Der tägliche Börsenwahnsinn


New York, 21. August 2012

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Ich verstehe gar nicht, mit was für einem Aufwand sich Privatanleger mit der Börse beschäftigen. Sie überprüfen tagtäglich mehrmals die Kurse. Sie lesen unendlich viel. Jede kleine Meldung über ihre Depotwerte nehmen sie unter die Lupe. Sie loggen sich in ihr Depot ein, überprüfen die Wertansätze ihrer Papierchen. Dabei bringt das alles gar nichts. Es ist die reinste Zeitverschwendung.
Mehr Gelassenheit führt eher zum Ziel, als dieses nervöse Beobachten. Stellen Sie sich das so vor: Der eine Patient sitzt im Wartezimmer beim Arzt entspannt und liest ein Buch. Der andere Patient ist hochnervös und läuft im Wartezimmer auf und ab. Die Hektik bringt einfach nichts.
Die Banken gaukeln uns mit irgendwelchen Charts und wunderbaren 200-Tage-Linen vor, die Kontrolle über die Börse zu bekommen. Sie bieten uns Stop-loss-Orders an, um unser Depot abzusichern. Das ist aber eine Phantasiewelt, die unsere Banken mit cleveren Marketingwerkzeugen befeuern. Die Kurse werden schwanken, ob wir es begrüßen oder nicht. Wir werden niemals die täglichen und wöchentlichen Bewegungen der Börse in den Griff bekommen. Da können wir umschichten, wie wir wollen. Dass all das Trading uns eher schadet, als nutzt, darüber habe ich in diesem Blog schon oft geschrieben.
Die Finanzbranche hat aber kein Interesse daran, uns Anleger aufzuklären, weil es ihr schaden könnte (weniger Trades). Wenige werden Ihnen sagen, dass 40 Prozent der Gesamtrendite an der Börse auf Dividendenzahlungen entfällt.
Wer die Performance von Aktienfonds analysiert, wird folgenden generellen Zusammenhang erkennen: Je weniger umgeschichtet wird, desto besser ist die Performance.
Ähnlich verhält es sich in der Fernseh-Werbung. Kein Unternehmen rät uns dort, möglichst viel Wasser, Milch, Obst und Gemüse zu konsumieren. Nein, sie rühren die Werbetrommel für Coca-Cola, künstlichen Streichkäse und ungesunde Fertiggerichte. Warum rät uns kein Werber, reichlich Wasser zu trinken? Ganz einfach: Weil damit niemand Geld verdient.
Wenn Sie die Börsensender CNBC und Bloomberg TV anschalten, können Sie an den Gesichtern der Moderatoren ablesen, ob die Wall Street gerade im Plus oder im Minus notiert. Lachen Ihnen die Damen und Herren auf dem Bildschirm entgegen, können Sie fest davon ausgehen, dass die Kurse nach oben marschieren. Am nächsten Tag sind die Mundwinkel nach unten gezogen. Begleitet werden diese Nachrichtensender von Brokern, die massiv Werbung machen für ihre Tradingsysteme.
An dem einen Tag gehen die Kurse rauf, am nächsten Tag wieder runter. So ist das halt. In der Summe klettert die Börse. Es handelt sich alles in allem um Babyschritte nach oben. Wer sich tagtäglich von den Börsen-Meldungen bombardieren und verrückt machen lässt, für den besteht die Gefahr, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen.
Wenn jemand der Meinung ist, mit dem Trading glücklich (und reich) zu werden, ist das sein gutes Recht. Wenige mögen wirklich viel Geld verdienen. Die überwältigende Zahl der Trader wird Geld verlieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, es bringt nichts, mit diesen Tradern hier zu argumentieren. Sie sind derart von ihrer Strategie überzeugt, dass das Diskutieren keinen Sinn macht.
Value-Anhängern rate ich, eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln. Sie werden sehen, es nutzt Ihnen.
Fazit: Und täglich grüßt das Murmeltier an der Börse.
PS: Das Foto machte ich abends nach Börsenschluss auf dem Parkett der New York Stock Exchange.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Der tägliche Börsenwahnsinn

  1. Jack

    Hi Tim,

    sehr guter Artikel!

    Ich war lange Zeit kritisch gegenüber Buy and Hold, da diese Strategie überall tot geredet wird.
    Da man ja mit aktiven Anleger, Daytrader mehr Geld verdienen kann, die Online Broker wollen möglichst viele „Havy Trader“ haben.

    Die skeptisch gegenüber Buy and Hold lag nur daran, dass mir viele wichtige Informationen gefehlt haben!
    Die man aus unabhängigen Quellen erst finden musste

    Ich dachte aber immer, es muss doch einfacher sein Geld an der Börse zu verdienen, als sich täglich Stundenlang damit zu beschäftigen.

