Anlegen ist eine Lebensaufgabe: Vorsicht vor Phantasiewelten


New York, 16. August 2012

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Ein Bekannter arbeitete praktisch sein Leben lang für einen großen US-Konzern. Er schuftete wie ein Verrückter. Nahezu jedes Wochenende saß er am Schreibtisch, er reiste viel. Die Firma war für ihn Ein und Alles. Praktisch jeder kennt dieses traditionsreiche Unternehmen, aber darum geht es mir nicht. Der Bekannte ist 57 Jahre alt. Er erhielt bei seinem frühzeitigen Ausscheiden auf eigenen Wunsch seine Betriebsrente frühzeitig ausgezahlt, das ist ein Batzen Geld. Über eine Million Dollar.
Kürzlich traf ich ihn. Er war begeistert. Ja, er habe eine Handvoll Aktien gekauft. Eine große Aktienposition war darunter. Für mehrere hunderttausend Dollar hat er sich bei der Bank of America eingedeckt. Nachdem die Aktie 1,50 oder 2,00 Dollar über seinen Einstiegskurs marschiert war, verkaufte er die Position und strich den Gewinn ein. Alle sind nun glücklich. Seine Gattin ist begeistert. Sie sagte mir: „Paul versteht was von der Börse. Er ist verdammt gut. Ich vertraue ihm.“
Sorry, aber ich halte das für eine reine Selbstüberschätzung. Was ein Mal gut ging, muss nicht immer gut gehen. Viele Menschen leben in einer Phantasiewelt. Der Mann fängt nun mit dem Trading an. Kein Mensch weiß irgend etwas während des Tradings – außer eben, dass die Kurse schwanken. Im Endeffekt ist das Trading gefährlich für diesen Neu-Millionär. Er setzt seine Lebensersparnisse aufs Spiel.
Ich habe versucht, ihn zu warnen. Es ist aber schwierig Menschen von ihrer festen Überzeugung abzubringen. Es ist nahezu unmöglich.
Für ihn wäre es am besten, in grundsolide Aktien zu investieren und auf „Buy and Hold“ zu setzen. Natürlich ist eine ausreichende Streuung ratsam, eine attraktive Dividende und eben viel Geduld.
Bekannte sagen mir immer wieder: „Ja, wenn ich wüsste, wie die Börse laufen würde, dann hätte ich schon längst investiert.“ Klar, das ist das Kernproblem. Keiner weiß auf kurze Sicht, was mit dem DAX oder dem Dow-Jones-Index passiert. Aber das macht ja die Sache so spannend. Und langfristig wissen wir alle: Die Börse läuft nach oben. Das Wertpapier ist eines der attraktivsten Anlageformen überhaupt. Nach Abzug der Inflation können Sie eine Durchschnittsrendite von sieben oder acht Prozent einkalkulieren.
Grundsätzlich gilt: Investieren ist eine Lebensaufgabe. Je jünger Sie sind, desto besser. Fangen Sie am besten sofort damit an. Warten Sie nicht ewig ab, denn Sie vergeuden unnötig Zeit. Den idealen Einstiegszeitpunkt findet ohnehin niemand. Und vergessen Sie nicht: Je länger Sie warten, desto mehr Dividenden gehen Ihnen durch die Lappen. Ca. 40 Prozent der Gesamtperformance entfällt auf die Dividendenzahlungen. Das vergessen die Anleger gerne. Das mag daran liegen, dass die jährliche Ausschüttung auf den ersten Blick mickrig erscheint, was nicht zutreffend ist. Hinzu kommt: Die meisten Betrugsfälle sind selten fleißige Dividendenzahler.
Man muss lernen, seine eigene Angst zu überwältigen. Steigt eine Aktie um 1,00 Euro, ist es noch lange kein Grund, auszusteigen. Sie sollten sich langfristig über die Kurssteigerungen freuen können.
Als Anfänger rate ich, mit offenen Augen durch die Straßen zu laufen. Beim Einkaufsbummel sollten Sie beobachten, was die Konsumenten alles kaufen – das war die Dauerempfehlung des legendären Fondsmanagers Peter Lynch. Der Star-Investor machte seinen Fans Mut, selbst zu investieren.
Was die Menschen begeistert konsumieren, dürfte an der Börse gut laufen. Denken Sie an Starbucks oder McDonalds. Starke Marken waren schon immer ein Erfolgsgarant an der Börse (Ausnahmen gibt es selbstverständlich).
Kollege Sven Parplies von der „Euro am Sonntag“ hat einen herrlichen Artikel über starke Markenanbieter geschrieben.
Coca-Cola, Nestle, Kraft oder Heinz sind Dauerläufer an der Börse. Da kann man mit Geduld kaum etwas falsch machen. Diese Firmen gibt es seit über 100 Jahren. Allein die Dividenden dieser Ikonen sind schmackhaft. Drei, vier oder fünf Prozent sind ein Mehrwert fürs Depot.
Bevor Sie einsteigen, sollten Sie sich umfassend informieren. Von der Idee, möglichst billig Dauerkrisenfälle abzustauben, rate ich ab. Denn wir wissen nicht, ob es dem Management gelingt, den Turnaround einzuläuten.
Kommt dagegen ein stabiler Großkonzern in eine Krise, ich erinnere an den Tradingverlust bei JP Morgan Chase, kann das natürlich interessant werden. Beginnt der Kurs abzustürzen, kann es sich um ein echtes Value-Schnäppchen handeln. Es muss sich aber um einen einmaligen Krisenfall handeln und nicht um ein Dauerproblem. Wer weiß schon, ob es dem Drucker-Riesen Hewlett-Packard oder der angeschlagenen Elektronikkette Best Buy gelingen wird, den schwachen Absatz anzukurbeln.
Fazit: Hauptbestandteil Ihres Portfolios sollten starke Konzerne sein, die Ihnen Nachts nicht den Schlaf rauben. Wildes Trading ist ein Glücksspiel. Und kein solides Instrument zum Vermögensaufbau.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Anlegen ist eine Lebensaufgabe: Vorsicht vor Phantasiewelten

