Deutsche Bank: Die Behörden haben Tomaten auf den Augen


New York, 5. November 2011

Die Deutsche Bank hat ihre Bilanz mit dem Faktor 1 zu 40 gehebelt. Die Eigenkapitalquote beträgt lumpige 2,5 Prozent. Basis ist der Abschluss 2010. Keine der großen amerikanischen Banken haben derart lausige Bilanzen. Die amerikanischen Aufsichtsbehörden haben zum Glück die richtigen Schlüsse aus dem Finanzdesaster gezogen. US-Banken dürfen nicht mehr zocken, wie sie wollen: Sie brauchen ein kräftiges Polster (Eigenkapital) in der Bilanz. Sogar Mini-Dividenden muss die Aufsicht genehmigen. Der Bank of America wurden Ausschüttungen an die Aktionäre schon mehrfach strikt untersagt, die Behörden möchten zuerst die Bilanz stärker sehen. An diesem Donnerstag musste Bank-of-America-Chef Brian Moynihan eine neue Kapitalerhöhung melden, obwohl er gar keine mehr stemmen wollte und schon zig Mal seit dem Platzen der Immobilienblase neue Aktien emittiert hatte. Moynihan wollte nicht, musste aber dann doch dem Druck nachgeben.
Derart strenge Vorgaben haben die Europäer leider nicht gemacht. Sie ließen den Playern weitgehend freie Hand. Ein gravierender Fehler! Grandioser kann Berlin eigentlich nicht versagen. Anstatt starke Festungen zu bauen, haben wir nun angeschlagene Banken, die keine neue Abschreibungen mehr überstehen können, weil die Bilanzen schon jetzt am Ende sind. Der Kursverfall der Commerzbank ist schon dramatisch.
Versagt haben natürlich in erster Linie die Führungskräfte. Warum hat Josef Ackermann alles aufs Spiel gesetzt? Warum hat er die Konzern-Bilanz nicht aufgepolstert? Nun hat er das über 100 Jahre alte Institut in eine seiner schlimmsten Krisen gestürzt. Auch ist das Image angeschlagen. Was ich ziemlich heftig finde: Im laufenden Jahr haben Insider der Deutschen Bank nicht nur munter ihre Millionengehälter kassiert, so als ob es keine Probleme gäbe, sie haben zusätzlich Aktien im Wert von über sieben Millionen Euro verkauft. Es scheint, als ob sich alles nur um ihr eigenes Portemonnaie dreht. Kein einziger Insider hat dieses Jahr Aktien der Bank erworben – wenn Sie einmal von den 200 Stück der Betriebsratsvorsitzenden Martina Klee absehen.
Wer hat außerdem versagt? Die EZB, die Bafin, die Regierung… Wie können die Behörden es zulassen, dass ein so wichtiger Marktteilnehmer alles aufs Spiel setzt? Eine Konzerneigenkapitalquote von 2,5 Prozent nach der schwersten Krise seit der Großen Depression? Das ist ein Witz! Das ist meiner Meinung nach verantwortungslos. Sorry, es kann nicht nur um Rendite gehen. In den USA reicht die EK-Quote an die zehn Prozent bei den großen Häusern heran. Die US-Rivalen sitzen also auf einem x-fach besseren Substanz-Polster im Vergleich zur Deutschen Bank. Angela Merkel und Co. haben scheinbar Tomaten auf den Augen.
Ich rechne jetzt mit knallharten Auflagen. Erste Signale in diese Richtung sendete der G-20-Gipfel. Wir müssen die Banken stärken. Koste es, was es wolle. Wir brauchen keine Neuauflage von Lehman Brothers und andere Insolvenzfälle. In den USA mussten die Bank-Aktionäre heftig leiden. Ihre Anteile wurden massiv verwässert. Klar waren die Kapitalerhöhungen extrem schmerzhaft, aber das musste sein. Wir müssen das System stabilisieren. Sonst bleibt die Angst unter den Anlegern, sonst gelingt der Turnaround nicht.
Was die Deutsche Bank angeht, so rechne ich jetzt mit einer Kapitalerhöhung. Die Ausgabe von 90 Millionen neuen Aktien kann drei Milliarden Euro (je nach Kurs) in die Kasse spülen. Außerdem muss sich die Bank wohl von ihrer Fonds-Tochter DWS trennen. Zumindest gibt es Spekulationen. Anlagegelder im Volumen von 177 Milliarden Euro verwaltet die Fondsgesellschaft. Bei einem möglichen Verkaufserlös von 1,6 Prozent auf die Assets ist ein Erlös von knapp drei Milliarden Euro für DWS drin. Zudem dürfte die Dividende wegfallen, in zwei Jahren spart das Institut so 1,4 Milliarden Euro.
Wenn das alles nicht ausreicht, muss sich Vater Staat an dem Wackelkandidaten mit 25 Prozent beteiligen. Ähnlich wie bei der Commerzbank. Es kann nicht angehen, dass Leute wie Ackermann lieber mit wehenden Fahnen untergehen wollen, anstatt den Staat ins Boot zu holen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Deutsche Bank: Die Behörden haben Tomaten auf den Augen