    Jetzt habe ich seit einem Jahr mein ETF Depot mit monatlichen Ausschüttungen zusammengestellt.
    Es gibt nichts besseres als ein monatliches Passives Einkommen! das ist mir der Mehraufwand im Vergleich zu Thesaurierenden ETF´s Wert!

    „“Wenige werden Ihnen sagen, dass 40 Prozent der Gesamtrendite an der Börse auf Dividendenzahlungen entfällt.““

    Die Ausschüttungen werden natürlich in den ersten Jahrzehnten reinvestiert. Meine Balkencharts in Excel zeigen aber schon jetzt wie schnell die Ausschüttungen einen hohen Stellenwert im Depot einnehmen. Dieser Effekt nimmt mit der Zeit ja immer mehr zu!

    Mein Depot hat ein Verwaltungsaufwand von ca. 20 Minuten im Monat und ich kann gemütlich die nächsten Jahrzehnte (bin 22) zusehen wie der Bestandswert, Ausschüttungen und Kursgewinne zunehmen. 😉

    Man kann die sich gesparte Zeit damit verbringen neues Geld fürs Depot zu erwirtschaften, das bringt 100.000 mal mehr als mit einer mickrigen Summe versuchen 1% besser als der Markt zu sein !!!

  2. Alex

    @Jake … klingt gut, eine feine sache und man kann ruhig schlafen…

    @Tim
    wie ist den das mit der Aktienkultur in US of A? In meiner Vorstellung werden Aktien solider Unternehmen (z.B. DOW) dort noch eher als … ich sag jetzt mal … als konservative Anlagemöglichkeit gesehen.
    Ich höhre oft dass dort viele Leute in Aktien für ihre Rente sparen bzw. sogar sparen müssen.

    In Deutschland sind Aktien für viel gleichzusetzen mit Casino-Finanz-Voodoo, was seriöses vermuten recht wenige dahniter…

  3. Michael C. Kissig

    Das haben Sie sehr gut beschrieben, Herr Schäfer. Ich denke allerdings, dass nicht wenige (KLein-)Anleger grundsätzlich den Fehler begehen und den Tipps von Börsenbriefen und -gurus nachlaufen und sobald einer von diesen die ABC-Aktie empfiehlt, wird schnellstens gekauft, um von dem Rest der Herde investiert zu sein und dann von den Kufen der anderen zu profitieren. Dann verebbt der „Micro-Hype“ und der Anleger ist in einer Aktie investiert, über die er (zu) wenig weiß und nachdem die nicht jeden Tag gepuscht wird, beginnt er, sich selbst zu informieren. Nun liest er Artikel über das Unternehmen, schaut sich die News dazu an und vielleicht wagt er einen Blick auf die Kennzahlen, KGV, KUV, KCV usw. Wenn also der Kaufimpuls nur deshalb ausgeöst wurde, weil man schneller sein wollte als die anderen, dann findet man anschließend wenig Gründe, an dem Wert festzuhalten. Außerdem muss man ja bereits dem nächsten Tipp hinterherhecheln…

    Besser scheint mir der Ansatz zu sein, sich vor der Investition über das Unternehmen zu informieren. Und wenn man dann zu der Überzeugung kommt, ein gutes und ertragreiches Unternehmen gefunden zu haben, das man zu einer attraktiven Bewertung kaufen kann, dann sollte man einsteigen. Und sich dann ggf. freuen, wenn irgendwelche Börsenblätter die Aktie empfehlen. Aber entscheidend für den Erfolg des Investments ist das dann nicht, denn langfristig wird sich ein zu günstiger Aktienkurs für ein gutes Unternehmen seinem fairen Wert angleichen – oder auch darüber steigen. Doch dann sollte man eben schon investiert sein und nicht der Herde hinterherlaufen müssen.

    Erst denken, dann kaufen. Nicht umgekehrt. Der Verstand weiß das auch, aber die Psychologie grätscht manchmal dazwischen. 😉

  4. tim schaefertim schaefer

    @ Jack,

    das scheint mir eine sehr clevere Strategie zu sein. Die Kunst besteht eben darin, stets LANGFRISTIG zu agieren.
    Aber das habe ich hier „schon 1000 Mal geschrieben“. Mit diesen Worten hat sich gerade wieder jemand bei mir beschwert. Ich glaube, man kann es nicht oft genug sagen. VG Tim

  5. tim schaefertim schaefer

    @ Alex

    Ja, das stimmt. Die Leute sorgen in den USA in spezielle Renten-Depots für das Alter vor. Ohne Strafzahlungen kommt man dann an das Geld nicht vor der Rente dran.

    Viele Bekannte sind begeistert von dieser Anlageform, weil sie auch steuerlich gefördert wird. Zudem helfen die Arbeitgeber mit Tausenden von Dollar jedes Jahr ihren Mitarbeitern, das Depot zu füllen.

