Banken, Derivate, Länder wackeln: Aktien bleiben 1. Wahl


New York, 12. Mai 2012

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Kürzlich habe ich mit Nobelpreisträger Robert C. Merton ausgiebig diskutiert. Sie sehen Merton auf meinem Foto. Der Finanzprofessor gewann 1997 den Nobel-Preis für seine mathematische Formel zur Ermittlung von Optionspreisen. Gemeinsam mit den Ökonomen Fischer Black und Myran Scholes hatte er das sogenannte „Black-Scholes“-Modell entwickelt. Merton lehrt an der MIT Sloan School of Management. Zuvor war er 22 Jahre Professor an der Harvard-Uni. Über mein Gespräch mit Merton können Sie hier im WirtschaftsBlatt einen Auszug lesen.
Jedenfalls hat der Wissenschaftler im Gespräch die Derivate als wichtiges Instrument verteidigt. Sie seien wichtig für die Gesellschaft. Er gab indes zu, dass Führungskräfte bei den Banken und die Finanzaufsicht die Instrumente nicht ausreichend verstehen würden. Es bestehen seiner Meinung nach Wissenslücken, Verständnisprobleme, Unkenntnis.
In der Tat kann man das so sehen. Gerade meldete JP Morgan einen Verlust aus einem Derivate-Geschäft zwischen zwei und drei Milliarden Dollar. Das ist der reinste Horror! Der Kurs von JP Morgan stürzte um nahezu zehn Prozent am Freitag ab. Das zeigt mal wieder eindrucksvoll: Die Derivate sind verdammt gefährlich. Sie können außer Kontrolle geraten. Mich würde es nicht wundern, wenn das gesamte Finanzsystem eines Tages erneut unter falsch eingeschätzten Gefahren der Derivate zusammenbricht. Die Institute sind doch alle miteinander vernetzt, es wird tagtäglich gezockt.
Abgesehen davon muss erst mal Europa seine Schuldenkrise durchstehen. Erst Griechenland, dann Spanien und Portugal, eventuell noch Italien. Anschließend können weitere Wackelkandidaten folgen. Die Nerven der Menschen liegen blank. Sie gehen auf die Straßen. Es ist ein Pulverfass.
In Prag gingen im April rund 100.000 Menschen gegen die Sparpolitik auf die Straße. In Lissabon waren schon im Februar hunderttausende durch die Gassen gezogen. Wann gab es das zuletzt? Das sind brisante Ausmaße. Das erinnert echt an Weimar, als sich der Mob tagtäglich zu Straßenschlachten traf.
Die Politik ist mit ihrem Latein am Ende. Endlos kann die Sparpolitik nicht weiter gehen. Vielleicht kommt noch ein Politiker auf die Idee, den Rentenbeginn für die Arbeitnehmer erst nach deren Tod zu verlegen, um die Rente ganz abzuschaffen. Die Nerven liegen derart blank, dass die Mächtigen selbst nicht weiter wissen. Die Griechen kriegen keine funktionierende Regierung mehr auf die Beine.
Was nach den Tumulten in Europa folgen wird, kann der Untergang von Japan sein. Bis zum Jahr 2015 kann Japan drohen, was derzeit in Griechenland über die Bühne geht. Nur ist Japan eine wesentlich größere Volkswirtschaft. Der Knall wird umso heftiger sein. Warum droht der Untergang? Das Land ist bis zur Halskrause verschuldet. Keine andere Wirtschaftsnation hat mehr Kredite angehäuft. Der Schuldenstand beträgt mehr als das zweifache des Bruttosozialprodukts. Erstaunlich daran ist, kaum jemand schreibt darüber sorgenvoll.
