Börsensorgen machen Menschen krank


New York, 28. März 2013

Zypern ist eine Katastrophe. Keine Frage. Vorausschauende Politiker hätten das Problem in geordneten Bahnen in den Griff bekommen können. Ich halte den gewählten Weg, die Banken für zwei Wochen zu schließen und Geld von den Konten der Bürger zu beschlagnahmen, für einen großen Fehler. So sorgt eine Regierung unnötigerweise für Unruhe. Das ähnelt der Vorgehensweise von südamerikanischen Diktatoren. So wird Vertrauen zertrampelt. So kann eine sinnlose Panik ausgelöst werden.
Trotz allem rate ich zur Gelassenheit. Ich hoffe, Zypern wird in Europa eine Ausnahme bleiben. Es zahlt sich aus, immer cool zu bleiben. Wer grundsolide Aktien in seinem Depot liegen hat, sollte ruhig schlafen können. Die Zeit ist dann auf Ihrer Seite.
Ideal ist es natürlich das Aktiendepot über verschiedene Währungen hinweg zu streuen. So ist das Risiko von Währungsschwankungen geringer. Ich halte grundsätzlich US-Aktien für eine gute Ergänzung. Es kann eventuell jeweils eine Aktienposition aus Japan, Kanada, Brasilien, der Schweiz, Großbritannien usw. als Beimischung hilfreich sein.
Nervös zu werden wegen Zypern oder Italien – das lohnt sich nicht. Angenommen, Sie haben eine Brauerei in Ihrem Depot, die es seit mehr als 100 Jahren gibt, die in den vergangenen 25 Jahren die Ergebnisse einschließlich der Dividenden erhöht hat. Was soll es bringen, jeden Tag auf alle Nachrichten der Brauerei zu schauen? Wo soll der Vorteil darin liegen, jeden Tag den Kurs zu beobachten? Eine Aktie, die Sie jeden Tag im Visier haben, wird deshalb nicht schneller steigen. Kommt eine Gewinnwarnung, ist es ohnehin meist schon zu spät.
Finanzautor Morgan Housel hat eine Studie entdeckt, die einen Zusammenhang zwischen schlechten Börsentagen und der Einlieferung in die Psychiatrie herstellt. Sprich wenn es zu einem Crash kommt, drehen mehr Menschen förmlich durch.
Es hängt mit den Zukunftsängsten der Anleger zusammen. Das ist kein Aprilscherz. Die Auswertung wurde anhand von Einlieferungsdaten in kalifornische Hospitäler zwischen 1983 und 2011 vorgenommen.
Es besteht durchaus eine höhere Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, wenn eine langfristige Arbeitslosigkeit beziehungsweise wirtschaftlich schwierige Lage vorliegt. So schnellte die Zahl der Selbstmorde während der Wirtschaftskrise in die Höhe.
Der „schlechteste Regisseur der Gegenwart“ Uwe Boll hat die Finanzkrise auf seine Art verarbeitet. Am 7. April wird der neue Streifen des Deutschen „Assault on Wall Street“ („Sturm auf die Wall Street“) bei dem „SOHO International Film Festival“ in New York gezeigt.
Der Film ist brutal. Die Story: Ein arbeitsloser Büroangestellter dreht durch und wird zum Massenmörder. Sehen Sie sich das Ende dieses Youtube-Videos an. Vorsicht, es ist ziemlich krass.
Zu ähnlichen Situationen kam es in den vergangenen Jahren. So schoss beispielsweise ein Arbeitsloser aus Wut über seine Entlassung am Empire State Building um sich.
Ein Crash sollte Sie niemals aus der Ruhe bringen. Ihre Gesundheit ist tausend Mal wichtiger als Geld.
Und noch was: Langfristig erholt sich die Börse ohnehin wieder. Das hat uns diese Finanzkrise gezeigt. Vier Jahre nach dem Absturz befindet sich der Dow Jones auf Rekordniveau.
Was lernen wir daraus? Anleger mit ruhiger Hand, die ihr Vermögen langsam wie eine Schildkröte wachsen lassen, schneiden besser ab, als diejenigen, die nervös werden. Jedes Mal in einen Titel rein- und rauszuspringen, lohnt sich nicht.
Es gibt andere Studien zu dem Thema, die klar zu dem Schluss kommen: Ein geruhsamer Anlagestil zahlt sich aus. Beispielsweise resümieren diese beiden Wissenschaftler: Besser nicht Traden.
Fazit: Lassen Sie sich bloß nicht verrückt machen. Im wahrsten Sinne des Wortes.


