Den Banken schwimmen die Felle davon


New York, 3. September 2011

Langsamer, als zunächst erhofft, erholt sich die Konjunktur. Nun warnen Experten reihenweise vor einer neuen Rezession. Es ist durchaus bekannt, dass nach einer Finanzkrise, wie wir sie erlebt haben, die Erholungsphase länger dauert, als nach einer gewöhnlichen Rezession. Wir fielen nun eben in ein tiefes Loch. Das Herausklettern aus dieser Grube dauert entsprechend länger.
Besonders heftig hat es die Banken erwischt, was kein Wunder ist. Denn sie hatten vor der Krise Rekordgewinne dank der Immobilienblase geschrieben. Nun muss diese Luft aus den Bilanzen raus. Sprich die faulen Kredite müssen weg. Weil US-Präsident Barack Obama ziemlich sauer auf die gierige Wall Street ist, wird der gesamte Sektor nun von der Regierung kräftig durchgeschüttelt. Die Staatsanwaltschaft erhebt reihenweise Anklagen – Kunden sollen mit zu positiven Aussagen hinters Licht geführt worden sein. Sogar die Deutsche Bank ist in den USA in das Visier der Justiz geraten. Ich habe den Abschlussbericht des Senatsausschusses zur Aufklärung der Finanzkrise gelesen und war erstaunt, wie schäbig in den internen Emails die Deutsche Bank sich über ihre eigenen Kunden geäußert hat. Und das war in den höchsten Ebenen der Fall. Die Banker verkauften ihren Kunden wohl wissend „Dreck“ und „Schweine Papiere“ (O-Ton: Deutsche Bank Manager). Als ich das Dokument las, dachte ich mir, was für eine Sauerei. Ich war geschockt. Wie kann ein Unternehmen so eklatant gegen die Interessen der eigenen Kunden handeln? Sie taten es. Es ging um viel Geld. Bei Goldman Sachs finden Sie in dem Senatsbericht ähnliche Verhaltensweisen. Goldman hat eine halbe Milliarde Dollar (!) gezahlt, damit die Ermittlungen eingestellt werden. Weitere Institute knöpft sich jetzt die Justiz vor. Im Kern geht es um Betrug.
Durch solche Vorkommnisse beschädigen die Banken natürlich ihr Ansehen. Der Image-Schaden ist immens. So wächst das Misstrauen nicht nur bei den Politikern, auch die Kunden werden skeptischer. Sie vertrauen den Banken nicht mehr.
Überall wächst schon die Konkurrenz heran. In den USA sind die Credit Unions beliebt wie nie zuvor, weil sie die Kunden während der Immobilienblase nicht in überteuerte Häuser gejagt haben. Diese Banker waren vorsichtiger und rieten vor zu großen Hypotheken ab. Credit Unions kämpfen für die Interessen der Kunden. Ihr Oberziel ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Kunden fair zu behandeln. Sie sind hierzulande vergleichbar mit einem gemeinnützigen Verein. In den USA gibt es viele Credit Unions, etliche meiner Freunde haben ihre Bankgeschäfte dorthin verlagert. Viele Konsumenten sind ebenfalls sauer auf die Kreditkartenfirmen, weil sie so hohe Gebühren und Zinssätze kassieren. Also kehren sie auch diesen den Rücken und nutzen wieder Cash oder die Debit-Karte. Das System zerstört sich selbst.
Sie sehen an vielen anderen Fronten eine Entwicklung, die sich weg von diesen Bankriesen bewegt. So profitieren derzeit vor allem kleine unabhängige Beratungshäuser bei Übernahmedeals. Selbst bei milliardenschweren Akquisitionen beauftragen Käufer und Verkäufer kleine Boutiquen, diese haben nicht ein Bündel an Dienstleistungen für ihren Auftraggeber parat, sondern wollen nur einen guten Deal abschließen. Google und Hewlett-Packard lassen sich von den Minis beraten. Den großen Investmentbanken schwimmen die Felle davon.
Immer mehr innovative Konzepte kommen auf den Markt, die sich in Konkurrenz zu den Banken stellen. Die Bezahlplattform Paypal ist ein Beispiel. Oder nehmen Sie die Kreditplattform smava.de. Auf dem Internetportal der Berliner treffen Sparer und Kreditnehmer zusammen: Die einen brauchen dringend Geld für ein Vorhaben (Renovierung, Firmengründung), die anderen wollen für ihr Erspartes eine gute Rendite. Auf der smava-Plattform können beide Parteien profitieren: Für den Kreditnehmer sind die Zinsen niedriger, für den Sparer in der Regel die Sparzinsen besser als bei einer herkömmlichen Bank. In den USA bringt das Internet-Portal Prosper.com Kreditnehmer und private Geldgeber zusammen.
Wenn Sie so wollen, steht die gesamte Finanzindustrie mit dem Rücken zur Wand. 650 Milliarden Dollar streichen die US-Banken jährlich an Gebühren ein. In Europa ist das ähnlich. Dieses Geld fehlt am Ende des Tages den Kunden in der Tasche. Die Banken greifen direkt in die Geldtöpfe der Konsumenten, sie nehmen es mitunter direkt von der Performance weg – etwa bei den Fonds. Dieses undurchsichtige System ist eine Tragödie. Denn in der Regel wissen die Kunden nicht einmal, was sie alles bezahlen müssen. Das System wird sich gewaltig wandeln. Natürlich brauchen wir die Banken, sie sind wichtig. Aber wir brauchen mehr Fairness und Transparenz. Wenn die Geldgier zu groß wird, ist das zum Schaden der Verbraucher.
Einer, der dieses unfaire System für seinen eigenen Erfolg genutzt hat, ist John Bogle. Ich bin ein großer Fan von ihm. Seine Bücher lese ich mit großer Begeisterung. Er revolutionierte die Fondsbranche, indem er ein Imperium für Exchange Traded Funds schuf. Seine Firma Vanguard verwaltet mittlerweile 1,6 Billionen Dollar. Der Vorteil für die Kunden: Die Gebühren sind extrem niedrig im Vergleich zu einem aktiv gemanagten Fonds.
Über den Wandel der Bankenwelt berichtet der Berliner Journalistenkollege Lothar Lochmaier in seinem Blog unter der Überschrift: Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie. Gut, dass immer mehr Licht in diesen undurchsichtigen Dschungel hinein scheint.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Den Banken schwimmen die Felle davon

  1. Lothar Lochmaier

    Lieber Tim,

    danke für den interessanten und klar formulierten Beitrag. Die Alternativen werden sukzessive aus der „Peanuts-Ökonomie“ herauswachsen.

    Ich habe heute mal die Occupy Wall Street Bewegung unter die Lupe genommen:
    http://lochmaier.wordpress.com/2011/10/10/occupy-wallstreet-mehr-als-eine-protestbewegung-formiert-sich/

    Vielleicht ja mal was für einen Gastbeitrag von Ihnen „Busijness as usual: Verändert sich die Wall Street wirklich?“ auf meinem Blog, Sie haben ja sicher gute Live-Eindrücke vor Ort….

    Bis dahin beste Grüsse
    Lothar Lochmaier

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