Blütenträume: Warum wir unser Geld schlecht anlegen


New York, 16. Oktober 2013

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Es gibt massenweise Hürden, um an der Börse gut abzuschneiden. Ein weit verbreitetes Problem ist eine zu hohe Aktivität, worüber ich in diesem Blog endlos oft geschrieben habe. Halten Sie im Idealfall Ihre Positionen länger als zehn Jahre.
Eine andere Hürde ist unsere Gefühlswelt. Angst und Euphorie treffen für uns die Entscheidungen. Wir neigen dazu, zum falschen Zeitpunkt zu kaufen. Eben wenn die Stimmung super ist. Wir verkaufen gerne, wenn Panik herrscht.
Value-Jäger wie Seth Klarman, George Soros, David Tepper, Leon Cooperman oder Bruce Berkowitz greifen dann zu, wenn Angst herrscht. Sie schwimmen gegen den Strom. Kommt ein solides Unternehmen wegen eines Skandals, einer Rückrufaktion, einer Gewinnwarnung oder eines Unglücks in die Schlagzeilen, sinkt der Kurs. Ein Kursgemetzel kann Ihre Chance sein. Denn vorübergehende Probleme werden irgendwann bereinigt. Einige Jahre später redet niemand mehr über das Malheur. Die Reputation kann wieder hergestellt werden. Irgendwann wächst Gras über die Sache. Derzeit werden viele Finanzdienstleister deutlich unter dem Buchwert gehandelt.
Voraussetzung muss natürlich sein, dass das Unternehmen nicht in die Insolvenz getrieben wird aufgrund des Problems.
„Die Samen für eine großartige Performance werden normalerweise in Zeiten enormer Angst nach einem Desaster gesät“, erklärt Fairholme-Chef Bruce Berkowitz (PDF), dessen Investmentstil bewundernswert ist.
Der typische Privatanleger macht genau das Gegenteil. Die führenden US-Discountbroker melden alle eine erhöhte Aktivität, eine neue Euphorie. Jetzt, wo die Wall Street ein Allzeithoch nach dem nächsten erklimmt. Vor fünf Jahren, als die Kurse am Boden lagen, wollte niemand etwas von der Börse wissen. Dabei war es die Chance eines Lebens. Der Dow Jones ist seither um 140 Prozent explodiert.
Nach diesem wundersamen Anstieg beginnt jetzt eine neue Euphorie. Die Direktbank Charles Schwab boomt jedenfalls wie schon lange nicht mehr.
Wir Anleger lieben Aktien, die in aller Munde sind. Jene, die von einem Hoch zum nächsten eilen. Senkrechtstarter wie Tesla, Netflix, Facebook oder Amazon schließen wir in unser Herz. Ja, diese Lieblinge der Masse können weiter laufen. Keine Frage.
Für das, was am Boden liegt, interessiert sich dagegen kaum jemand. Hier besteht aber großes Potential. Beispielsweise wenn eine extrem zyklische Branche auf einmal anfängt, nach Jahren der Verluste wieder Gewinne zu schreiben.
Wir Anleger können einfach nicht mit Verlierer-Aktien umgehen. Eigene Verluste im Depot hassen wir. Wir haben die miesen Aktien ständig im Kopf. Wir haben entsetzlich Angst vor Verlusten. Wenn eine Aktie in unserem Depot plötzlich um 15 Prozent abschmiert, verkloppen wir sie blitzartig und denken: „Schnell weg damit.“
Wir sollten stattdessen überlegen, was vor sich geht: War es ein neuer Flash Crash? War ein Börsen-Crash schuld an dem Debakel? Kann sich das Papier wieder erholen? Handelt es sich eventuell um eine Nachkaufchance?
Es gibt grandiose Anleger, die halten ihr Depot einfach durch. Sie ertragen Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen, Crashs und Booms. Solche abgebrühten Anleger fahren überraschende Renditen in die Scheune. So wie die Sekretärin Grace Groner, die ein Millionenvermögen mit ihrer Buy-and-Hold-Strategie aufbaute. Zeitlos zu investieren entfaltet eine unglaubliche Hebelwirkung.
Wenn unser Depotunternehmen kurzfristig enttäuscht, sollten wir uns fragen, ob das nur vorübergehend eine Schwäche ist. Angenommen der Gewinn je Aktie landet bei 20 Cent statt erwarteter 50 Cent. Ein lausiges Quartal eben. Ist es eine Katastrophe, wenn der Vorstand Besserung verspricht? Wohl kaum. Miese Quartale – das kommt bei großartigen Konzernen vor.
Unsere Erwartungen sind einfach absurd hoch. Viele wollen das große Geld verdienen. Sie haben Blütenträume. Sie suchen nach dem schnellen Verdoppler. Verdreifacher, Verzehnfacher.
Mit einer Rendite von neun Prozent pro Jahr – damit möchten sich wenige abgeben. Dabei ist das verdammt gut. Den Effekt des Zinseszinses vergessen wir gerne.
Die Zocker suchen lieber heiße Renditen. Die Suche nach der schnellen Marie geht dabei meistens in die Hose. Zocker blenden aber die Risiken aus.
Die wilden Renditejäger kaufen Aktien, die sie nicht kennen, die sie nicht verstehen. Sie kaufen und verkaufen ohne Plan, ohne klare Gedanken, ohne Strategie. Sie denken über die Konsequenzen nicht nach. Sie können sich kaum ausmalen, was all die Transaktionen an Gebühren verschlingen.
Was können wir besser machen?
Haben Sie mehr Geduld. Informieren Sie sich umfassend. Stimmen Sie sich mit anderen ab. Entwickeln Sie einen Langfristplan. Schreiben Sie Ihre Gedanken auf. Haben Sie eine Strategie. Realistische Ziele helfen. Kaufen Sie nur, was Sie kennen bzw. verstehen. Schätzen Sie Dividenden. Schätzen Sie Hausmannskost. Kommt es zu einem Skandal, stürzt ein Kurs ab, nehmen Sie das Fallobst unter die Lupe. Unter den gehassten Aktien können sich die „Diamanten von Morgen“ verbergen. Wertpapiere, die die Herde endlos liebt, meiden Sie besser.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Blütenträume: Warum wir unser Geld schlecht anlegen

