An der Börse wimmelt es von Verrückten


New York, 1. Dezember 2011

Mensch war das ein Börsentag! In New York schien die Sonne. Es war ein milder Tag. Die Wall-Street-Protestler hat die Polizei vor ein paar Tagen aus dem Finanzviertel vertrieben. Dann geschah ein kleines Wunder: Am Mittwoch schoss der Dow Jones-Index auf über 12.045 Punkte. Das Plus 4,2 Prozent. Kein Mensch hatte einen solchen Freudensprung für möglich gehalten. Tagelang war der Dow Jones immer tiefer gefallen. Ein Ende des Sturzflugs schien nicht in Sicht. Nun mehren sich die positiven Meldungen. Hoffnung macht sich breit. Die US-Wirtschaft erholt sich. An diesem gewaltigen Kursplus zeigt sich mal wieder: Es lohnt sich, ein Optimist zu bleiben. Gerade dann, wenn alle Trübsal blasen.
Der Markt wird von Emotionen bestimmt. Anleger lassen sich von ihren Gefühlen treiben. Daher geht die Börse in Extremform rauf und runter. Am besten schneiden jene ab, die das Gegenteil der Horde in diesen Extrem-Phasen machen. Sind alle besorgt und verkaufen ihre Aktien, zahlt es sich aus, einzusteigen. Aber vor den Freunden und Verwandten steht man in einem solchen Fall wie ein Idiot da. Zumal das exakte Timing nicht möglich ist. Sie nehmen also Ihren ganzen Mut zusammen, steigen ein und später fällt Ihre Position um weitere 25 Prozent. Das passiert immer wieder. Auch einem Warren Buffett. Das sollten Sie dann emotional durchstehen können. Sonst sind Sie kein waschechter Value Investor. Ein guter Value-Jäger muss höllische Schmerzen ertragen können.
Ein Bekannter hatte mich vor ein paar Wochen um einen Aktientipp gebeten. Er hatte 5.000 Dollar übrig, er wollte unbedingt Aktien kaufen. Er war hellauf begeistert von meiner Idee, jetzt einzusteigen. Normalerweise gebe ich keine Tipps an Freunde. Ich ließ mich dann aber doch darauf ein. Ich schlug ihm fünf Blue Chips vor. Alle mit niedrigen KGVs sowie hohen Dividendenrenditen. Er entschied sich schließlich für ConocoPhillips. Unter den drei führenden Öl-Riesen (Exxon, Chevron, Conoco) weist Conoco die attraktivsten Kennzahlen aus: KGV unter zehn, die Dividendenrendite flotte 3,9 Prozent. Vor einer Woche teilte mir mein Bekannter mit, dass seine Conoco-Aktie jetzt viel niedriger notiert. Zwar ärgerte ihn das. Aber er meinte: Er ruft einfach nicht mehr die Kurse ab. Ihm ist es mittlerweile egal, wo der Kurs steht. Ich finde das super. Erstaunlich daran war, dass es seine erste Aktie war. Er hatte gerade sein Depot eröffnet, sich nie zuvor mit der Börse beschäftigt. Wer hohe Qualität einkauft, braucht sich im Grunde genommen keine allzu großen Sorgen um seine Position zu machen.
Die Börsenmärkte sind nun einmal nicht effizient. Die Gefühle der Menschen spielen nämlich verrückt, die Emotionen bestimmen die Kurse. Und wenn die Leute glauben, die Welt geht unter und es gibt nie mehr eine Erholung, schlägt die Stunde der Value-Jäger. Eigentlich müssen Sie als Value-Anleger glauben, dass der Rest der Welt verrückt ist, nur Sie sind smart!
Kein Mensch kann genau sagen, was kurzfristig am Aktienmarkt passieren wird. Wenn Ihnen jemand erzählen sollte, er wüsste genau, wie sich kurzfristig ein Kurs verhalten wird, dann sollten Sie extrem skeptisch sein. Das ist eine „Blick-in-die-Glaskugel-Mentalität“. Wenn jemand in einem solchen Fall in der Tat richtig liegen sollte, führe ich das auf einen Zufall zurück. Was an der Börse nicht zählt, ist: Wenn jemand drei oder vier Treffer landet. Entscheidend ist, dass jemand über einen langen Zeitraum, sprich Jahrzehnte, besser als der Markt abschneidet. Und das gelingt nur wenigen. Viele Menschen werden schnell berühmt für ein paar Zufallstreffer. Die Medien sind leider viel zu unkritisch. Da werden Menschen für Zufallstreffer medial beweihräuchert. Fondsmanager, Börsenspielteilnehmer oder wer auch immer. Wir Journalisten sollten uns viel häufiger fragen, ob es sich nicht um einen Zufall handeln könnte.
Conclusio: Wir müssen unsere Gedanken besser steuern. Wir sollten uns von der Herde gedanklich entfernen. Wer hätte sich im Jahr 2007 vorstellen können, dass die Commerzbank-Aktie von seinerzeit knapp 30 Euro auf 1,11 Euro im Tief stürzen wird? Wer hätte es damals für möglich gehalten, dass die Citigroup auf 1,00 Dollar abschmiert und vom Staat vor der Pleite bewahrt werden muss? Ich hätte das niemals für möglich gehalten. Ich hätte jeden mit einem solchen Kursziel für verrückt erklärt. Da sind wir wieder bei den Verrückten! Albert Einstein sagte mal: „Am I or are the others crazy?“ – Bin ich oder sind die anderen verrückt?
Weil Unvorhersehbares (Stichwort: Black Swan) immer wieder passieren kann, ist eine angemessene Streuung des Depots ratsam. Man spricht von Diversifikation. Auch sollten Sie nicht auf Pump Aktien kaufen. Wenn Sie nur Eigenkapital einsetzen, können Sie niemals pleite gehen. Ich wünsche Ihnen gute Geschäfte an der Börse.


tim schaefer (Author)

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