tim schaefer (Author)

drucken


Gedanken zu „Börsensorgen machen Menschen krank

  1. D.K.

    Schönes Schlußwort zu Ostern.
    Ich wünsche Tim und allen anderen Lesern hier schöne Osterfeiertage! Genießt das Fest mit der Familie und schaltet den Fernseher über die Tage aus 😉

  2. finanziell umdenken!

    Hi Tim,

    Du sprichst einen wichtigen Punkt an. Viele Leute lassen sich von den täglichen Börsennachrichten zumindest soweit beeinflussen, dass sie sich Sorgen machen. Im schlimmsten Fall verkaufen und kaufen einige Anleger ständig Aktien oder Aktien-ETFs. Das ständige hin und her ist in den meisten Fällen zum einen nicht profitabel, zum anderen kann es im Laufe der Zeit tatsächlich auch die Gesundheit beeinträchtigen.

    Bei langfristiger Betrachtung der Investments schläft man in der Tat besser, das ist auch meine Erfahrung.

    VG
    Lars

  3. Markus

    Es ist mit ein Grund, warum ich zum buy & hold Investor geworden bin, weil es einfach besser zu meinem Charakter und meinem Leben passt.

    Ein Value Investor oder Contrarian Investor muss bedeutend mehr Research-Arbeit betreiben. Er muss als erster eine Unterbewertung erkennen, bevor es die ganze Masse entdeckt. Zudem muss er als erster auch wieder eine Überbewertung erkennen und auch danach handeln. Seltsam, dass er schneller als die Finanzindustrie, die ganzen Screenern, den Lingohr`s, Erhardt`s, Buffett`s, Otte`s, Leber`s u. v. m. das schaffen soll, wenn er noch zusätzlich eine 40 oder 50 Stunden normale Arbeit hat. Außerdem ist es schwierig, langfristig 3 Prozent pro annum oder mehr als der Markt zu schaffen, wenn man zusätzlich die Kosten in Form von der Abgeltungssteuer (bis zu 1/3), Kauf & Verkaufsspesen und den ganzen Zeitaufwand rechnet.

    Für einen Privatinvestor halte ich etf`s in Form eines Weltportfolios mit Berücksichtung von smallcaps, rebalancing und zusätlichen monatlichen Sparaufträgen mit das Beste! Allerdings sollte man sich auch die Produkte anschauen! 😉

  4. Felix

    Das Hase- und Igel-Spiel. wie im letzten Kommentar beschrieben, mitzumachen. klappt wahrscheinlich genauso wenig wie Markttiming. Wer nicht seine Seele und seine gesamte Freizeit – wie von Tim beschrieben – an die Börse hängen möchte, der kann doch agieren wie Warren Buffett: Coca-Cola kaufen und 30 Jahre liegen lassen.
    Glaubt wirklich ein Privatanleger, dass er einen Konzern, sagen wir wie Apple durchleuchten und seine Zukunft prognostizieren kann. Das kann wahrscheinlich nicht mal der CEO, geschweige denn der Freizeitanalyst. Da macht man sich etwas vor, wenn man meint da sagen zu können, jetzt ist die Aktie unterbewertet, jetzt kaufe ich und jetzt ist sie überbewertet, jetzt verkaufe ich.
    Niemand kann wirklich sagen, ob der iphone-Nachfolger ein Schlager wird oder ob die nächste große Innovation von Apple kommt oder vielleicht doch von Samsung usw.
    Ich kaufe multinationale Konzerne, meist die Marktführer, wenn an der Börse Aufruhr herrscht, halte sie für immer, kassiere die Dividende und schau im besten Fall der Aktie beim Steigen zu. Von Hotstocks u.ä. lasse ich die Finger. Das ist zwar ein bisschen langweilig, aber schon Nerven und Geldbeutel.

  5. lukoil

    Hallo Tim,

    hinsichtlich des buy and hold-Ansatzes vollkommen einverstanden. Auch was die Gelassenheit bzgl. der Nachrichtenlage angeht. Wenn die einen aus der FAssung bringt, hat man vorher etwas falsch bei der Titelauswahl und dem Timing gemacht.

