Der Feind in meinem Aktiendepot, das bin ich selbst


New York, 22. August 2013

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Oje. Ein schlechtes Quartal. Plötzlich rauscht die Aktie um 19 Prozent in den Keller. Heute geschehen bei dem Bekleidungshersteller Abercrombie & Fitch. Die amerikanische Modekette wirbt mit jungen, muskulösen Models für ihre kunterbunten Klamotten (schwarze Stoffe gibt es keine).
So ein Gemetzel findet praktisch jeden Tag irgendwo auf dem Kurszettel statt. Rücktritt, Rückrufaktion, Rabattaktion der Konkurrenz – auf einmal rumpelt es im Depot. Wir Anleger neigen dann dazu, uns verrückt machen zu lassen. Solche Dinge passieren. Ich habe gelernt, es einfach auszusitzen. Mit jeder Qualitätsaktie passiert so ein Malheur irgendwann einmal. Das ist völlig normal. Nerven bewahren, abwarten, Tee trinken.
Die Anleger neigen dazu, immer kürzer ihre Aktienpositionen im Depot zu lassen. Weil eben solche Nachrichten uns nervös machen. Lange ist es her, da behielten die Anleger ihre Aktien für fast ein Jahrzehnt. Heutzutage sind es nur Monate. Manch einer verwechselt seine Aktien mit einem Spielkasino und springt täglich rein und raus.
Traurig, aber wahr. Woran liegt es? Es liegt mitunter an der Informationsüberflutung im Internet. An den Sekundenkursen. Es liegt an den Brokern, die uns weiß machen wollen, wie toll das Trading funktioniert. Und es liegt natürlich an uns selbst. Es handelt sich um eine Selbstüberschätzung. Wir glauben, besser als der Rest der Welt zu sein. Daher drücken wir ständig auf das Knöpfchen. Buy, Sell, Buy, Sell, Buy, Sell…
Unsere Gefühle sollten wir in den Griff bekommen. Das mit dem richtigen Timing funktioniert nicht wirklich. Wir können die Kurse nicht vorhersehen für die nächsten Tage und Wochen. Die Börse macht, was sie will. Es sind eben Stimmungen, Emotionen von Millionen von Menschen, die auf dem Börsenparkett zusammen kommen.
Ich kaufe daher regelmässig Aktien. Immer, wenn ich Geld übrig habe, stocke ich Positionen auf. Ich habe mir abgewöhnt, eine Kriegskasse aufzubauen für den Fall der Fälle eines Crashs. Wenn ich also etwas Cash habe, das kann alle zwei Monate oder monatlich der Fall sein, kaufe ich zu. Eine Notreserve bleibt selbstverständlich immer in meinem Konto. Die rühre ich nicht an. Wenn Sie stetig überschüssiges Geld in solide Werte bis zur Rente investieren, bekommen Sie ein bequemes Ruhekissen fürs Alter zusammen.
An der Wall Street gibt es den Spruch „Buy Low, Sell High“. Wir neigen dazu, genau das Gegenteil zu tun. Weil uns eben die Emotionen einen Strich durch die Rechnung machen. Wir mögen Aktien, die sich im Höhenflug befinden. Wir meiden jene, die tief im Keller notieren. Ich habe von Milliardeninvestor Carl Icahn gelernt, mir vor allem die abgestützten Aktien anzuschauen. Die Börse neigt zu hysterischen Übertreibungen nach oben und nach unten.
Ich nehme also die Kurse unter die Lupe, die abgestürzt sind. Ein überraschend schwaches Quartal kann richtig Freude machen, für jene, die den Mut haben, einzusteigen. Wenn alle anderen ausflippen, das Weite suchen, weil sie eben keine Geduld haben, bessere Zeiten abzuwarten, kann das Ihre Chance sein. Abercrombie & Fitch kann einen Blick wert sein (ich besitze die Aktie nicht).
Schauen Sie sich also Aktien an, die aus der Mode gekommen sind. Wenn alle schreien: „Diese Aktie x musst Du kaufen“, bleiben Sie besser dem Kaufrausch fern. Wenn dagegen alle schreiben: „Schnell raus“ – sollten Sie mal schauen, ob da nicht etwas Solides unter Wert verkloppt wird.
Ansonsten rate ich zu: mehr Geduld, mehr Hausmannskost, mehr Gelassenheit. Langweilige Unternehmen, die seit mehr als einem Jahrhundert bestehen, schöne Dividenden auskehren, sind gute Investments – zumindest auf lange Sicht. Ein schlechtes Quartal juckt mich nicht die Bohne. Ich bleibe ein paar Jahrzehnte an Bord.
Fazit: Der Feind in meinem Depot ist nicht die grottenschlechte Abercrombie-Aktie. Das bin ich selbst.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Der Feind in meinem Aktiendepot, das bin ich selbst