  1. Matthäus Piksa

    „Wir müssen das System stabilisieren. Sonst bleibt die Angst unter den Anlegern, sonst gelingt der Turnaround nicht.“

    Frage: Von welchen Szenarien gehen Sie aus, wenn sie das schreiben. Haben Sie irgendwas bestimmtes im Hinterkopf? – Bislang wurden schon Milliarden in's System gesteckt, mit dem Erfolg, dass Lehman ein Einzelfall blieb, ob Griechenland aus dem € ausscheiden wird oder doch nicht, kann ich auch nicht beantworten. Wenn man aber den enormen Energieaufwand betrachtet, mit dem die Medien das kleine Land wieder und wieder in den alltäglichen Vordergrund stellen, dann kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass das Wohl und Wehe Europa's und des globalen Finanzsystems von der künftigen Entwicklung Griechenlands abhängt. Ist dem aus ihrer Sicht (auch) so?
    Übrigens: Eine nennenswerte Inflation gibt es zumindest in D immer noch nicht, bislang macht die EZB die Preisstabilität betreffend also einen guten Job, bislang wohlgemerkt.

    Ackermann ist jenseits der 60. Wir alle haben das in Erinnerung, weil er seinen Geburtstag ja im Bundeskanzleramt feierte (das war eine Demonstration der Macht, denn nicht Notärzte, die Leben gerettet haben wurden eingeladen, sondern der Chef der Deutschen Bank!). – Er steht kurz vor der Pension und hat sein Vermögen mit Sicherheit breit gestreut: Gold, Aktien, Optionen, Immobilien.
    Mit anderen Worten: Ackermann hat sein Leben lang daran gearbeitet, reich und mächtig zu werden. Das hat er geschafft, egal aus welchen Verhältnissen, die mir nicht bekannt sind, er kommt.
    Was ich damit sagen will: Ackermann steht für die Vergangenheit und wird keine Reparaturen an der globalen Finanzarchitektur vornehmen. Das behaupte ich jetzt zumindest Mal und fühle mich nach mehrjähriger Lektüre der wichtigsten überregionalen Zeitungen und insb. den realen Geschehnissen bestätigt.

    Die spannendste Frage ist natürlich die, wie es denn jetzt weitergeht…

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus,

    nun so viele Staaten rund um den Globus sind bis zur Halskrause verschuldet, da kann jederzeit eine neue Pleite drohen – nach dem Desaster in Athen.

    Ein paar Beispiele, wo die Schulden im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bedrohlich hoch sind:

    Italien (119 %)
    Portugal (83 %)
    Japan (192 %)
    USA (92 %)
    Griechenland (140 %)…

    VG

  3. tim schaefertim schaefer

    In einer Ausarbeitung weist die norwegische Zentralbank nach: Höhere Eigenkapitalausstattungen der Banken müssen gar nicht mal zum Schaden der Aktionäre sein.

    Ich begreife ohnehin nicht die Aktionäre. Als Anteilseigner würde ich dafür sorgen, dass ein Vorstand, der einen Monster-Schaden anrichtet, rausfliegt. Ich würde auch keine Millionenabfindung und Millionengehälter denen nachwerfen.

