Blick in die Glaskugel: Vorsicht vor Prognosen und Herden


New York, 26. Januar 2014

bild

In die Zukunft zu blicken ist schwierig. Verdammt schwierig. Es kommt meist anders, als man denkt. Gehen Sie mal in ihren Gedanken ein paar Jahre zurück. Damals rannte der Goldpreis von einem Hoch zum nächsten. Die Menschen hatten Angst vor der Inflation. Sie kauften Goldmünzen wie im Rausch.
Manch ein „Experte“ warnte vor der Hyperinflation wie zu Weimarer Zeiten. Komisch: Jetzt sorgen sich die Notenbanker eher vor der Deflation als vor der Inflation.
Im Jahr 2012 zählte in den Medien die Elektronikkette „Best Buy“ zu den nächsten Pleitekandidaten. Der Kurs entwickelte sich grauenvoll. Es waren die Sorgen durchaus berechtigt. 2013 drehte plötzlich der Kurs nach oben. Völlig überraschend kam der Turnaround. Die Aktie zählte zu den Top-Werten im S&P-500-Index.
Wer hat geahnt, dass der Iran den Frieden mit dem Westen sucht?
Wer hat geahnt, dass einer der reichsten Menschen der Welt blitzartig mit leeren Taschen dasteht?
Heftig gebeutelte Länder erlebten 2013 einen Börsenaufschwung. Venezuela legte grob um 450 Prozent zu. Island (plus rund 38 Prozent), Griechenland und Irland (jeweils 35 Prozent). Japans Nikkei-Index feierte einen Sprung um mehr als 50 Prozent.
Wer hätte gedacht, dass die USA bei der Staatsverschuldung (im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt) das strauchelnde Griechenland überholen können? Wobei ich die Angaben in dem Artikel jetzt nicht überprüft habe.
Was lernen wir aus alledem? Antizyklisch zu denken, kann sich auszahlen. Die erfolgreichsten Anleger laufen entgegengesetzt zur Herde.
Hedgefondsstar John Paulson shortete den Immobilienmarkt, als die Amis wie im Rausch Häuser kauften. Warren Buffett stieg bei American Express ein, als die Kreditkartenfirma von einer Krise heimgesucht wurde und der Kurs in kurzer Zeit um 50 Prozent abgestürzt war. Milliardär David Einhorn kauft im großen Stil Ölaktien in einer Zeit, in der Regenerative Energien in aller Munde sind. Buffett übernahm völlig überraschend eine Eisenbahngesellschaft. Kaum jemand hatte Eisenbahn-Aktien auf dem Radarschirm. Alternative Transportmittel wie Flugzeuge oder Schiffe werden nämlich fortschrittlicher (Emissionen, Sicherheit, Zuverlässigkeit).
Die gängige Meinung ist nicht unbedingt das Gelbe vom Ei.
Was wir noch lernen können: Beobachten wir lange Zeiträume. Ganz lange. Ein Jahrhundert oder so.
Wir sollten vorsichtig sein mit aktuellen Meldungen, mit Krisen, mit Skandalen, mit Gewinnwarnungen. Der Fokus auf kurzfristige Trends kann von langfristigen Entwicklungen ablenken. Medien greifen gerne negative Kurzfrist-Ereignisse auf. Eine Liebesaffäre eines Vorstandschefs. Eine Rückrufaktion. Ein Unfall. Eine Gewinnwarnung. Ja, solche Meldungen können ihre Berechtigung haben. Gleichzeitig sollten Sie als Anleger die langen Trends berücksichtigen.
Fazit: Krisen bieten herrliche Chancen. Auch wenn es die wenigsten glauben.


tim schaefer (Author)

drucken


Gedanken zu „Blick in die Glaskugel: Vorsicht vor Prognosen und Herden

  1. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    Kurze Anmerkung zu Venezuela.
    Mich wundert, dass es dort überhaupt noch eine Börse als typische „Ausgeburt des Kapitalismus“ gibt unter Chavez.
    Ich würde jedenfalls keinen Dollar dort investieren, auch wenn ich politisches Verständnis für Venezuela.
    Auch die „Hausse“ ist eine reine Inflationserscheinung, Ein Zitat von hier: (Krise in Venezuela – So läuft es im real existierenden Sozialismus),

    Weil ein Aktienindex mit einem Punktestand im Millionen-Bereich aber selbst dem Börsenbetreiber ein bisschen hoch erschien, wurde am Jahresanfang ein „Split“ im Verhältnis 1000 zu eins durchgeführt. Der aktuelle Stand ist heute 2783,71 Punkte. Die Rally ist jedoch nur auf die dramatische Abwertung des venezuelanischen Bolivar zurückzuführen. Er hat 2013 um 73 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet. Letztmalig hat Venezuela kurz vor Weihnachten den Bolivar um 44 Prozent abgewertet.