  1. Turing

    Gibt es denn etwas langweiligeres als Düngemittel? Ich bin Hartgesottener, wie er im Buche steht und habe meine Position bei K+S sogar noch aufgestockt. Insider bei K+S kaufen ja auch wie blöde.

    Ich praktiziere es genauso wie du: Ich baue keine Kriegskasse auf, sondern kaufe, sobald ich ein paar tausend Euro erübrigen kann. Ein Sicherheitspolster habe ich auch, aber das ist auch nicht so hoch. Da ich kein Auto habe, das kaputt gehen kann, braucht man schon eine Menge Fantasie, warum ich gleich drei Monatsgehälter horten soll. Es ist deutlich weniger.

  2. Michael C. Kissig

    Wenn der Kurs einer Aktie abstürzt oder aber rasant ansteigt, meldet das Nervensystem „Gefahr“ und wir wollen dann aufgrund unserer natürlichen Veranlagung handeln – das gibt uns ein Gefühl der Kontrolle über die Situation, wir müssen nicht tatenlos zusehen. Leider sind diese Reaktionen, die unser Überleben sichern sollen, an der Börse völlig ungeeignet und daher führen sie zumeist zu Fehlentscheidungen und Schnellschüssen.

    Diese kann man auf zwei Arten vermeiden:

    1. Disziplin
    Das können die Wenigsten, es gelingt den meisten nicht, rein rational eine Situation zu bewerten, wenn die Kurse Kapriolen schlagen.

    2. Abstinenz
    Wenn man nicht täglich seine Aktienkurse studiert, dann kriegt man auch nicht alle „Pseudokatastrophen“ mit und wenn ein Absturz oder ein steiler Anstieg einige Tage oder Wochen zurücklicgt, hat weit weniger Brisanz für den Anleger, als wenn er gerade passiert (obwohl die finanziellen Auswirkungen ja die gleichen sind).

    Und wenn beide (oder auch nur eine der beiden methoden) einfach anzuwenden wäre, wäre die Welt voll von erfolgreichen Investoren…

  3. ZaVodou

    Zitat:“Ich kaufe daher regelmässig Aktien. Immer, wenn ich Geld übrig habe, stocke ich Positionen auf. Ich habe mir abgewöhnt, eine Kriegskasse aufzubauen für den Fall der Fälle eines Crashs.“

    Hast du deine Vorgehensweise geändert?
    Gib mal in die Suchfunktion „Kriegskasse“ ein und lies dazu deine eigenen Empfehlungen.

  4. Finanzielle Freiheit mit Dividenden Blog

    Ich war jetzt 2 Wochen im Griechenland Urlaub und habe nicht in meinem Dividenden Depot geschaut und es ist wirklich toll Dividenden Aktien in seinem Dividenden Depot zu haben, die jedes Jahr ihre Dividendenzahlungen anheben. Einen Teil meiner Ausgaben im Griechenlandurlaub wurden durch Dividendengutschriften gleich wieder ausgeglichen.

  5. tim schaefertim schaefer

    @ ZaVodou
    Ja, ich hatte einen recht hohen Cashanteil. Und habe gewartet, gewartet, gewartet. Für das Geld gab es keine Zinsen. Sozusagen totes Kapital.

    Ich habe dann die Geduld verloren (Warren ist einfach bessser.)

    Dann habe ich Finanzaktien (die deutlich unter Buchwert notieren) gekauft. Nach wie vor horte ich Cash. Der Batzen ist aber deutlich kleiner.

    Auf alle Fälle rate ich jedem: Eine Notreserve zu halten. Das ist verdammt wichtig. Und niemals auf Pump Aktien kaufen.

  6. ZaVodou

    O.K., dann habe ich das richtig interpretiert und mit Notreserve meinst du aber nicht Notreserve für Aktienkäufe, falls der Markt/Aktie mal drastisch fällt, sondern für finanzielle Engpäse, oder?

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