  4. Welju Grouv

    „Keine der großen amerikanischen Banken haben derart lausige Bilanzen.“

    Kontinentaleuropäische und amerikanische Banken verwenden sehr verschiedene Bilanzierungsstandards. Nicht nur bei der BIZ ist zu erfahren, dass
    „Bank leverage is significantly lower under US GAAP than under IFRS due to the netting of OTC derivatives allowed under the former. Given that banks may hold offsetting contracts, US GAAP allows banks to report their net exposures while IFRS does not allow netting. As a result, the size of a bank‘s total assets can vary significantly based on the treatment of this one accounting item.“ (www.bis.org/speeches/sp101125a.pdf)

    An einer Angleichung der beiden Bilanzierungsregeln wird seitens FASB und IASB seit Januar gearbeitet und zwar in Richtung IFRS, was amerikanische Banken zumindest zu verzögern suchen.
    Einige US-Investmentbanken müssten unter IFRS vermutlich mehr als doppelt so hohe Bilanzsummen ausweisen. Hinzu kommen Unterschiede bei risikogewichteten Anlagen.

  5. tim schaefertim schaefer

    @ Welju Grouv herzlichen Dank für Ihre Anmerkung.

    Nun, Ihren Einwand muss ich mal prüfen. Ich habe die Vergleichsdaten alle von http://www.edgar-online.com/ herangezogen.

    Wenn Sie sich Aussagen des IMF, von Basel-Mitgliedern oder von der US-Regierung anschauen, so stellen die alle unisono fest, dass europäische Banken zu wenig Substanz in den Bilanzen haben. Diese Experten wissen doch, wovon sie sprechen.

    Woran liegt das? Wir Europäer haben den Banken freie Hand gelassen. In Europa darf die Bank festlegen, wie hoch das Risiko eines bestimmten Kredits oder einer Anlage (Anleihe, Cash, Aktie…) ist. In den USA legt der Regulierer das Risiko fest. Das ist ein großer Unterschied. Die Herangehensweise ist eine völlig andere.

    Das erklärt, warum die Bilanzen in Europa so löcherig sind. Hier haben die Banken die Risiken unterschätzt, um eine möglichst hohe Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital erzielen zu können. Ziel war es, den eigenen Bonus so hoch wie möglich zu schrauben. Dafür kann man ja schon mal die Bank aufs Spiel setzen… Es ist also ein Fehler im System in Europa.

    Lesen Sie selbst von einer Expertin, die es wissen müsste: http://finance.fortune.cnn.com/2011/11/02/eurozone-crisis-banks-risk/

  6. Welju Grouv

    Auch ich würde nicht sagen, dass europäische Banken gut dastehen. Derzeit hängst selbst das Wohl einer DB oder einer BNP vor allem davon ab, inwieweit die Staaten solvente Schuldner bleiben und andere Großbanken, die eventuell in Schieflage geraten, irgendwie gerettet werden.
    Eine andere Aussage ist jedoch, dass „keine der großen amerikanischen Banken eine derart lausige Bilanz aufweist“. Vielleicht laut edgar-online.com, aber die Zahlen dort resultieren eben aus den bereits genannten Unterschieden. Hinzu kommt die Qualität der einzelnen Aktivposten.

    S&P – mit U.S. GAAP, IFRS und anderen Feinheiten offenbar bestens vertraut – stuft zum Beispiel BNP mit AA- ein und die Deutsche Bank ebenso wie Wells Fargo mit A+, dagegen JPMorgan Chase nur mit A und Goldman Sachs, Morgan Stanley, Citigroup und Bank of America gar mit A-.
    Auch die Credit-default swaps für Morgan Stanley und Bank of America lagen jüngst markant über denen der Deutschen.

    Und das mit der „freien Hand“ war gewiss kein exklusiv europäisches Problem. Wie die verschiedenen Anlagen (Cash, Aktien, Unternehmenskredite mit hohem, niedrigem oder ganz ohne Rating, Kredite an Banken mit hoher Bonität, Hypotheken, Staatsanleihen, CDOs usw.) heute risikomäßig zu gewichten sind, ist durch Basel II festgelegt und für europäische Banken verbindlich – ein Regelwerk, das in den Vereinigten Staaten „wegen der derzeitigen finanzwirtlichen Lage“ bis heute nicht vollständig umgesetzt wurde, weshalb vielleicht die dortigen Regulierer vor einigen Monaten bei Hypotheken verständlicherweise eine Neueinschätzung der Risikogewichtung (und des Abschreibungsbedarfs) erzwingen mussten.
    Noch löchrigere Bilanzen in Europa vermag ich diesbezüglich nicht zu erkennen.

