dem Glauben, erste Güte einzukaufen und eine schöne Rendite zu verdienen. Wenn Sie so wollen, gleicht das Geschäft einem Betrug. Intern glaubte der oberste CDO-Trader nicht an die Produkte, aber gleichzeitig verkaufte er den Dreck an die Kunden, ohne die Abnehmer über seine Sorgen aufzuklären.
Anhand von Beispielen schlüsselt der Senatsausschuss das schmutzige Geschäft der Frankfurter im Detail auf. Eines der Produkte hieß so schön „Gemstone 7“ – zu Deutsch „Edelstein 7“. Diesen verkaufte die Deutsche Bank an mehrere Kunden, heute ist der Edelstein wertlos. Einer der Abnehmer war die amerikanische M&T Bank. CDOs im Wert von Hunderten von Milliarden Dollar platzierte so die Deutsche Bank. Intern bezeichnete man sich stolz „CDO-Maschine“. Je platziertem CDO mussten die Kunden zwischen fünf und zehn Millionen Dollar an Gebühren für die Konstruktion bezahlen. Je mehr also konstruiert wurde, desto mehr Geld sprudelte für die Frankfurter. Weltweit rangierten die Deutschen an vierter Stelle nach Merrill Lynch, JPMorgan Chase und Citigroup. Michael Lamont und Michael Herzig führten das CDO-Kreierungs-Team mit 20 Mitarbeitern an. Den Verkaufstrupp steuerten Sean Whelan und Michael Jones. Allein der Vertrieb hatte 20 Beschäftigte. Davon waren sieben Vertriebler in den USA. Das CDO-Trading-Büro hatte 30 Mitarbeiter, angeführt von Lippmann.
In Emails schrieb Lippmann etwa: „Dieser Bond fliegt in die Luft“ oder „Die Hälfte ist Dreck, der Rest ist OK“. In einem anderen Schriftwechsel am 30. August 2006 bringt der Trader es so auf den Punkt: „Dieses Produkt kann ich vermutlich an ein paar CDO-Idioten shorten.“
Einem Kunden, der short ging, klopfte der Trader auf die Schulter: „Sie haben selbstständig einigen Dreck entdeckt, also haben Sie es herausgefunden.“ Als es immer schwieriger wurde CDOs zu verkaufen, da schnürten die Banker einfach andere Pakete zusammen und gaben dem Instrument neue Namen. Zurückblickend gibt Lippmann zu, das sei eine „schäbige Praxis“ gewesen (Seite 349 ganz oben in dem PDF).
Als im Februar jemand wissen wollte, wie denn das Geschäft der „CDO-Maschine“ laufe, antwortete Lippmann: „Es läuft langsamer, es ist aber noch nicht tot…“ Der Senats-Bericht ist eine schallende Ohrfeige für die Deutschen. Ich durchforstete das Dokument. Für Journalisten ist das eine Fundgrube sondergleichen. Allein die Zitate sind an Gemeinheit kaum zu überbieten.
Freilich steht die Deutsche Bank nicht allein im Kreuzfeuer der Kritik. Auch erhitzen sich die Gemüter über Goldman Sachs und andere. Es stellt sich grundsätzlich die Frage: Wie ethisch kann eine gewinngetriebene Investmentbank sein? Der Bericht mit all den Zitaten wirft ein unschönes Licht auf das interne Prozedere: Den Kunden offiziell ein gutes Geschäft anpreisen, obwohl intern führende Manager vor dem Kollaps warnen. Geht so Banking?
Ich gebe zu, dass dieser Artikel hämisch klingen mag. Es wäre schlicht unfair die Deutsche Bank und Goldman Sach zum Sündenbock für unethisches Verhalten zu machen. Bei Berkshire Hathaway tradete vor ein paar Wochen David Sokol Aktien einer Firma im Millionenwert, kurz bevor Warren Buffett ein Übernahmeangebot vorlegte. Selbst der ehrwürdige Investor Buffett hat in seiner Beteiligungsfirma ein sehr fragwürdiges Verhalten. Microsoft, Google, AIG, AT&T, IBM – all diese Riesen verhielten sich nicht immer fair im Wettbewerb. Und viele andere auch. Lippmann hat übrigens bei der Deutschen Bank aufgehört. Er steuert jetzt einen Hedgefonds. Bleibt zu hoffen, dass er zum Wohl seiner Kunden handelt.
Hier ist ein Ausschnitt einer Anhörung des Senatsausschusses. Ins Verhör nimmt Senator Carl Levin Goldman-Mitarbeiter, die „Scheiß-Deals“ (O-Ton Goldman) den Kunden angedreht haben. Die Anhörung fand vor einem Jahr in Washington statt:


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Deutsche Bank verkaufte Kunden „Dreck“ und „Schweine“-Papiere

  1. Matthäus Piksa

    Hi Tim,

    schön, es hat zwar ein paar Minuten gedauert, aber letztlich ist es mir doch gelungen, diesen Post mit dem Senatsbericht zu finden.

    Der Grund: Die US-Ermittler und Schnüffler haben wieder zugeschlagen. Mit dem Unterschied, dass dieses Mal nicht der Finanzsektor im Fokus der Ermittlungen stand, sondern der internationale Radsport bzw. dessen Protagonisten rund um den „legendären“ Lance Armstrong.