    Ich halte das Konzept für eine gute Lösung. Jedenfalls scheint es besser zu sein, als dieser Riester-Quatsch in Deutschland. Riester bringt keine Rendite für den Sparer, sondern füllt nur die Kasse des Verkäufers und Vermittlers.

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Michael C. Kissig

    Wissen Sie, Kritik finde sich gut. Was ich nicht verstehe: Warum sollen Börsenbriefe schlechter als andere Finanzmedien sein?

    Ich denke, dass sich die Leser sehr wohl vorab umfassend informieren, bevor sie eine Aktie kaufen.

    Ich gebe mir in meiner Recherche jedenfalls sehr viel Mühe, beobachte viele Aktien sehr lange, spreche im Vorfeld mit den Unternehmen und Vorständen, analysiere die Bilanzen, die Kapitalflussrechnung, nehme die Insidertransaktionen unter die Lupe etc. In meinen Artikeln weise ich oftmals darauf hin, dass es wichtig ist, langfristig an Bord zu bleiben, wenn es sich um einen soliden Titel handelt.

    Ich denke, die meisten Finanzjournalisten geben sich viel Mühe und schreiben nicht leichtfertig irgendeinen Mist nieder. Denn das schadet im Endeffekt ihnen selbst. Dass nicht jede Aktie sofort abhebt, die positiv herausgestellt wird, liegt in der Natur der Sache.

    Beste Grüße

  7. Günter

    Ja, das auf und ab an den Börsen nimmt bisweilen groteske Züge an 😉

    Noch viel grotesker ist allerdings, dass für jedes Auf und Ab an den Börsen unter allen erdenklichen Umständen ein Grund gefunden werden muss! Unbedingt!

    Da steigen den einen Tag die Kurse angeblich wegen eines starken Euros und einen Tag später fallen die Kurse angeblich wegen eines starken Euros. Nanu? Wie kann das sein?

    Mir scheint, dass das Gesetz von Angebot und Nachfrage vielen Börsianern schlicht zu langweilig zu sein scheint. Und es liegt irgendwie in der menschlichen Natur, für alles und immer einen „Sündenbock“ zu haben respective zu finden.

    Oft genug habe ich mich selbst dabei ertappt, dass ich auch in dieses „Wir-brauchen-jetzt-aber-unbedingt-einen-Grund“-Spielchen verfalle. Da ich kein Psychologe bin, kann ich nur vermuten, dass diese „Funktion“ bei der Gattung des Homo Sapiens mit eingebaut wurde.

    Viele Grüsse

    Günter

  8. Michael C. Kissig

    @Tim Schäfer

    Die Richtung meiner Kritik ging nicht gegen Börsenbriefschreiber, Finanzexperten oder Fachmagazine und ich habe auch nicht behauptet, dass diese nicht gut recherchieren oder sich keine Mühe gäben. Nein, ich kritisiere, dass viele Anleger nur aufgrund dieser Artikel/Berichte eine Aktie kaufen und sich nicht umfassend über das Unternehmen informieren, an de sie sich beteiligen. Und ein kurzer Artikel in einer Zeitschrift oder einem Börsenbrief setzt Schwerpunkte und blendet Nebensächlichkeiten (auch Sicht des Verfassers) aus. Daran ist nichts Verwerfliches, aber es bleibt eben eine subjektive Meinung. Daher sollte ein Anleger diese nicht zum ausschließlichen Kriterium für seine Anlageentscheidung machen, sondern sich umfassend(er) informieren, bevor er kauft. Oder verkauft.

    Und ich bin der Meinung, dass Privatanleger dies in der Regel nicht tun und daher „auf Gedeih und Verderb“ dem Kurs ausgeliefert sind. Denn wenn ich meine Kaufentscheidung nur von der Meinung eines anderen abhängig mache, finde ich mich schnell mit beiden Füßen in der Luft, wenn nicht ein steter Newsflow aufrecht erhalten wird. Und genau das ist ja nicht der Fall – abgesehen von „Der Aktionär“ schreibt kaum eine Postille alle zwei Tage über ihre Lieblingsaktien (und meistens sogar noch die gleichen Fakten nur in anderer Verpackung).

    Da den Anlegern nach dem Kauf nun Zweifel kommen, wie es mit seinem Investment weitergeht, fängt er an, sich damit zu beschäftigen. Er studiert die News, die Kurse, betrachtet die Charts – weil er sein Investment ja gar nicht kennt, sondern nur wegen der Meinung eines anderen gekauft hat. Und ich meine, es ist sinnvoller, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Und zwar vor der Kaufentscheidung. Börsenbriefe und Tipps können helfen und Ansichten vermitteln, aber sie dürfen nicht das Denken ersetzen.

  9. tim schaefertim schaefer

    @ Michael C. Kissig

    Ja klar. Da sind wir einer Meinung: Anleger sollten sich umfassend informieren. Das kann ihnen niemand abnehmen. Je mehr Quellen und Informationen, desto besser.

    Viele Grüße
    TS

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