    Sicher, das Leverage-Risiko wurde allzu lange überreizt, aber auch dies gilt nicht nur für die hiesigen Geldhäuser. Als Folge der Deregulierung sind Transaktions- und andere Kosten in den letzten beiden Dekaden deutlich gesunken, was einerseits ungesunde Kreditpraktiken und andererseits eine niedrigere Inflation und ein stärkeres Wirtschaftswachstum begünstigte. Eine Erhöhung solcher Kosten würde dies alles wieder umkehren.

    Wenn die EK-Quote nun deutlich erhöht wird, kommt es entweder dazu, dass sich die EK-Rendite deutlich verringert und sich für einen Teil der Banken das Geschäft nicht mehr lohnt (Investoren und Unternehmen fordern zu Recht eine gewisse Risikoprämie) – eine Folge hiervon wäre eine Kreditkontraktion – oder aber den Banken gelingt es, die höheren Kosten an ihre Kunden weiterzugeben, was sowohl die Konsumneigung der Verbraucher als auch die Wirtschaft direkt bremsen würde.

    Noch eine Bemerkung am Rande: Wenn Staatsanleihen mit hoher Bonität künftig (wie u. a. von der EBA gefordert) einer höheren Risikogewichtung unterliegen und stärker mit EK gedeckt werden müssen, würden – da die cost of equity im einiges höher sind als die cost of capital – Banken diese wohl kaum noch halten wollen. Eine Folge davon ist unter anderem das, was wir derzeit erleben: Steigende Zinsen für Staatsanleihen, es sein denn, die jeweilige Notenbank kauft, was wiederum nur bei wenig akuten Inflationsrisiken funktioniert.

  7. Welju Grouv

    Korrektur des letzten Satzes:
    Steigende Zinsen für Staatsanleihen, es sein denn, die jeweilige Notenbank kauft, was einen Zinsanstieg jedoch nur bei ausreichend viel Vertrauen und wenig akuten Inflationsrisiken verhindert.

  8. willihope

    also ob man mit so einem aktionismus die banken stärkt? die banken fahren die kredite runter und erhöhen dadurch ihre ek-quote, leidtragende an der sitaution ist die wirtschaft und damit die arbeitsplätze! in zukunft wird auch keine bank mit verstand jemals wieder eu-staatsanleihen kaufen und das hat man auch wider einer total unfähigen politik zu verdanken! die staatsschulden können nur noch über die ezb finaziert werden, das wiederum sorgt erst recht für ein ausufern der neuverschuldung! anzumerken ist noch dass die besserwisser in deutschland die 60% eu-richtline schon lange gerissen haben, politiker werden immer lügen und verträge sind nichts wert sobald es um die interessen eines landes geht.
    also hat der ganze aktionismus nur mehr kosten verursacht und jetzt schon den grundstein für jede menge arbeitslose gelegt! am ende bleint nur die ezb über, die usa haben das schon vor jahren richtig mit der fed gemacht, die einzige möglichkeit nachdem alles zertrümmert wurde was an vertrauen da war!

  9. tim schaefertim schaefer

    @ Welju Grouv, danke für Ihre Gedanken zu dem Thema. Vor allem finde ich Ihre Anmerkung zu den Rating-Einstufungen spannend. Ich schaue mir das mal an.

    In den USA ist mir aufgefallen, dass die Regierung ziemlich verärgert ist über die laxe Regulierung in Europa. Minister und hohe Beamte sind ziemlich sauer, dass das Finanzsystem nicht entschiedener in Europa stabilisiert wird. Sie wünschen sich u.a. mehr Eigenkapital bei den Banken.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass es den Amerikanern nur darum geht, von den eigenen Problemen abzulenken. Bei dem einen oder anderen Experten kann dies der Fall sein, aber doch nicht bei allen?

    Kurzum: Es knirscht auf beiden Seiten des Atlantiks im Gebälk. Kein Mensch weiß so recht, was nächste Woche passieren wird. Immer was neues.

  10. tim schaefertim schaefer

    @ willihope, danke für Ihre kritischen Anmerkungen.

    Gewiss sind die Bürger die eigentlichen Leidtragenden der Finanzkrise. Da gebe ich Ihnen Recht. Die Menschen verlieren in den USA massenweise ihre Häuser, ihre Jobs etc.

    Wenn ein Manager eine Firma an die Wand fährt, dann geht der mit vollen Taschen nach Hause und heuert zügig woanders an (siehe Porsche).

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