  1. Matthäus Piksa

    Man muss schon Geduld mitbringen.

    Langfristig kennt die Börse ja nur eine Richtung nach oben. Das liegt zum einen daran, dass mittlerweile selbst die großen Menschheitsprobleme gelöst werden.

    Zum Beispiel twitterte Bill Gates gerade „Hunger around the world is down 1/3 since 1990. Where is hunger still a problem? Here's a map:“ und verlinkte dabei diesen Artikel.

    Es kann sein, dass es in 20-30 keine hungernden Menschen geben wird. Von diesem Trend profitieren vornehmlich die Düngemittel-Hersteller.

    Kali-Salz, ein Unternehmen von dem mein Vater irgendwann vor 10 Jahren schwärmte, profitierte enorm!
    Bis, ja bis vor einigen Wochen irgendein russisches Unternehmen das Kali-Kartell aufkündigte und der Kali-Preis ins Bodenlose stürzte.

    Die Moral von der Geschichte lautet, dass man selbst wenn man intakte Unternehmen identifiziert hat, auch den Gesamtmarkt studieren sollte. Wer hat denn schon gewusst, dass K+S im Grunde von irgendeinem weißrussisch-russischem Preis-Kartell abhängig ist… Ich offen gesagt nicht.

    Auch die Stromerzeuger E.ON und RWE sind belastet durch die Energiewende. Jetzt stehen wohl auch Dividendenkürzungen zur Diskussion. War das vor 10 Jahren voraussehbar? Naja.

    Fazit: Man muss schon verdammt gut informiert sein. Die von mir genannten Unternehmen sind ja gerade die berühmten soliden Aktiengesellschaften für die Rente.

    Ich halte es für denkbar, dass alle drei sozusagen wieder auferstehen, sprich outperformen. Hier ist jedoch definitiv Geduld gefragt.

  2. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus

    Wie Recht Du hast.

    Das ausgebombte Aktien-Trio (K+S, RWE, E.on) das würden sich Leute wie Klarman oder Soros sicherlich genauer anschauen. Womöglich besteht hier eine Chance für die nächsten 30, 40 Jahre.

    Das muss jeder selbst entscheiden. Viel lesen. Abwägen der Chancen und Risiken. Der Konkurrenz. Eine Entscheidung treffen. In aller Ruhe einen Plan erstellen.

    Es kann durchaus eine nachhaltige Störung des Geschäfts bestehen, das die Margen langfristig unter Druck setzt. Es hängt vom Einzelfall und der eigenen Prüfung / Einschätzung ab.

  3. Matthäus Piksa

    @Tim

    Ich denke auch, dass sich Experten eher solche Unternehmen anschauen, die der Durchschnittsanleger langweilig findet.

    Wäre ich facebook-Aktionär hätte ich vermutlich schon schlaflose Nächte gehabt, allein wenn ich mir vergegenwärtige, dass sie Daten an die NSA weitergegeben haben (oder mussten). Theoretisch hätte das auch den Todesstoß bedeuten können. (Zuckerberg hat sich jedenfalls aufgeregt.) Theoretisch, denn wie wir wissen notiert das Internet-Unternehmen auf einem Allzeit-Hoch. Die Reise kann durchaus noch weitergehen, vllt. notiert facebook in einem Jahr über 100 Dollar.