Was würde ich tun angesichts der Massenproteste, Kriegsgefahren (Iran, Nordkorea…), Pleitestaaten, Inflationsgefahren, Japan-Schulden, Terrordrohungen etc? Es ist zunächst wichtig, Ruhe zu bewahren. Aktien sind die beste Anlage. Das zeigt die Geschichte. Sie rentieren mit acht bis zehn Prozent im Schnitt jährlich. Jährlich heißt aber nicht Jahr für Jahr. Es ist vielmehr ein langfristiger Schnitt. Das bedeutet, der Aktienmarkt kann, wie wir gesehen haben, ein Jahrzehnt lang keine Rendite bringen. Dann aber kann sich die Börse binnen drei Jahren verdoppeln. Daher können Sie nur gut mit Aktien abschneiden, wenn Sie einen langfristigen Horizont verfolgen.
Wenn Sie heftige Kursrückgänge von 20 oder 30 Prozent nicht nervlich durchstehen können, dürfen Sie niemals Aktien kaufen! Es lohnt sich nur mit Geduld. Die Mehrheit der Anleger verliert Geld an der Börse, weil sie diese Zusammenhänge nicht versteht. Zudem hilft die clevere PR-Maschine der Finanzbranche mit, dass das Geld der Sparer in Bewegung bleibt.
Lassen Sie die Aktien einfach liegen. Denn es ist erwiesen, dass die Selbstüberschätzung ihre Rendite kaputt macht. Insbesondere Männer sind hier führend. Die Männer traden bevorzugt wie verrückt und zerstören damit die Performance. Zahlreiche Studien zeigen diesen Zusammenhang glasklar auf: Je mehr Sie traden, desto weniger bleibt übrig.
Sie müssen sich die Strategie des „Buy and Hold“ wie einen guten Cognac vorstellen. Je länger das Edelgetränk im Eichenfass schlummert, desto wertvoller wird es. Klar verdunstet über 70 bis 80 Jahre hinweg jede Menge des guten Stoffs, aber der Rest, der im Fass verbleibt, ist Gold wert. Eine der besten Tropfen von Remy Martin kostet hier in New York um die 2.300 Dollar. Das Zeug hat 2 Weltkriege überstanden, lagerte 80 bis 90 Jahre im Fass. Die Traubenleser leben schon nicht mehr, wenn die Flasche geöffnet wird.
Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen sagen: Verkaufen Sie niemals Ihre besten Pferde im Stall. Wenn Sie einen soliden Standardtitel wie Walt Disney, BASF, Microsoft oder SAP seit 20 Jahren halten, warum sollten Sie aussteigen? Wenn Sie unbedingt Geld brauchen und Aktien versilbern müssen, trennen Sie sich zuerst von den Verlierer-Titeln. Realisieren Sie lieber die Verluste. Der Behavioral-Finance-Professor Terrance Odean hat in einer Studie im Jahr 1998 festgestellt, dass Anleger mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent lieber ihre Gewinneraktien verkaufen, anstatt die Miesepeter aus dem Depot zu werfen.
Dieses Verhalten liegt an unseren Gefühlen. Es fällt uns so verdammt schwer, Fehler einzugestehen. Wenn Sie sich von Ihren Sieger-Aktien trennen, machen Sie einen großen Fehler. Ich habe diesen Mist schon selbst gemacht, es ist unglaublich, was ich angerichtet habe… Wenn Sie einen Dauerläufer wie McDonalds, Adidas, Nike, BASF, Whole Foods Market oder Starbucks besitzen, ist doch die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Aktien auch in den nächsten 20 bis 30 Jahren gut laufen werden.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Banken, Derivate, Länder wackeln: Aktien bleiben 1. Wahl

