Börsenfernsehen: Brot und Spiele


New York, 26. Mai 2013

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Für den Anleger ist das Börsenfernsehen eine brisante Angelegenheit geworden. Wenn ich mir CNBC und Bloomberg TV anschaue und all die Marktschreier beobachte, wird mir Angst und Bange um den Anleger. Wie kann ein Zuschauer den ganzen Quatsch verarbeiten?
Alle zwei Minuten tritt ein „Experte“ auf. Jeder hämmert den Zuschauern eine andere Botschaft um die Ohren. Der eine sagt: „Der Markt wird um 50 Prozent einbrechen. Schnell raus.“ Der nächste Gast behauptet: „Wir stehen vor einer Jahrhundertrallye.“ Und so geht das den ganzen Tag. Hunderttausende verfolgen das Schauspiel live. Daneben werden hochspekulative Wetten gereicht, zweifelhafte Produkte besprochen, Unsinn erzählt. Je lauter in die Kamera gebrüllt wird, desto mehr Menschen hören zu. Zudem huschen die Kure ununterbrochen über den Bildschirm. Tick, tick, tick.
Natürlich gibt es sehr clevere Ratgeber, exzellente Interviewpartner, die im TV auftreten. Aber sie sind die Ausnahme. Es sind so viele Stimmen zu hören. Es sind unendlich viele Botschaften, es gibt keine klare Linie. Es kommen gar Menschen zu Wort, die unter einem Verfolgungswahn leiden. Ich glaube, je größer der Unsinn, desto besser die Einschaltquote.
In der Werbeunterbrechung bekommt das Publikum hochmargige Finanzprodukte angepriesen. Bei den Finanzprodukten habe ich manchmal das Gefühl, es geht dem Verkäufer nur darum, den eigenen Ertrag zu steigern, ob der Kunde davon profitiert scheint zweitrangig zu sein. Mache ich den Werbenden einen Vorwurf? Nein, keineswegs. Mc Donalds wirbt ja auch lieber für seine Big Macs und Cheeseburger statt für Milch, Äpfel und Bananen. (Ja, es gibt mitunter gute Produktwerbung.)
Das Börsenfernsehen kommt mir vor, als ob ich im Zirkus sitze. Viele, viele Clowns. Eine Lachnummer nach der nächsten.
Ein guter Börsensender müsste stattdessen dem Zuschauer von morgens bis abends sagen: Investiere langfristig. Profitiere vom Zinseszins. Vermeide Schulden. Vermeide die Spekulation. Auf eine günstige (faire) Bewertung kommt es an. Kaufe keine Modethemen. Kaufe Qualität. Dividenden sind wichtig. Als Anleger brauchst Du kein Genie zu sein, du kannst als normaler Aktiensparer sogar Fondsgurus schlagen. Die Kunst besteht darin, die Kursschwankungen zu ertragen. Nicht ständig auf die Kurse schauen. Behalte immer die Ruhe. Gerate nie in Panik. Mehr ist nicht nötig.
Die Botschaft der Börsensender ist leider eine andere: Sie verbreiten gerne Angst und Schrecken. Sie sorgen für Euphorie. Für Hektik, Spekulation.
Fazit: Die Menschen kriegen, was sie wünschen: Ein Spektakel eben. Brot und Spiele.
Hier ein kleiner Ausschnitt aus einer CNBC-Sendung:


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Börsenfernsehen: Brot und Spiele

  1. Sebastian

    Schön auf den Punkt gebracht. Vom „Spiel der Spiele“ leben halt hunderttausende Menschen. Jeder will etwas vom Kuchen abhaben, den die Anleger bezahlen.

    Egal ob Journalisten (nicht alle 😉 ), Broker, Fondsmanager oder Gurus.
    Sie leben von der Action, vom Hin und Her, von der Skandalisierung.
    Vom großen Rauschen eben.

    Börsenberichte sind für mich mittlerweile (auch ich musste lernen, selbstständig zu denken) tabu. Egal ob Print oder Fernsehen, die Erfahrung zeigt doch, dass niemand weiß, wie die Zukunft aussieht.

    Schnappe ich versehentlich doch etwas auf, höre ich mit Belustigung zu und vergesse gleich wieder.

    Da gönne ich mir am Abend doch lieber für 15-20 Minuten die Lektüre von Graham, Fisher, Buffett, Lynch, Zweig und co. Hier erfährt man, was wirklich wichtig ist.

  2. Matthäus Piksa

    Es stellt sich bei dem Stichwort „Brot und Spiele“ ganz grundsätzlich die Frage was das Medium Fernsehen, und hierzu zählt nunmal die Börsenberichterstattung als TV-Spartenbereich dazu, überhaupt Sinnvolles ausstrahlt. Ich denke, dass man 80-90% des Fernsehprogramms durchaus in die Tonne treten kann und denke hier an erster Stelle an solche Sendungen wie das RTL-Dschungelcamp, eine Sendung die dieses Jahr immerhin für den renommierten Grimme-Preis nominiert war.

