Das Beben an Wall Street


New York, 17. September 2008

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Ich möchte nocheinmal die dramatischen Tage an der Wall Street zusammenfassen. Es herrscht Chaos. An der Wall Street greifen Panik und Angst um sich. Die großen Nachrichtensender berichten ausführlich über die Finanzkrise. Schuldige werden gesucht. Moderatoren des Börsensenders CNBC beschimpfen die Ratingagenturen. Ein Vertreter von Standard & Poor’s wird am Mittwochnachmittag vor laufender Kamera ins Kreuzverhör genommen, ja regelrecht verbal attackiert. Die Nerven liegen blank. Ständig rauschen neue Hiobsbotschaften über den Bildschirm. Ein Finanzkonzern nach dem nächsten bricht zusammen. Am Montag meldet Lehman Brothers Insolvenz an, der Lehman-Kurs stürzt auf 20 Cent ab. Es ist gerade sechs Monate her, dass die Investmentbank Bear Stearns in eine Schieflage geriet. Seinerzeit übernahm JP Morgan Chase mit finanzieller Hilfe der FED die hochgradig verschuldete New Yorker Institution. Präsident George Bush wendet sich am Montag an die Bevölkerung: „Alle Amerikaner sind besorgt wegen der Anpassungen in unserem Finanzsystem. Es kann schmerzvoll sein, für die Investoren und die Mitarbeiter der betroffenen Firmen. Ich werde bald das Büro verlassen. Und werde stark meine Präsidentschaft abschließen“, verkündet der Präsident.
Über das Wochenende kam der weltweit größte Versicherungskonzern AIG ins Wanken. Dienstagnacht greift die US-Regierung in einer Not- und Nebelaktion mit 85 Milliarden Dollar dem Giganten unter die Arme, um eine Insolvenz in letzter Minute zu verhindern. Im Gegenzug sichert sich der Staat 80 Prozent an AIG. Zuvor hatte der 83-jährige langjährige AIG-Vorstandschef Hank Greenberg im Fernsehen regelrecht um eine Rettung gebettelt: „Es ist schrecklich. Es ist eine Tragödie. Es ist in unserem nationalen Interesse die Firma zu retten“, forderte der Senior vor einem Millionenpublikum.
Die Sorge ist groß, dass das Finanzsystem zusammenbricht, die Menschen zu ihren Banken stürmen und ihre Einlagen abziehen. Es gibt Stimmen, die vor einer Weltwirtschaftskrise warnen. Am Mittwoch wird mit Morgan Stanley die nächste Sau durchs Dorf getrieben, die Aktie fällt wie ein Stein. In der Spitze bricht der Titel um 44 Prozent ein, zum Handelsschluss verringert sich das Minus auf 29 Prozent. Gerüchte vor der nächsten Pleite machen die Runde. Morgan Stanley-Chef John Mack ist geschockt. Er wendet sich an die Presse, betont, dass es keinen Grund für den Kurssturz gibt. Der Manager gibt Leerverkäufern die Schuld. Er bittet die Regierung um Hilfe. Die SEC beraumt eine Sitzung ein. Es geht vermutlich erneut um Schützenhilfe.
Der Dow Jones büßt am Mittwoch 4,1 Prozent oder 453 Punkte ein, dann nach Börsenschluss kursieren neue Gerüchte: Wachovia will Morgan Stanley übernehmen. Neben Morgan Stanley ist nur noch Goldman Sachs unter den Investmenthäusern unabhängig. Voriges Wochenende hatte sich die Bank of America überraschend Merrill Lynch für 44 Milliarden unter den Nagel gerissen. Die Presse feierte Bank-of-America-Lenker Ken Lewis nach dem Deal als neuen „König der Wall Street“. Innerhalb der zurückliegenden zwölf Monate war Merrill Lynch jedoch um 80 Prozent eingebrochen, vier Quartale in Folge häuften die New Yorker milliardenschwere Verluste an. Der Verkauf im Hauruckverfahren gleicht einem Notfallplan. Ken Lewis gab im Fernsehen die Details bekannt, wie der Deal zustande kam. Demzufolge rief Merill-Lynch-Chef John Thain seinen Bekannten Lewis an und bat um ein Gespräch. „Am Donnerstagmorgen rief er mich an. Hast Du Zeit, um über eine strategische Zusammenarbeit zu sprechen, fragte er mich. Wir kennen uns und beobachten unsere Geschäftsentwicklung. Ich war dann zweieinhalb Stunden später in Manhattan“, verriet Lewis. Binnen 48 Stunden kam der Deal in trockene Tücher.
