Aktien: Qualität zahlt sich aus


New York, 16. März 2012

Immer wieder wollen Anleger möglichst extrem billige Aktien aufspüren. Sie suchen am liebsten nach Titeln, die unterhalb des Buchwerts notieren. Oder sie suchen nach Wertpapieren mit einem einstelligen KGV. Das ist meiner Meinung nach der falsche Ansatz. Es sollte vielmehr darum gehen, erstklassige Qualitätswerte zu identifizieren. Und diese hochsoliden Konzerne haben meist ein sehr viel höheres KGV und Kurs-Buch-Verhältnis (KBV) als die Masse der Titel.
Wenn ein Konzern an der Börse nicht einmal den reinen Buchwert zugebilligt bekommt, dann hat das einen handfesten Grund. Sie können fest davon ausgehen, dass bei einem solch ausgebombten Unternehmen gravierende Probleme vorliegen. Seien Sie also nicht zu geizig mit Blick auf das KGV oder das KBV.
An der Wall Street gibt es diese endlosen Dauerläufer: Aktien, die von einem Hoch zum nächsten jagen. Etwa die Öko-Supermarkt-Kette Whole Foods Market. Der Einzelhändler hat ein KGV von 31 und ein KBV von 4,8. Sie müssen also den 31-fachen Gewinn und das 4,8-fache des Buchwerts an der Börse bezahlen. Mensch wie teuer, mögen Sie jetzt denken. Dafür hat diese Firma eine verdammt gute Perspektive.
Oder nehmen Sie die amerikanische Imbiss-Kette Chipotle Mexican Grill. Die treffen genau den Geschmack der Leute. Neue Filialen eröffnen überall in New York. Die Mahlzeiten sind lecker, gesund und günstig. Ich hole mir oft die Burritos. Die Aktie ist auf den ersten Blick teuer. Das KGV beträgt fast 38.
Oder nehmen Sie Amazon. Das KGV und KBV beträgt bei dem Online-Händler 70 beziehungsweise 10. Anders ausgedrückt: Sie müssen den 10-fachen Buchwert berappen. Auch das mag ambitioniert erscheinen. Dafür glänzt die geschäftliche Entwicklung. Und die Trends stimmen. Whole Foods, Chipotle und Amazon waren immer teure Aktien, das KGV war stets recht hoch.
Den führenden Buchhändler Barnes & Noble bekommen Sie dagegen zum reinen Buchwert (KBV =1,0) nachgeworfen. Dafür sind die langfristigen Perspektiven nicht sonderlich rosig. Ich frage Sie, woran Sie langfristig mehr Freude haben werden? An einem Buchverkäufer, der 700 Filialen betreibt, oder an einem Online-Händler? Die Antwort dürfte einfach sein.
Ich dachte immer, dass es empfehlenswert ist, so wenig wie nur möglich für eine Firma zu bezahlen. Es stellte sich jedoch als falsche Strategie heraus. Wenn ein Wertpapier extrem billig an der Börse taxiert wird, sind die Perspektiven entsprechend katastrophal. So kann es sein, dass die Umsätze wegbrechen, die Margen sinken, die Verschuldung explodiert oder es gravierende Qualitätsmängel gibt.
Wenn Sie mal schauen, was Staranleger Warren Buffett kauft, dann sind seine Firmen gar nicht billig. Buffetts Lieblinge sind oftmals gegenüber der Konkurrenz teurer, dafür sind Marktstellung (Marktanteil) und Marge saftiger. Fazit: Sammeln Sie lieber Qualität statt Fallobst ein.
PS: Die genannten Unternehmen dienen hier nur als Anschauungsbeispiel. Es handelt sich keineswegs um eine Aktienempfehlung.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Aktien: Qualität zahlt sich aus

  1. Stefan

    Hallo Tim,

    ich kann dir leider nur teilweise zustimmen.
    Ich mag zwar ebenfalls Qualitätsaktien, aber ich halte es für riskant, sehr hohe Preise für solche zu zahlen.
    Beispiel Amazon: klar ist das ein super Unternehmen mit vermutlich guten Zukunftsaussichten. Aber ein KGV von 70 bedeutet, dass ich auf mein eingesetztes Kapital rund 1,4% Zinsen erhalte. Um eine akzeptable Rendite zu erreichen, bin ich also darauf angewiesen, dass Amazon seinen Gewinn weiterhin Jahr für Jahr deutlich erhöht. Ich mag nicht beurteilen, ob das bei Amazon realistisch ist, aber ich würde davon abraten, die Zukunft zu optimistisch zu sehen. Denn auch Top-Unternehmen haben mal Probleme, können nicht ewig überdurchschnittlich stark wachsen und verlieren selten sogar mal ihren Wettbewerbsvorteil, was den Kurs natürlich ins bodenlose fallen lässt.