    MS

  2. Felix

    Insofern war das Jahr 2009 im Nachhinein ein guter Einstiegszeitpunkt (Höhepunkt der Finanzkrise). Seither ging es im Prinzip nur noch bergauf; man konnte kaufen, was man wollte.
    Inzwischen ist es schwieriger unterbewertete Aktien zu finden. Eine Branche, die darniederliegt, sind die Energieversorger (zumindest in Deutschland).
    Dementsprechend wären jetzt ein klassisches Contrarian Investment eigentlich RWE und E-ON. Was haltet ihr von den beiden? Keiner mag sie, sollte man sie nicht gerade deswegen kaufen?
    Wie scheint, sind die regenerativen Energie nicht in der Lage zu wettbewerbsfähigen Preisen ein Industrieland wie Deutschland sicher mit Strom zu versorgen. Nicht nur die Netzstabilität leidet. Die Energiewende wird so wie sich das einige Politiker ausgedacht haben nicht klappen. Möglicherweise profitieren dann am Ende genau die so verschmähten Energie-Dinosaurier davon.

  3. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    Hallo Felix,

    ich halte EON seit einiger Zeit, noch immer im Minus. Seitdem ich mehr in USA und Canada aktienmäßig unterwegs bin, ärgere ich mich zunehmend. Aber ich will die nicht mit Verlust verkaufen. Kommt auf die Dividende an, auf die man mit Bangen ein Jahr warten muss, ob überhaupt und wie viel.
    Ich würde jetzt den iShares STOXX Europe 600 Utilities UCITS ETF (DE) (EXH9) kaufen. Versorger gestreut und auch über 5% Rendite, und vor allem 4x Zahlung im Jahr.

    MS

  4. Frank

    @Felix:

    Einen Fonds mit einem so geringen Fondsvermögen von knapp 135.000 Euro würde ich nicht kaufen…

    Grüße

  5. Roter Franz

    Das Fondsvermögen laut HJ Bericht zum 31.8.2013 war 107.069.008,92 Euro. Tägliches Handelsvolumen zwischen 400 und 500.T Euro

  6. Alexander Moshe

    Hallo,

    vielleicht nur knapp On-Topic:
    Ein Freund von mir sah heute einen Film über einen Banker. Dabei wurde im Film offenbar die Aussage gemacht, dass Privatanleger zwangsweise verlieren müssten, weil viele Profis auf den nächsten Crash spekulieren, und als Privatanleger sei man quasi in diesem grossen System gefangen.
    Zudem sei Börse für Privatanleger wie ein Casino (von den Chancen her).

    Für mich ist natürlich klar, dass es nicht so stimmt, denn die Börse steigt langfristig und Privatanleger handeln zu kurzfristig und zu emotinoal (kaufen nach lang gestiegener Börse).
    Dh schon in dem man 20 Aktien zufällig auswählt und einfach 20 Jahre wartet hat man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gute Gewinne gemacht.

    Jetzt die Frage:
    Kennt jemand diesen Film ? (Müsste aktuell im Kino laufen).
    Und wie kann man kurz und knapp dieses Argument entkräften?
    (Mein Freund wird mir nicht so leicht glauben, dass ich es besser als der Banker weiss, und man als Privatanleger eben sehr wohl gewinnen kann an der Börse).

    Ich hoffe, das passt hier rein. 🙂

    Gruss aus der Schweiz

  7. tim schaefertim schaefer

    @ Alexander

    Mit Buy and Hold hat ein Anleger eine gute Ausgangsbasis. Die Geduld ist also ein Erfolgsfaktor.

    Die Auswahl der Aktien und das Timing kommen hinzu. Aber mit mit ein paar Kniffen, kann jeder diese beiden Hürden umgehen.

    1. Ein Anleger kann das Timing umgehen, indem er regelmässig Aktien kauft. Mit dem Gehalt/Bonus usw.

    2. Das Stockpicking. Das Stockpicking kann ein Anleger geschickt umgehen: Entweder einen Index wie den S&P 500 kaufen. Oder abgebrüht sein wie John Templeton.

    Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, kaufte John Templeton 104 Unternehmen, die allesamt Pennystocks waren. Darunter befanden sich gar 34 Konkursfälle. Sein Motto: „Buy low, sell high“. Das Resultat: Fette Gewinne, obwohl ihn seine Freunde für verrückt erklärt hatten.

    http://www.templeton.org/sir-john-templeton/life-story
    VG

  8. Tino

    @Alexander Moshe, zeig Deinem Freund doch einfach einen Langzeitchart (100 Jahre) vom Dax, Dow Jones, S&P500. Erklär ihm das Prinzip eines Sparplans in einen Index (Gesamtwirtschaft weltweit), steigende Bevölkerungszahlen, immer mehr Konsumenten, oder das Prinzip der Gehirneinpflanzung von Marken wie Coca Cola, Wrigley, Philip Morris. Gibt sicher noch viele gute Beispiele um das zu widerlegen.