  1. Matthäus Piksa

    Hallo Tim,

    es ist wirklich bedenklich, dass selbst ranghohe Bankvorstände das Risiko der Derivate nicht 100% richtig einschätzen können, diese Geschäfte aber genehmigen. Das ist doch ein klassischer Fall von Kontrollillusion! Jetzt hat es den Branchenprimus JP Morgan erwischt. Ich vermute, dass es nicht der letzte Pleitetrade sein wird.

    Übrigens: Auf der Webseite der Deutschen Bundesbank kann man erfahren, dass der weltweite Derivatemarkt ein Volumen von über 500 Billionen US-$ erreicht hat. Wenn gewünscht, kann ich den Link später posten, ich gehe jetzt schwimmen.

    Gruß Matthäus.

  2. Matthäus Piksa

    Hier ist der Link: http://www.bundesbank.de/statistik/statistik_zeitreihen.php?first=1&open=&func=row&tr=QUY208&showGraph=1

    Stand Juni 2011 waren es 460 Mrd.€, bei einem €/$-Wechselkurs von 1,30 sind es fast 600 Billionen US-Dollar. Wenn man konservativ von einer Bankprovision iHv 1% ausgeht, dann kann man davon ausgehen, dass die Banken an diesen Produkten 6 Billionen US-Dollar verdienen. Womöglich pro Jahr wenn es ihnen gelingt, das ganze Sortiment einmal im Jahr komplett auszutauschen.

  3. tim schaefertim schaefer

    Danke Matthäus für den Hinweis.

    In zehn Jahren haben sich die Derivate dann verfünffacht? Ist die Annahme mit 1% Gebühr belegbar? Oder kann es auch mehr sein?

    Das gefährliche an den Derivaten ist ja die Vernetzung der Häuser untereinander. Wie man beim Niedergang von AIG gesehen hat, waren die Einflüsse weltweit zu sehen. Wenn einer fällt, können die anderen in Mitleidenschaft gezogen werden. Man kann von einem Dominoeffekt sprechen.

    Über die brisante Vernetzung der Banken habe ich schon mit Blick auf die französische Societe Generale geschrieben:

    http://www.timschaefermedia.com/?id=1102&det=1

  4. Matthäus Piksa

    Hallo Tim,

    in 10 Jahren haben sich die Derivate fast versiebenfacht. Dabei wird das Volumen eher noch höher liegen, denn die Daten basieren auf den Berichterstattungen von gerade mal 60 Geschäftsbanken.

    Wie hoch die tatsächliche Gebühr ist, die hier kassiert wird, weiß ich nicht. Ich finde es gut, dass die Bundesbank diese Daten der Öffentlichkeit überhaupt zur Einsicht offenlegt.

    Meine Interpretation der Zahlen ist aber auch, dass die Banken sich im Derivatebereich niemals vom Gesetzgeber regulatorisch hineinreden lassen werden. Der Kuchen, der hier verteilt wird ist einfach zu groß.

    Interessant wäre jetzt noch zu wissen, wie groß der Anteil der Derivate mit Staatsanleihen als Underlying ist. Staatsanleihen zB der südeuropäischen Länder. Und wie hoch der Anteil der Derivate ist, der gar nicht mit Sicherheiten gedeckt ist.

    Mein Fazit lautet jedenfalls, dass es auch in Zukunft weiterhin Fehltrades in Milliardenhöhe geben wird, weil der Handel so lukrativ ist, dass die Risiken billigend in Kauf genommen werden.

    Man sieht hier aber auch, auf welch porösem Fundament die ganze Finanzwirtschaft aufgestellt wird. Denn letzten Endes kann es jederzeit knallen, wie man an den vielen Unruhen in Europa sieht. Und dann sacken die Börsen schneller 20-30% nach unten ab als uns allen lieb ist.

    Gruß Matthäus

  5. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus,

    Wells Fargo zum Beispiel macht bei diesem Derivate-Zock nicht mit. Die machen statt dessen klassisches Banking, sprich Einlagen und Kredite. Warren Buffett kann als Großaktionär zufrieden sein, die Aktie läuft gut. Man braucht bei diesem Derivate-Ballon nicht unbedingt mitzumachen.

    Grüße
    Tim

  6. Matthäus Piksa

    Ich meinte Teile der Finanzwirtschaft. Ich habe das vereinfacht so aufgeschrieben, was im Grunde genauso falsch ist, wie wenn von den Medien, der Politkik, der Wirtschaft etc. die Rede ist.

