Bill Gross: „Der Aktienkult stirbt aus“


New York, 7. August 2012

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In seinem viel beachteten Online-Brief stellt Anleihe-König Bill Gross die Aktie als Wertanlage in Frage. Er sagt, die über 100 Jahre alte Aktienkultur sei nun endgültig vorüber.
Insbesondere die jüngeren Amerikaner würden nicht mehr an das klassische Wertpapier als Geldanlage glauben. Sie glaubten an Facebook beziehungsweise hätten ohnehin keinerlei Geld übrig zum Anlegen. Das zwitscherte er auf Twitter am 26. Juni: „Boomers can’t take risk. Gen X and Y believe in Facebook but not its stock. Gen Z has no money.“
Dann kritisiert Gross den Value-Professor Jeremy Siegel, der das Buch „Stocks for the Long Run“ zum falschen Zeitpunkt Ende der 90er Jahre herausgebracht habe.
Gross argumentiert, Aktien seien seit 1912 im Schnitt um 6,6 Prozent jährlich gestiegen (nach Abzug der Inflation). Wenn die Wirtschaft in der gleichen Zeit nur um 3,5 Prozent zulege, könne es nicht sein, dass diese Diskrepanz dauerhaft fortbestehe. Es könne diese Hexerei, dieses Mirakel nicht dauerhaft geben.
Oh, vergessen Sie das Geschwätz. Anleihe-Trader Gross mag verdammt clever sein. Sicherlich verfolgt er eigene Interessen. Sie kennen ja den Spruch: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“
Sie kriegen für Aktien eine höhere Rendite – allein schon wegen der Risikoprämie. Je mehr Risiken Sie eingehen, desto mehr Rendite können Sie rein theoretisch erwarten. Wer langweilige Staatsanleihen bonitätsstarker Ländern wie Deutschland kauft, der muss sich mit weniger Rendite begnügen. Das ist doch logisch, weil es weniger Risiken gibt.
Zudem vergisst Gross den Zinseszins. Denn die Dividenden, die der Anleger erhält, werden ja im Idealfall reinvestiert am Kapitalmarkt, insofern steigt ja stetig der Wertpapierbesitz des Aktionärs. Zudem werden börsennotierte Unternehmen meiner Meinung nach effizienter geführt als der breite Schnitt der Unternehmen eines Landes. Zumal die Börse ein idealer Platz ist, um Eigenkapital einwerben zu können. Nicht jeder Mittelständler hat diesen Zugang zu Fremd- und Eigenkapital wie ein börsennotiertes Unternehmen.
All das blendet Pimco-Chef Gross aus.
Wenn Sie Ihr Kapital an der Börse investieren, kriegen Sie mehr Rendite als für Ihr Sparbuch. Dass die Aktien nun alle so schrecklich schlecht sein sollen, ist schon komisch zu hören von einem Experten wie Gross. Welche Absicht steckt hinter dieser Verunsicherung? Warum verbreitet dieser Herr einen solchen Unsinn? Ich habe selten so einen Blödsinn von einem Fachmann gelesen. Warum sollte nach 100 Jahren plötzlich alles anders laufen?
Den Aktienmarkt als betrügerisches „Schneeball-System“ zu bezeichnen ist eine Frechheit sondergleichen. Wo ist denn die Verantwortung dieses Herrn? Das kann man doch nicht einfach so behaupten.
Die Münchener Allianz sollte ihren Pimco-Mann Gross zurückpfeifen. Die Allianz ist nämlich nach der Lesart des bekannten Anleihe-Investors selbst börsennotiert und damit Teil des riesigen „Betrugssystems“.
Denken Sie mal an die berühmte Ausgabe der „BusinessWeek“ vom 13. August 1979. Seinerzeit kam das Wirtschaftsmanagzin mit der Titelgeschichte heraus: „The Death of Equities. How inflation is destroying the stock market.“
Es war nahezu zu jenem Zeitpunkt, als der Aktienmarkt sein Mehrjahrestief erreicht hatte. Wer damals einstieg, konnte 18 Prozent Rendite jährlich zwei Jahrzehnte lang erzielen.
Oder denken Sie mal an die Horror-Ausgabe der BusinessWeek vom 9. März 2009. Das Blatt klagte damals, weltweit seien alle Börsen unten. Oben in der Illustration sehen Sie dieses Titelblatt (mein Foto). Das war exakt zu jenem Zeitpunkt, als der Markt sein Tief markiert hatte.
Conclusio: Der merkwürdige Kommentar von Bill Gross ist nichts anderes als ein Kaufsignal für Aktien. Kaufen Sie Qualitätsaktien mit schönen Dividenden. Und warten Sie in aller Ruhe ab. Aktien sind im historischen Vergleich günstig, die Dividenden saftig, die Unternehmensbilanzen stark.
Gerade für den „kleinen Mann“ bietet sich an der Börse eine herrliche Renditechance. Dort gibt es mehr Rendite als Kapitallebensversicherungen, Riesterverträge, Sparbücher, Festgelder usw. versprechen. Vorausgesetzt Sie haben einen langen Zeithorizont. Und denken Sie daran, schön die Risiken zu streuen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Bill Gross: „Der Aktienkult stirbt aus“

  1. Matthäus Piksa

    Es ist logisch, dass man an den Aktienmärkten langfristig mehr Rendite erzielt.

