Anlagestrategie: Je langweiliger, desto besser


New York, 17. Dezember 2011

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Heute dreht sich mein Blog um ein recht kompliziertes Thema. Es geht um das „Beta“ in einem Aktiendepot. Ich versuche es, Ihnen so einfach wie möglich zu schildern. Wir Anleger neigen dazu, uns für heiße Themen zu interessieren. Internetfirmen wie Amazon, Groupon oder Google stehen auf unserer Kaufliste. Wir lieben Tech-Firmen wie Apple. Wir begeistern uns für alles Neue. Dabei ist das gar nicht ratsam.
Aus Sicht eines Value-Anlegers sind solche Highflyer Gift. Die Bewertungen sind in der Regel teuer. Das Risiko für Rückschläge ist enorm. Was die Masse liebt, kostet entsprechend viel. Die Volatilität solcher Papiere ist hoch. Im Fachchinesisch wird diese Volatilität als „Betafaktor“ bezeichnet. Das Beta gibt an, wie sich eine Aktie im Vergleich zum Index verhält. Ein Beta über 1,0 zeigt, dass sich die Aktie aggressiver als der Index verhält. Ein Beta in Höhe von exakt 1,0 sagt aus, dass sich die Aktie im Gleichschritt beispielsweise mit dem DAX bewegt. Liegt hingegen das Beta unterhalb von 1,0, bedeutet dies eine geringere Volatilität. Und damit ein geringeres Risiko.
Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Aktien mit einem niedrigen Beta auf lange Sicht besser abschneiden, als Aktien mit einem hohen Beta. Typischerweise haben „langweilige Unternehmen“ ein niedriges Beta. Etwa Versorger, Supermärkte oder Hersteller von Reinigungs- und Lebensmitteln. In wirtschaftlich normalen Zeiten zählen Versicherer oder Wohnungsgesellschaften ebenfalls zu dieser Kategorie. Kurzum, ein niedriges Beta finden Sie bei soliden Traditionskonzernen vor, die über ein sicheres Kerngeschäft verfügen und eine schöne Dividende auskehren. Solche Aktien mögen Value-Investoren. Werfen Sie nur in das Portfolio von Warren Buffett einen Blick. Dort sind überwiegend langweilige Unternehmen versammelt.
Um Ihnen einen besseren Eindruck zu geben, was typische Aktien mit einem hohen und mit einem niedrigen Beta sind, schauen Sie sich diese aktuelle Liste aus dem SmartMoney Magazin an. Leider beweihräuchern die Autoren hier die hohen Beta-Aktien, weil diese angeblich niedrigere KGVs hätten. Ich stimme dem nicht zu, Wissenschaftler folgen dieser Theorie ebenfalls nicht. Ich wollte Ihnen gleichwohl die konträre Meinung des Magazins nicht vorenthalten.
Blicken Sie nun in diese Studie (PDF). Auf Seite 2 oben ist der Vergleich von Aktien mit hohem und niedrigen Beta zu sehen. Auf der zweiten Grafik („Exhibit 2: Beta Puzzle – Global“) sind internationale Aktien im Vergleicht dargestellt, hier fällt der Unterschied noch größer aus. Am besten schneiden die niedrigen Beta-Aktien (rote Linie) seit 1969 ab. Sie können diesen Chart auch seit Anfang der 1920er Jahre nehmen, das Resultat ist das gleiche. Der promovierte Mathematiker David Cowan, der diese Ausarbeitung erstellt hat, führt das darauf zurück, dass eine hohe Volatilität einen höheren Preis hat. Es handelt sich um eine Art Optionsschein auf den Börsenmarkt. Ein erhöhtes Risiko bringt Ihnen aber nicht mehr Rendite ein, sondern das Gegenteil ist der Fall.
Sie können sich vielleicht noch an den Dotcom-Boom vor 12 Jahren erinnern. Vor der Jahrtausendwende gingen Aktienkurse von Tech-Firmen durch die Decke. Der Neue Markt und die Nasdaq befanden sich auf einem Rekordniveau, das so schnell nicht mehr erreicht wird. Irgendwann folgte im März 2000 dann blitzschnell der Absturz. Nur wenige Anleger stiegen zur rechten Zeit aus. Die meisten Senkrechtstarter sind heute nichts mehr wert. Was lernen wir daraus: Ein wildes Kursfeuerwerk hat immer seine Schattenseiten. Irgendwann folgt der Kater.
Mein Fazit: Behalten Sie das Beta möglichst niedrig in ihrem Portfolio. Ein hohes Beta kostet nur unnötig Geld. Es bringt nichts. Kaufen Sie langweilige Firmen mit einem stabilen Basisgeschäft. Dann kann nichts anbrennen. Meiden Sie Zocker-Aktien.
Das Foto oben machte ich kürzlich auf dem Parkett der New York Stock Exchange nach Börsenschluss. Es herrscht Stille, keine Hektik. So sollte auch Ihr Portfolio aussehen. Dann können Sie nachts ruhig schlafen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Anlagestrategie: Je langweiliger, desto besser

  1. Timo

    Gilt das Fazit eigentlich allgemein oder ist die momentane Situation mit eingerechnet? Bezüglich einer allgemeinen instabilität der Märkte/Politik

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Timo,
    dieses Fazit gilt immer. Es zeigt sich, dass Aktien mit einem niedrigen Beta langfristig besser abschneiden als Zocker-Aktien (mit hohem Beta). Siehe Studie oben im Text (PDF) auf Seite 2.
    VG Tim

  3. Stefan

    @Timo:
    Ich würde aber auch bei langweiligen Aktien immer auf die Bewertung schauen. Aber in der Vergangenheit war es eben tendenziell so, dass langweilige Aktien niedriger bewertet waren, also die Zukunftsaussichten pessimistischer beurteilt wurden als bei den aktuellen Lieblingen. Demzufolge haben sie langfristig tendenziell besser abgeschnitten.

    Und es würde mich sehr wundern, wenn sich das in Zukunft ändern würde. Das scheint einfach in der Natur des Menschen zu liegen 😉

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