Big Brother is watching you


New York, 10. Juni 2013

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Ich finde die Aufregung über die Spionagetätigkeit der USA übertrieben. Ich weiß schon lange, dass Geheimdienste Emails lesen, Telefonate abhören, Postsendungen öffnen. Das ist nichts Neues. Das sagt uns ja der gesunde Menschenverstand.
Ich finde im Internet so viele Artikel und Videos, in denen das Vorgehen des US-Geheimdiensts im Detail beschrieben wird.
Es wird seit vielen Jahren so verfahren. In der Verbrechensbekämpfung und Prävention ist das ein übliches Werkzeug. Das Foto oben machte ich voriges Jahr auf einem Schiff der US-Küstenwache.
2011 machte ein Mord Schlagzeilen. Damals wurde der 32-jährige US-Fahnder Jaime Zapata in Mexiko von einer Drogenbande in seinem Auto erschossen. Sein Kollege überlebte den Kugelhagel schwerverletzt im Fahrzeug.
Geschockt war die US-Regierung. Wie konnte dieser Mord passieren? Geheimdienstkollegen schworen Rache. Schnell handelten sie. In Washington arbeitete der Geheimdienst pausenlos mit Hilfe einer kleinen Technologiefirma aus Silicon Valley an der Aufklärung des Falls. Zunächst verknüpften die Softwareingenieure von Palantir Technologies alle Daten aus den Amtsstuben miteinander: Emails, GPS-Signale, Dossiers, Zeugenvernehmungen, Schmuggelrouten, Fotos aus Überwachungskameras, Aufzeichnungen aus Drohnen, Handydaten, all das vermute ich. Man spricht angesichts dieser Datenberge von „Big Data“.
All diese Daten aus Mexiko kamen in einen Großrechner, wurden miteinander verknüpft, Zusammenhänge ermittelt. Resultat war: Mit Hilfe der IT-Analyse klickten einen Monat später die Handschellen. 676 Menschen landeten hinter Gittern. 282 Waffen und 467 Kilogramm Kokain beschlagnahmte die Polizei.
Wie der Fall gelöst wurde, das beschreibt der Gründer der Firma Palantir Technologies, Stephen Cohen, im Januar 2013 auf Youtube:

Für das Youtube-Video hat sich niemand interessiert. Ganze 1.000 Menschen haben es gesehen.
Es gibt noch einen ausführlichen Artikel aus dem Magazin „Wired“ zu den Abhörmaßnahmen, Emailauswertungen und Spionagetätigkeiten der US-Behörden. Der Artikel wurde wohlgemerkt im Sommer 2012 veröffentlicht. Ich kenne den Artikel schon lange. Ich hatte mich gewundert, wie diese IT-Firma Palantir Technologies Zugang zu all diesen Daten bekam. Ich wunderte mich, wie die Firma prahlt. Seit Jahren plaudern sie aus dem Nähkästchen. Niemand regt sich darüber auf.
Der Fall zeigt, dass die Schnüffelmethoden der USA erfolgreich sind. Der Mord an dem Amerikaner in Mexiko ist aufgeklärt worden dank der Datensammelwut und der Datenauswertung.
Ich bin eigentlich für „Big Brother“, wenn Sie mich fragen. Allerdings habe ich Bauchschmerzen mit der Sammelwut. Die privaten Daten von Bürgern können in die falschen Hände gelangen. Der Staat (oder seine Mitarbeiter) kann seine Macht eines Tages missbrauchen. Unschuldige können schnell ins Visier geraten. Ein Stück weit erinnert mich all das an die Stasi. 99,9 Prozent der Menschen sind aufrichtig und ehrlich. Ob es sich lohnt, ständig 100 Prozent der Bürger zu überwachen wegen der üblen 0,01 Prozent?
Ach ja, hier ist noch eine gehackte Konferenzschaltung zwischen FBI und Scotland Yard. Da haben ein paar Witzbolde sich heimlich eingewählt und alles aufgenommen. Die Profis machen Fehler so wie wir Bürger. Da hat eben jemand mal den Spieß umgedreht. The People are watching you.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Big Brother is watching you

  1. Matthäus Piksa

    Hallo Tim,

    die größte Erfolgsstory der US-Geheimdienste ist aber definitiv das Auffinden Osama Bin Ladens und seine Liquidation. In dem Film „Zero Dark Thirty“ wird das hartnäckige und akribische Vorgehen der CIA gezeigt, den Drahtzieher von 9/11 zu finden. Auch kann man sich nach dem Film, ich hab ihn gesehen, gut vorstellen, wie frustrierend die Suche nach dem Terrorfürsten war. Es wurde verdammt viel Geld ausgegeben, jahrelang ohne Ergebnis. 2011 klappte es dann endlich.

    Gruß

  2. Thomas

    zu Matthäus Piksa:

    Als Erfolgsstory würde ich das Auffinden Bin Ladens nicht werten. Die Nation, die in jedem Actionfilm darstellt, wie wieder einmal ein Amerikaner die ganze Welt rettet, braucht ein ganzes Jahrzehnt um eine Person zu finden? Für mich sehr unglaubwürdig. Und wenn der Film von Amerikanern (also den Siegern) produziert wurde, sollte man das Ganze sowieso hinterfragen. Die Gegenseite würde die Geschichte sicher anders erzählen. Da dies hier aber kein Blog über demokratische Werte ist, belassen wir es dabei.