    Was Zypern angeht, wäre die Alternative zu dem laufenden Szenario kaum besser.
    Es wäre nämlich die Pleite der Banken, die ungeordnete Abwicklung die Folge. Würde der Staat einspringen, wäre er bankrott. Das kann kaum besser sein als die gewählte Methode, die eine langsame Wiederherstellung geordneter Verhältnisse vorsieht. Ein zu befürchtender „bankrun“ hätte erst recht wirklich desaströse Auswirkungen.

    Aus welchem Grund sollen denn die anderen Bürger der EU, die zT selbst kein Geld haben, mittelbar für die Fehlinvestitionen von Banken haften, die in einer Steueroase angesiedelt sind. Deren Absicht war es ja gerade, den anderen EU-Bürgern einen Beitrag vorzuenthalten. Die Anleger dieser Banken haben das bewusst in Kauf genommen.

    Wenn ich in Aktien von einem Unternehmen investiere, das 2 Jahre später pleite geht, kommt auch keiner für meine Verluste auf.

    Die Leute müssen einfach verstehen lernen, dass auch das „Verleihen“ (wenn auch nur an eine Bank) von Geld mit Risiken verbunden ist. Risiken bestehen nicht nur bei der Aktienanlage.

    Und immerhin wurden Vermögen bis zu 100.000 EUR voll erhalten.

    Also einfach gut investieren und streuen.
    Schöne Osterfeiertage!

  6. Matthäus Piksa

    Ein wichtiger Maßstab, um die Fragilität des Bankensektors eines Landes einschätzen zu können, ist das Verhältnis der Bilanzsummen seiner Finanzinstitute zum BIP.
    Das Handelsblatt ist so vorgegangen und kam zu folgendem Ergebnis:

    1. GR 228%
    2. IT 269%
    3. PG 337%
    4. SP 342%
    5. ZYP >700%

    zum Vergleich Deutschland:
    BIP ca. 2.500 Mrd.€ (Quelle: Statistisches Bundesamt)
    Bilanzsumme der 100 größten Finanzinstitute: ca. 8.500 Mrd.€ (Quelle: Bankenverband)

    Aus diesen Zahlen ist ersichtlich:
    1. Deutschlands Bankensektor ist kein bisschen stabiler im Vergleich zu denjenigen Bankensektoren aus den Krisenländern über die gerne geschimpft wird.
    2. zyprische Banken toppten dieses Missverhältnis nochmal deutlich

  7. Martin

    Das Vorgehen in Zypern war schon ein Disaster. Dieses hin und her und die Unsicherheit sind nicht nötig. Jetzt wissen die Kunden nicht einmal wieviel auf ihrem Kunto ist. Zudem kann man auf nichts mehr vertrauen, da Beschlüsse immer schneller geändert werden.
    Das Ergebnis an sich finde ich aber nachvollziehbar, nur die Kommunikation desaströs. Zur Umsetzung kann man noch nicht viel sagen.

  8. Tobias

    Hallo Tim,

    ich sehe das so wie Martin.

    Die Vorgehensweise der Politik, die mangelnde Transparenz und die fehlende Kommunikation sind sicherlich ein Desaster.

    Ich bin allerdings schon der Ansicht, dass die Bürgerinnen und Bürger in Zypern sowie ausländische Investoren ihren Teil zur Lösung der Krise beitragen müssen. In Form von Abgaben natürlich. Die Einwohner Zyperns sowie die ausländischen Investoren haben über die letzten Jahre und Jahrzehnte deutlich höhere Zinsen erhalten als die meisten anderen Europäer. Höhere Zinsen, also eine höhere Rendite, bedeutet gleichzeitig auch ein höheres Risiko in Kauf zu nehmen. Dies ist bei allen Anlangen so. Nun tritt dieser Risikofall tatsächlich ein. Wer also soll nun zahlen? Die Steuerzahler in ganz Europa oder diejenigen, welche dieses Risiko durch eine Geldanlage in Zypern billigend in Kauf nahmen? Ich finde, diese Frage ist durchaus berechtigt.

    Viele Grüße,
    Tobias

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

bitte lösen Sie diese einfache Aufgabe (Spamschutz) *