  1. Jack

    Deinem Bekannten wird es wahrscheinlich so gehen wie den meisten Lotto Millionären!
    Diese sind einfach mit der großen Summe überfordert und sind das Geld schnell wieder los

    Ich vergleiche das investieren in Aktien gerne mit Monopoly!
    Ein Buy and Hold Investor kauf sich eine solide Straße (Teil eines Unternehmens) und profitiert von den Mitspielern (Kunden der Unternehmen) die auf die Straße kommen.
    Durch das frische Geld werden neue Straßen/Häuser/Hotels (neue Aktien) gekauft.

    Die Regeln des Geldes werden in Monopoly sehr gut veranschaulicht (Ich liebe das Spiel :D)

    Die meisten Menschen gehen ihr Leben lang nur über LOS (Gehalt) und geben ihr Geld nur für SchnickSchnack und miserable investments aus und wundern sich warum sie am ende zu den verlieren gehören!

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Jack,

    vollkommen richtig. Die Börse wird von breiten Bevölkerungsschichten einfach falsch verstanden.

    Sie meinen, man müsste dort zocken, um Rendite erzielen zu können.

    Die Aktie wird nicht mehr als Teil eines Unternehmens verstanden, sondern eher wie ein Lottoschein betrachtet. Diese Zockermentalität ist ein Traum, der nicht der Realität entspricht.

    Die Börse, Broker und Banken tragen selbst zu diesem Missverständnis bei. Wenn ich mir die Werbung und die vielen künstlichen Finanzprodukte anschaue, die tagtäglich verkloppt werden, denke ich: Oje, was für ein Zeug.

    VG
    Tim

  3. Turing

    Ja, die Erfahrung habe ich schon gemacht. Viele Menschen glauben, dass man an der Börse nur Geld verdient, wenn man billig kauft und teuer verkauft. Dieses Missverständnis wird von Banken und Sparkassen befördert und nicht aufgehoben. Ich kann mich noch gut an das Börsenspiel in der Schule erinnern, als ein Sparkassenmann in die Klasse kam und loslegte. Es ging ausschließlich um die Aktienkurse, über Dividenden gar nicht. Fürs Spiel selbst waren Dividenden uninteressant, weil der Zeitraum zu kurz war. Aber er hatte ja genug Redezeit, um das Konzept Aktie zu erklären. Aber die Dividende hat er nicht erwähnt.

    Was den Rentner im Artikel angeht: Ich sehe für ihn ziemlich schwarz. Sowas ist ein klassischer Fall von finanzieller Inkompetenz und ich bin wirklich an Lottomillionäre und Ex-Profisportler erinnert.

    @Tim
    Was hälst du eigentlich von der PSA-Aktien? Der Kurs ist zwischen 6 und 7 €, der Buchwert aber über 60 €. PSA macht meiner Meinung nach auch gute Autos und gerade der der Citroen DS5 könnte ein kommerzieller Erfolg werden.

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