Der alltägliche Prognose-Wahnsinn


New York, 16. März 2013

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Jeden Tag werden Tausende Prognosen abgegeben. Von Wissenschaftlern, Vorständen, Politikern. Von Bankern, Volkswirten, Journalisten (ja, ich zähle mich dazu, ich mache auch Fehler). Von Bloggern, TV-Moderatoren, Investoren. Von Produktverkäufern, Hedgefonds-Gurus, Professoren.
Ich rate zur Vorsicht. Vorhersagen zu treffen, grenzt – je konkreter sie sind – an Wahrsagerei. Um beim Publikum gut anzukommen, erzählen die „Experten“ natürlich im Brustton der Überzeugung über die Zukunft. Ein schicker Anzug, eine tolle Krawatte dazu, schon hören viele zu – vor allem wenn es um die Zukunft geht, sind wir Menschen doch gebannt.
Bei exakten Prognosen wäre ich sehr vorsichtig. Vor allen Dingen, wenn der „Wahrsager“ uns etwas verkaufen möchte. Denn niemand kann mit Sicherheit sagen, wo der DAX, Dow Jones, Euro-Dollar, der SAP-Kurs, P&G, Gold, Silber am Ende des Jahres 2014 notieren werden. Keiner kennt die Zukunft. Es handelt sich lediglich um Vermutungen, um Meinungen.
Es werden Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung von Ländern, Regionen, Branchen, Unternehmen gemacht. Manchmal klingt das sehr plausibel. Sie greifen auf Formeln, auf Charts, auf Umsatzzahlen, auf Trends, auf Strategien, auf Analystenstudien zurück. Aber die Welt ist viel komplexer.
Nicht mal unsere Kanzlerin, unser Bundesbank-Präsident, unser Finanzminister, unser EZB-Oberster wissen, wann die Eurokrise zu Ende geht. Nein, niemand kann das genau sagen. Es sind so viele unbekannte Variablen im Spiel. Die Notenbank FED gibt das oft in Gesprächen mit den Medien zu: Man kennt schlicht die Zukunft nicht.
Ändert sich nur eine Stellschraube ein wenig, kann sich alles grundlegend ändern.
Tritt überraschend ein Ereignis ein, mit dem niemand gerechnet hat, aus heiterem Himmel sozusagen, sind alle Pläne obsolet.
So hat der Wirbelsturm „Sandy“ im Herbst 2012 die Wirtschaft in den USA kurzfristig stark belastet – wer konnte den Hurrikan Monate im Voraus erkennen? Wer wusste, dass eine Aschewolke eines Vulkans den Flugverkehr in Europa für Wochen behindert? Wer ahnte, dass der World Trade Center von Terroristen in einem grausamen Angriff zerstört wird? Wer ahnte, dass anschließend in Kriegen in Afghanistan und dem Irak hunderttausende Menschen sterben müssen? Wer prognostizierte das Ende der Diktaturen in Ägypten, Libyen, Tunesien? Wer sah die Finanzkrise kommen, in deren Folge massenweise Banken, Versicherungen und andere Konzerne vor dem Kollaps mit Staatsgeldern gerettet werden mussten?
Die schlausten Finanzleute versuchen erst gar nicht, konkrete Prognosen abzugeben.
Das einzige, was ich prognostizieren möchte: Es kommt immer wieder zu Korrekturen an der Börse. Wer dann das nötige Kleingeld hat und die Vernunft einschaltet, kann einen guten Schnitt machen. Ich wage eine weitere Prognose: Wer in solide Unternehmen investiert und ausreichend streut, erzielt im langen Schnitt eine attraktive Rendite.
Der Rest ist Rauschen.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Der alltägliche Prognose-Wahnsinn

  1. Felix

    Und es gibt eine ganze Industrie, die davon lebt. Das Rauschen zu erzeugen. Je mehr Analysten, Finanzexperten, Fondsmanager usw. das Rauschen erzeugen, um so schwerer wird der Durchblick, die Sicht auf das Weßentliche.

  2. Tim B.

    „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“

    Is leider nicht von mir aber fasst es glaube ich ganz gut zusammen.

    Schöner Blog mit sehr lesenswerten Artikeln. Mach weiter so!

    Gruß
    Tim B.

  3. Anna

    @PPinvest
    Danke für den Beitrag von Volker Bispers auf der Website. Ich habe mich köstlich amüsiert. Nun fragt sich bloß, wer bei den Glaskugelbesitzern die Fragen beantwortet hat.
    VG
    Anna

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