    Unternehmen, die Überwachungstechnik entwickeln oder produzieren, haben vermutlich enormes Potential in den nächsten Jahren. Leider, möchte ich sagen.

  3. Frank

    Hallo,
    daß sich die whistleblower in fremden Ländern verstecken müssen, ist eine Schande für „the land of free“.
    Frank

  4. Matthäus Piksa

    @Thomas

    10 Jahre hat es deshalb gedauert, weil die Suche nach einem Menschen in einer 7 Milliarden Menschen zählenden Erdbevölkerung der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht. Und zwar einem gigantischen Heuhaufen.

    Ich bin auch gerne kritisch, aber wenn es unbestreitbare Erfolge gibt, sollte man das mMn einfach auch mal anerkennen.

    Zumal ich den Eindruck habe, dass es Leute gibt, die nichts anderes machen, als Amerikas Außenpolitik zu kritisieren. Berühmtestes Beispiel ist derzeit Julian Assange. Die US-Administration sieht in ihm einen Verbrecher, der mithilfe von Geheimnisverrätern (Bradley Manning) wichtige US-Dokumente veröffentlichte. Er selbst und seine Anhänger sehen sich als Aufklärer der Öffentlichkeit, weil sie die unschönen Seiten der us-amerikanischen Militäroperationen aufgedeckt haben. – Ich persönlich bin der Meinung, dass sich Assange, von dem erst vor wenigen Tagen ein Artikel in der NYTimes erschien , da in etwas verrant hat. Mehr dazu in meinem Blog.

    In Syrien sieht man übrigens, was passiert, wenn Amerika auch mal gar nichts macht. Die Folge ist: Es gibt hunderttausende Flüchtlinge und einen Endloskrieg mit vielen Opfern.

    Fazit: Die linken Amerika-Kritiker machen es sich zu leicht.

  5. Gert

    „Wer Freiheit einschränkt, um Sicherheit zu gewinnen, wird zum Schluss beides verlieren.“

    Benjamin Franklin

  6. Hub sen

    Die Aufregung finde ich nicht übertrieben -> Filme wie: Der Staatsfeind Nr. 1 „Enemy of the State“ aus dem Jahr 1998 sind somit längst keine Fiktion mehr.
    http://www.imdb.com/title/tt0120660/

    „DiePresse“ analysiert richtigerweise:
    im heutigen Leitartikel:
    „NSA, Prism und das Internet: Die dunkle Seite von Big Data“:

    Auszug:
    „….Aber ebenso wenig darf man den wesentlichen Denkfehler im Vergleich von Münztelefonen mit dem Internet übersehen. Wer Telefonnummern aufschreibt, weiß nicht, worüber gesprochen wurde. Wer Zugang zu den Großrechnern von Microsoft, Google und Facebook erhält, kann sofort in den Inhalten der E-Mails und Chats blättern.

    Diesen direkten Zugang gewährt Prism den Behörden. Der Eingriff in die Privatsphäre ist also viel größer, als wenn ein paar Drogenfahnder Münztelefone observierten. Das Ausmaß des Eingriffs allein macht ihn nicht rechtswidrig. Prism basiert auf Fisa, einem Gesetz, das der Kongress mit großer Mehrheit beschlossen hat und hinter dem die meisten Kongressleute noch heute stehen.

    Je stärker aber der Eingriff in die Privatsphäre ist, desto größer ist die Gefahr von Missbrauch. Der Verdacht von Missbrauch liegt in der Luft, wenn ein Staatsanwalt einem Angeklagten die Auskunft darüber verweigert, ob seine Anklage wegen Terrorismusverdachts bloß darauf beruht, dass er online das al-Qaida-Magazin „Inspire“ gelesen und Prism deshalb Alarm geschlagen hat. Genau so ein Fall liegt bei einem Gericht in Florida. Der Verdacht von Missbrauch liegt auch in der Luft, wenn das Fisa-Sondergericht von den mehr als 33.900 Anfragen der Geheimdienste auf elektronische Überwachung, über die es seit 1979 zu befinden hatte, nur elf abgelehnt hat.

    Lagen Amerikas Geheimdienste tatsächlich zu mehr als 99 Prozent auf der richtigen Seite der Verfassung? Dieselben Geheimdienste, die für George W. Bush Gutachten über den Irak gefälscht haben? Die zu sehr mit innerbehördlichen Eifersüchteleien beschäftigt waren, als dass sie 9/11 hätten verhindern können? Die heimlich gefoltert haben?“

    vollständiger Artikel siehe:
    http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/1417012/NSA-Prism-und-das-Internet_Die-dunkle-Seite-von-Big-Data?_vl_backlink=/home/politik/aussenpolitik/1416110/index.do&direct=1416110

    Vielleicht auch mal eine weniger rosarote Sicht auf die US-Politik von Interesse?

    „War against people“ eine hochaktuelle und überfällige Analyse der US Aussenpolitik und Propaganda von Noam Chomsky = Amerikaner, 84 Jahre alt und seit 1961 Professor am Mass. Institute of Technology (MIT) Träger von 10 Ehrendoktorwürden, etlicher anderer hoher Auszeichnungen und Preisen, Mitglied der American Academy of Art und Science etc.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Noam_Chomsky

    http://www.amazon.de/War-Against-People-Menschenrechte-Schurkenstaaten/dp/3203760118/ref=cm_cr_pr_product_top

    beste Grüße
    Hub sen

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