    Staatsanleihen sind in Normalzeiten zu langweilig und die Bank- und Versicherungsprodukte können niemals mehr Gewinn für den Sparer bzw. Versicherungsnehmer abwerfen als für den Aktionär des jeweiligen Kredit- oder Versicherungsinstituts. Wie sollte das gehen?

    Nur darf man natürlich nicht in Luftschlösser wie facebook investieren. Das ist die große Anlegerkunst.

    Gruß Matthäus

  2. tim schaefertim schaefer

    Danke Matthäus!
    Danke Anna!

    Das sehe ich genauso.

    Unternehmen, die an der Börse notiert sind, haben viele Vorteile. Etwa den Vorzug der Kapitalbeschaffung. Ein privat geführtes Unternehmen hat nicht immer den schnellen Zugang zu frischen Geldern. Das ist einer der vielen Gründe, warum Aktien im Schnitt eine attraktive Anlageform sind.

    Tim

  3. Harald

    Ausgerechnet der zu Allianz gehörende Pimco Mann schreibt einen solchen Bericht.

    Vielleicht sollte man sich als Allianz Versicherter mal überlegen ob eine AG ein guter Versicherungsanbieter ist (da hier die Interessen schon verschieden sind).

    Wie wäre es, wenn er mal das deutsche Rentensystem als Schnellballsystem bezeichnet und damit die Politik ein bißchen gegen sich aufbringt 🙂 – aber das ist wieder ein anderes Thema

    Grüße Harald

  4. Sams

    Ach Gott, immer diese Götterdämmerung.
    Immer wenn es heißt ab morgen ist nichts so wie es war fange ich an Geld zu sparen und schon mal aufs Verrechnungskonto zu packen.
    Wenn die Welt untergeht gibt es wohl wichtigeres als meine Aktien.
    Wer glaubt das morgen eine Windel für mehr verkauft wird als sie dem Verkäufer gekostet hat und demjenigen der dem Verkäufer das Geld für die Herstellung der Windel geliehen hat keinen kleinen Teil des Gewinnes gegeben wird. Hand hoch. Ah ja ich glaube auch morgen wird der Raucher eine Schachtel Kippen kaufen und auch übermorgen wird GlaxoSmithKline noch Rauchentwöhnungsmittel verhöckern und Antirauchbelagszahncreme werden auch noch verkauft werden.
    Ich geh fest davon aus das Kapital auch weiterhin gewinnbringend eingesetzt wird. Ich sehe da keinen Kult! Es werden auch weiterhin Produktionsfaktoren gewinnbringend miteinander kombiniert werden.
    So einfach ist das in meiner einfach naiven Welt.
    mfg

  5. Matthäus Piksa

    @Anna – „In der Kürze liegt die Würze!“ sagt der Volksmund.

    Trotzdem bin ich froh, dass Tim immer lange Blogbeiträge schreibt und somit diese Volksmund-Regel quasi „verletzt“. 😉

    Gruß.

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Sams

    Das sehe ich genauso.

    Bill Gross ist ein überbezahlter Märchenerzähler, der sich das Geld der Allianz in die Tasche steckt.

    Er hat mehr als 2 Milliarden Dollar Privatvermögen. Woher das Geld wohl stammt?

    Ich las, dass Gross 200 Millionen Dollar im vergangenen Jahr verdient hat. Mensch, was eine Geldverschwendung. Das ist im Endeffekt das Geld der Allianz-Aktionäre (Pimco ist eine Tochter der Allianz). Selbst wenn Gross 100 Millionen im Jahr verdient, ist das übertrieben. Sorry, es ist höchste Eisenbahn, dass bei der Tochter mal gespart wird, wenn ich mir den schlimmen Kursverlauf der Allianz anschaue. Da wirft die Allianz Mitarbeiter in Dtld raus (Sparprogramm) und verschwendet das Geld gleichzeitig überm großen Teich.

    Ich halte das für eine Vernichtung von Aktionärskapital.

    Wen die Details zu den überbezahlten Pimco-Herren interessiert, in der New York Times gibt es einen spannenden Artikel.

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