Charttechnik: Die wundersame Geldvermehrung


New York, 5. November 2011

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Ich kann mich noch gut an den Unterricht bei dem Fondsmanager in Frankfurt erinnern. Er zeichnete einen Zickzack-Chart an die Tafel. An jedem unteren Punkt malte er ein „K“ für Kaufen und an die oberen Zacken setzte er ein „V“ für Verkaufen. Anhand der Graphik erklärte er, wie einfach er Geld für seine Anleger verdient. Ganz simpel: Am unteren Punkt rein, am oberen Punkt raus. Ich habe seine Skizze hier nachempfunden. Ja, ja, wenn es so einfach wäre. Wenn all diese Rezepte immer funktionierten…
Der Fondsmanager versicherte uns, dass es viele solcher Charts gibt, die praktisch wie eine Treppe nach oben klettern. Immer das gleiche Muster. Natürlich! Logisch! Ich bin bei solchen Aussagen grundsätzlich sehr skeptisch. Dieses Tanzen rein und raus aus einer Aktie funktioniert nicht. Es ist ein Traum. Es handelt sich um einen Bären, den uns solche Leute aufbinden wollen. Sie wollen Vertrauen gewinnen. Dabei schaffen 70 bis 80 Prozent der aktiven Fondsmanager noch nicht einmal, so gut wie ihre Benchmark abzuschneiden.
Wir Value-Anleger müssen diesen Tradern ja eigentlich dankbar sein. Dankbar dafür, dass Sie uns durch ihre aktive Handelsaktivität das Kaufen und Verkaufen leichter machen. Sie sorgen für die nötige Liquidität in unseren Aktien.
Schade ist aber, dass den Anlegern kein reiner Wein eingeschenkt wird. Entweder leben solche Fondsmanager, die behaupten, sie schnitten stetig besser als der Markt ab, in einer Phantasiewelt oder sie schaffen diese Wunderwelt nur für Ihre Kunden. Wer sich intensiver mit dem Thema befassen möchte, dem kann ich das ins Deutsche übersetzte Buch ans Herz legen:
Winning the Losers Game: Zeitlose Strategien für Ihre erfolgreiche Geldanlage. Fondsmanager Charles D. Ellis fühlt in dem Buch der Branche auf den Zahn. Es ist spannend zu lesen, eines der besten Finanzbücher.
Wenn das Trading funktionieren würde, dann wären all die Milliardäre und Hedgefondsmanager allesamt Daytrader. Wenn die Charttechnik so einfach ist, wären die Superreichen allesamt Chart-Fans. Das sind sie aber nicht. Mit dem Zocken kann man kein großes Vermögen aufbauen. Selbst wenn Sie eine Glückssträhne haben sollten, eines Tages kommt der Rückschlag.
Wie riskant es ist zu traden, zeigt gerade der Untergang des Tradingspezialisten MF Global. Es handelt sich nach der Pleite von Lehman Brothers im Jahr 2008 um den größten Kollaps. Erstaunlich an der neuesten Katastrophe ist, dass Jon Corzine das Unternehmen leitete. Corzine war zuvor Gouverneur von New Jersey und davor jahrelang Co-Chef von Goldman Sachs. Er muss doch die Risiken gekannt haben. Warum hat er sich im großen Stil mit europäischen Staatsanleihen von Wackelstaaten eingedeckt? Warum fing Corzine an, wie verrückt zu zocken? Warum haben die Aufsichtsbehörden nicht früher eingriffen?
Schlimm an dem Niedergang des Handelshauses MF Global ist auch, dass mehr als 600 Millionen Dollar an Kundengeldern verschwunden sind. Die strikte Trennung von Kundengeldern und Konzernmitteln wurde offenbar nicht eingehalten.
PS: Das UBS-Logo auf meiner Skizze ist reiner Zufall. Die Schweizer Bank hat mit dem oben geschilderten Fondsmanager nichts zu tun.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Charttechnik: Die wundersame Geldvermehrung

  1. Lukas Paier

    Toller Beitrag zur verquerten Sicht auf Aktien.

    Das besten Investment wurde für die breite Masse unattraktiv gemacht, da nur noch Kurse zählen und man versucht die Dinge zu verkomplizieren – am Ende gewinnt nur einer: der Broker. Echte Investments scheinen „out“ zu sein.

    Schön, dass man wieder einen Blog und Beitrag zum Value-Investing in deutscher Sprache gefunden hat!

    LG Lukas

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Lukas, Danke! Danke! Wie gut, dass es wenigstens ein paar deutsche Value-Blogger gibt. Bei den anderen Finanz-Bloggern vermisse ich die Langfristigkeit. Es gibt so viele Trader…

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