    Wobei auch die Sparkassen über ihre Fonds-Tochter DEKA an dem großen Rad mitdrehen auch wenn diese Meldung schon zwei Jahre alt ist, s.hier:http://www.wiwo.de/finanzen/vorsorge/investmentfonds-wie-die-sparkassen-ihre-fondstochter-deka-baendigen/5628718.html

    Lesenswert ist dieser heute erschienene Artikel aus der Cicero gelesen: http://www.cicero.de/kapital/Finanzkrise-staatschuldenkrise-merkels-kostspieliger-irrtum/49258

    Bis dann.

  7. Ulrich

    Die Lektion, dass man selber „meist“ nicht in der Lage ist bessere Renditen zu erwitschaften, als seine besten Pferde, muss jeder wohl erst selbst lernen :).

    Mit Japan sehe ich das ähnlich, da kann ein dickes Ende kommen. Ob es da so schwarz kommt? Hoffe nicht. Zahlen wird in Japan den Schuldenberg irgendwann der japanische Bausparer ( vorausgesetzt solche gibt es in Japan ). Japan hat mit eigener Währung und einer sehr disziplinierten Mentaltiät, da doch besser Möglichkeiten eine Schulden / Produktivitätskrise zu überwinden.

  8. finanziell umdenken

    Was ich zusätzlich für bedenklich halte ist der langfristige Chart des japanischen und gesamteuropäischen Aktienmarktes.

    In Japan befinden wir uns in einem über 20 Jahre andauernden deutlichen Abwärtstrend. In Europa (egal ob Euro Stoxx oder Stoxx) geht es seit 12 Jahren insgesamt abwärts.
    Man kann von der Chart-Technik halten was man möchte, aber es lässt sich deutlich ablesen, ob der Kurs in den letzten Jahren/Jahrzehnten gestiegen oder gefallen ist. Am Aktienmarkt wird die Zukunft gespielt und da sieht es – auch der Sicht der Marktteilnehmer – für Japan und Teile Europas wirklich nicht optimistisch aus.

    Daher würde ich als Investor in diesen Regionen wirklich nur auf gut ausgewählte Aktien von Unternehmen setzen, weniger auf den Gesamtmarkt.

  9. tim schaefertim schaefer

    @ Ulrich

    ja die besten Pferde im Stall muss man einfach laufen lassen. Mehr nicht.

    Mit Blick auf Japan: Das Land altert enorm. Wie die paar „Jungen“ die Schulden jemals zurückzahlen können, ist mir ein Rätsel. Die Schulden werden auf immer weniger Schulden verteilt.

  10. tim schaefertim schaefer

    @ finanziell umdenken

    Wie wahr: Momentan herrscht in Europa Krisen-Stimmung. Wie lange der Druck noch anhält, keine Ahnung. Es ist daher ratsam, schön zu streuen. Mit heimischen Aktien und ein paar ausländischen Titeln aus dem Dollar-Raum, Asien, Indien, Südamerika etc.

    Trotz der Furcht und Probleme sind Aktien erste Wahl. Cash ist das Dümmste, was man machen kann, obwohl jetzt alle wieder in diese dummen Sicherheitsanlagen (Anleihen, Festgeld, Sparbücher…) rennen.

    Im DAX und MDAX gibt es ganz solide Firmen. Insgesamt hat sich der DAX seit der Gründung gut entwickelt. Auf lange Sicht bin ich für das deutsche Börsenbarometer positiv gestimmt. Die Weltbevölkerung wächst, der Fortschritt etc.

    Ich finde, dass der DAX solide lief:

    comdirect DAX Langfristchart

  11. finanziell umdenken

    Hallo Tim,

    das sehe ich ähnlich. Jetzt wegen der aktuellen Kursrückgänge alles nur in vermeintlich „sichere“ Anlageklassen zu stecken, finde ich nicht zielführend.

    In Deutschland gibt es derzeit noch eine Menge Unternehmen, die vielversprechend sind. Für die gesamte Eurozone wird es schon schwieriger. Dort sollte man m.E. nach seine Aktien-Auswahl genau selektieren.

    Eine kleine Umfrage wie man in der Eurozone derzeit investieren sollte, gibt es unter:
    Würden Sie aktuell neue Investments in der Eurozone eingehen?

    VG aus Berlin über den großen Teich
    Lars

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