    Auch deine Abneigung gegen nicht-top-Unternehmen teile ich nicht vollständig. Es gibt eben auch viele Unternehmen, die mittelmäßige Margen und Kapitalrenditen haben, aber nichts desto trotz eine relativ stabile Marktstellung haben. Wenn ein solches Unternehmen zu einem Spottpreis verkauft wird, und das kommt gelegentlich vor, würde ich von einem Kauf nicht abraten. Oft würde ich mich sogar besser fühlen, als mit einem Top-Unternehmen mit sehr hoher Bewertung.

    Aber ich kaufe selbst trotzdem sehr gerne Qualitätsaktien, aus dem einfachen Grund, dass das Geschäftsmodell und die Zukunftsaussichten von diesen oft relativ gut prognostizierbar sind. Auf den Preis schauen sollte man denke ich trotzdem. Kauft man z.B. ein Top-Unternehmen zu einem KGV von 15, so ergibt das eine Einstandsrendite von fast 7%. Das ist nicht phänomenal, aber garnicht schlecht. Wachstum erhöht die eigenen Rendite, aber man ist nicht darauf angewiesen, um akzeptabel abzuschneiden.

    Mein Fazit wäre also: Qualität und Bewertung eines Unternehmens ins Verhältnis setzen. Geld verdienen kann man sowohl mit Pleitekandidaten als auch mit Qualitätsaktien, wenn der Preis stimmt. Qualitätsaktien sind aber oft besser prognostizierbar und lassen einen ruhiger schlafen. Auf den Preis sollte man aber trotzdem achten, denn wer zu viel bezahlt, erzielt schlechte Renditen. Auch bei Qualitätsaktien.

    Viele Grüße,

    Stefan

  2. tim schaefertim schaefer

    Hallo Stefan,

    sehr guter Kommentar. Danke!

    Ich wollte mit diesem Beitrag folgendes klar machen: Es hat einen Grund, wenn ein Papier unterhalb des Eigenkapitals notiert. Es gibt nämlich diese „Value Jäger“, die meinen, sie müssten nur diese extrem „billigen“ Firmen kaufen.

    Wer eine solche Strategie verfolgt, der kauft sich viele Probleme ins Depot.

    Um das Problem klarzumachen, habe ich 2 Extrem-Beispiele gewählt: Amazon und Barnes & Noble. Es ging mir darum aufzuzeigen, warum gut geführte Unternehmen teurer sind als solche mit schlechten Perspektiven. Das Preisschild auf der Aktie hat durchaus etwas mit der Qualität zu tun.

    Man könnte es vergleichen mit einer Wohnung: Die eine liegt in bester Innenstadtlage, ist super gut renoviert, groß, schön. Die andere Wohnung liegt am Stadtrand, ist nicht saniert, abgewohnt, klein. Wo kriege ich langfristig mehr Mieteinnahmen? Welche Wohnung hat die besseren Perspektiven? Klar gibt es zwischen beiden Appartements einen Preisunterschied, aber das hat logischerweise einen handfesten Grund.

  3. Stefan M

    Hallo Tim,

    ich selbst komme mit der Zeit auch immer mehr zu der Ansicht, dass es besser ist Qualitätsunternehmen zu kaufen, aber ich würde trotzdem niemals solch einen Preis dafür bezahlen. Besonders amazon halte ich für extrem riskant, da sie mit ihren winzigen Margen kaum Gewinne im Verhältnis zum Umsatz generieren.

    Für mich zeichnet sich Qualität auch dadurch aus, dass man die zukünftige Gewinnentwicklung gut prognostiezieren kann und da ist mir ein Unternehmen wie Walmart, das seine Gewinne und Umsätze zwar nur um ca. 10 % pro Jahr steigert, dies aber unglaublich konstant seit über zehn Jahre macht, lieber als Qualitätsunternehmen.

    Solche Unternehmen kommen bei mir mit dem Preis zu dem ich sie haben möchte in eine Excelliste um sie zu beobachten und wenn es dann mal gute Qualität zu einem günstigen KGV gibt dann Schlag ich zu. Allerdings muss ich zugeben, dass dieses warten auf den perfekten Pitch in der Praxis sehr schwer ist, wenn man Geld übrig hat und Unternehmen gefunden hat, die man gerne kaufen würde. So schön wie ich mir das in der Theorie ausmale gelingt es mir noch nicht in der Praxis. Aber ich arbeite daran 🙂 Tesco ist in meinen Augen zurzeit ein Qualitätsunternehmen zu einem super Preis. Außerdem hat Warren Buffett seinen Bestand sofort aufgestockt, als der Kurs vor etwa 2 Monaten aufgrund leichter Enttäuschungen stark eingebrochen ist.

    Es gibt aber auch ab und zu gute Qualität zu guten Preisen ohne dass irgend eine Nachricht daran Schuld ist. Entweder weil der Gesamtmarkt einbricht oder weil ein Unternehmen einfach gerade nicht beachtet wird.

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