  4. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus

    Facebook habe ich zu kritisch eingeschätzt. Facebook hat mich überrascht. Das war ein Fehler. Das Internet wächst irre. Es ist erstaunlich.

  5. Finanzielle Freiheit mit Dividenden Blog

    Wie gut das es so viele Unternehmen in Amerika gibt, die jedes Jahr ihre Dividendenzahlungen anheben und keine Dividendenkürzungen vornehmen. Ich meide weiterhin Deutsche Aktienunternehmen und investiere in USA&Kanada. Mit der Investing Strategie fahre ich viel besser.

  6. Matthäus Piksa

    @willihope

    Ihr Vorgehen könnte sich in der Tat als clever erweisen.

    Während viele sich immer noch mit Banken-Bashing und Griechenland-Bashing beschäftigen, genau das Gegenteil machen und sich eine griechische Bank-Aktie in's Depot legen.

  7. Markus

    Da ich nicht weiß, ob sich K+S, Eon, RWE wieder berappeln werden, streue ich einfach!

    Auch die Beimischung eines Value-etf`s muss sich noch beweisen, da er zur Zeit leider viel Banken drin hat. Wenn die Weltwirtschaft sich berappelt, läuft es wahrscheinlich wieder besser.
    Feste prozentuale Quoten von BIP, small, value, Emerging-Markets, Reits, Rohstoffe und Cash haben ihre antizyklischen Vorteile.
    Mir persönlich wäre es ein Graus zu 100 % Amerikanische und Kanadische höchste Dividenden-Aktien zu halten.
    Aber wenn man sich damit wohl fühlt, warum nicht!
    Ich denke nicht bis zur nächsten Ausschüttung sondern 25 – 35 Jahre Anlagezeit. Da kann man mit Rebalancing-Verkäufen genauso Cash generieren.

  8. Stefan Müller

    Ich denke auch, dass langfristiges Buy and Hold in guten Papieren und Indexpapieren gut ist.
    Nur um ausgebomte Werte kaufen zu können bzw. nach oder während eines Crashs kaufen zu können, bedingt Cash.

    Deswegen empfiehlt z.B. Gottfried Heller eine Cashquote von 20-40%, je nach Risikoneigung.
    Ich finde zur Zeit einer bekannten Hochbewertung (Index KGV >20) sollte die Cashquote höher liegen und bei einem Niedrigbewertung (Index KGV < 12) eher niedrig sein. Zur Zeit ist meine Cashquote niedrig, da ich seit Ende 2008 voll investiet bin. Ich scheue mich jedoch sehr davor Cash aufzubauen, da sofort die Abgeltungssteuer greift oder die Altpapiere Ihre Steuerfreiheit für immer verlieren.

  9. Felix

    Aktien, die ich vor dem 1.1.2009 gekauft habe und deren Kursentwicklung nicht der Kapitalertragssteuer unterliegt, gebe ich überhaupt nicht mehr her. Ich denke ich werde sie vererben. Bis dahin kassiere ich die Dividende. Und falls ein Erbe mal Cash benötigt, kann er ohne Steuerabzug in 50 Jahren oder so verkaufen.

  10. Markus

    20 – 40 % Cash klingt zwar irgendwie schön und als ob man in der Lage wäre, den Höchst- und Tiefstzeitpunkt timen zu können… Indexhöchststände von was??? Amerika, Europa, Japan, Emerging Markets… Es sind so gut wie nie alle Weltmärkte gleichzeitig überteuert!!! Welche Quelle für die Indexkgv`s nennt er denn? Es gibt nämlich unterschiedliche Berechnungen!

    Ich halte es für verdammt schwierig bis hin zu unmöglich.
    Auch wird es bei 6 stelligen Depotständen schwierig so viel Cash zu besitzen, bzw. wenn der Zinseszins mal ins Rollen kommt… Klar fühlt man sich besser bei hohen Depotständen mehr Cash zu haben, als damals, als man noch mit 2 – 3 Monatsgehältern Cash gehalten hat.
    Ob Anleihen sinnvoll sind, daran scheiden sich die Geister. Laut Ken Fisher sind Anleihen über Zeiträume von 2 – 3 Dekaden sogar volatiler als Aktien. Auch wird es schwieriger mit nennenswerten Anleihenpositionen an die Durchschnittsrendite von ca. 10 % kommen.
    Die Anlagestrategie muss immer zum Menschen passen!

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