Lehman Brothers diente sich ebenfalls an, fand jedoch keinen Käufer. Barclays und die Bank of America hatten sich zwar bis zuletzt stark interessiert, sie gaben jedoch keine Offerte ab. Am Montag pilgerten nach der Bekanntgabe der Insolvenz Menschenmassen an den Stammsitz von Lehman Brothers. Auf der 7. Avenue, Ecke 50. Straße, reihten sich TV-Übertragungswagen auf. Ich war vor Ort mehrmals, um mir das historische Ereignis anzusehen: Der Gehweg war zur Hälfte mit Gitterzäunen abgesperrt. Polizisten patrouillierten. Etliche Sicherheitskräfte der Bank sicherten den Eingangsbereich des Traditionshauses ab. Mitarbeiter verließen mit ihren Habseligkeiten unter dem Arm ihren Arbeitsplatz. Mit Taschen und Kisten bepackt, eilten sie mit grimmiger Mine auf den Times Square. Kameraleute und Pressefotografen rannten ihnen hinterher und versuchten, sie zu interviewen. Die meisten schwiegen und verschwanden schnellen Fußes. Liz Willis betreibt einen Zeitungsstand am Eck, sie kennt einige der Beschäftigten. Sie kommentierte mir gegenüber: „Es ist ein so trauriger Tag. Es ist eine Schande.“ Willis verkauft hier seit 40 Jahren Zeitungen. „Die Leute verlieren in Sekundenschnelle ihre Arbeitsplätze. Das geht so schnell, jetzt sind sie arbeitslos. Sie sind zu Recht sauer. Aber das Leben geht weiter.“
Der Nachrichtensender CNN rechnete seinen Zuschauern mit erhobenem Zeigefinger vor, dass die Regierung schon alles in allem 814 Milliarden Dollar für die Rettung maroder Finanzkonzerne ausgab. Den größten Brocken machte die Hilfe für die größten Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac aus. CNN fabulierte, dass weitere 25 Milliarden Dollar höchstwahrscheinlich in die Automobil- und Airline-Industrie fließen sollen, um neue Schieflagen zu verhindern. CNN-Moderator Lou Dobbs kritisiert das Einschreiten des Staates heftig, er bezeichnet es als „chinesische Verhältnisse“.
Als Finanzminister Henry Paulson am Montag vor die Presse trat, da wirkte er müde, abgekämpft. Er begrüßte die Journalisten zynisch: „Ich hoffe, sie hatten ein schönes, erholsames Wochenende.“ Paulson hatte das Wochenende mit Vertretern von Lehman Brothers und anderen Bankmanagern verbracht und versucht, Notfallpläne zu schmieden. Er arbeitet in diesen Tagen bis tief in die Nacht. Paulson erläutert, dass der Kern des Problems auf das Platzen der Immobilienblase zurückzuführen ist. Viele Eigenheimbesitzer schicken ihre Schlüssel an ihre Hypothekenbank zurück und stellen ihre Zahlungen ein. Fünf Prozent der Hypothekennehmer sind rückfällig. Dass das Kartenhaus zusammenfällt, ist kein Wunder. Banken finanzierten Immobilenkäufe ohne die Bonität der Kunden kritisch zu prüfen. Finanzierungen zu 100 Prozent waren ohne Wenn und Aber möglich. In den New Yorker Filialen der Citibank liegen noch immer die bunten Prospekt mit den Titeln wie „MyCommunityMortgage“ aus. Darin heißt es: „Eigenkapital sollten helfen beim Hauskauf, es sollte dich aber auch nicht abhalten von einem Kauf. Mit einer Community-100-Prozent-Hypothek brauchst du dich nicht zu sorgen – weil kein Eigenkapital nötig ist. Du kannst 100 Prozent des Preises deines neuen Heimes finanzieren.“ Der Prospekt endet in großen Lettern: „Citibank. Lebe reich.“


tim schaefer (Author)

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