    Die Opfer von Spekulation sind aus meiner Sicht immer die Kurzfristigen, die Chartgucker, Einsatz auf Kredit finanzieren, Gebühren im zweistelligen Bereich bezahlen und denken besser als Profitrader zu sein. Ich hab den Film noch nicht gesehen, aber zur Unterhaltung wird ja auch gern dramatisiert bzw. eine für das Publikum interessante Gruppe von Kleinanlegern ins Visier genommen, der vor dem Schirm die Hände zusammenschlägt weil seine „Candles“ ausgegangen sind.

  9. tim schaefertim schaefer

    @ Musti
    Best Buy ist wieder kräftig runter. Das passiert oft bei diesen Momentum-Aktien. Wenn die ein schwaches Quartal haben, entweicht die Euphorie. Kommt ein gutes Quartal, kann der Schwung in die Aktie zurückkommen. Aber keine Ahnung, ob es sich um ein exzellentes Investment handelt. Ich wollte hier nicht die Best-Buy-Aktie empfehlen. Darum geht es mir nicht. Ich möchte nur auf das Pendel hinweisen: Erst Angst/Panik, dann Euphorie.

    Buffett hat die Gabe, substanzstarke Konzerne zu kaufen, wenn die in eine Krise geraten. Buffett hält stets Ausschau nach einem saftigem Discount zum inneren Wert. Beispiele sind Coca-Cola, American Express, Wells Fargo… Als Buffett einstieg, steckten sie in einer (vorübergehenden) Krise.

  10. Markus

    Welche Garantie gibt den ein Langfristchart über 100 oder 200 Jahre??? 😉

    Natürlich kann man argumentieren, dass der amerikanische Index (für den die meisten Daten vorliegen) zwei Weltkriege und etliche Krisen überstanden hat und auch dementsprechend robust ist…

    Aber noch langfristiger gesehen, gibt es in der Menschheitsgeschichte etliche Abstürze von so gut wie allen führenden Imperien…

  11. tim schaefertim schaefer

    @ Markus

    1. Weil der Kapitalismus (mit ausreichender Regulierung) funktioniert.

    2. Weil 100 bis 200 Jahre ein Beleg sind.

    3. Weil das Leben schöner ist, wenn man ein Optimist ist.

    Natürlich sind kritische Gedanken manchmal ok. Insgesamt hilft es einem jedoch, positiv nach vorne zu blicken.

  12. StefanStefan

    Ich glaube schon, dass das Imperium Amerika irgendwann vorübergehen wird. ob wir das noch erleben ist allerdings zweifelhaft. Wahrscheinlich bleiben die USA weitere 50 – 100 Jahre die führende Wirtschaftsnation. Die Entwicklung in manch anderen Staaten geht ja eher rückwärts als vorwärts, siehe Russland…auch China muss erst mal auf das Niveau der Amis kommen. Das dauert Jahrzehnte.

  13. Felix

    Und das ist ja auch gut so! Die Werte der westlichen Welt sind m.E. immer noch das Beste, was wir auf dieser Welt haben. Und ohne die USA könnten sie kaum gegen die rückständigen Kräfte und diversen Diktaturen vertedtigt werden. Europa, das Abendland, wäre dafür viel zu schwach.

  14. Markus

    Europa hätte starkes Potential wenn es keine Kleinstaaterei betreiben würde…

    Auch wird es oft von Amerika klein und schlecht geredet um von eigenen Problemen abzulenken.

    Wenn China`s Wachstumsraten von 9 oder 10 % nachlassen bedeutet dass noch keine Krise! 😉

  15. Tino Riedel

    seh ich auch so, obwohl ich die makroökonomischen Effekte nicht wirklich beurteilen kann, Prinzip Kolibri -> Tsunami, oder nicht mal laues Lüftchen, wer weiß..

  16. Matthäus Piksa

    Ich persönlich sehe mich auch eher im Lager derjenigen, die deflationäre Tendenzen sehen. Die Inflationsrate ist sowohl im Euro-Raum als auch in den USA verdammt niedrig.

    Thematisch habe ich mich schon 2011 mit der Inflation beschäftigt. Nachzulesen hier und hier.

    Ein europäisches Quantitative Easing könnte dazu führen, dass angeschlagene Länder mit zusätzlichem Kapital versorgt werden und nationale Konjunkturpakete& Infrastrukturprojekte schnüren und damit Arbeitsplätze schaffen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

bitte lösen Sie diese einfache Aufgabe (Spamschutz) *