    1000 Seiten umfasst der Ermittlungsbericht der US-Antidopingagentur USADA. Hier ein Teil des Berichts.

    Mir zeigt der Fall, dass den Amerikanern in Sachen Ermittlung/en niemand etwas vormacht. Welche Konsequenzen die Akten für die Beteiligten haben wird, kann ich nicht genau sagen. Anscheinend soll Lance Armstrong all seine 7 Tour-de-France-Titel abgeben müssen.

    Wie in den NSU-Fällen wurde auch hier jahrelang vertuscht und getrickst.

    Gruß Matthäus

  2. Matthäus Piksa

    Lance Armstrong wollte eigentlich ja wieder als Triathlet aktiv werden. Der Doping-Skandal, der nicht wirklich überrascht, weil der Radsport schon seit Langem mit der Doping-Seuche kämpft, hat seine Ambitionen aber jäh zunichte gemacht.

    Ich erzähle es deshalb, weil Armstrong ursprünglich auch an der Ironman-Hawaii-WM teilnehmen wollte. Am Sonntag war es wieder so weit.

    Die WM wurde so stark von unseren deutschen Landsleuten dominiert, Andreas Raelert (2. Platz), Sebastian Kienle (4. Platz), Faris Al-Sultan (5.Platz) und Timo Bracht (6.Platz), dass die Financial Times ihren Artikel gar Deutsche dominieren Ironman auf Hawaii betitelte.

    Gruß Matthäus

  3. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus
    Danke für das Update. Wie gut die Deutschen sind. Das ist erstaunlich. Mich wundert das. Normalerweise sind doch die Amis überall führend.

    Hoffentlich rückt in die Wirtschaft und in den Sport mehr Fair Play. Täuschen, Tricksen, Tarnen bringt doch nichts. Es kommt alles raus.

  4. Matthäus Piksa

    Den Ironman Hawaii haben jetzt sechs Mal in Folge die Australier gewonnen. Der letzte Nicht-Australier, der den Ironman Hawaii gewann, war Norman Stadler im Jahr 2006. (Im Januar traf ich ihn in Israel nach dem Race Briefing des dortigen Ironman-Wettbewerbs.)

    Es ist schon ein wenig verwunderlich, dass die Amerikaner ihren eigenen Ironman-Wettbewerb schon so lange nicht mehr gewonnen haben. (Bei den Olympischen Spielen haben sie dafür nicht nur die meisten Medaillen abgeräumt, sondern auch die meisten Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Das nenne ich Dominanz. Scheint so, als wäre der Sieg der Chinesen von vor 4 Jahren dem Heimvorteil geschuldet und nur ein kurzes Strohfeuer.)

    Man kann eben nicht überall gleichzeitig Spitze sein. Immerhin können sie sich beim Triathlon damit rühmen, den Ironman erfunden zu haben. Auf Hawaii. Deshalb wird ja auch dort die WM ausgetragen. 40.000 Triathleten träumen davon, die ca. 1.500 Qualifikationsplätze mit einer starken Leistung zu schaffen.

    Bei mir ist der Abstand zu der Spitze zu groß, aber angenommen bei jemandem steht es Spitz auf Knopf und er hat die Möglichkeit seine Leistung und Tagesform durch Doping um die entscheidenden Prozentpunkte zu steigern und so die Qualifikation zu meistern, dann kann ich es schon ein wenig nachvollziehen, dass in so einer Situation nachgeholfen wird.

    Obwohl, wenn ich genau darüber nachdenke, kann ich es nur bei den Profis nachvollziehen, da die damit ihr Geld verdienen und die Age Grouper ja nur um der Ehre und des Prestige willen antreten.

    Letzten Endes ist es aber mehr als albern, ich persönlich habe nie gedopt. Das gesundheitliche Risiko ist, finde ich, einfach zu hoch.

    Daher ist es summa summarum lobenswert, dass die amerikanische Anti-Doping-Agentur keine Angst vor großen Namen hat und im vorliegenden Fall ihren eigenen Landsmann Armstrong entlarvte.

    Beim Doping stellt sich ganz allgemein die Frage, ob es nicht auch den Betrugsstraftatbestand erfüllt. Dies wird zwar diskutiert, ist aber noch nicht der Fall. Ich denke, dass es gar nicht so leicht ist, diese Frage zu bejahen, da jeder weiß, dass letzten Endes nur wegen der Leistungsdichte gedopt wird und die Politiker sich gerne mit den erfolgreichen Sportlern rühmen. Sport und Politik feiern sich gern gegenseitig.
    Insofern mutet es ein wenig hart an, wenn die gleichen Sportler, nachdem sie aufgeflogen sind, im schlimmsten Fall in's Gefängnis müssten. Hinzu kommt, dass die Doping-Kontrollen weltweit (WADA) gleich sein müssten, sonst wäre es auch wieder unfair. Die Situation ist aus Wettbewerbssicht vergleichbar mit der Diskussion rund um die Finanztransaktionssteuer: Solange sie nicht überall erhoben wird, solange haben einige Länder und deren Player einen Wettbewerbsvorsprung.

    Ich kenne zwei Spezialisten im Sport-Journalismus, bzw. deren Bloggs, die den Armstrong-Fall nun zum Anlass nehmen werden, um (Reform-)Druck ggü den deutschen Institutionen (NADA, DOSB, BMI) aufzubauen.

    Gruß Matthäus

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