    Allerdings gibt es auch solch hervorragende Sendungen wie die arte-Sendung „Mit offenen Karten“, die es sich zum Thema gemacht hat komplexe globale wirtschaftliche, politische und kulturelle Ereignisse in meist 10-15 Minuten so einfach wie möglich zu erklären. Quasi die Sendung mit der Maus für Erwachsene. 😉
    Tipp: Viele Folgen sind auf youtube veröffentlicht.

    Als es Bloomberg noch auf deutsch gab, hab ich die Sendung mit dem getabstract-Typen gern gesehen. Dieser stellte immer die neuesten Business-Bücher vor und diskutierte sie mit dem Moderatoren. Den Sender gibt es nicht mehr, den Internet-Service getabstract – Zusammenfassungen von Business-Büchern – schon.

    Was halten denn die Blogger hier von DAF – Deutsches Anleger Fernsehen?

  3. tim schaefertim schaefer

    @ Sebastian
    @ Matthäus

    Leider ist das US-Börsenfernsehen ohne klare Linie. Der Zuschauer wird von der einen Richtung in die andere gejagt. Die wichtigen Botschaften gehen völlig unter.

    Ich finde, da kann ich auch den Müllautos bei der Arbeit zuschauen:

  4. Ulrich

    Im Prinzip alles richtig, was Tim schreibt. Ähnlich ist es aber auch mit der Börsen-Presse, für die Tim ja aktiv ist. Mit dem Unterschied, das ich dafür auch noch bezahlen muss … Jede Woche seitenweise Analysten-Meinungen und „Investment-Ideen“ oft von den selben „Experten“, die man auch schon aus dem Börsenfernsehen kennt.

    Wirtschafts- und Finanzmagazine wären eine schöne Aufgabe für die öffentlich-rechtlichen Sender. Außer prozyklischer Berichterstattung bei Börsenrekorden („Dax bei 8000 – soll ich jetzt auch Aktien kaufen?“) in Verbrauchersendungen wie plusminus fällt denen aber nicht ein.

  5. Markus

    Die heutige Informationsgesellschaft hat einige Vorteile aber auch gravierende Nachteile.
    Leider habe ich manchmal bzw. oft das Vertrauen in die Seriösität und an einer zuverlässigen Recherche verloren.
    Auch das selbstständige Denken ist leider durch die Informationsflut bei teilen der Bevölkerung durch „Bespassung“ ersetzt worden.
    Allerdings war die Aufklärung zu früheren Zeiten auch nicht viel besser…

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Ulrich

    Einspruch. Zur Verteidigung der Presse muss ich sagen: Die Pressejournalisten orakeln nicht den ganzen Tag, wo am Jahresende oder nächsten Monat die Kurse wohl stehen könnten. Im TV scheint es nur darum zu gehen. Um eben Wahrsagerei. Ich finde, das ist die reinste Zeitverschwendung. Niemand weiß, wo die Kurse stehen werden. Also lohnt es sich auch nicht, darüber endlos live im Studio zu diskutieren.

  7. Anna

    @Matthäus,
    Deine Frage nach dem DAF: Mir ist das vor etwa einem Jahr „verlustig gegangen“. Ich vermisse es eigentlich nicht.
    Gruß Anna

  8. finanziell umdenken

    Ein Börsensender könnte wohl nach ein paar Monaten Insolvenz anmelden, wenn er permanent über langfristiges Investieren berichten würde. Denn dann bräuchte man vielleicht einmal pro Monat eine Sendung über die aktuellen Neuigkeiten. 😉

    Er lebt natürlich vom hektischen Treiben der Trader und Kursschwankungen der Aktienmärkte, die langfristig betrachtet nur ein „Rauschen“ sind. Zu Kursbewegungen müssen entsprechende Nachrichten präsentiert werden. Dass meist nicht Nachrichten Kursbewegungen erzeugen, wissen die meisten Leute nicht. Und die Anbieter von Tradingsoftware finanzieren die Sender.
    Nur gut, wer sich diesem hektischen Treiben entziehen kann. Es schont nicht nur den eigenen Geldbeutel, sondern auch die eigene Gesundheit.

  9. Turing

    Was passt zum Börsenfernsehen besser als ein Papagei? 🙂

    Sehr löblich, dass Tim immer noch einen Röhrenfernseher hat. Habe ich auch. Warum austauschen, wenn er noch läuft. Heutzutage ist das Programm so schlecht, dass man eigentlich gar kein Fernsehen mehr benötigt.

  10. Sams

    Ja Turing. Für das Fernsehprogramm holt man sich ja auch die guten Fernseher nicht. Nebenbei man sollte sich auch ne gute Anlage zur 3D HD-Flimmerkiste kaufen^^. Allerdings sollte man auch Filmfreund sein und entsprechend oft sich das Kino sparen^^. mfg

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